Lauren Wolk im Interview

Eine Insel zwischen Himmel und Meer ist Ihr zweites Buch für junge Leserinnen. Was fasziniert Sie so an diesem Genre?

Ich war immer ein alter Mensch, schon als kleines Mädchen. Als ich in der vierten Klasse war, bekam mein Bruder ein Fahrrad, meine Schwester einen Radiorekorder und ich ein Spinnrad. Meine Eltern besuchten gerne Antiquitätenmessen. Und die Farm, die meiner Familie schon seit dem Unabhängigkeitskrieg gehört, hat mich dazu inspiriert, Das Jahr, in dem ich lügen lernte zu schreiben. Ich habe mich dort immer sehr zu Hause gefühlt, und diese Welt in meinen Büchern wieder erstehen zu lassen hat mir Freude gemacht.

Nachdem Das Jahr, in dem ich lügen lernte so positive Aufnahme gefunden hatte, wie war es da, Eine Insel zwischen Himmel und Meer zu schreiben?

Eine Insel zwischen Himmel und Meer hatte ich bereits geschrieben, bevor Das Jahr, in dem ich lügen lernte auf den Markt kam. Ich wusste aber sowohl aus den Reaktionen interessierter Verlage, speziell des Penguin-Verlages, der das Buch schließlich veröffentlichte, als auch aus denen meiner Agentin und anderer Leser, dass das Buch auf positive Resonanz stieß. Doch als dann tatsächlich die ersten Besprechungen von Das Jahr, in dem ich lügen lernte erschienen, war wenigstens die erste Fassung von Eine Insel zwischen Himmel und Meer abgeschlossen. Die  außerordentlich freundliche Aufnahme von Das Jahr, in dem ich lügen lernte bedeutete für mich einen großen Zuwachs an Selbstvertrauen und neue Inspiration. Andererseits hatte dieser Erfolg durchaus auch etwas Einschüchterndes. Plötzlich gab es Leute, die meine Arbeit im Blick hatten. Ich bin froh, dass ich das neue Buch abschließen konnte, bevor sich dieser aufmerksame Blick von außen bemerkbar machte.

Erzählen Sie mir, wie Sie für Eine Insel zwischen Himmel und Meer recherchiert haben?

Ich hatte vor Jahren bereits für ein Buch recherchiert, in dem es um ein Paar gehen sollte, das wie ich an der Küste von Cape Cod lebt und das ein Kind verliert. Damals hatte ich ziemlich intensiv über die Zeit und den Ort der Handlung geforscht. Die Notizen für dieses Projekt bildeten die Grundlage für meine Recherchen über die Elisabeth-Inseln in den 1920er- Jahren. Das Internet war mir dabei sehr hilfreich, ebenso wie mehrere großartige Bücher aus unserer Stadtbücherei, wo es einen speziellen Raum mit Werken zur Geschichte von Cape Cod und der Flora und Fauna dieser Gegend gibt. Auch mit der Cuttyhunk History Society stand ich in Kontakt.
Es ist mir immer wichtig, den Prozess des Schreibens von dem der Recherche getrennt zu halten. Deshalb recherchiere ich entweder im Vorfeld, sodass ich mein Wissen beim Schreiben bereits internalisiert habe, oder nachdem eine erste Fassung steht. Das Schreiben geschieht dann auf ganz unangestrengte Weise. Die Bilder im Kopf mit einer Handlung zusammenzufügen war so im Grunde nicht mehr schwierig. Es war, als hätte ich das alles selbst erlebt. Einiges von dem, was ich über die Inseln wusste, betraf erst spätere Jahre. Ich habe daher versucht, nur so weit nachzuforschen, wie es für mein Buch nötig war. Die Geschichte sollte der Antrieb für meine Forschung sein, nicht umgekehrt.
 
Inwieweit hat Ihr eigenes Leben auf Cape Cod den Rahmen der Handlung und die Atmosphäre des Buches bestimmt?

Jeder, der am Meer lebt, weiß, dass wir Menschen uns verändern, das Meer aber stets dasselbe bleibt. Wie wild es sein kann, wie es riecht und schmeckt, wie es sich anfühlt, in einem Segelboot auf stürmischer See unterwegs zu sein, das alles sind Dinge, die ich mit allen Fasern meines Körpers aufgesogen habe, weil ich am Meer gelebt habe. Ich bin ein Meermensch, ich fühle mich hier zu Hause, und das hat mir sehr geholfen. Ein-, zweimal war ich auf Cuttyhunk, und während eines Segeltörns war ich auch auf den Elisabeth-Inseln. Wir legten auf einer der unbewohnten Inseln an, und dank der vielen Schafe dort kam ich mit ungefähr zwanzig Zecken zurück. Solche menschenleeren Orte mit wilder Natur haben mich immer schon interessiert. Aber gleichzeitig wollte ich völlige kreative Freiheit, deswegen habe ich einen fiktiven Ort erfunden, eine Insel an der Spitze von Cuttyhunk.
 

Inwieweit haben Ihre Erfahrungen als Lyrikerin Ihren Stil geprägt?

Ich muss mich wirklich sehr stark zusammenreißen, weil ich immer den Wunsch habe, poetisch zu schreiben. Das Jahr, in dem ich lügen lernte hat mir dabei geholfen, mich zu disziplinieren. Es war das erste Mal, dass ich in der ersten Person schrieb. Aber genau das war es, was ich in dem Moment brauchte. Anders als bei Büchern, die in der dritten Person geschrieben sind, muss man die ganze Zeit ein und dieselbe Perspektive einnehmen. Wenn man einen realistischen Charakter haben möchte, dann braucht man eine Stimme, die überzeugend klingt. Und ich weiß nicht, wie viele elfjährige Mädchen in einem lyrischen Stil denken und sprechen. Ich selbst liebe poetische Sprache, und wenn ich eine Wiese oder einen Wald beschreibe, erlaube ich mir auch, sie zu benutzen. Doch die Erfahrungen beim Schreiben von Das Jahr, in dem ich lügen lernte, Eine Insel zwischen Himmel und Meer und meinem neuesten Buch haben mich gelehrt, mich da ein kleines bisschen zurückzunehmen.

 
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