1977 hat sich der Idealist Hartmut Gründler selbst verbrannt. Eine historische Figur in einem fiktiven Setting. Wie ist das mit der Wahrheit in Ihrem Roman, Herr Ljubić?

Letztlich ist es eine Frage der Distanz, nicht der Nähe.


Es hat mich zwei Jahre des Schreibens oder besser: des Ausprobierens gekostet, um das zu verstehen. Ich wollte einen Roman schreiben, in dem eine historische Figur eine Rolle spielt, also ein Mensch, der tatsächlich gelebt hat. Ein Bekannter hatte mir von Hartmut Gründler erzählt, der in der Anti-Atomkraft-Bewegung der Siebzigerjahre aktiv war. Aus Protest gegen die Atompolitik der Bundesregierung hat er sich am 16. November 1977 in Hamburg angezündet und ist einige Tage später an seinen Verbrennungen gestorben.
 

Ich hatte zuvor noch nie von Hartmut Gründler gehört, seine Geschichte aber packte mich sofort. Letztlich ging es mir um die Frage: Welche Opfer rechtfertigt der Kampf für eine bessere Welt?


Über diesen Bekannten kam ich mit einem Mann in Kontakt, der sich in den letzten Jahren seines Lebens ganz und gar Hartmut Gründler verschrieben hatte. Er hatte ihm seinerzeit beim Kampf gegen die Atomkraft geholfen und sammelte alles, was er über ihn finden konnte: Dokumente, Artikel, Flugblätter, Briefe. Ich fing an zu recherchieren und führte lange Gespräche mit ihm, um mir ein Bild von Hartmut Gründler zu machen.
 

Das aber führte zu einem Dilemma: Je mehr ich über Gründler in Erfahrung brachte, desto mehr fühlte ich mich verpflichtet, ihm gerecht zu werden. Je mehr ich ihm aber gerecht werden wollte, desto mehr nahm er die anderen Figuren meines Romans in Geiselhaft.


Der Anspruch engte mich ein, im Denken, im Fantasieren und im Schreiben. Ich fühlte mich nicht mehr frei. Und fand den Ton nicht. Meine Erfahrung ist: Wer als Autor einer authentischen Person gerecht werden will, fängt an, Rücksichten zu nehmen und diese Rücksichtnahme überträgt sich auch auf die anderen Figuren, selbst wenn diese fiktiv sind. Auch sie leiden dann unter dem Einfluss der gewollten Authentizität. Es hat lange gedauert, bis ich das verstanden habe und merkte: Je mehr ich mich von Gründler distanzierte, desto mehr lebten die anderen Figuren auf. Letztlich spiegeln Figuren in einem Roman ja auch nur die Gedanken und Gefühle ihres Erfinders – des Autors.

Schließlich verlor Gründler die ihm anfangs zugedachte Hauptrolle – stattdessen rückte die Familie Kelsterberg in den Fokus meines Romans. Eine frei erfundene Familie übrigens.
 

Es ist das, was mir am Schreiben vor allem gefällt: Realität und Fiktion in ein Spannungsverhältnis zu setzen, indem ich eine reale Figur mit einem fiktiven Personenumfeld konfrontiere. Daraus entsteht im besten Fall eine besondere Kraft.


Die Emanzipation von Hartmut Gründler hatte auch Auswirkungen auf meine Recherche. Ich wollte nun nicht mehr alles über ihn wissen, sondern sammelte nur punktuell Eindrücke, Gedanken und Ereignisse aus seinem Leben, die mir genug Raum ließen, um sie mit meiner Fantasie zu füllen. Trotzdem ließ ich ihm seinen echten Namen. Ein fiktiver Name hätte die Aura der Figur verändert oder ihr auf jeden Fall eine ganze Dimension genommen.

Nicol Ljubić

 FAZ.NET über die Selbstverbrennung von Hartmut Gründler
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