»Wer könnte das schon, die Seele säubern?« - Simon Strauss über ›Nichts als die Nacht‹

Zärtlich ist die Nacht nur zu reichen Säufern. Zu jungen Fliegern, die im wilden Dschungel abstürzen, ist sie gewalttätig und grausam.


Die lässt sie zittern, drückt ihnen auf Herz und Kehle, bis sie nicht mehr weiter wissen vor Angst, sich von irgendwoher ein Blatt Papier besorgen und bei flackerndem Feuerzeug zu kritzeln beginnen. Einfach losschreiben, um den reißenden Strom der Gedanken einzudämmen, umzuleiten in ruhigere Bahnen.

John Williams war Anfang Zwanzig als er sich widerstrebend aber letztlich freiwillig bei der Air Force meldete. Während der Highschool hatte er als Radioansager gearbeitet, bei der Armee ließ er sich zum Funker ausbilden. Zu Beginn des zweiten Weltkriegs wurde er an Bord eines Transport- und Aufklärungsflugzeugs eingesetzt und – auf einem Erkundungsflug in Burma – abgeschossen. Wie durch ein Wunder überlebten Williams und der Pilot. Die fünf Crewmitglieder, die sich im Heck aufgehalten hatten, starben. Wochenlang erholte sich Williams in einem Lager in der Nähe der Absturzstelle von seinen Verletzungen und dem Schock, davongekommen zu sein. Er saß auf einer Lichtung im Dschungel, im wilden Nirgendwo, und versuchte mit sich und seinem Trauma fertigzuwerden. Das ist die Lage, in der John Williams seinen ersten Roman schrieb.
 

›Nothing But the Night‹ ist das Werk eines Zweiundzwanzigjährigen, den die unmittelbare Begegnung mit dem Tod verstört zurückließ und zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Schicksal zwang.

 
1922 im Nordosten von Texas in eine arme Farmer-Familie geboren, erfuhr Williams mit acht Jahren, dass der Mann, der ihn aufgezogen hatte und als Hausmeister in einem Postamt arbeitete, nicht sein leiblicher Vater war.  Sein Vater, sei kurz nach seiner Geburt von einem Tramper ermordet worden. Es bestehen bis heute gewisse Zweifel an dieser Geschichte, vielleicht hatte der Vater sich auch einfach aus dem Staub gemacht.


John aber, so müssen wir es uns vorstellen, malte sich den gewaltsamen Tod des Vaters schon früh aus. Das Trauma des Tötens, das später in seinen Büchern immer wieder auftauchen sollte, hat hier seinen Urgrund und wurde durch die eigene Todes-Erfahrung neu belebt.


In ›Nichts als die Nacht‹ ist es sehr gegenwärtig: Das Bild der Mutter, die auf den Vater schießt und sich danach den rauchenden Revolverlauf in den Mund schiebt, bestimmt das Leben des jungen Arthur Maxley. Deswegen kommt er nicht zur Ruhe, fühlt sich zerrissen von Schuld und Scham. Die zwölf Stunden, die Williams in seinem Debütroman schildert, sind zwölf Stunden voller Unruhe, Panik und Raserei. Immer ist der Protagonist in Bewegung, physisch wie psychisch, hastet von einem Ort zum anderen, stürzt in Alpträume, verirrt sich in Visionen.
 

Die »unsagbare Kraft«, die ihn drängt und jagt ist seine Erinnerung. Aus dem Verborgenen des Bewusstseins zieht sie grausame Geschehnisse hervor und stößt sie ihm vor den Kopf.


In immer neue Metaphern gekleidet taucht sie wieder und wieder auf: Als schmerzende »Krankheit«, die Arthur anfällt, gegen die er nichts unternehmen kann, als eine »Flut«, die lange aufgestaut worden war und jetzt auf ihn einstürzt, als ein »Ungeheuer«, das ihn anspringt, ein »Lichtstrahl«, der ihn durchbohrt. Die Erinnerung ist bei Williams ein »Orbit«, dann wieder eine »verwinkelte Kammer«, schließlich eine magische »Schiefertafel«, von der sich das Grauen des Augenblicks nicht mehr löschen lässt.

