Ruth Ware

Interview mit der deutschen Übersetzerin Stefanie Ochel

Stefanie Ochel übersetzt seit 2014 vor allem aus dem Englischen und Niederländischen. Bevor sie sich ganz dem Übersetzen zuwandte, war sie in Finnland und anschließend acht Jahre in England als Deutschdozentin an verschiedenen Universitäten tätig. Seit 2017 lebt und übersetzt sie in Berlin.














1) Sie kennen durch die Übersetzungsarbeit die Thriller von Ruth Ware besonders gut – im englischen Original und im Deutschen. Was ist für Sie das Besondere daran? 
 
Das Besondere ist aus meiner Sicht, dass in jedem der Romane der Schauplatz eine ganz zentrale Rolle spielt und wie eine weitere Figur ins Geschehen eingeführt wird. Die atmosphärischen Ortsbeschreibungen nehmen viel Raum ein und schaffen eine düstere Stimmung. Der Schauplatz tritt gewissermaßen als Teil des Personals auf, ihm werden nicht nur Eigenschaften zugeschrieben, sondern er macht meist auch eine Entwicklung durch oder unterliegt ››Stimmungsschwankungen‹‹. Mal ist die Landschaft atemberaubend schön, pittoresk oder zumindest ruhig und friedlich, im nächsten Moment wirkt sie unwirtlich oder regelrecht lebensfeindlich. Das kann ganz schön gruselig werden. Dieser Aspekt zieht sich für mich wie ein roter Faden durch Ruth Wares Romane – in ihrem Debüt Im ›Im dunklen, dunklen Wald‹ waren es eben der dunkle Wald im Nordosten Englands und das unheimliche ››Glass House‹‹ mit seiner riesigen Fensterfront, in ›Woman in Cabin 10‹ finden wir uns auf einem klaustrophobisch kleinen Luxuskreuzer auf dem rauen Meer wieder – und stellen uns mit der Protagonistin vor, was sich wohl gerade in der eisigen Tiefe dieses Meeres abspielt. Der dritte, im Herbst erscheinende Roman ›Wie tief ist deine Schuld‹ spielt zum Teil in einer maroden Mühle an einer weiten Flussmündung umgeben von Marschland. Der Wechsel der Gezeiten prägt die Landschaft, die Atmosphäre im Haus und die Handlung. Ein anderer wichtiger Schauplatz im Buch ist das Internat, ein imposantes Gebäude inmitten der Marschlandschaft, mit vielen unheimlichen Fluren und Treppen. Und auch im vierten Roman, an dem ich gerade arbeite, bekommen die Orte wieder einen großen Auftritt, aber darüber kann ich noch nicht mehr verraten.  
Außerdem, und das ist vielleicht der Grund, warum in Besprechungen der Bücher immer mal wieder der Name Agatha Christie fällt, ist Ruth Ware eine sehr gute Fährtenlegerin – jedes Mal haben wir es in kammerspielartigen Szenarien mit einer oder auch zwei Handvoll Figuren zu tun, von denen fast keiner über den Weg zu trauen ist – jeder kann jederzeit unter Verdacht geraten.
Auch ist den Romanen gemeinsam, dass es sich bei den Protagonisten immer um psychologisch nicht ››einfache‹‹, nach außen hin zwar robuste, doch innerlich oftmals zerbrechliche Frauen handelt, die nicht immer sympathisch agieren. Sie werden in gefährliche Situationen geworfen, in denen sie nicht mehr wissen, auf wen sie sich noch verlassen können. Und sind dann nicht nur gezwungen, ihre eigene Haut zu retten, sondern ein Verbrechen aufzuklären und weitere zu verhindern.
 
2) Was sind bei den Büchern von Ruth Ware die größten Herausforderungen beim Übersetzen?
 
