Die Übersetzerin Gabriele Haefs über Gaarders Werk

Gabriele Haefs, geboren 1953 in Wachtendonk am Niederrhein, studierte in Bonn, Hamburg und Dublin Volkskunde und vergleichende Sprachwisssenschaft mit dem Spezialgebiet skandinavische und keltische Sprachen. 1982 begann sie, Literatur zu übersetzen und als Literaturagentin zu arbeiten. Ihre erste Übersetzung erschien 1983, heute hat sie über 150 Titel aus den skandinavischen Sprachen übersetzt. Für ihr besonderes Engagement für die norwegische Literatur im Ausland wurde sie in Norwegen mit dem Akademiepreis 1994 und 2001 mit dem Willy Brandt-Preis geehrt. Für die Reihe Hanser übersetzte Gabriele Haefs unter anderem die Bücher des Bestsellerautors Jostein Gaarder ins Deutsche. Sie kennt seine Bücher wie kaum jemand sonst. Im Interview mit Susanne Krones verrät sie, was sie am norwegischen Bestsellerautor am meisten schätzt …


Sie haben das Gesamtwerk Jostein Gaarders ins Deutsche übersetzt und kennen seine Bücher so genau wie kaum jemand sonst. Was macht für Sie den Reiz seiner Geschichten aus?  
Dass er soviel Phantasie sprechen lässt und zugleich sein ungeheuer großes Wissen auf eine Art vorträgt, die nichts vom erhobenen Zeigefinger hat: Er ist witzig und stellt seine eigenen Erkenntnisse auch immer wieder in Frage.


Ob Sofie, die in ›Sofies Welt‹ mit den großen, philosophischen Fragen unserer Existenz konfrontiert wird, Cecilie, die in ›Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort‹ ihren Abschied vom Leben nimmt, oder Georg, der in ›Das Orangenmädchen‹ viel von der Zufälligkeit und damit von Glück des Lebens und der Liebe begreift - Jostein Gaarders junge Figuren stehen immer an ganz entscheidenden Wendungen und Einsichten ihres Lebens. Welche von seinen Figuren ist Ihnen bei Ihrer intensiven Arbeit an den Texten am nächsten gekommen und warum?  
Die Ich-Erzählerin aus ›Vita brevis‹. Weil sie eine Erinnerung an die Schulzeit wachrief, als wir im Religionsunterricht Augustinus durchnahmen, hat die ganze Klasse sein Verhalten dieser Frau gegenüber kritisiert und wir konnten durchaus nicht einsehen, dass es auf irgendeine Weise akzeptabel sein sollte, wie er sie auf Geheiß seiner Mutter im Stich gelassen hat. Und dass so ein Kerl dann auch noch ein Vorbild für die gesamte Christenheit sein soll, fanden wir einen Skandal. Unser Religionslehrer aber ließ sich nicht beeindrucken und erklärte, seine Tätigkeit als Kirchenlehrer sei eben viel wichtiger als sein Privatkram, aber nun so viele Jahre später, bestätigt Josteins Buch mir, dass wir recht hatten.   


Gaarders Texte zeichnen sich nicht nur durch ihre Figuren, sondern immer auch durch ihre manchmal mehrschichtige, manchmal labyrinthische Konzeption aus, in der Erzählfäden und -zeiten verschmelzen. Welches seiner Bücher hat insgesamt gesehen den stärksten Eindruck bei Ihnen hinterlassen? 
›Vita brevis‹, aus den erwähnten Gründen, und ›Das Kartengeheimnis‹, weil es so wunderbar verschlungen ist und so großartige Dialoge hat: »Du kommst vom Mond?« - »Ja.« - »Dann möchtest du sicher ein Stück Brot!«   


Sie haben sich, am Niederrhein aufgewachsen, entschlossen, skandinavische und keltische Sprachen zu studieren. Was war es, das Sie an diesem Sprachraum und seiner Kultur fasziniert hat?  
Das Keltische ist im Rheinland ja überall präsent, in Ortsnamen, der Archäologie, den Mythen ... das hat aber keine richtige Rolle gespielt, bewusst jedenfalls nicht. Ich war mit 15 erstmals in Irland, in einer irischsprachigen Familie, und habe in dem Sommer so viel Irisch gelernt, dass ich einfach wusste, dass ich ein Fach studieren will, in dem ich mich mit dieser wunderbaren Sprache beschäftigen kann. Das Skandinavische kam dazu, weil wir in Sprachwissenschaft zwei indogermanische Sprachen belegen mussten. Die Skandinavistik bot sich als zweiter Schwerpunkt zur Keltologie an, weil es in der Volkskunde - meinem Hauptfach - eine Menge Klassiker in schwedischer Sprache gibt. Alle wichtigen Methoden, zum Beispiel, wie man einen Dialektatlas anlegt, sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Schweden entwickelt worden, und mit den entsprechenden Sprachkenntnissen kann man eben lesen, wie sie entwickelt worden sind, statt sie einfach nur zu verwenden. Aber ich hatte damals auch irgendwoher den Wunsch, irgendwann Norwegisch und Portugiesisch zu lernen, weiß nicht, warum. Mit Portugiesisch musste ich dann bis nach dem Studium warten.


