»Drei Sätze und ein Mensch steht da. Zwanzig Zeilen und ein Schicksal ist vollendet.«

»Drei Sätze und ein Mensch steht da. Zwanzig Zeilen und ein Schicksal ist vollendet.« So umriss der ›Berliner Börsen-Courier‹ anno 1915 die Poetik der Lena Christ. Das persönliche Schicksal der Münchner Schriftstellerin kam erst im Jahrhundert drauf ans Licht: In ihrer sorgfältig recherchierten Romanbiografie ›In den Gärten des Herzens‹ (2002) erzählt Asta Scheib, wie der künftige Ehemann Peter Jerusalem die junge Lena zum Schreiben und Jahre später in den Selbstmord drängte.

Asta Scheib begann als Elfjährige »alles aufzuschreiben, was ich mit Worten ausdrücken konnte«. Das war Anfang der 1950er-Jahre: Schwerkrank lag das Mädchen wochenlang in der Klinik; man brachte ihr Stifte und Papier, damit sie sich mit Malen die Zeit vertrieb. Asta Scheib hat lieber geschrieben – und betrachtet es im Rückblick »als Flucht aus der Einsamkeit«. Diese sei ein gewichtiger Bestandteil ihres Lebens, sagt die in Bergneustadt bei Köln geborene Autorin.

Einsamkeit zieht sich auch durch ihr literarisches Werk, ganz deutlich tritt sie in den erfolgreichen Romanbiografien zutage. Ob besagte Lena Christ, Katharina von Bora in ›Kinder des Ungehorsams‹ (1985), deren späterer Ehemann Martin Luther in ›Sturm in den Himmel‹ (2016), die Münchner Jüdin Therese Reihenfelder in ›Beschütz mein Herz vor Liebe‹ (1992) oder auch der Maler Giovanni Segantini in ›Das Schönste, was ich sah‹ (2009) – die Kindheit und Jugend dieser historischen Personen war von emotionaler Entbehrung bestimmt.

Ihre Romanfiguren seien meist in ein ihnen nicht gemäßes Schicksal hineingeboren, sagt die Autorin. »Was bin ich?«, fragt sich etwa Katharina von Bora. »Eine entlaufene Nonne (was für viele Leute gleichbedeutend ist mit Hure), eine Adelige ohne Besitz, dazu schon vierundzwanzig Jahre alt. Das hat doch der Teufel gesehen!«. Ebendieser ist die Schreckgestalt des kleinen Martin Luther: »Der Teufel soll dich holen«, rufen die Erwachsenen zu jeder Gelegenheit, und die Mutter versichert ihm, dass er zu den Bösen gehört. Der junge Carl Spitzweg wiederum fühlte sich nach dem Tod der Mutter »wie der einsamste Mensch der Welt« (›Sonntag in meinem Herzen‹, 2013). Wie Katharina, Martin, Carl und andere reale oder erfundene Figuren beharrlich ihren Platz im Leben suchen, beschreibt Asta Scheib in ihrer Literatur.

Das Eigene zu finden – das hat sie selbst lange beschäftigt. Ihre frühen Aufzeichnungen durfte niemand lesen. Während einer Ausbildung zur Textilingenieurin verfasste sie Geschichten und Gedichte, volontierte dann bei der ›Main-Post‹ und veröffentlichte ab Mitte der 1970er-Jahre Erzählungen und Reportagen in Zeitungen und Zeitschriften.

Den Sprung von der kurzen Form zum Roman verdankt Asta Scheib dem Filmemacher Rainer Werner Fassbinder: Mit ›Angst von der Angst‹ (1975) adaptierte er eine ihrer Kurzgeschichten und ermutigte sie, den Stoff über eine an Depression leidende Frau weiter auszuarbeiten (›Langsame Tage‹, 1981). »Er war der Erste, der mir gesagt hat, du kannst was«, erinnert sich Asta Scheib.
Ihr zweiter Roman ›Schwere Reiter‹ (1982) handelt von zwei Familienmüttern, die ihr Leben umkrempeln: »Wenn ich mich noch einholen will, muss ich mir endlich hinterherlaufen«, sagt Carla, bevor sie mit ihrer Freundin Ille auf dem Motorrad gen München braust. »Weißt du, ich bin immer hinter anderen hergerannt. […] Was fand ich? Schutt, Hunger, Tränen.« Asta Scheib wohnte da schon in München – allein mit zwei Söhnen, nachdem sie sich von ihrem ersten Mann getrennt hatte. Neben dem Redaktionsalltag als Chefredakteurin der Zeitschrift ›Mädchen‹ veröffentlichte sie 1985 die Biografie über Katharina von Bora – und entschied sich dann für ein Leben als freie Autorin und Journalistin.

