Paola Peretti, In der Nacht hör ich die Sterne

Interview mit der deutschen Übersetzerin Christiane Burkhardt

Christiane Burkhardt, studierte Italienische Literaturwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur und Kunstgeschichte und arbeitete als Lektorin, bevor sie sich vor über 15 Jahren mit textkontor selbstständig machte. Sie übersetzt aus dem Italienischen, Niederländischen und Englischen und ist die deutsche Stimme von u. a. Paolo Cognetti, Fabio Geda, Domenico Starnone, Lieneke Dijkzeul, Philip Dröge, Wytske Versteeg, Hannah Richell und Pamela Druckerman. Beim Übersetzen strebt sie eine Art ››Sprachmimikry‹‹ an, eine Ähnlichkeit gestaltlicher Muster, die so groß ist, dass man meinen könnte, der Text wäre von Anfang an auf Deutsch verfasst worden.
 

Interview mit der Übersetzerin von ›In der Nacht hör ich die Sterne‹

1. Wie war es für Sie, eine solch berührende Geschichte zu übersetzen?

Es passiert nicht alle Tage, dass einen ein Projekt so anspricht.
Allein schon der Aufbau der Geschichte! Das schrumpfende Sehvermögen der kleinen Heldin wird durch die Entfernung verdeutlicht, in der sie ihren geliebten Kirschbaum noch klar erkennen kann. Eine Entfernung, die im Laufe des Buches erbarmungslos heruntergezählt wird: Erst sind es siebzig Meter, dann sechzig, dann fünfzig und immer so weiter. Das ist so beklemmend und vermeintlich auswegslos – wäre da nicht Mafaldas Plan …
Der geht zwar ganz anders auf als gedacht, aber er geht auf.
Das ganze in einer völlig unsentimentalen Sprache, ohne jeden Kitsch und ohne jedes Pathos. Toll!

2. Wenn Sie erblinden würden, was würde noch auf Ihrer To-do-Liste stehen?

Natürlich ganz schnell die Brailleschrift lernen und mich mit anderen computergestützten Hilfsmitteln vertraut machen, damit ich auch weiterhin lesen und nach Möglichkeit übersetzen kann. Das wäre meine spontane Reaktion.
Aber nach meiner Beschäftigung mit ›In der Nacht hör ich die Sterne‹ sollte ich vielleicht lieber sagen: Nicht krampfhaft an Bewährtem festhalten, sondern gucken, was es sonst noch für Optionen gibt. ››Blinde Flecken‹‹ gibt es schließlich nicht nur in der Augenheilkunde …
Und sonst, ganz konkret: Die ein oder andere Reise unternehmen. Mir mal den Norden anschauen, statt immer nur gen Süden zu reisen.

3. Was war für Sie die größte Herausforderung beim Übersetzen von ›In der Nacht hör ich die Sterne‹?

Auf der persönlichen Ebene: Seit bei mir mit Anfang zwanzig ein Loch in der Netzhaut festgestellt wurde, das jedoch zum Glück gelasert werden konnte, ist meine größte Angst, die, zu erblinden. Der musste ich mich bei der Arbeit an diesem Buch stellen.
Umso mehr Respekt habe ich seitdem vor der Autorin Paola Peretti!
Und auf der sprachlichen Ebene: Den kindlichen Ton der Erzählerin zu treffen: Mafalda ist ja wirklich noch sehr jung.

4. Was ist Ihrer Meinung nach das Herzstück dieser Geschichte?

Für mich ist das Buch auch eine Geschichte über das Geschichtenerzählen an sich: Das dient eben nicht nur dazu, der Realität zu entfliehen, sondern hat auch die Macht, sie aktiv zu verändern:
Geschichten sind Vorbilder.
Geschichten spenden Trost und Kraft.
Und gute Geschichten sind alles andere als eindimensional (enden also nicht bei ››Null Meter‹‹-Sehvermögen, um bei Mafalda zu bleiben), sondern verzweigen sich, lassen sich in viele Richtungen weitererzählen. Vorausgesetzt, man vergisst nicht, dass man selbst eine Stimme hat!

5. Was ist das Besondere am Beruf der Übersetzerin?

Was ich besonders liebe, ist, mit diesen verschiedenen Stimmen sprechen zu dürfen, die besondere Melodie zu finden, die einen Text ausmacht. Ihn so ins Deutsche zu übertragen, dass man glaubt, der Text wäre von Anfang an auf Deutsch verfasst worden. Hat man diese Herausforderung gemeistert, ist das pures Glück.
Weil ich aus drei Sprachen übersetze (aus dem Italienischen, Niederländischen und Englischen) und im Roman sowie im Sachbuch zu Hause bin, wird es auch selten langweilig: Jeden Morgen, wenn ich mich an den Schreibtisch setze, bin ich gespannt, wie es im Text weitergeht. Und ich lerne jeden Tag etwas dazu: Mal eigne ich mir medizinische Fachkenntnisse über die Augen oder das Gehirn an, mal recherchiere ich über das korrekte Packen eines Fallschirms und mal über das Bergsteigen und die verschiedenen Wörter für Gebirgsformationen. Mit dem Kopf bin ich überall unterwegs  – gleichzeitig brauche ich viel Sitzfleisch! Zum Glück habe ich einen Hund, der zwingt mich, nicht nur die Gedanken spazieren zu lassen, sondern auch die Beine.

6. Welche Bücher lesen Sie besonders gerne?

Bücher, die Fenster zur Welt sind und mir erlauben, einen ganz neuen Blick darauf zu werfen. Bücher, die mich überraschen, mich dazu bringen, vorgefasste Meinungen über den Haufen zu werfen. Die dürfen auch gern mal experimentell sein, vorausgesetzt, sie haben wirklich was zu erzählen. Mein absolutes Lieblingsbuch der letzten Jahre: Jennifer Egan, ›Der größere Teil der Welt‹. Und der letzten Wochen? Celeste Ng, ›Kleine Feuer überall‹.
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