Die Hauptfiguren

 

LADY DUFF TWYSDEN
›LADY BRETT ASHLEY‹


»Brett sah verdammt gut aus. Sie trug einen Pullunder und einen Tweedrock und ihr Haar war nach hinten gebürstet wie das eines Jungen. Sie hatte mit alldem angefangen. Ihre Figur hatte Kurven wie der Rumpf einer Rennjacht und unter diesem Pullunder entging einem nichts davon.«
Ernest Hemingway, ›Fiesta‹, übersetzt von Werner Schmitz, Rowohlt Verlag, 2013

»Wir waren alle in sie verliebt. Das war auch nicht schwer. Sie konnte sich in Szene setzen.«
Donald Ogden Stewart über die Ausstrahlung von Lady Duff

Lady Duff Twysden, eine englische Femme fatale mit aristokratischem Background, die in Paris ausharrte und auf das Ende ihres Scheidungskriegs wartete, war stets von Männern umlagert. Manche sahen in ihr eine Nachfahrin der Stuart-Dynastie, andere behaupteten, sie sei eine soziale Aufsteigerin, deren Vater irgendwo in Nordengland eine Weinhandlung betreibe. Sie trank gerne und viel, trug Filzhüte, Tweedröcke mit Pullovern und konnte sich ihre Geliebten aussuchen. Hemingway soll versessen auf sie gewesen sein und machte sie in seinem Debütroman ›Fiesta‹ mit der Figur der Lady Brett Ashley unsterblich; er beschrieb sie als Kirke – die griechische Göttin, die Menschen in Tiere verwandelte.
 

HAROLD LOEB
›ROBERT COHN‹


»An der Militärschule, wo er sich auf Princeton vorbereitet und in der Footballmannschaft einen sehr guten Flügelspieler abgegeben hatte, ließ niemand ihn spüren, dass er Jude war, also anders als die anderen; das kam erst in Princeton. Er war ein netter Junge, ein freundlicher Junge, und sehr schüchtern, und das verbitterte ihn. Beim Boxen reagierte er sich ab, und nachdem er Princeton mit angeschlagenem Selbstbewusstsein und platter Nase verlassen hatte, heiratete er das erste Mädchen, das nett zu ihm war.«
Ernest Hemingway, ›Fiesta‹, übersetzt von Werner Schmitz, Rowohlt Verlag, 2013

»Was brachte meinen einstigen Freund dazu, mich als unsensiblen, hemmungslosen und überheblichen Langweiler darzustellen?« Harold Loeb über die Darstellung seiner Person in ›Fiesta‹

Harold Loeb, Nachfahre von zwei der reichsten und prominentesten Familien in New York, den Loebs und den Guggenheims, hatte in Paris mehrere Jahre lang die Rolle eines »ärmlichen Bohemiens« gespielt, wie er selbst später schrieb. Doch er spielte seine Rolle nicht sehr gut: Man merkte ihm seinen Wohlstand an. Sobald er in New York die Last von Ehe und Familie hinter sich gelassen hatte, mischte er in der Expat-Szene mit. Er begegnete Hemingway auf einer Party, und aus Bewunderung wurde bald Heldenanbetung. Für Hemingway war Loeb lediglich eine »Tennisbekanntschaft«, wie er gelassen bemerkte, zugleich hegte er wegen der unzähligen Privilegien, die Loeb besaß, eine unterschwellige Abneigung gegen ihn. Die Spannungen brachen auf, als Loeb gegen Hemingway um die Gunst von Lady Duff buhlte. Nur wenige Wochen nach diesem folgenreichen Fehltritt setzte ihm Hemingway mit dem unsympathischen Robert Cohn in ›Fiesta‹ ein Monument – das verletzende Porträt verfolgte Loeb lebenslang.
 

DONALD OGDEN STEWART
›BILL GORTON‹


»Er sprach enthusiastischer von Amerika als je zuvor, und war nicht mehr so einfach, nicht mehr so nett. Der Verlag hatte seinen Roman ziemlich gelobt, und das war ihm zu Kopf gestiegen.«
Ernest Hemingway, ›Fiesta‹, übersetzt von Werner Schmitz, Rowohlt Verlag, 2013

»Es war einfach ein Bericht über die Ereignisse. Purer Journalismus.«
Donald Ogden Stewarts Reaktion nach seiner Lektüre von ›Fiesta‹

Donald Ogden Stewart, Bestsellerautor und scharfzüngiges Mitglied von New Yorks berüchtigter Algonquin-Tischrunde, begegnete Hemingway in Paris und beschloss, dass er »genau mein Typ« war. Er sollte seine Meinung bald ändern. »Wenn Ernest von etwas begeistert war, war es äußerst gefährlich, Widerstand zu leisten, besonders gegen seine Freundlichkeit «, das wusste er. Trotzdem folgte er Hemingway in eine Stierkampfarena in Pamplona und wurde mit mehreren Rippenbrüchen belohnt. Hemingway setzte noch eins drauf, indem er Züge von Stewart für die Figur des Bill Gorton entlieh, die komische Kontrastfigur in dem Roman – mit Hang zu antisemitischen Äußerungen.
 

