»Wir können die Grausamkeit der Jugend nicht entschuldigen, aber wir können versuchen zu verstehen, woher sie kommt.«

Im Gespräch mit Lindsey Lee Johnson über ›Der gefährlichste Ort der Welt‹


Mrs. Johnson, Sie waren Tutorin an einer High School, als Sie ›Der gefährlichste Ort der Welt‹ schrieben. Mochten Sie Ihren Job? Was hat Sie so beeindruckt, dass Sie einen Roman über das High-School-Leben schreiben wollten?

Seit einigen Jahren bemerke ich, dass sich das Bild von Teenagern in der Pop-Kultur und den Medien grundlegend verändert hat. Die Jugendlichen, wie ich sie in den Nachrichten und im Fernsehen sehe, haben nichts mehr mit den Jugendlichen gemein, wie ich sie kannte. Man vergisst leicht, wie sich das Leben als Teenager anfühlt, und umso schwieriger ist es, sich auch nur vorzustellen, wie es für Jugendliche heute sein muss, live auf Social Media erwachsen zu werden. Ich für meinen Teil habe die Teenager völlig falsch eingeschätzt, als ich 2008 nach der großen Rezession begann, Vollzeit mit ihnen zu arbeiten. Auf den ersten Blick wirkten die Jugendlichen, die ich unterrichtete, wohlhabend, ansprüchlich und laut. Ich fragte mich sogar, ob sie meine Hilfe überhaupt verdienten. Aber dann fing ich an, ihnen zuzuhören und bemerkte, dass sie unter dieser Schale vielschichtige, einfühlsame Personen waren, die versuchten, ihren Platz in der Welt zu finden – während sie unter enormem Druck standen, sich anzupassen und erfolgreich zu sein in einer komplizierten und oft auch gefährlichen Umgebung. Am Ende hatte ich meine große Zuneigung für die Jugendlichen entdeckt und wollte ihnen eine Stimme in der Literatur geben.

Wenn sie die High School heute vergleichen mit ihrer eigenen Zeit als Schülerin: Wären Sie gerne noch einmal so jung? Was ist das Besondere an der jungen Generation heute?

Ich bin froh, dass ich meine Jugend vor Existenz der sozialen Medien erleben durfte! Ich glaube, die modernen Technologien, insbesondere die sozialen Medien, haben das schlechte Verhalten noch verstärkt, das immer Teil der menschlichen Erfahrung war, vor allem unter Jugendlichen. Wir alle wissen, dass es viel einfacher und oft unmittelbarer ist, einen Kommentar auf Facebook zu verfassen, anstatt jemanden persönlich zu konfrontieren. Der Computer hat eine Art desinfizierenden Effekt, der es leider einfacher machen kann, grausam zueinander zu sein. Außerdem findet es öffentlich statt, die Konsequenzen sind also oft schlimmer. Ich glaube allerdings nicht, dass das Verhalten an sich neu ist. Als ich noch in der High School war, hatten meine Freunde und ich ein exklusives Notizbuch, das durch die Reihen gegeben wurde. Darin schrieben wir uns gegenseitig geheime Botschaften. Ich bin mir sicher, wir nutzten es, um Klatsch und Tratsch zu verbreiten, und es war sicher nicht alles nett. Ich bin sehr froh, dass meine Notizen eben nicht online für jeden einsehbar sind. In meinem Buch wollte ich einige der Konsequenzen des Cybermobbings aufzeigen – dabei aber auch die erwachsenen Leser daran erinnern, dass die Jugendlichen heute sich nicht so sehr von Jugendlichen in der Vergangenheit unterscheiden, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Ich denke, Empathie ist der erste Schritt, um diesen Generationenkonflikt zu lösen.

Am Anfang ihres Romans begeht der dreizehnjährige Tristan Selbstmord, weil sich seine Klassenkameraden auf grausame Art und Weise über ihn lustig gemacht haben. Woher kommt diese Grausamkeit?