Über 30 Bücher sind seither entstanden: Biografien, Romane, Krimis, Sachbücher, Jugendliteratur, die aus Interviews entwickelte Geschichtensammlung ›Jeder Mensch ist ein Kunstwerk‹ (2005), der Erzählband ›Streusand‹ (2009) sowie einige Drehbücher, unter anderem für den ›Tatort‹, eines gemeinsam mit Martin Walser. Dabei geht auch den literarischen Texten meist eine (un-)mittelbare Begegnung voraus: Eine Interviewpartnerin inspirierte Asta Scheib zu der jungen Israelin Sharon aus dem Roman ›Diesseits des Mondes‹ (1988); Therese Reihenfelder, die in Wirklichkeit anders hieß, erzählte nach jahrzehntelangem Schweigen Asta Scheib von ihrem Leben zur Zeit des Nationalsozialismus; und ein Malkurs mit ihrer Enkelin in der Schweiz weckte Asta Scheibs Interesse an dem 1899 in Graubünden gestorbenen Maler Segantini.

Ein Bild kann auch am Anfang stehen. Das Porträt der Fürstin Jussupow in der Hypo-Kunsthalle führte Asta Scheib ins Russland der Zarenzeit und mündete in einem Roman: Für ›Frost und Sonne‹ (2007) versetzte sie sich nach ›Der Austernmann oder Die Sprache des Schweigens‹ (2004) zum zweiten Mal in die männliche Psyche, zuvor standen vornehmlich (vergessene) Frauen im Zentrum. Für diese literarische Entwicklung kam ein Impuls aus der eigenen Biografie hinzu: Asta Scheib lebt mit ihrem zweiten Mann in einer großen Patchworkfamilie, einer ihrer Söhne unterstützt sie bei besonders aufwendigen Recherchen. Diese sind für die gelernte Journalistin Voraussetzung fürs Schreiben: »Ich muss mich einfach sicher fühlen, ich muss wissen, wovon ich rede.« Erst nachdem sie Archive durchforstet, Sekundärliteratur studiert, etwaige Zeitgenossen befragt, reale Lebens- und Wirkungsorte ihrer Figuren besucht und vor allem sinnlich wahrgenommen hat, fühlt sie sich frei genug, etwaige Lücken literarisch aufzufüllen.
Mit großem Erfolg: »Dank dem Wagnis, dunkle Stellen in Luthers Leben mit dichterischer Fantasie zu erhellen«, schrieb die ›NZZ am Sonntag‹ über ›Sturm in den Himmel‹, »könnte es den Nachgeborenen den sonst eher schwer zugänglichen Reformator innerlich näherbringen als manch eine historisch exakte Biografie!«

Dafür holt sich Asta Scheib auch Rat bei Experten und Wissenschaftlern. Bei der Ausarbeitung ihrer Charaktere tauscht sie sich mit einem Psychoanalytiker aus, und für ihren Roman ›Das stille Kind‹ (2011) über einen Jungen mit Asperger-Syndrom wandte sie sich an das Heckscher-Klinikum. Denn egal, ob es um Reales, Erfundenes, Historisches oder Zeitgemäßes geht – die Plausibilität ihrer Geschichten ist für Asta Scheib zentral.

Beheimatet sind viele von ihnen in München, wo die Autorin seit über vierzig Jahren zu Hause ist. Die Episoden in ›Streusand‹ lesen sich mitunter wie Spaziergänge durch die Stadt – vom Odeonsplatz über den Marienplatz, durchs Glockenbachviertel an die Isar oder auch raus bis nach Gern. Dass jede von persönlichen Erlebnissen und Eindrücken inspiriert ist, betont die Autorin im Vorwort: »Ob sie aus meiner Kindheit stammen oder aus späteren Jahren – alle kommen aus den Zeiten, in denen ich gelernt habe, zu sehen, zu denken und schließlich zu schreiben: von den fünfziger Jahren an bis heute.«

Von Tina Rausch
 

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