Das, was ›Nichts als die Nacht‹ an Handlung bietet, ist klar umrissen: Ein junger Mann mit schönen Händen weiß nicht, ob er im Traum oder in der Wirklichkeit besser zu Hause ist. Er liegt im Bett, will spazieren gehen, biegt doch zur Bar ab, trifft erst einen pleitegegangenen Bekannten, dann seinen verloren geglaubten Vater und schließlich eine betrunkene Frau, deren Zuneigung ihn rasend macht. Urplötzlich bricht am Ende die Gewalt aus ihm hervor wie Lavabrocken aus einem schlafenden Vulkan. Seine Angst verwandelt sich in Hass und die Sinne werden ihm taub.


Williams‘ Erzählung hat keinen Anfang und kein Ende – ist ein ewiges Flüchten, ein Weiterhasten ohne Ziel.    


So einfach der Plot zu beschreiben ist, so schwer erfasst man die Stimmung, die diesen jungen Mann gefangen hält: Es ist eine gefährliche Mischung aus Einsamkeit und Ekel – vor der Welt und vor sich selbst, die Arthurs Seele wund und fleckig macht. Immer dickere Schmutzschichten lagern sich auf ihr ab, immer schwerer wird sie ihm.
 

Aber Rettung ist keine in Sicht. »Wer könnte das schon, die Seele säubern?«, fragt Arthur einmal lakonisch.


Und während die Erinnerung ihm immer härtere Bälle zuspielt, wächst seine Sehnsucht danach, sich zu säubern, endlich zu vergessen, ins Unermessliche. Aber so oft seine Lippen auch an kalten Gläsern kleben und er sich die Augen leer liest –, die Ruhe will einfach nicht kommen. Arthur bleibt in den Fängen seiner Erfahrungen: ein vor sich hindämmernder Müßiggänger ohne Hoffnung auf einen einzigen sicheren Tritt. Alles rutscht ihm weg, gleitet unter ihm fort und er lässt sich im dunklen Gedankenstrom willenlos forttreiben.
 

John Williams schrieb ›Nichts als die Nacht‹ wohl vor allem, um seine eigenen Gefühle zu verstehen. Es ist das Buch eines jungen Wilden, der wütet, weil er sein Inneres nicht nach Außen bringen kann.


Die wilden Fantasien, mit denen er die dramaturgisch klaren Handlungsszenen vor der Kulisse des nächtlichen San Francisco konterkariert, sind der Versuch, einen literarischen Ausdruck für das Gefühl innerer Getriebenheit zu finden. Dass es ein junger Autor ist, der hier schreibt, das merkt man an dem allgegenwärtigen Wunsch nach Intensität, nach unbedingter Wirkung. Auch an der überbordenden Metaphernlust: Augen glühen hier »wie lose Kohlen hinter lichtbrechendem Glas«, Taxis schießen durch die Nacht »wie ein aus düsterem Gewehrlauf gefeuertes Projektil« und die Ekstase einer Striptease-Tänzerin wird weniger beschrieben als durch Adjektivkaskaden regelrecht heraufbeschworen. »Overdone«, könnte man mit Blick auf Williams‘ Beschreibungstechnik sagen. Sollte man aber nicht. Denn hinter der üppigen Freigiebigkeit, mit der hier Wortschätze verteilt werden, steckt der jugendliche Drang nach Vergegenwärtigung.
 

Williams‘ Debüt ist stark, gerade weil es sich verschwendet, noch nicht streng haushaltet mit seinen erzählerischen Kräften und dramaturgischen Dynamiken. Es ist ohne Kalkül, mit reinem Enthusiasmus geschrieben.


Der Autor teilt die Angst seines Protagonisten vor dem »Ansturm des kalten Bewusstseins«, der »brutalen Aufdringlichkeit des Sichtbaren«. Die angespannte Sensibilität, mit der der Held alles überdeutlich wahrnimmt – den Lärm, die Blicke, den nackten Körper der betrunkenen Frau –, spiegelt das noch ungefügte Ich des Verfassers, der heftig daran leidet, wie »grundlegend die Menschen voneinander getrennt sind«.

