Thriller, Die Wölfe kommen, Jérémy Fel, dtv

Interview mit Jérémy Fel über ›Die Wölfe kommen‹

›Die Wölfe kommen‹ ist vom Genre her schwer in Schubladen zu stecken. Das Buch changiert zwischen Literatur und Spannung, hat auch zahlreiche filmisch anmutende Sequenzen und einzelne Kapitel haben den Charakter einer Novelle. Welchem Genre würden Sie Ihr Debüt zuordnen?

Es fällt mir tatsächlich schwer, ein konkretes Genre zu definieren. Ich habe mir, als ich angefangen habe zu schreiben, nicht vorgenommen, welchem Genre das Buch angehören soll. Man hat mir schon gesagt, es handle sich um einen  »Roman zwischen den Genres«, und diese Idee gefällt mir sehr gut. Selbstverständlich wurde der Roman von verschiedenen Genres beeinflusst, wie dem »Roman noir«, dem fantastischen Roman, Horror, psychologisches Drama … mir war wichtig, mich beim Schreiben nicht auf ein einzelnes Genre zu beschränken. Und ja, meine Sprache wird oft als »filmisch« bezeichnet. Das kommt daher, dass ich jede Szene zuerst visualisiere, bevor ich sie niederschreibe. Mein Ziel war, diese Bilder so genau wie möglich in Sprache zu übersetzen. Es stimmt, ›Die Wölfe kommen‹ bewegt sich genau zwischen dem klassischen Roman und einer Novellensammlung. Ich hatte von Anfang an Lust, ein hybrides, vielschichtiges Werk zu schreiben, mit einer dramatischen Steigerung und einer durchgängigen Spannung …

Wie kamen Sie als französischer Autor dazu, die Geschichte Ihres Buches in den USA spielen zu lassen?

Das werde ich häufig gefragt. Ich habe noch nie überhaupt einen Fuß in die USA gesetzt! Tatsächlich erschien es mir ganz natürlich, dass ein Teil des Buches in den USA spielen muss. Seit meiner Jugend bin ich vom »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« fasziniert. Das ist ein großartiger Rahmen für ein fiktives Werk. Ich denke, so europäisch ich auch bin, steckt doch ein bisschen ein Amerikaner in mir, da ich seit meiner Kindheit von amerikanischen Romanen, Filmen und Serien geprägt bin. Ich wollte den amerikanischen Roman natürlich nicht nachmachen, das wäre zum Scheitern verurteilt. Natürlich habe ich einen französischen Roman geschrieben, der zum Teil in den USA spielt. Eine Figur wie Walter hätte sich nirgendwo sonst als in den USA so gut entwickeln können. Er ist ein typisches amerikanisches Monster, eine Art »perverser Self Made Men«, auch wenn er im Buch seine spezielle Veranlagung in Frankreich entwickelt. 

Die Figuren in ›Die Wölfe kommen‹ sind mit schlimmster Gewalt konfrontiert oder agieren auf grausamste Art und Weise. Wieso haben Sie sich dafür entschieden, ein Buch über das Böse zu schreiben? Was für eine Art Faszination übt es auf Sie aus?

Ich gestehe, generell von der Frage nach dem Bösen fasziniert zu sein. Ich wollte jedoch nie ein »Buch über das Böse« schreiben. Die Themen haben sich beim Schreiben von selbst entwickelt. Ich liebe ambivalente, gequälte Figuren,  die sich zwischen Grenzen bewegen. Joyce Carol Oates hat einmal gesagt, einer ihrer Motoren zu Schreiben sei, »die zivilisierte Seite des Menschen mit seiner wilden Seite zu konfrontieren«. Das trifft es genau. Selbst den schlimmsten Monstern bleibt ihr Menschsein. Wir sind von ihnen nicht so weit entfernt, wie wir das vielleicht möchten.  Ich möchte den Leser dazu bringen, in der Gedankenwelt meiner Figuren zu versinken und zu fühlen, was sie fühlen, ohne darüber zu urteilen. In einem Literatursalon hat mir eine Leserin erzählt, wie sehr sie dieses Buch verstört hat, da ich sie dazu gezwungen habe, Dinge zu fühlen, die sie nicht fühlen wollte. Sie hätte mir keine größere Freude bereiten können!

Welche Schriftsteller lesen Sie gerne und was sind die Inspirationsquellen für Ihr Schreiben?

Ein paar Namen querbeet: Dostojewskij, Céline, Nabokov, Joyce Carol Oates, Stephen King, Lautréamont, Michael Cunningham, John Irving, Cormac Mac Carthy, James Ellroy, Clive Barker, William Vollmann und viele mehr … Oates und King inspirieren mich besonders stark. Joyce Carol Oates mit ihrem Bezug zur Gewalt und ihre Art und Weise, wie sie die Familie gnadenlos seziert und alle ihr zugrundeliegenden Abscheulichkeiten offenlegt. Stephen King mit seinem Vermögen, eine besondere Atmosphäre herzustellen und mit unseren tiefsten Ängsten zu spielen …

Schreiben Sie weiter?

Selbstverständlich! Ich bin gerade dabei, meinen nächsten Roman zu beenden, der 2018 bei meinem französischen Verlag »Rivages« erscheinen wird. Er spielt fast ausschließlich in Kansas, am selben Ort wo ›Die Wölfe kommen‹ beginnt, aber 35 Jahre später. Ein ähnlich monströser Auswuchs wie der erste Roman! Und ich beginne, über den dritten Roman nachzudenken, der ganz anders sein wird. Er erstreckt sich über sechs Jahrhunderte in mehreren europäischen Ländern und wird eine Mischung aus historischem Roman, Dämonologie und Science Fiction sein. 
 
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