»Die Götter, sofern es sie gibt, sind bedeutungslos.«

John Gray über ›Augustus‹


(…) Augustus gibt über sich selbst nur im dritten und letzten Teil des Romans Auskunft. Bis dahin hat ihn der Leser aus der Perspektive anderer betrachtet, insbesondere der seiner Tochter Julia, die er trotz seiner Liebe zu ihr ins Exil geschickt hatte. Zu Lebzeiten galt er als Mensch, dessen Gedanken und Handlungsmotive nur schwer durchschaubar waren. Nicht von ungefähr erscheint auf seinem offiziellen Siegel die Sphinx. Vielen galt er als berechnender, manipulativer Mensch, der es verstand, sich wie ein Chamäleon anzupassen. Andere hielten ihn für impulsiv und launisch, sogar für einen waghalsigen Spieler. Es stimmt, dass er eine Leidenschaft für Würfel- und Glücksspiele hatte.

Williams versetzt uns im letzten Teil des Buches mit Hilfe von fiktiven Briefen in den Kopf des Kaisers, wir erkennen, wie Augustus von anderen gesehen werden wollte – und wie er sich selbst sah. Es ist kein Zufall, dass diese Briefe von dem greisen Kaiser stammen. Augustus versucht in ihnen, seinen Taten und Errungenschaften, ja der menschlichen Existenz schlechthin, Sinn zu geben. Wir gewinnen einen Eindruck von seinen Handlungsmöglichkeiten und -beschränkungen, die sich von heutigen Vorstellungen deutlich unterscheiden (für mich eine lehrreiche und erfrischende Erkenntnis).
John Williams' Notizen - zur Verfügung gestellt von Charles J. Shields


In einem langen Brief an Nikolaos von Damaskus, der nach dem Tod des Kaisers eine Biographie über ihn verfasste, schreibt Augustus: »Während man älter wird und die Welt an Bedeutung verliert, wundert man sich immer häufiger über die Kräfte, die einen durch die Jahre vorantrieben. Die Götter kümmert das armselige Geschöpf jedenfalls nicht, das sich seinem Schicksal entgegenmüht … In meiner Rolle als Priester habe ich das Gedärm und die Leber von aberhundert Tieren gedeutet und mit Hilfe der Auguren den Sinn gefunden oder erfunden, der meinen Absichten gelegen kam, woraus ich schloss, dass die Götter, sofern es sie gibt, bedeutungslos sind.« Es fehlt die Vorstellung von einer erlösenden, den Ereignissen innewohnenden Kraft, wie sie das Christentum predigt und wie sie später laizistische Denker bemühten, wenn sie Geschichte als eine Geschichte menschlichen Fortschritts interpretierten. Augustus begreift Geschichte zyklisch, Zivilisationen entstehen und gehen unter. Doch lässt ihn das nicht verzweifeln: »Rom wird nicht ewig bestehen, aber darauf kommt es nicht an. Rom wird untergehen, aber darauf kommt es nicht an. Der Barbar wird die Stadt erobern, aber darauf kommt es nicht an. Rom hatte seinen Augenblick, und der vergeht nicht spurlos …« Für Augustus ist entschiedenes Handeln nicht unabdingbar an die Hoffnung geknüpft, dass die Gesellschaft sich immer weiter verbessern lässt. Es lohnt sich, für die Annäherung an eine zivilisierte Ordnung zu kämpfen, auch wenn diese früher oder später Chaos und Barbarei anheimfällt. Er erkennt, dass der Versuch die Welt zu verändern, für jene, die einen solchen Versuch unternehmen, auf menschlicher Ebene negative Folgen haben kann: » … dass der, den das Schicksal zur Veränderung der Welt erwählt, sich zuallererst selbst verändern muss.« Augustus musste lernen, natürliche menschliche Impulse und Gefühle zu unterdrücken – bis zu jenem Punkt, da er Julia, als ihre Liebesaffären zu einem politischen Risiko wurden, auf eine einsame Insel verbannte. Seine Tochter ist als Charakter am differenziertesten ausgestaltet, und sie gehört zu den anziehendsten Figuren in dem Roman. Er hat sie zweifellos über alles geliebt, doch in seiner Funktion als Kaiser sah er sich gezwungen, sie zu einem kärglichen Leben in Isolation zu verdammen.