Was hat Sie zum Übersetzen gebracht? Hat dieser Beruf seinen Reiz auch darin, in verschiedenen Welten zu Hause sein zu können? 
Einerseits einfach die Sachzwänge: Als ich mit dem Studium fertig war, erfolgte gerade der erste Kahlschlag in allen kulturwissenschaftlichen Einrichtungen, es gab einfach keine Stellen. Aber mein erstes Buch habe ich aus purem Aberglauben übersetzt. Ich hatte meine Dissertation geschrieben und die Profs mussten sie lesen und dann entscheiden, ob sie sie so haben wollten oder noch Änderungen verlangten. In dieser Zeit hätte ich natürlich für das Rigorosum lernen müssen, aber das wäre mir vorgekommen, als ob ich mein Schicksal gar zu sehr herausforderte: Für Prüfungen zu lernen, die erst angesetzt werden, wenn die Profs über meine Dissertation befunden haben, das muss das Schicksal doch auf dumme Gedanken bringen. Damals wurde ungeheuer wenig neue Literatur aus den nordischen Ländern übersetzt, ich übersetzte also drei Kapitel meines Lieblingsbuches, ›Der Irrläufer‹ von Gudmund Vindland und ging damit hausieren. Als die Profs entschieden, dass sie meine Diss ohne Wenn und Aber akzeptierten, hatte ich schon einen Verlag für das Buch gefunden. (Es erschien 1983 und ist seither ununterbrochen immer wieder nachgedruckt worden, darauf bin ich natürlich ungeheuer stolz.) 


Haben Sie eine Erklärung dafür, dass gerade die Kinder- und Jugendliteratur der skandinavischen Länder international so erfolgreich ist? 

Dass diese Literaturen hierzulande so erfolgreich sind, erkläre ich mir vor allem dadurch, dass ja eine klare Auswahl getroffen wird, es gibt jede Menge furchtbar schrecklicher Jugendbücher, die in den skandinavischen Ländern erscheinen, die nie übersetzt werden, zum Glück. Was übersetzt wird, sind vor allem Bücher, in denen aktuelle Probleme behandelt werden, aber ohne pädagogisch oder moralisierend zu wirken, und andere, in denen der Phantasie freien Lauf gelassen wird - klar, dass das ankommt. Aber da die Verlage hier eine so kluge Auswahl treffen, ist es eben möglich, dass es hierzulande eine Vorstellung von "skandinavischer" Literatur gibt, bei der gar nicht mehr sichtbar wird, dass es von Land zu Land starke Unterschiede gibt. In Norwegen z.B. gibt es die Tendenz, alle Probleme der Welt in einem Buch zur Sprache zu bringen und es mit einer Wischiwaschi-Lösung enden zu lassen, in Island dominiert die Märchen- und Mythenwelt. Ach, und wenn ich schon die kluge Auswahl der Verlage erwähne, dann muss ich aber gleich hinzufügen, dass alle ÜbersetzerInnen Lieblingsbücher haben, bei denen wir einfach nicht begreifen können, warum kein Verlag anbeißt ... 


Haben Jostein Gaarders Bücher für Sie etwas typisch Skandinavisches - oder ist Gaarder ein Phänomen an sich?  
Das ist er ganz sicher. Typisch skandinavisch ist er überhaupt nicht, eher vielleicht typisch europäisch, im Sinn der alten Bildungsideale, die unsere Bildungspolitiker gerade so emsig abzuschaffen versuchen. In Norwegen wurde ›Sofies Welt‹ übrigens erst zum Bestseller, als die Zeitungen darüber berichteten, was es in Deutschland für ein Riesenerfolg ist (das war, ehe es dann in aller Welt übersetzt wurde), und da gab es etliche Rezensenten, die schrieben, der Erfolg in Deutschland sei kein Wunder, es sei ja durch die Bildungsideale, die darin hochgehalten werden, ein »sehr deutsches Buch«. Mit »typisch irgendwas« kann man also gar nicht vorsichtig genug sein! 
 


© Interview: Susanne Krones/dtv
 

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