›Nichts als die Nacht‹ ist noch nicht so drastisch naturalistisch wie sein zweiter, erst zwölf Jahre später veröffentlichter Roman ›Butcher‘s Crossing‹. Hier flirtet Williams ab und an noch mit dem Surrealismus, lässt die undeutliche Bildsprache des Traums ungefiltert zu.
 

Vom psychologischen Minimalismus seiner späteren Werke, dem dramaturgischen Darstellungsgeschick und sicheren Ton von ›Stoner‹ oder der detailversessenen Charakterisierungskunst seines ›Augustus‹ ist noch nicht viel zu spüren. Von der erzählerischen Kraft schon.


Trotzdem war Williams‘ Erstling kein Erfolg. Nach dem Krieg hatte Williams sein Manuskript erfolglos mehreren Verlagen angeboten und begonnen, in Denver englische Literatur zu studieren. Schließlich konnte er den Verleger und Universitätsprofessor Alan Swallow zum Druck überreden, obwohl der die ganze Geschichte »ziemlich trostlos« fand. 1948 erschien ›Nothing But the Night‹ bei »Swallow Press«, wo unter anderem auch Werke von Anais Nin, Allen Tate und dem Lyriker Yvor Winters verlegt wurden. Der Klappentext, den Swallow verfasste, war allerdings absurd und eher abschreckend: »Diese psychologische Erzählung stellt ständig eine kulturelle und soziale Frage: Haben wir nicht alle ähnliche Erfahrungen gemacht? Haben sich nicht all unsere Mütter vor unseren Augen umgebracht, ob wir es nun wahrhaben wollten oder nicht?« Kein Wunder, dass sich das Buch mit einer solchen Ankündigung nicht verkaufte. Eine wohlwollende Besprechung in der ›St Louis Post-Dispatch‹ bescheinigte dem jungen Autor immerhin ein »ungewöhnlich feinfühliges Gehör und eine ungewöhnlich sensible Wahrnehmung«. Darüber hinaus gab es keine Reaktionen. ›Nothing But the Night‹ war ein Misserfolg und geriet bald in Vergessenheit.

1949 veröffentlichte Williams noch einen Gedichtband (›The Broken Landscape‹), dann wandte er sich wieder seinen Studien zu und schlug eine Universitätskarriere ein. 1954 promovierte er an der University of Missouri mit einer Arbeit über den elisabethanischen Dichter Fulke Greville, anschließend kehrte er nach Denver an seine Heimatuniversität zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung 1985 mit Krawattenschal und Zigarette im Mund Englische Literaturwissenschaften und Kreatives Schreiben unterrichtete. Nebenbei schrieb er drei Romane, die sich voneinander in Temperament, Stil und Gattung auf ungewöhnliche Weise unterscheiden.

Zu Lebzeiten galt Williams unter Literaturkennern zwar als Geheimtipp, internationale Bekanntheit erreichte er aber erst posthum dank der Wiederentdeckung durch Edwin Frank, den Cheflektor der Buchreihe ›New York Book Review Classics‹. Hier erschien 2006 der lange vergriffene Roman ›Stoner‹ – und wurde ein Sensationserfolg. Sein Erstlingswerk aber ist nahezu unbekannt geblieben. John Williams selbst, der 1994 an Lungenversagen starb, hat es in seinen späteren Jahren verleugnet. Vielleicht erschien ihm diese Geschichte im Rückblick zu unfertig, zu verletzlich und angreifbar. Dabei liegt doch die Stärke des Buches gerade darin, dass es nicht abstrakt werden muss, um vom Schwierigen zu erzählen.
 

›Nichts als die Nacht‹ mit seinem ungeschützten Hang zum Expressiven ist ein packendes, aufrührendes Debüt. Im Dschungel geschrieben, während der Regen auf das löchrige Zeltdach prasselte. Um sich vor den Alpträumen in Sicherheit zu bringen. Um den Schicksalsschlag abzufangen, um weiter leben zu können mit all dem Schmutz auf der Seele.


Simon Strauß
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