Exklusiver Prolog zu ›Nichts ist gut. Ohne dich.‹

Leander
 
Ich lasse die Tasche aufs Bett fallen und meinen Blick durch das Zimmer schweifen. Es ist hell. Weiße Wände, weiße Regale, weißes Bettgestell. Sonnenlicht fällt durch die schrägen Dachfenster in den Raum, so gleißend, dass es in den Augen brennt. Die Luft steht. München ist ein Backofen in diesen Tagen. Max sagt: »Willkommen in deinem Reich! Fühl dich ganz wie zu Hause. Mi casa, su casa, und so weiter und so fort.« Er lehnt in der offenen Tür, die Arme vor der Brust verschränkt, und beobachtet jeden meiner Schritte.
 
»Danke, dass du mich hier wohnen lässt.«
 
»Kein Problem. Das Zimmer war frei. Ich freu mich, dass du wieder hier bist.«
 
Wenigstens einer, der sich freut, denke ich, denn der Anlass meiner Rückkehr birgt wahrlich keinen Grund dazu.
 
Max räuspert sich. »Wie geht es deiner Mutter?«, und beinah muss ich lachen. Fast.
 
»Liest du immer noch Gedanken?«
 
»Wenn man es mir so leicht macht wie du.«
 
Ich zucke die Schultern, ziehe den Reisverschluss meiner Tasche auf und beginne damit, meine Sachen in den Schrank zu räumen. »Es wird hart werden in der nächsten Zeit, mit der Chemo und allem. Keine Ahnung. Ich bin hier, aber ich weiß ehrlich nicht, ob ihr das in irgendeiner Weise helfen wird.«
 
»Natürlich wird es das.«
 
»Wenn du das sagst.« Ich widme mich meinem Gepäck und lasse mir nicht anmerken, wie sehr mich dieses kurze Gespräch an das erinnert, was mir die vergangenen sechs Jahre in Berlin gefehlt hat: Menschen, die mich kennen. Die wissen, was mich beschäftigt, ohne, dass ich vorher meine Lebensgeschichte vor ihnen ausbreiten muss. Die meine Freunde waren, schon bevor ... davor eben. Ein Drittel meines bisherigen Lebens habe ich ohne Max verbracht, doch er weiß mehr über mich als irgendjemand sonst.
 
»Falls du ihr etwas mitbringen möchtest«, sagt er, »es gibt da so einen kleinen Buchladen, direkt an der Isar.«
 
»An der Isar? Nicht gerade der nächste Weg, oder?«
 
»Könnte sich aber lohnen.«
                                                                                      
Ich sehe auf. Max hat einen Ausdruck im Gesicht, unschuldig, allwissend, überlegen und provozierend, alles auf einmal. Er zwinkert mir zu, tritt aus dem Rahmen und schließt die Tür hinter sich.
 
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