Sicher besteht eine der Herausforderungen in der erwähnten zentralen Rolle, die der Schauplatz spielt. Dabei kann es sich mitunter um Orte handeln, die ich nicht kenne und weder besuchen noch mit der Google-Bildersuche ermitteln kann – weil sie entweder gar nicht existieren, oder etwas anders als im Buch beschrieben.  Einen nicht-existenten Schauplatz und die gewünschte Atmosphäre so rüberzubringen, dass für die deutschen Leser*innen möglichst die gleiche Schönheit oder eben das gleiche beklemmende Gefühl entsteht – das ist eine Herausforderung. Im Kopf der Autorin sind es ja konkrete, fassbare Orte – Landschaften, Gebäude – ich aber muss diese Orte anhand ihrer Beschreibungen erst Stück für Stück in meinem Kopf nachbauen, bevor ich sie auf Deutsch entstehen lassen kann. Wo endet eine Treppe in welchem Winkel zu welchem Zimmer, lehnt die Person jetzt eher rechts oder links im Türrahmen, damit diese oder jene Geste funktioniert, welchen Blick hat man vom Zaun auf das Haus oder auf die Landschaft, wie groß muss der Busch sein, damit er dieses oder jenes verdeckt? Solche und ähnliche ganz praktische Fragen muss man sich beim Übersetzen immer wieder stellen.
Auch die Identifikation mit den Figuren stellt manchmal eine Herausforderung dar – wie gesagt begegnen wir in den Romanen oft innerlich zerrissenen, mitunter auch anstrengenden Figuren, die sich nicht immer so verhalten oder so reagieren, wie ich es mir für sie wünsche – manchmal regt sich in mir richtig Widerstand dagegen, sie etwas Bestimmtes tun, denken oder sagen zu lassen. Ich möchte sie schließlich vor Schlimmerem bewahren, weil ich mit ihnen mitfiebere. Aber natürlich kann ich den Figuren nicht auf die Sprünge helfen und muss sie ihre eigenen Fehler machen lassen - da geht es mir ganz wie den Lesern.
Ein anderer Aspekt, der Herausforderungen bereiten kann, ist das Übertragen besonders aktionsreicher Passagen, also gerade da, wo es rasant zugeht und sich der Thriller-Aspekt dieser Bücher entfaltet. Zwar enthalten die Romane auch viele ruhigere, beschreibende Passagen, aber zwischendurch wird das Tempo heftig angezogen - und das Englische verfügt über sehr elegante Möglichkeiten, solch atemlose Szenen zu erzählen. Vielleicht ist es in dieser Hinsicht etwas geschmeidiger, weil es mit weniger Worten eine Handlung andeuten kann. Das Deutsche erlaubt weniger grammatische Auslassungen, und gerade die Verbkonstruktionen, die ja bei handlungsbetonten Szenen besonders wichtig sind, sind im Deutschen oft etwas länger oder schwerfälliger. Ja, also das sehe ich als Herausforderung: die spannenden, rasanten Szenen im Deutschen ebenso rasant zu machen.
 
3) Worauf können sich die deutschen Leser bei ›The Lying Game‹ freuen, das Ende November in Deutschland unter dem Titel ›Wie tief ist deine Schuld‹ erscheint?
 
Wieder auf einen Schauplatz, der faszinierend und schaurig zugleich ist, und die Leser*innen hoffentlich in seinen Bann zieht. Außerdem auf eine Geschichte über Schuld und Schuldgefühle, und über die Freundschaft zwischen vier Frauen, die ein schreckliches Geheimnis verbindet. Auf einen Krimi, der Elemente einer klassischen Internatsgeschichte in ein modernes, düsteres Gewand kleidet.
 
4) Was schätzen Sie am Beruf der Übersetzerin? 
 
Ich mag, dass jedes Buch mich auf eine Reise mitnimmt. Man verreist in die Gedankenwelt eines anderen, wohnt übergangsweise im Kopf des Autors – vielleicht ist es auch umgekehrt. Und man lernt beim Übersetzen jeden Tag so viel dazu, auf eine so schöne Art. Man lebt in Geschichten und arbeitet den ganzen Tag mit Sprache. Man erschafft mit Sprache etwas Neues, muss aber trotzdem keine Angst vor dem weißen Blatt haben – die Geschichte ist schon da, sie hat sogar schon eine Form, und man erzählt sie in der eigenen Muttersprache neu. Und weil ich mich schon immer zu Fremdsprachen, zu fremdsprachlichen Ausdrucks- und Denkweisen hingezogen fühlte, genieße ich heute die Möglichkeit, durch das Original, an dem ich arbeite, tief in die fremde Sprachwelt eintauchen zu können, und dadurch im Idealfall meine eigene Sprachwelt zu bereichern. 
 
