»Geschichte verläuft nicht fokussiert auf ein staatstragendes Ereignis«

Im Gespräch mit Sabine Pamperrien über ›1967: Das Jahr der zwei Sommer‹

Für ihr Buch über das Jahr 1967 las sich die Publizistin durch Tagebücher, autobiografische Texte und Briefe, durchforstete Medienarchive und studierte Sekundärliteratur. So entstand eine aufschlussreiche und spannende Chronik – mit gespenstischen Parallelen zur Gegenwart.

Frau Pamperrien, in Deutschland wird über Radikalismus in der Demokratie diskutiert, über ein NPD-Verbot, das Bildungswesen und Beziehungskonzepte jenseits der Ehe. In den USA sorgt sich ein Großteil der Bevölkerung um die Integrität des Landes, in Griechenland geht es drunter und drüber. Wir schreiben das Jahr …
So zusammengefasst könnte man denken, es gehe um 2017. Tatsächlich geht es um ›1967: Das Jahr der zwei Sommer‹. Diese Chronik hält einige Déjà-vus bereit.

Haben Sie die vielen Parallelen zu heute überrascht?
Sehr sogar. Ich war irgendwann wie elektrisiert. Ganz unwissenschaftlich immer neugieriger durch einen ausgeprägten »Das gibt’s doch nicht«-Reflex. Es geht bis zur Gleichheit der Formulierungen. Abschreckendes Beispiel: die Äußerungen des AFD-Manns Björn Höcke zu den Folgen der Entnazifizierung. Rückgratlos soll die politische Umerziehung nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs die Deutschen gemacht haben – so schwadronierte 1967 NPD-Chef Adolf von Thadden. Und wenn jetzt Madonna in Washington Trump entgegenhält, dass es nur um Liebe geht … Alle 50 Jahre grüßt das Murmeltier.

Der Buchtitel ›1967: Das Jahr der zwei Sommer‹ bezieht sich auf die Hippiebewegung »Summer of Love« in den USA und dem von Rassenunruhen erschütterten »Long, Hot Summer«. »Trotz oder gerade wegen ihrer Gegensätzlichkeit«, schreiben Sie, »sind beide Sommer ideell eng miteinander verwoben.« War das Ihre Ausgangsthese?
Tatsächlich ergab sich das während des Schreibens. Anfangs sah ich nur die beiden völlig gegensätzlichen Bewegungen. Erst in der Rekonstruktion der Umstände, aus denen heraus sich die umstürzenden Ideen entwickelten, zeigen sich die inneren Zusammenhänge. Beides sind Befreiungsbewegungen, auch gegen gesellschaftlichen Muff gerichtet, vielmehr aber gegen missbräuchliche Ausübung staatlicher Gewalt. Justiz und Polizei agierten damals teilweise völlig losgelöst von rechtsstaatlichen Grundsätzen. Wohlgemerkt: Justiz und Polizei demokratischer Staaten.

Wie kam es denn zu Ihrem großen Interesse für 1967?
Das hat einen langen Vorlauf. In der wiederkehrenden Diskussion um die sogenannten 68er hat mich seit jeher die extreme Verkürzung, letztlich Verteufelung gestört. Klar, dass man dann schaut, wie die Welt davor eigentlich aussah. Ich gehe Dingen schrecklich gern auf den Grund. Und, ehrlich gesagt, ich kratze leidenschaftlich gern an Fassaden. Kratz, kratz, kratz – plötzlich sind die Dinge ganz anders, als man dachte.

Und wie haben Sie recherchiert? Es gibt fabelhafte Anekdoten wie die von Alice Schwarzer, die 1967 den Führerschein besteht, weil sie jung ist, blond und Miniröcke trägt.
Alice Schwarzer war ein echter Feger! Die Anekdote stammt von ihr selbst. Ich habe Tagebücher, autobiografische Texte und Briefe gesucht. Ich wollte nicht retrospektiv und analytisch schreiben, sondern den speziellen Sound des Jahres durch Selbstzeugnisse spürbar machen. Da bin ich ganz Kempowskianerin – das Buch ist meine Hommage an Walter Kempowski. Geschichte verläuft nicht fokussiert auf ein staatstragendes Ereignis. Am selben Tag, an dem in Griechenland das Militär putscht, kann es bei MeierMüllerSchulze zu einem herrlichen Besäufnis kommen, bei dem Nachbar Schmidt sich köstlich daneben benimmt. Diese Gleichzeitigkeit fasziniert mich, danach habe ich gesucht. Hinzu kamen Medienarchive und Sekundärliteratur. Viele Fragen tauchten beim Schreiben auf, etwa, wie der Normalsparer 1967 sein Geld anlegte. Ganz anders als heute, also auch erzählenswert.

Ihr Durchschnittsbürger heißt Kurt Drechsler. Der 31-jährige Beamte notiert akribisch seine Einkünfte und Ausgaben. Wie sind Sie auf ihn gekommen?
Flurfunk. Die Drechslers sind so etwas wie meine Zweitfamilie. Kurts ältester Sohn Jobst hat mich drauf gebracht, als ich ihm von dem Buchprojekt erzählte.

Neben den politischen, kulturellen, gesellschaftlichen und sportlichen Ereignissen zieht sich ein realer Krimi durch ihr Buch: 1967 treibt der Eisenbahnerpresser ›Roy Clark‹ sein Unwesen – und wird zum Jahresende gefasst.
Über diesen irren Zufall habe ich vor lauter Unglauben zuerst schallend gelacht. Ich hatte erst die Aufzeichnungen des Bundesbahninspektors Kurt Drechsler bekommen. Und dann stellt sich heraus, dass zudem ein Eisenbahnattentäter, den die Polizei lange für einen Eisenbahner hielt, das ganze Jahr lang die Deutschen in Atem hielt. Plötzlich hatte ich einen zweiten starken Erzählstrang, der spürbar macht, was die Menschen damals bewegte.

Jetzt die Gretchenfrage: Wer ist Ihr Held/Ihre Heldin des Jahres 1967?
Puh, da kann ich mich schwer entscheiden. Muhammad Ali, dessen menschliche Größe sich in diesem Jahr zeigt? Kurt Drechsler, stellvertretend für all die anderen Normalbürger, deren Bedeutung für die Gesellschaft so selten thematisiert wird? Kathrine Swytzer, die als Mann verkleidet den Boston-Marathon mitläuft und der männlichen Welt beweist, dass entgegen deren Behauptung Frauen sehr wohl eine solche Distanz bewältigen können?
Ich hab’s nicht so mit Helden, muss ich gestehen. Juristen wie Fritz Bauer und Gustav Heinemann mit ihrem untrüglichen Rechtsempfinden, durch das der Rechtsstaat erst zu dem wurde, wofür wir ihn heute verehren, beeindrucken mich sehr. Ja, ich glaube, das sind meine Helden.

Angenommen, Sie würden sich noch mal so intensiv mit einem Jahr beschäftigen wie für ›1967: Das Jahr der zwei Sommer‹. Welches wäre es?
Ich bin schon dabei, möchte aber noch nichts Genaues verraten. Die Zeitreise durch 1967 war so spannend und aufregend, dass ich wohl süchtig geworden bin, in früheren Jahren herumzuspazieren, unter jeden Stein zu gucken und einem Lebensgefühl nachzuspüren.

Interview: Tina Rausch / freie Journalistin
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