Cover: Die Erfindung des Countdowns

Über menschliche Sehnsüchte und Verfehlungen

Die Erfindung des Countdowns


Das ganz und gar unwahrscheinliche und doch wahre Leben des Physikers Hermann Oberth.


 Mehr zum Buch


Oder bei einem unserer Partner bestellen:
Zum Shop

»Daniel Mellem hat nicht nur einen mitreißenden Roman geschrieben – er hat eine Rakete gezündet!« Saša Stanišić

 
Daniel Mellem, geboren 1987, lebt in Hamburg. Sein Studium der Physik schloss er mit einer Promotion ab, bevor er sich am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig der Arbeit an seinem ersten Roman widmete. Für »Die Erfindung des Countdowns« wurde er bereits mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur und dem Hamburger Literaturförderpreis ausgezeichnet.

© Bogenberger Autorenfotos

Fünf Fragen an Daniel Mellem

1. dtv: Hauptfigur Ihres Romans ist der Physiker Hermann Oberth, der ein ganz und gar unwahrscheinliches Leben gelebt hat, das doch wahr ist. Können Sie ihn uns kurz vorstellen?

Daniel Mellem: Oberths Leben war eines voller Sehnsüchte und Verfehlungen, voller Rückschläge und Neuanfänge. Zweifelsohne war er einer der wichtigsten Raketenpioniere. Als Schüler las er Jules Verne und träumte davon, zum Mond zu fliegen. Während des Studiums in den 1920er Jahren führte er fort, was er schon als Jugendlicher begonnen hatte: die Entwicklung eine Rakete, um mit ihr in den Weltraum vorzudringen. Dafür wurde er von den Professoren verlacht. Aber Oberth kämpfte weiter für seine Idee. Ende der 1920er Jahre kam er zum Film. Jemand wie Oberth, der wenig glamourös war, das muss man sich einmal vorstellen. Damals heuerte ihn kein Geringerer als Fritz Lang als wissenschaftlichen Berater für seinen Film »Frau im Mond« an. Oberth sollte eine echte Rakete zu Werbezwecken bauen. Aber auch das ging schief. Danach geriet Oberth auf Abwege. Unter seinem ehemaligen Schüler Wernher von Braun arbeitete er schließlich sogar an der »Vergeltungswaffe« der Nazis, der V2, mit. Die Terrorrakete forderte vor allem in London und Antwerpen tausende Menschenleben. Als der Mensch 1969 zum Mond flog, saß Oberth dann auf der Zuschauertribüne in Cape Canaveral, USA. Die Apollo-11-Mission ging entscheidend auf seine Grundlagenforschung zurück. Hermann Oberth war einer der wenigen Utopisten, die ihre Utopie verwirklicht sahen. Dennoch war er vor allem eine tragische, streitbare Figur der Zeitgeschichte. Sie sehen, warum so jemand für einen Schriftsteller interessant ist.


2. Sie haben Oberths Physikstudium in den 1920er Jahren angesprochen. Dafür zieht es ihn von Siebenbürgen nach Göttingen. Was ist das Besondere an dieser Zeit? Und warum geht er nach Deutschland?

Mit dem 20. Jahrhundert begann das Zeitalter der Utopien. Politische Ideologien waren auf dem Vormarsch, die technische und wissenschaftliche Entwicklung machte einen Sprung. Das Automobil ersetzte die Kutsche, erste Flugzeuge wurden gebaut, Einstein formulierte seine Relativitätstheorie. Jemand wie Oberth musste einfach das Gefühl haben, im provinziellen Siebenbürgen festzusitzen, während die Welt woanders unfassbare Fortschritte machte. Als Siebenbürger Sachse wurde Deutschland für ihn zum Sehnsuchtsort. Umso mehr, als seine Heimat nach dem Ersten Weltkrieg plötzlich zu Rumänien gehörte. Zu jener Zeit war die Physik die vielleicht spannendste Wissenschaft überhaupt, und Göttingen mit seinem »Nobelpreiswunder« der spannendste Ort, um ihr nachzugehen. Kaum eine andere Universität hatte so viele Spitzenforscher versammelt. Wo, wenn nicht dort, könnte man eine Weltraumrakete entwickeln!


3. Oberth versuchte also, seinen Traum von der Weltraumrakete zu verwirklichen. Aber er war nicht allein, er hatte ja auch eine Familie. Inwiefern war das eine mit dem anderen vereinbar? Welche Rolle spielte die Familie in seinem Leben?

Die Lebensleistung seiner Frau Mathilde, bei mir heißt sie Tilla, steht der von Oberth in nichts nach. Wie lebt man mit so einem Mann? Man bewundert ihn dafür, dass er bereit ist, alles für seinen Traum zu geben, und gleichzeitig leidet man darunter. Wie geht das, noch dazu, wenn man Kinder hat? Tilla steht vor der undankbaren Herausforderung, ihr gemeinsames Leben vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ein Familienleben überhaupt zu ermöglichen. Sie hilft Oberth mit ihrem Ersparten; wenn er wieder einmal unterwegs ist, muss vor allem sie mit den Schulden leben, die zahlreichen Umzüge machen ein gemeinsames Leben schwierig. Als sie dann auch noch zwei ihrer Kinder an den Krieg verlieren, stellt sich für Tilla die Frage, wen sie da eigentlich all die Jahre geliebt und unterstützt hat.


4. Hermann Oberth ist eine spannende, streitbare Figur der Zeitgeschichte. Und die Handlung Ihres Romans erstreckt sich über annähernd hundert Jahre. Wie haben Sie recherchiert, auf welche Quellen stützen Sie sich, was haben Sie erfunden?

Zu Oberth gibt es keine anerkannten Standardwerke, die wenigen älteren Biographien schreiben wohlwollend über ihn. Wenn man aber genauer hinsieht, ergibt sich ein ambivalentes Bild und als Schriftsteller interessieren mich natürlich gerade die Ambivalenzen meiner Figuren, die Uneindeutigkeiten, das Widersprüchliche. Dort beginnt das Erfinden. Die Frage der Literatur ist dann nicht mehr: Wie ist es gewesen? Sondern: Wie könnte es gewesen sein? Und wie hat es sich angefühlt?


5. Sie selbst sind nicht nur Schriftsteller, sondern auch promovierter Physiker. Ein Thema Ihres Romans ist die Ethik der Wissenschaft. Hat sich Ihr ganz persönlicher Blick darauf durch die Arbeit an dem Roman verändert?

Die Wissenschaft war für mich lange ein Ideal an sich, Erkenntnis als Selbstzweck, wenn man so will. Doch was wir erkennen und was wir finden, wirkt sich immer auch auf die Welt aus, in der wir leben. Und wissenschaftlicher Fortschritt führt nicht zwangsläufig zu dem, was wir uns unter einer »besseren Welt« vorstellen. Beim Schreiben des Romans trat mir immer deutlicher vor Augen, inwiefern auch die Wissenschaft ein Werkzeug sein kann, das für alle möglichen Zwecke gebraucht oder auch missbraucht werden kann. Die Raketenforschung im 20. Jahrhundert brachte einerseits den Nazis ihre Terrorwaffe, und andererseits ermöglichte sie dem Menschen
die Reise zum Mond.
merkzettel (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Merkzettel


zum Merkzettel
warenkorb (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Warenkorb


Gesamtbetrag:
0,00 €
inkl. MwSt. zzgl. Versand
My dtv

Jetzt registrieren