Mir macht Spaß, dass man viel um die Ecke denken, recherchieren und knifflige Probleme lösen muss. Es ist ein Beruf, in dem man seine Kreativität entfalten kann, aber dabei akribisch bleiben muss, also auch seine Pingeligkeit ausleben kann. Mal braucht es vor allem Intuition und ein paar gute Einfälle und es geht federleicht von der Hand – das ist die pure, kreative Freude. In anderen Momenten aber ist es vielmehr präzise, mühevolle handwerkliche Arbeit, die viel Ausdauer erfordert. Man hat einen Werkzeugkasten, man baut einen Satz auseinander und setzt ihn neu zusammen, man legt die Wasserwaage an, und dann verrückt man, schraubt, zurrt, drückt und sägt hier und da noch ein bisschen, bis es passt. Eine Mischung aus Tüfteln und Tanzen also! Und beides kann schweißtreibend sein … 
Dass es am Ende passt, weiß man, wenn es richtig klingt, wenn man den richtigen Ton getroffen hat. Manchmal muss man auch einsehen, dass man sich mit der Übersetzung nur annähern kann an das Was und das Wie des Originals. Und das sollte dann keine tollpatschige, sondern eine möglichst elegante Annäherung sein.
Auch mag ich die örtliche Ungebundenheit dieses Berufs: Es ist ja nicht nur so, dass das Buch einen auf eine Reise mitnimmt – das Umgekehrte trifft auch zu! Übersetzen kann man – je nachdem, in welcher Arbeitsphase man sich gerade befindet – eigentlich überall: zu Hause auf dem Balkon, im Café, in der Bibliothek, im Zug, im Park. Oder man geht ins Europäische Übersetzerkollegium in Straelen, das Eldorado der Literaturübersetzer, wo man ungestört und unter besten Bedingungen recherchieren und übersetzen kann.
Und nicht zuletzt auch die Erkenntnis, dass man sich in diesem Beruf, den man meist allein an seinem Schreibtisch ausübt, gar nicht so allein fühlen muss – die Literaturübersetzer*innen sind nicht nämlich nur ein bücherliebendes, sondern auch ein ganz schön nettes, kollegiales und weltoffenes Völkchen. 
 
5) Welchen Autor würden Sie gerne einmal übersetzen und warum?
 
Das letzte Mal, dass ich ganz bewusst dachte: ››Ach, das hätte ich gern selbst übersetzt‹‹, war letztes Jahr bei der Lektüre von Celeste Ngs Debütroman „Was ich euch nicht erzählte“ und zwar in Brigitte Jakobeits wunderschöner Übersetzung. Mir hat die Übersetzung so gut gefallen, dass ich mir wünschte, ich wäre selbst dafür verantwortlich gewesen. Ich bin nun auch auf den zweiten Roman ›Kleine Feuer überall‹ sehr gespannt – und wahrscheinlich werde ich ihn wieder in der Übersetzung lesen, schließlich habe ich mich jetzt an die Stimme der Übersetzerin gewöhnt!
Wenn Träumen erlaubt ist, dann wäre es vielleicht die schottische Autorin Ali Smith. Ihre Bücher haben für mich etwas so Beglückendes und Tröstendes, da steckt bei allen noch so schweren, erschütternden Themen so viel Menschenliebe, so viel Intelligenz und Witz, so viel Poesie mit drin – was sie mit der englischen Sprache macht, ist einfach wunderbar, sie erzählt mit Tiefsinn und emotionaler Wucht, aber dabei so leichtfüßig. Sie würde ich gern einmal übersetzen, auch weil ich mich dadurch noch näher mit ihren Texten auseinandersetzen könnte – und es wäre eine riesige Herausforderung. Auf Anhieb fallen mir unter den Briten noch Edward St Aubyn, Will Self, A.L. Kennedy, James Kelman, Zadie Smith, Jenny Diski und Nicola Barker sein, von denen ich gerne einmal etwas übersetzen würde. An ihnen mag ich, vielleicht in jeweils unterschiedlicher Gewichtung, ihren Umgang mit Sprache, ihre Gedankenschärfe, ihre Originalität, und, wenn man das so sagen kann, ihren Blick auf die Welt. Ich möchte, ganz allgemein, sehr gern Autoren übersetzen, die gekonnt und schöpferisch mit Sprache umgehen, dabei spielt keine Rolle, ob sie eher karg und prägnant oder bildhaft und eindringlich schreiben – beides bietet spannende übersetzerische Herausforderungen. Ich möchte berührende, intelligente Geschichten übersetzen, die mit Authentizität, Tiefgang und Witz von interessanten Menschen oder Ereignissen erzählen, von Zerrissenheit, Verrücktheit, Trauma. Das Tolle beim Literaturübersetzen ist ja auch gerade die Abwechslung – es macht mich glücklich, wenn ich an einem neuen spannenden Buch arbeiten kann. Und auch die Abwechslung bei den Ausgangssprachen macht es für mich aus – mein Ziel ist, noch mehr aus dem Niederländischen und in Zukunft auch aus dem Französischen zu übersetzen.
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