Bei den Jugendlichen in meinem Roman, wie generell bei vielen Menschen, resultiert diese Grausamkeit aus tief unterdrücktem Schmerz und Unsicherheit. Dreizehnjährige tun sich oft schwer, sich selbst und ihre Welt zu verstehen – in dieser Phase, in der sich alles im Umbruch befindet, angefangen mit dem eigenen Körper. Sie sind keine Kinder mehr, klar, aber sie wissen auch noch nicht, wie man erwachsen ist. Sie haben Angst, anders zu sein, nirgendwo hineinzupassen oder hinter ihren Freunden zurückzubleiben. Ich habe viel Mitleid mit den Kids in diesem Alter. Erst neulich habe ich ein Zitat des Schriftstellers und Denkers Jim Finley gehört, das mich sehr an die Erlebnisse der Jugendlichen in meinem Roman erinnert hat: »Gleich unter der Wut ist der Schmerz und gleich unter dem Schmerz ist die Machtlosigkeit.« Wir können die Grausamkeit der Jugend nicht entschuldigen, aber wir können versuchen zu verstehen, woher sie kommt.
 
Der schlimmste Teil findet auf Social Media statt. Wäre Tristans Geschichte in einer Welt ohne Social Media anders ausgegangen? Wie gefährlich ist die Digitalisierung in unserer Welt?

Ich kann nicht sicher sagen, wie es Tristan Bloch in einer Welt ohne soziale Medien gehen würde, aber ich glaube er hätte das Mobbing eher überlebt. Das Schreckliche am Cybermobbing ist, dass es vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche präsent ist. Du kannst nicht nach Hause gehen und dem Ganzen so entkommen. Du könntest natürlich den Computer ausschalten, aber für Jugendliche heute ist das so, als würdest du die Welt gleich komplett verlassen. Nicht besonders realistisch. Diese Art von unbarmherzigen Attacken, die das Internet erlaubt, sind in ihrer Ausprägung also neu – und angsteinflößend. Was ich zudem alarmierend finde – und das sieht man in meinem Roman – ist die Geschwindigkeit, mit der sich ein zerstörerisches Gerücht verbreiten kann, unter weit mehr Leuten als früher und ohne die Möglichkeit einer Reflexion. Wenn es Facebook nicht gäbe, was wäre dann mit Tristans Liebesbrief passiert? Wahrscheinlich wäre er durch das Klassenzimmer gereicht worden, vielleicht durch die ganze Schule, aber weiter wahrscheinlich nicht. Deshalb glaube ich nicht, dass die Menschen heute grausamer sind als früher, das Internet ermöglicht und verstärkt die alltäglichen Grausamkeiten aber in einer Art und Weise, wie wir es bisher noch nicht gesehen haben. 

Im weiteren Verlauf des Romans tauchen wir in die verschiedenen Welten von Tristans Klassenkameraden ein – Sie erzählen den Roman aus ihren jeweiligen Perspektiven fort. Warum haben Sie sich für diese Erzählform entschieden?

Als ich mir über den Sprachstil des Romans Gedanken machte, lies ich mich von den hunderten von Teenagern inspirieren, mit denen ich Zeit verbrachte, bevor ich das Buch schrieb. Ich liebte die Direktheit und den Einfallsreichtum ihrer Sprache. Die Ausdrücke und die Struktur ihrer Sprache hallten laut in meinem Kopf wider. Was die Struktur meines Romans betrifft, lies ich mich von anderen Büchern inspirieren, die multiple Perspektiven nutzen, um das Porträt einer Gemeinschaft zu zeichnen, beispielsweise von ›Olive Kitteridge‹ und Tom Rachmans ›Die Unperfekten‹. Und ich wollte die erzählerische Triebkraft eines traditionellen Romans. Also entschied ich mich, eine fortlaufende Geschichte aus den verschiedenen Perspektiven von acht Schülern zu schreiben: Ich wollte die ganze Welt der Teenager zeigen, einem Chor aus Kids eine Stimme geben.

Ich erschuf eine Gruppe stereotyper Teenager: vom Außenseiter über den Sportler und das Party-Girl bis zum Streber. Ich hoffte, erwachsenen Lesern die Lebenswelt von Jugendlichen so näher bringen zu können. Indem ich eine fortlaufende Geschichte aus acht verschiedenen Perspektiven erzähle, wollte ich vor allem den Unterschied deutlich machen zwischen dem, wie die Jugendlichen von anderen gesehen werden und wie sie selbst sich sehen. Ich versuchte, die Geschichten ineinander zu verweben, um die Gruppendynamiken zu zeigen, innerhalb derer kleine Handlungen weitreichende Konsequenzen haben können. Während ich schrieb, stellte ich mir die einzelnen Geschichten wie Dominosteine vor. Eine Geschichte stößt die nächste an, die wiederum die nächste und so weiter.
 
