Tagebuch einer Autorin: während des Schreibprozesses von "Der geheime Zirkel"

Januar 2002
Sitze an Exposé Nr. 154. Läuft nicht so gut. Enorm viel gruselige Atmosphäre. Kaum Handlung. Notiz an mich selbst: Schokolade mit Diät-Cola runterzuspülen ersetzt kein Frühstück. Wo bleibt die Dickens'sche Muse?!

2 Wochen später
Es ist offiziell: Ich kann keine Exposés schreiben. Ein Exposé kommt mir vor wie ein Korsett für den Geist. Ich werde in diese Geschichte einfach reinspringen müssen und gucken, wohin sie mich trägt. Hoffentlich zu einem Ort, der mir gefällt.

Februar 2002
Ich kündige meinen Job und widme mich nur noch meinen Studien über die Viktorianische Zeit! Wer hätte gedacht, dass die 1890er Jahre so spaßig sind. Wow, diese Mädchen damals (aus dem Buch "A World of Girls" des viktorianischen Schriftstellers L.T. Meade) waren reichlich durchtrieben. Sie haben sich sogar mit einer Zigeunerin getroffen, die sie mit geschmuggeltem Alkohol versorgt hat. Hmm, ich glaube, diesen Zigeuneraspekt muss ich noch genauer untersuchen. Scheint mir sehr interessant.

März 2002
Habe ein Problem. Kartik, die männliche Hauptrolle, verschwindet mitten im Buch. Für etwa 150 Seiten ist er einfach weg. Vielleicht merkt's ja niemand. Sehr wahrscheinlich … Kartik. Dieser Name. Tief, geheimnisvoll und romantisch. Muss ja keiner wissen, dass Kartik ein Typ war, mit dem ich in Texas als Bedienung gearbeitet habe. Ich war derartig verliebt in ihn, dass ich erst beim Nachfragen verstand, dass er nicht "Willst du mich heiraten und mit mir exotische, wunderschöne Kinder haben?" sagte, sondern "Kannst du das Brot bitte an Tisch A4 bringen?"

April 2002
Wie sieht das Magische Reich bloß aus? Es muss übernatürlich sein, aber auf viktorianische Art und Weise. Irgendwie träumerisch und lichterfüllt, aber auch dunkel und gefährlich.

Juni 2002
Nähere mich dem Ende der ersten Fassung. Stecke fest. Warum hab ich kein Exposé für dieses blöde Ding geschrieben? Mir geht's genau wie Gemma …. Ich weiß nicht, wo ich bin oder was ich herausfinden soll.

Noch da? Ich würde ja gerne behaupten, dass ich den ersten Entwurf abgegeben habe und nicht ein Wort daran verändern muss. Von wegen. Das war erst die erste Runde. Die zweite Runde ist nicht nur eine leichte Überarbeitung. Das ist eine Komplettüberholung. Ich hab so viele Szenen rausgeschmissen - eine gefährliche Begegnung im Britischen Museum, ein magisches Buch, ein missbrauchter Cousin -, dass das Manuskript hinterher zwei Drittel kürzer war. Bin ich verrückt geworden? Was soll ich stattdessen schreiben? Ich brauche neue Inspiration. Am besten, ich mache mich auf zur Quelle.

März 2003
Ich bin in London. Der Stadt von Dickens, Queen Victoria und Jack the Ripper. Ein Ort, der jahrhundertealte Geschichte atmet, voller gefährlicher Straßen, ruheloser Geister und mit launischem Wetter. Denkste. Es ist sonnige 16 Grad warm! "Gap" und "Starbucks" warten um die nächste Straßenecke. Wo sind meine nebligen Moore? Wo meine Pferdekutschen? Wo sind die Pflastersteine und die Omnibusse? Und wo ist der Fünf-Uhr-Tee? Zum Glück gibt es die British Library. Aus dem grabesstillen Landkartenraum lasse ich mir diverse kolorierte Karten von 1895 kommen, außerdem Grafiken, Atlanten und ein erstaunliches, dickes Buch mit Fotografien. Und plötzlich befinde ich mich in einer anderen Zeit, sehe London mit anderen Augen. Das Newgate Gefängnis, die Sonnenschirme modisch-eleganter Damen. Kutschen, die Staub aufwirbeln, während sie die neugebaute Uferpromenade entlangfahren. Und die Busse mit den Anstandsbrettern, die die Knöchel der Damen vor wollüstigen Blicken schützen sollten. Ich mache mir so viele Notizen, dass ich zwölf Bücher schreiben könnte. Sofort. Bringt den Earl Grey Tee und ein paar Scones! Los geht's.

April 2003
Zurück im regnerischen, düsteren, kalten Brooklyn. Bin auf der Zielgeraden. Ein Teil von mir will einfach nur fertig werden und für mindestens eine Woche schlafen. Aber ein anderer Teil will, dass es nie zu Ende geht. Es tut so weh, den dunklen Hallen von Spence Lebewohl zu sagen. Den jungen Damen in raschelnden weißen Reifröcken, die sich stumm dem Feuer zuneigen. Den Versprechungen des Magischen Reichs, wo alles möglich ist. Und vor allem den vier Mädchen - Gemma, Felicity, Pippa und Ann. Ich kenne sie mittlerweile so gut wie meine besten Freunde. Jeden Tag sitze ich an meinem Computer, die Finger erwartungsvoll über der Tastatur, und kann es kaum abwarten, womit sie mich diesmal überraschen, schockieren, bewegen und inspirieren. Ich fühle, was sie fühlen. Und beobachte besorgt ihre Entscheidungen. Aber wie Mütter eines Tages ihre Töchter loslassen müssen, damit sie eigene Erfahrungen machen können, so muss auch ich meine Mädchen loslassen.

Nun ist es geschehen. Diese seltsame Reise in eine andere Welt, an die ich das erste Mal vor zweieinhalb Jahren gedacht habe, ist nun zu Ende. Ich habe fünf Kilo zugenommen und Pickel von all dem Zucker. Und ich habe ein 477-Seiten-Buch, das ich heiß und innig liebe, auch wenn es mich manchmal an den Rand der Verzweiflung gebracht hat.

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