Cover: Bunker Diary

Kevin Brooks über ›Bunker Diary‹

Das Prinzip, eine oder mehrere Figuren aus der »normalen« Gesellschaft herauszulösen, ihnen alles wegzunehmen und sie sozusagen in primitive Lebensumstände zu versetzen, hat es in der Literatur schon oft gegeben – in ›Herr der Fliegen‹, ›Robinson Crusoe‹ und so weiter. Solche Geschichten habe ich schon immer geliebt und das ist der eine Grund, warum ich ›Bunker Diary‹ schreiben wollte. Letztlich geht es in allen meinen Büchern um Grundfragen des Menschseins, aber erst indem ich meine Figuren vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten habe, konnte ich über das Wesentlichste, Grundlegendste im Leben schreiben: den simplen Willen zu überleben.

 

Die Ausgangsidee war stark von einem meiner Lieblingsbücher beeinflusst, von John Fowles‘ Roman ›Der Sammler‹. Die Grundidee, Menschen zu entführen und sie wie Haustiere gefangen zu halten, wollte ich aber noch deutlich extremer gestalten. Warum und von wem diese Leute entführt wurden, sollte völlig im Dunkeln bleiben. Ich wollte alles auf ihre Situation konzentrieren. In meinem Roman ist es so wie im Leben: Warum etwas passiert, ist egal. Am Ende geht es nur darum, wie du damit klarkommst, wie du überlebst.
   
Ein paar von meinen früheren Lektoren und Lektorinnen wollten, dass ich die Geschichte ändere und den Lesern erzähle, wer der Kidnapper ist und was seine Motive sind. Doch damit hätte das Buch für mich seine Grundidee vollkommen verfehlt. Ich wurde auch gebeten, ein anderes Ende zu schreiben, in dem Linus die Flucht gelingt, aber auch da fand ich, das wäre eine fundamental andere Geschichte – eine, die ich nicht schreiben wollte.

Solche Vorbehalte beruhen auf der weit verbreiteten Vorstellung, Bücher für Jugendliche müssten Hoffnung vermitteln, und ›Bunker Diary‹ sei zu finster, zu aussichtslos, es fehle jeder Hauch von Hoffnung. Aber erstens sind junge Leute keine Dummköpfe – sie wissen, was es mit dem Leben auf sich hat, und ihnen liegt daran, über die ernsten Seiten von Leben und Tod nachzudenken. Sie haben es nicht nötig, sich von Büchern Hoffnung geben zu lassen. Und zweitens: Ja, das Buch ist wirklich sehr finster, weil es nämlich klar sagt: Egal was du im Leben machst, egal was passiert, Gutes oder Schlechtes, egal wer du bist, ob jung oder alt, gut oder böse, am Ende wirst du sterben. Aber keiner kann bestreiten, dass es wahr ist. Und sobald man das akzeptiert, hat die Geschichte eben nichts Negatives, Dunkles, Aussichtsloses. Du hast dein Leben, es wird an irgendeinem Punkt zu Ende sein, also mach das Beste draus: Sei freundlich, hilf andern, bleib positiv und halte an deinem Leben fest, es ist so wertvoll.

Es gibt über mein Buch noch viel mehr zu sagen, aber das soll fürs Erste genügen. Wie immer liegt es an den Lesern, zu entscheiden, worum es darin geht und  was das Erzählte bedeutet. Ich hoffe aber, ich habe nachvollziehbar gemacht, wie wichtig mir gerade dieses Buch ist. Auf keinen andern meiner Romane bin ich – zumindest im Augenblick – so stolz wie auf diesen, das ist sicher. Dass es mit der Veröffentlichung so lange gedauert hat und ich über so lange Zeit daran gearbeitet habe, macht meinen Stolz umso größer.
 
(Übersetzung: Beate Schäfer)


Statement zur Diskussion um den Roman ›Bunker Diary‹

von Uwe-Michael Gutzschhahn, Übersetzer des Romans

 
Ja, ich finde auch, dass das ein erschreckender Ausgang in dem Roman ›Bunker Diary‹ von Kevin Brooks ist. Aber ich sehe dennoch ein positives Element, das den Roman ganz besonders prägt.
 
Linus, der das Tagebuch schreibt, übernimmt von dem Moment an, als die knapp zehnjährige Jenny in den Bunker kommt, Verantwortung für sie. Er hat noch nie für irgendjemanden Verantwortung übernommen oder übernehmen müssen. Jetzt weiß er, dass er nur durch seine Fürsorge die eigene Menschenwürde in der verbleibenden Zeit bewahren kann. Und er bewahrt sie wirklich.
 
Für ihn ist es undenkbar, den todkranken Professor oder den ebenso ruinierten Bird zu töten, um dadurch – vielleicht – freizukommen, obwohl beide nur noch Stunden oder Tage zu leben haben. Es ist für ihn nicht akzeptabel. Linus überdenkt auch sein Leben, nähert sich seinem Vater an, söhnt sich indirekt mit ihm aus. Und er begleitet Jenny bis zum Tode, tröstet sie, hört ihr zu, hilft ihr. Erst als Jenny endgültig tot ist, verlässt ihn seine Lebenskraft – und es ist angedeutet, dass er Menschenfleisch isst. Der animalische Überlebensdrang ist jetzt stärker als die Kraft, seine Menschenwürde zu behalten. Es gibt keine Aufgabe mehr in Linus‘ Leben.

Das ist für mich der Kern des Buches, die Frage, wie ich meine Menschenwürde in einer menschenfeindlichen, menschenverachtenden Umgebung und Zeit bewahren kann, wie ich in unserer Gesellschaft angesichts von Gewalt, Folter und Krieg Mensch bleibe, egal wie viel Zeit mir bleibt. Im Individuellen Verantwortung zu tragen, obwohl höhere Mächte sich an keine Verantwortung halten, das macht uns erst zu dem, was Menschsein eigentlich heißt.
 

 

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