Schauplatz Ihres Romans ist Mill Valley, eine wohlhabende Kleinstadt in Kalifornien. Es gibt ein berühmtes Lied von Rita Abrams, das die Idylle von Mill Valley besingt. Hört man es sich an, nachdem man Ihr Buch gelesen hat, klingt es fast sarkastisch. Warum lassen Sie den Roman ausgerechnet an diesem vermeintlich perfekten Ort spielen?


Ja, ich kenne den Song! Ich kann sogar jedes einzelne Wort mitsingen. (lacht)

Mill Valley ist das ideale Setting für meinen Roman, weil ich selbst dort aufgewachsen bin und es keinen Ort auf der Welt gibt, den ich besser kenne. Wenn man einen Roman schreibt, ist eines der Ziele, eine möglichste authentische Welt zu schaffen. Es ist also ein Vorteil, die Details des Ortes zu kennen – zum Beispiel hilft es, zu wissen, dass auf dem Parkplatz des 7-Eleven ein Mammutbaum wächst.

Generell aber ist interessant an Marin County, dass dort hauptsächlich reiche, privilegierte Weiße in ihrer eigenen Welt leben. San Francisco ist nur etwa fünfzehn Minuten entfernt, aber die Kids, die dort leben, sind fast nie in der großen Stadt, außer sie gehen shoppen an der Haight Street, wie ich damals, oder sie werden von ihren Eltern zum Ballett oder Ähnlichem gebracht. Die Jugendlichen aus Marin leben quasi in einer Weltstadt, sind aber isoliert in ihrem eigenem kleinem Vorort. Interessant ist der Ort auch deshalb, weil sich die Leute dort trotz ihres Reichtums und des Mangels an Vielfalt für äußerst fortschrittlich halten – was sie zweifelsfrei auch sind. Als ich dort aufwuchs, gehörte ich ebenfalls zu dieser privilegierten Gesellschaft, wie alle meine Freunde auch. Dennoch wurden wir immer wieder daran erinnert, dass nicht alle ein so privilegiertes Leben führen wie wir. In der Schule hatten wir zum Beispiel einen Kurs über aktuelle soziale Probleme. Wir lernten alles über Rassismus, Sexismus, Homosexualität, wirtschaftliche Ungleichheit und dergleichen. Die Gemeinschaft entstammt den Hippies; sehr fortschrittlich und mit großem sozialen Bewusstsein. Trotzdem fährt jeder einen BMW und kauft bei Nordstrom ein. Ein interessanter Ort, etwas rätselhaft.

Ich interessiere mich sehr für diese Idee, die der American Dream mit sich zu bringen scheint: dass es unsere Aufgabe ist, unseren Kindern materiell alles zur Verfügung stellen, was sie brauchen – und damit sei unsere Arbeit getan. Ich wollte klarmachen, dass Erwachsenwerden schwer ist, sogar am schönsten Ort der Welt. 

Auch wenn sie alle verschieden sind, haben ihre Figuren doch eines gemeinsam: Sie müssen sich der Frage nach ihrer eigenen Schuld und Verantwortung stellen. Wer geht am besten damit um und warum?

Das ist eine sehr interessante Frage. Obwohl Calista die größte Bürde an Schuld und Scham mit sich trägt, was Tristans Tod angeht, ist sie wahrscheinlich diejenige, die am besten damit fertig wird. Sie leidet stark im Laufe der Geschichte, wird ziemlich selbstzerstörerisch, um sich für Tristans Tod zu bestrafen. Am Ende jedoch fängt sie an, das Erlebte zu verarbeiten, indem sie schreibt. Sie stellt sich ihren Taten, anstatt sie zu verneinen. Sie durchlebt all die verschiedenen Gefühle, die auf ihre Taten folgen, anstatt sie zu verdrängen. All das wird ihr erlauben, ein emotional gesünderer Erwachsener zu werden, als etwa Ryan Harbiger. Ich glaube, was ich damit sagen möchte, ist, dass Calista das Geschenk hat, eine Künstlerin zu sein. Sie drückt ihre Gefühle aus – und durch diesen Ausdruck kann sie sich verändern.

Interview: Veronika Pfleger / dtv
 
merkzettel (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Merkzettel


zum Merkzettel
warenkorb (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Warenkorb


Gesamtbetrag:
0,00 €
inkl. MwSt. zzgl. Versand
My dtv

Jetzt registrieren