PATRICK GUTHRIE
›MIKE CAMPBELL‹


»Mike war ein liebenswürdiger Zeitgenosse, einer der liebenswürdigsten überhaupt. Er war nett, ein schwacher Typ, und in ihm war ein gewisser unzerstörbarer Kern an Güte, an den man nicht herankam und der immer da war, bis der Alkohol ihn fertiggemacht hatte ... außerdem war er ein rehabilitierter Konkursschuldner ... und er hatte einige Angewohnheiten, die man, nach Meinung von Brett, als Mann nicht haben sollte.«
Ernest Hemingway, die Beschreibung der Romanfigur Mike Campbell wurde später allerdings gestrichen

»In Lady Duff Twysdens Gesellschaft benahm er sich wie ein unnützer Tölpel ... Auch für Schwule war sie nicht ohne Reize, aber so was soll ja immer wieder vorkommen.«
Donald Ogden Stewarts Beschreibung von Guthrie

Wie Lady Duff Twysden war Patrick Guthrie ein vergnügungssüchtiger Engländer um die dreißig und gerüchteweise adeliger Herkunft: Seine Mutter besaß angeblich ein Vermögen und ein Schloss in Schottland. Guthrie repräsentierte innerhalb der Expat-Gemeinde den verarmten Adel. Wie Lady Duff trank er viel und gern, doch anders als ihr bekamen ihm die Gelage nicht. Hemingway gestaltete seine Figur Mike Campbell nach der des Patrick Guthrie – beide finanziell ruiniert und zügellos, mit fragwürdigen erotischen Vorlieben.
 

BILL SMITH
›BILL GORTON‹


»Jeder von uns hätte seinen eigenen Roman geschrieben. Und keiner hätte den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Das ist klar. Das Besondere an Hemingways Geschichte ist, dass er die Stimmung besser als jeder andere eingefangen hat.«
Bill Smith auf die Frage, ob ›Fiesta‹ die Ereignisse zutreffend beschreibt Hemingways Kindheitsfreund

Bill Smith kam mit leeren Taschen in Paris an – und gerade im rechten Moment, um sich mit Hemingway und seinen illustren Freunden aus der Expat- Gemeinde 1925 zu jenem verhängnisvollen Stierkampf-Festival in Pamplona zu begeben. Hemingway kam Smiths skurriler, eigenwilliger Humor gelegen, um die Figur Bill Gorton plastischer zu gestalten. Gorton hat die Neigung, wie von einer Kanzel herab unsinnige Reden zu halten, und eine Vorliebe für das Verb »utilize« (nutzbar machen). Während Smiths Loyalität gegenüber dem Freund ungebrochen blieb – auch nach Veröffentlichung des Romans –, hegte Hemingway eine heimliche Verachtung gegen Smith wegen seiner depressive Veranlagung und ließ ihn, nachdem es mit der eigenen Karriere steil nach oben ging, links liegen.
 

KITTY CANNELL
›FRANCES CLYNE‹


»Die Dame, die sich ihn [Cohn] geschnappt hatte, hieß Frances, und als sie gegen Ende des zweiten Jahres bemerkte, dass ihre Schönheit verblühte, änderte sie ihre Haltung gegenüber Robert von gleichgültiger Inanspruchnahme und Ausbeutung zu dem felsenfesten Entschluss, dass er sie heiraten solle.«
Ernest Hemingway, ›Fiesta‹, übersetzt von Werner Schmitz, Rowohlt Verlag, 2013

»Ich hatte sofort das Gefühl, dass Ernest unzuverlässig und unberechenbar war.«
Kitty Cannell

Kitty Cannell, eine amerikanische Modekorrespondentin, beliebt, gewandt und gesellschaftsfähig, war mit Harold Loeb liiert. Ihre Romanze sorgte im Café du Dôme für einiges Aufsehen, denn Cannell neigte zu Eifersuchtsszenen und wartete offenbar nicht immer, bis sie mit Loeb unter vier Augen war. Sie und Hemingway konnten sich von Anfang an nicht leiden. In ihren Augen war er unbeständig, schwach und ein Antisemit; später behauptete sie, sie habe Loeb immer wieder vor ihm gewarnt – aber erfolglos. Als Hemingway Loeb zur Vorlage seiner Romanfigur Robert Cohn benutzte, war die Liebesaffäre mit Cannell zu pikant, um sie ungenutzt zu lassen, und er machte Frances Clyne aus ihr, die verzweifelte alternde amerikanische Geliebte von Cohn.
Quelle: lesleymmblume.com; mit freundlicher Genehmigung von Lesley M. M. Blume; Übersetzung: Sylvia Spatz

Bildnachweise:
Lady Duff Twysden: Ernest Hemingway Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston
Harold Loeb: © Man Ray Trust/Artists Rights Society (ARS), NY/ADAGP, Paris 2015
Donald Ogden Stewart: The Granger Collection, New York
Patrick Guthrie: Ernest Hemingway Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston
Bill Smith und Hemingway beim Fischen: Sylvia Beach Papers, Manuscripts Division, Department of Rare Books
and Special Collections, Princeton University Library
Kitty Cannell: National Archives and Records Administration, Record Group 59, Archives II Branch, College Park,
Maryland
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