Tom Rachman über ›Die Gesichter‹

Liebe Leser,


ein Buch zu schreiben vergleichen Autoren gern damit, ein Kind zu bekommen: Jahrelang arbeitet man daran, bis man es in die Welt entlässt, in der es aus eigener Kraft gedeihen oder scheitern muss. Aber dieser Vergleich ist Unsinn. Ein Buch kann man auf halbem Weg aufgeben. Man kann sich auch nach der Veröffentlichung noch davon lossagen, kann es einfach vergessen und von Neuem beginnen. Mit einem Baby ist das anders: Ist es einmal da, gibt es kein Zurück mehr.

Jahrelang habe ich mich mit der Frage herumgeschlagen, ob ich Kinder haben will. Ich habe keine allzu große Meinung von dieser Welt, und auch um die Zukunft ist es nicht sonderlich gut bestellt. Zudem habe ich in den Jahren, seit ich zu schreiben versuche, etwas begriffen: Hingabe und Opferbereitschaft sind unabdingbar. Dasselbe gilt für die Elternschaft. Wie könnte ich beides vereinen, ohne jemandem unwiderruflich zu schaden? (Wie so viele Künstler ihren Familien geschadet haben …)

Jahrelang habe ich nach einer Antwort gesucht. »Sei ehrlich«, verlangte ich von Freunden und Kollegen, »war es rückblickend die richtige Entscheidung?« Es machte mich misstrauisch, dass sie alle die gleiche Antwort gaben, als sprächen sie in einem autokratischen Staat, einem Staat, der von Babys regiert wird: »Werde Vater, unbedingt! Das ändert alles! Kinder sind anstrengend, und sie sind teuer. Aber sie sind auch toll!«

Ein tapferer Freund gestand: »In mancher Hinsicht ja, da wäre ich ohne sie besser dran.« Dieses Geständnis hat mir nicht geholfen. Die Schuldgefühle blieben. Sollte ich? Klar, unbedingt! Andererseits, warte mal – soll ich wirklich? Mein innerer Konflikt schlug sich auch in meinem Schreiben nieder.

In ›Die Unperfekten‹, meinem ersten Buch, verliert eine der zentralen Figuren des Romans seine Tochter und wird damit nicht fertig. Wer, fragte ich mich, will schon freiwillig das Risiko einer so qualvollen Trauer eingehen? Der zweite Roman ›Aufstieg und Fall großer Mächte‹ handelt gleich von einer ganzen Reihe schwieriger Kindheiten und unfähiger Eltern. Mein neuer Roman ›Die Gesichter‹ ist noch direkter: Auf Kosten der Menschen in seinem Umfeld interessiert sich ein verantwortungsloser Maler allein für den eigenen Ruhm. Der Roman wirft einen Blick hinter die Kulissen der Kunstwelt, insgeheim aber (jetzt, liebe Leser, wohl nicht mehr so geheim) ist er auch eine Beschäftigung mit meiner ureigenen Angst: Was, wenn ich durch mein Schreiben ein solch verachtenswerter Mann werde? Der Roman wird übrigens nicht aus der Perspektive des rücksichtslosen Künstlers, sondern aus der des von ihm fast erdrückten Sohnes erzählt.

Als ich den Roman ›Die Gesichter‹ schrieb, war ich kinderlos. Bei seiner Veröffentlichung wird mein Sohn zwei Jahre alt sein. Er ist ganz anders als ich: blond und gutmütig. Allerdings liebt er Käse, einen aufschlussreicheren Vaterschaftstest kann es für mich nicht geben. Ich bin regelrecht in ihn vernarrt. Und wie Sie sehen, schreibe ich noch. Ich bin nicht mehr derselbe Autor. Aber ich bin auch nicht mehr derselbe Mensch.

Liebe Leser, ich hoffe, Ihnen gefällt mein Buch. Ich wünsche Ihnen alles Gute und bedanke mich dafür, dass Sie weiterlesen …
 

Ihr
Tom Rachman

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