»DIE GROSSE FRAGE DES MENSCHSEINS DÜRFEN WIR NICHT LÄNGER
GEHEIMEN TEAMS IM SILICON VALLEY ÜBERLASSEN«


Im Gespräch mit Moritz Riesewieck über ›Digitale Dreckarbeit‹  

Seine Suche nach den analogen Wahrheiten hinter der digitalen Öffentlichkeit führte den Berliner Theatermacher bis nach Manila. Dort fand er Menschen, die Facebook, Twitter & Co. tagtäglich für uns sauber halten – und einen hohen Preis dafür zahlen.

Herr Riesewieck, Sie wohnen in Berlin, haben etwa 1170 Freunde, fahren Fahrrad und mögen Musik von Wanda. Das weiß ich dank Facebook. Seit ich ›Digitale Dreckarbeit‹ gelesen hab, bin ich überrascht, dass Sie dort ein Profil haben!
Wieso? Facebook ist großartig! Im Ernst: Anfangs habe ich das Netzwerk verflucht wegen des sozialen Drucks, den es erzeugt: Entweder du machst mit, oder du weißt schon bald nicht mehr, was abgeht. Mittlerweile finde ich es vor allem faszinierend, weil es uns provoziert, neu darüber nachzudenken, wie wir kommunizieren, was Gemeinschaft und Öffentlichkeit für uns bedeuten. Wir sollten uns die sozialen Medien zu eigen machen, statt sie zu verdammen.

Wanda habe ich übrigens einen Monat lang rauf und runter gehört und dann nie wieder. Und mein Fahrrad steht seit zwei Jahren mit einem Platten im Hof.

Ach so. Viel geben Sie eh nicht preis. Wüsste ich mehr, wenn wir virtuell befreundet wären?
Innerhalb weniger Klicks hätten Sie ein so umfangreiches Bild von mir, als würden wir uns seit Jahren kennen. Ob das Bild stimmt, ist eine andere Sache …

Was mich auch überrascht: Sie sind kein investigativer Journalist, sondern Theatermacher und Gründer der Compagnie Laokoon, die nach dem Unfassbaren hinter der Realität fahndet.
Wir bewegen uns an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Investigationen. Hans Block, mit dem ich am intensivsten zusammenarbeite, kenne ich seit der Regieschule. Die Dramen, die uns interessieren, schreibt die vernetzte Welt, die Digitalisierung, der größte Epochenwandel seit dem Buchdruck. Laokoon war der Seher in Troja, der als Einziger hinterfragt hat, ob das Holzpferd, das die Griechen gebracht haben, ein Geschenk ist. Heute weiß jeder, der einen Trojaner auf dem Rechner hat, dass er ein Problem hat. Wir wollen wie Laokoon genauer hinschauen: Auch die sozialen Netzwerke erscheinen erst mal wie ein großes Geschenk.

Auf das Unfassbare bei Facebook brachte Sie die Medienwissenschaftlerin Sarah T. Roberts.
Genau, Sarah hat über ›Commercial Content Moderation‹ publiziert und gab uns den Tipp, in Manila zu recherchieren. Statt mit versteckten Kameras in Großraumbüros vorzudringen, wollten wir die Menschen hinter den Clicks kennenlernen und dann ins Analoge und in Analogien übersetzen, was an den Rechnern passiert. Das hat Zeit gekostet. Irgendwann lag die Geschichte vor uns: Zigtausend Clickarbeiter, viele von ihnen strenggläubige Christen, laden die Sünden der Welt auf sich und opfern dafür ihr Seelenheil wie Jesus seinen Leib geopfert hat. Das ist für mich das Überraschende an so einem digitalen Thema: Was unspektakulär daherkommt – Menschen sitzen vor Bildschirmen und klicken –, enthält die großen Fragen der Menschheit.

War Ihnen vorab klar, was Sie mit dem Stoff machen wollen?
Zuerst waren wir einfach neugierig: Da wird eine ganze Industrie vor uns versteckt gehalten? Das hat uns fasziniert. Man hat gleich diese Bilder von ausgebeuteten Arbeiter*innen wie in den Sweatshops im Kopf. Dann haben wir bemerkt, mit welch missionarischem Eifer, welch Bewusstsein viele der jungen Content Moderatoren ihren zermürbenden Job machen. Sie begreifen das Löschen als ihren Auftrag, manche verbinden das mit der Ideologie, die ihr Präsident ausgerufen hat: die soziale Säuberung, der Tausende von Menschen zum Opfer fallen. Für sie sind Menschenrechte und Werte wie die Kunstfreiheit überflüssiger Luxus. Diese Widersprüche fanden wir spannend.

