»Die einzige Flagge, die ich schwenke, ist die der Leeds United.«

Im Gespräch mit Tim Marshall über ›Im Namen der Flagge‹  


Mr. Marshall, besitzen Sie selbst eine Flagge – und haben Sie jemals eine geschwenkt?
Tatsächlich habe ich mittlerweile Dutzende von Flaggen – allerdings nur, um Sie bei Veranstaltungen zu meinem Buch ›Im Namen der Flagge‹ zu zeigen. Nicht zu schwenken, wohlgemerkt: Die einzige Flagge, die ich schwenke, ist die der Leeds United, für die ich ein Dauerkarte habe. Wir waren mal sehr bedeutend …

In Ihrem vorherigen Buch haben Sie gezeigt, wie geographische Gegebenheiten die Weltpolitik beeinflussen. Nun erklären Sie Politik und Geschichte anhand von Flaggen. Hatten Sie diese Idee, während Sie ›Die Macht der Geographie‹ schrieben?
Ja, nachdem ich das Buch beendet hatte, dachte ich weiter über Nationalismus und Symbolik nach. Flaggen erschienen mir gut geeignet, beides zu erklären. In meinem nächsten Buch, das im kommenden Jahr erscheinen soll, nutze ich ein weiteres ›Vehikel‹, um diese Themen zu vermitteln.

Bäte man hundert Menschen, ein Objekt zu wählen, das für sie das Vereinigte Königreich repräsentiert, würden dem britischen Flaggendesigner Graham Bartram zufolge »99 den Union Jack bringen und vielleicht einer eine Teekanne«. Was brächten Sie mit?
Als gewissenhafter Europäer schrecke ich davor zurück, vaterländische Symbole zu propagieren, aber wenn ich ehrlich bin: Ein Denkmal oder Bildnis von Churchill vermittelt für mich die ganz spezielle ›Britishness‹. Und dann gibt es noch die Kreidefelsen von Dover. Ich vermute, sie sprechen unsere – vielleicht auch unbewusste – Identität als Inselvolk an. Kürzlich sah ich den Kinofilm ›Dunkirk‹ über die Evakuierung der britischen Armee 1940: Die Kreidefelsen stehen dort ganz klar für Heimat.

Und was steht für Deutschland?
Wenn wir unsere Teekanne haben, habt ihr euren Maßkrug! Nehmen wir Franz Beckenbauer beim Schuhplattler in Lederhosen dazu, und schon sind wir beim Inbegriff des deutschen Stereotyps. Doch im Ernst: Ich sehe im Brandenburger Tor Deutschlands Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Sie haben aus über 30 Ländern aus aller Welt berichtet. Konnten Sie Unterschiede ausmachen, wie einzelne Völker zu ihren Flaggen stehen?
Die größten Unterschiede liegen weniger zwischen Land A und Land B als vielmehr zwischen den Nationen, die kulturell homogen sind, und solchen, auf die das nicht zutrifft. Menschen in weitgehend homogenen Staaten fühlen sich ihrer Flagge meist verbunden. In Ländern mit vielen Nationalitäten herrschen hingegen oftmals ambivalente Gefühle gegenüber der Landesflagge vor.

»Wenn wir aber die Flaggen verstehen«, schreiben Sie im Kapitel »Flaggen der Angst«, »dann hilft uns das dabei, die Ereignisse zu begreifen, über die jeden Abend in den Nachrichten berichtet wird.« Ganz kurz: Wie gelang es dem sogenannten Islamischen Staat, mittels einer Flagge seine grausame Botschaft zu vermitteln und sich dabei auf den Propheten Mohammed zu beziehen?
Der Überlieferung zufolge war die Flagge Mohammeds schwarz und quadratisch – so wie die des IS. Die Strategie des IS ist, mithilfe dieses Design schrecklichste Gräueltaten zu transportieren und so weit wie möglich zu streuen: Die Flagge ist fester Bestandteil der Propaganda. Über die Jahre wurde sie so zum Synonym für die Grausamkeit des IS und zu einem Symbol, dessen reines Betrachten Angst auslöst.

Gute Gefühle vermittelt hingegen die italienische Trikolore: Die Flagge erinnert Sie an Avocado, Mozzarella und Tomate. Sie schreiben ihr ›Soft Power› zu. Was ist das?  
In der Flaggenkunde spricht man davon, wenn eine Flagge den Staat nicht lediglich repräsentiert, sondern auch dessen Kultur und Werte vermittelt. Die italienische Flagge ist ein gutes Beispiel für ›Soft Power‹: Sie symbolisiert das typisch italienische Dolce Vita.

Gibt es eine Flaggen-Geschichte, die Sie während Ihrer Arbeit an ›Im Namen der Flagge‹ besonders überrascht hat?
Ja, die der äthiopischen: Ihr faszinierender Einfluss auf Flaggen in ganz Afrika, aber auch ihre Verbindungen zu Israel und Jamaica waren eine große Entdeckung für mich.

Ist das dann Ihre neue Lieblingsflagge – oder haben Sie so etwas gar nicht?
Tatsächlich hatte ich schon immer ein besonderes Faible für die Flagge Mazedoniens: Mit ihrer prachtvollen Sonne ist sie eine echte Ausnahmeerscheinung in Europa.
 
Mr. Marshall, meine letzte Frage kann ich mir nicht verkneifen: Kennen Sie den Podcast ›Fun with flags‹ aus der Sitcom ›The Big Bang Theory‹?  
Ha, ich hatte davon keine Ahnung! Erst seit ›Im Namen der Flagge‹ erschienen ist, bekomme ich immer wieder mit, wie beliebt diese Serie in der ganzen Welt ist. Mittlerweile habe ich sie mir angesehen – mit großem Vergnügen.

Interview: Tina Rausch
August 2017
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