Autor, Osman Engin, Romane, dtv

Über den Autor Osman Engin

Osmanografie


Vor genau 50 Jahren, am 31. Februar 1960, bin ich auf der Erde gelandet. Der 31. Februar stimmt natürlich nicht ganz. Das ist nur das Datum, das in meinem Ausweis steht.

Als mein Vater, viele Monate nach meiner Geburt, seine Ernte in der Stadt verkaufte und nachmittags Zeit fand, mich offiziell anzumelden, trugen die Beamten bei der Meldebehörde als meinen Geburtstag wohl das einmaligste Datum der Weltgeschichte ein: 31. Februar 1960! Aber in Wirklichkeit wurde ich damals „Am Tag des ersten Schneefalls“ geboren.

Einige Schneefälle später habe ich meine Frau Eminanim geheiratet. Nach so vielen Jahren nimmt meine Frau es mir immer noch übel, dass ich zu unserem ersten Treffen inklusive Verlobung einen hübschen Kumpel von mir geschickt hatte und erst zur Trauung persönlich aufgetaucht bin. In ihren Augen soll das Betrug gewesen sein. Ich finde mein Handeln völlig legitim. Die Gemüsehändler packen ja auch die schönen und leckeren Gurken nach oben und die vergammelten nach unten.

Trotzdem macht sie mir ab und zu Komplimente. Sie meint zum Beispiel, dass meine Haare sehr klug sind. Jedenfalls viel klüger und konsequenter als sie es jemals war, weil die sich rechtzeitig von mir getrennt hätten!

In Istanbul, bei der gesundheitlichen Untersuchung, um als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kommen zu können, habe ich auch ein bisschen geflunkert. Ich wollte nämlich unbedingt nach West-Deutschland (damals gab’s auch ein Ost-Deutschland). Da habe ich bei der Urinuntersuchung von einem professionellen Urinverkäufer gesunden Urin gekauft, um meine Bewerbung auf gar keinen Fall zu gefährden. Im Grunde genommen habe ich es nur der hervorragenden Qualitätspisse aus Istanbul zu verdanken, dass ich nach Bremen kommen durfte.

Kurz nach unserer Ankunft sagte meine Frau, die zweitgrößte Nervensäge des Mittleren Orients: „Osman, das bisschen Geld, das du in Halle 4 verdienst, reicht hinten und vorne nicht. Deshalb habe ich dir einen 1-Mark-Job besorgt. Ab sofort wirst du auch ein sogenannter Schriftsteller! Dafür hast du alle Qualifikationen: Du kannst nicht richtig lesen, du kannst nicht mal deinen Namen fehlerlos schreiben und du hast weniger als null Fantasie. Aber dumm rumschwätzen und Leute nerven, das konntest du schon immer gut! Menschen mit solchen Fähigkeiten werden entweder Schriftsteller oder Politiker. Ich will aber nicht als Politikerfrau durch die Gegend laufen!"

Unsere deutschen Nachbarn, unter anderem Oma Fischkopf, Opa Prizibilsky und Herr Nöllemeier, sind der Meinung, dass wir ein bisschen zu viele Kinder hätten. Aber die machen wir doch nicht selbst – die kriegen wir von Allah geschenkt. Und die heißen Recep, Mehmet, Nermin, Zeynep und Hatice. Recep ist ein Helgaist, ich meine, er ist mit Helga aus Ostfriesland verheiratet und hängt sehr an ihr. Mehmet ist Kommunist und hängt ständig in der Disco, Nermin ist Feministin und macht die Frauenhäuser unsicher, Zeynep ist Visagistin und hockt den ganzen Tag vor dem Spiegel und Hatice ist Satanistin, ich meine, das Kind ist wie ein Teufel! Ich werde aus ihr nicht schlau, weil sie so unglaublich schlau ist. Von wem sie diese unverschämt hohe Intelligenz wohl geerbt hat? Von meiner Frau Eminanim vermutlich nicht und von mir garantiert nicht! Als ich so alt war wie sie, war ich bei Weitem nicht so klug wie sie. Ehrlich gesagt, nicht mal als ich geheiratet habe, denn sonst hätte ich nie geheiratet. Ich befürchte, ich bin sogar jetzt mit meinen 50 Jahren auf dem Buckel immer noch nicht halb so schlau, wie Hatice es mit ihren acht Jahren ist.

Liegt es am Fernseher, an der Ganztagsschule, am neuen Kompjuter oder an meinem Onkel Ömer? Der ist nämlich auch so ein Schlaumeier wie sie! Man sagt ja, dass Töchter häufig ihrem Onkel sehr ähnlich sehen. Aber Onkel Ömer ist ja mein Onkel, was hat also Hatice mit ihm zu tun? In letzter Zeit wünsche ich mir, dass ich mit ihm auch nichts zu tun hätte!

Er hat leider mitgekriegt, dass ich seinen komischen Namen „Ömer“ in ein oder zwei unbedeutenden Geschichten verwendet habe, ohne ihn vorher zu fragen. Jetzt will der bauernschlaue Halsabschneider unverschämt hohe Tantiemen dafür von mir haben. Letzte Woche habe ich ihm 26 Euro überwiesen (er wollte nämlich genau 50 türkische Lira haben), hoffentlich gibt dieser raffgierige Verwandte aus meinem Dorf jetzt endlich wieder Ruhe!

Mein kommunistischer Sohn Mehmet gibt leider nicht mal für 260 Euro Ruhe! Der ewige Student wird mit Sicherheit so lange zur Uni gehen und mich endlos nerven, bis ich im Jenseits lande. Vorher wird er sein Zimmer bei uns im Karnickelweg 7b garantiert nicht räumen. Von meiner Frau Eminanim ist in der Hinsicht auch keine Hilfe zu erwarten. Die Zweitgrößte Nervensäge des Mittleren Orients unterstützt Mehmet sogar bei seinem Plan, bis zu seinem 100. Lebensjahr irgendwas Komisches zu studieren und dabei all die Jahre bei uns zu wohnen. Ein Glück, dass ich meinen grasgrünen 68er Ford-Transit und meine heißgeliebte Halle 4 habe, wo ich mich ein bisschen von dem elenden Stress bei mir zu Hause erholen kann!

Der Autor Osman Engin

Osman Engin, geboren am 25. September 1960 nördlich von Izmir, kam als Zwölfjähriger nach Deutschland. Bereits während seines Sozialpädagogik-Studiums begann er zu schreiben und veröffentlichte seine Satiren in überregionalen Printmedien. Im ›Funkhaus Europa‹ präsentiert er seit 2002 seine Kurzgeschichten im Rahmen der wöchentlichen Rubrik »Alltag im Osmanischen Reich«. Für seine Hörfunkbeiträge wurde ihm 2006 der ARD-Medienpreis verliehen. Der Autor lebt in Bremen, wenn er nicht gerade für eine seiner zahlreichen Lesereisen Deutschland, Österreich oder die Schweiz bereist.
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