Neben dem Buch haben Sie auch ein Theaterstück entwickelt.
Ja, dank der Förderung von Menschen wie Christian Römer von der Heinrich-Böll-Stiftung oder Alexander Kerlin vom Schauspiel Dortmund. In ›Nach Manila‹ machen wir Facebook zum ›walled garden‹, von dem ich auch in ›Digitale Dreckarbeit‹ schreibe: einem Garten, aus dem sich Unkraut und Ungeziefer trotz eifrigster Gärtner nicht aussperren lassen.

Anfang 2016 präsentierten Sie Ihre Rechercheergebnisse öffentlich, danach deckte unter anderem das ›SZ-Magazin‹ auf, dass auch in Berlin Hunderte Billiglöhner unerwünschte Facebook-Inhalte löschen.
Ich wusste davon schon länger. Es gibt über die Welt verteilt viele solcher kleiner Standorte. Den Unterschied macht nicht nur die Größe des Standortes in Manila aus, an dem Schätzungen zufolge mehrere zehntausend Content Moderatoren für soziale Netzwerke und Dating-Apps arbeiten, sondern auch die fehlende gesellschaftliche Aufmerksamkeit: Während bei uns Gewerkschaften und Minister für faire Löhne, feste Arbeitszeiten und psychologische Betreuung sorgen, haben Facebooks Billiglöhner in Manila keine Lobby. Unter dem Druck, die Großfamilie miternähren zu müssen, wagt kaum jemand, psychische Probleme einzugestehen. Die Regierung deckt alles, weil die Unternehmen ein enormer Wirtschaftsfaktor sind. »It’s more fun in the Philippines« – diesem Slogan haben sich alle unterzuordnen. Der perfekte Ort für die Ausbeutung 2.0.

Reagierten Facebook & Co. auf Ihre Enthüllungen?
Den Outsourcingfirmen ist gedroht worden, Facebook werde den Vertrag mit ihnen kündigen, wenn es nicht gelänge, ihre Leute zum Schweigen zu bringen. Manche Firmen haben daraufhin Detektive engagiert, die die Social-Media-Accounts ihrer Angestellten durchforsten oder ihnen privat hinterherspionieren. Eine unserer Kolleginnen wurde heimlich fotografiert, als sie mit einer jungen Arbeiterin sprach. Das Foto wurde als Warnung an alle Mitarbeiter verschickt. Die, die trotzdem mit uns redeten, haben berichtet, ihnen sei mit horrenden Geldstrafen und Gefängnis gedroht worden.  

»Im Netz verbinden sich der Raum des Spiels und der Raum der Wirklichkeit«, heißt es in ›Digitale Dreckarbeit‹. »Das macht es so gefährlich.«
Die Gefahr ist zugleich das größte Potenzial: das Spiel. Auf Facebook können wir in einem Raum, der virtuell, aber doch eng genug mit der Wirklichkeit verknüpft ist, austesten, wie wir in Zukunft Gesellschaft gestalten wollen. Hier wird die Welt zur Bühne. Wie im Theater können wir sie nutzen, um das Böse zu entlarven, uns mit ihm zu konfrontieren oder auszumalen, was für uns das Gute ist. Allerdings gibt es hier keine Trennung zwischen Schauspielern und Zuschauern mehr, es ist eher eine Art Volkstheater 2.0.

Was möchten Sie dort sehen?
Auf der Bühne Facebook sollten wir nicht die immer gleichen Kammerspiele vom betrogenen Ehegatten und andere Seifenopern aufführen, sondern uns mit Menschen anderer Herkünfte und Zugehörigkeiten über die große Frage auseinandersetzen: Was ist für uns gut, was böse? Wir dürfen das nicht länger geheimen Teams im Silicon Valley und versteckten Arbeiter*innen in Manila überlassen, sondern müssen es da austragen, von wo es bisher verbannt ist: auf Facebook & Co.

Und wie würde das funktionieren?
Statt uns von den Unternehmen verleiten zu lassen, Gemeinschaften der Ähnlichen zu bilden, sollten wir anfangen, Rollen anzunehmen, die uns bisher unbekannt waren, das Andere, Unbekannte erforschen, den Dissens kultivieren, zu spielen beginnen. Erst dann bekommen Facebook & Co. den utopischen Charakter, den sie beanspruchen.

Interview: Tina Rausch
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