Der Konflikt zwischen Augustus und Julia illustriert das Aufeinanderprallen einer römisch geprägten Auffassung von Pflicht und dem, was Williams in einem seiner seltenen Interviews als »private Wünsche und Bedürfnisse« bezeichnet hat. Die Spannung zwischen der Hingabe an ideelle Ziele und Selbsterfüllung ist jedoch kein spezifisches Problem der Römerzeit. Heutzutage stellen wir uns gerne vor, dass Engagement für irgendein großartiges Projekt sinnstiftend wirke. Augustus war realistischer und wusste, dass sogar die Erfüllung eines solchen Ideals zerstörerisch für das private Glück sein kann. Und doch erschüttert diese Erkenntnis nicht sein Pflichtgefühl gegenüber Rom. Er akzeptiert, dass er bei allem Handeln keine Wahl hat. »Er ist ein Mensch wie alle anderen auch und wird dank der Kraft seiner Persönlichkeit und den Zufällen des Geschicks zu dem werden, der er ist.«

Diese stoische Grundauffassung war im Altertum über viele Jahrhunderte hinweg verbreitet. Es ist eine Perspektive, die jeden Vergleich von Augustus mit Diktatoren des Zwanzigsten Jahrhunderts völlig unangemessen erscheinen lässt. Die schlimmsten Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts wurden von Tyrannen begangen, deren Zukunftsvisionen einem Kaiser Augustus unverständlich oder geradezu absurd erschienen wären. Stalin war davon überzeugt, einen neuen Gesellschaftstyp zu erschaffen, wie sehr seine Vision auch in zaristisch geprägten Vorstellungen von Alleinherrschaft verwurzelt sein mochte. Die Ziele von Hitlers Grausamkeiten, das geisteskranke Projekt, eine Superrasse zu züchten, eingeschlossen, hatten nicht nur mit persönlichem Machtstreben zu tun. Die Verbrechen jener Tyrannen standen im Dienste von Visionen, welche die Allmacht des Menschen zum Gegenstand hatten – für Augustus eine geradezu lächerliche Vorstellung. Dass jemand, der eines der größten und beständigsten Reiche der Menschheitsgeschichte schuf, eine derart bescheidene Sicht auf die Handlungsspielräume des Menschen hatte, mag paradox anmuten, allerdings nur, wenn man die Vorstellungen unserer Zeit – oder die Illusionen – auf eine Welt zurückprojeziert, die davon nichts wusste.
 
›Augustus‹ in anderen Ländern


Augustus unterscheidet etwas Fundamentales von den Regierenden des letzten Jahrhunderts und der Gegenwart: Skepsis und Misstrauen gegenüber dem Denkvermögen des Menschen. John McGahern schrieb in seinem Vorwort zur Ausgabe von Augustus bei Vintage Classics, der Kaiser habe »Aberglauben ebenso wie seiner eigenen Intelligenz« vertraut. Wie in Williams’ Romangestalt, besaß auch der historisch verbürgte Augustus einen hohen Grad an Intelligenz. Aus genau aus diesem Grund erkannte er, dass der Verstand wenn es um das Verwalten menschlicher Belange geht, in die Irre führen kann. Mit Blick in die primitive Vorzeit, schreibt Williams’ Augustus: »Erstaunt schütteln wir die Köpfe über eine Zeit, die (sagen wir) der Aufklärung und Humanität des römischen Geistes so fern liegt.« Augustus fragt sich, ob der Aufstieg Roms wirklich ein großer Fortschritt war. »Wir reden uns ein, wir seien heute zivilisiert, und wir sprechen mit frommem Schrecken von jenen Zeiten, in denen ein Erntegott den Leib eines Menschen für sein obskures Wirken verlangte.« Doch war Rom seiner Meinung nach weit fordernder als ein vorzeitlicher Gott, und in mancher Hinsicht auch grausamer. Eine Lektion in Bezug auf die gigantischen Projekte, für die in der Moderne so viele Menschen geopfert wurden.

John Gray (geb. 1948), ist ein britischer politischer Philosoph und Autor. Er war Inhaber des Lehrstuhls für europäische Ideengeschichte an der London School of Economics and Political Science. Gray schreibt neben Sachbüchern regelmäßig Beiträge für The Guardian, New Statesman und The Times Literary Supplement. Zuletzt verfasste er ›The Soul of the Marionette: A Short Enquiry into Human Freedom‹ (2015).

John Gray in ›New Statesman‹ (29. August 2014);
Übersetzung: Sylvia Spatz
© 2014 New Statesman
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