Wenn Romanfiguren ein Eigenleben entwickeln...

Text: Libba Bray, 2007

Sitzung beim Therapeuten

(Ein gemütliches Büro mit besänftigenden grünen Wänden. Stühle sind in einem Halbkreis aufgestellt. Ein Therapeut mit einem Notizblock sitzt in einem großen Ledersessel. Die Gruppe besteht aus verschiedenen fiktionalen Charakteren aus einem Buch, an dem seit Ewigkeiten geschrieben wird: ›Kartiks Schicksal‹.)
 
THERAPEUT:

 
Schön, dass wir uns heute alle hier versammelt haben. Wenn ich es richtig verstanden habe, haben Sie Probleme mit der Autorin Ihres Buches?

MRS NIGHTWING:    

Es ist nicht unser Problem. Sie ist diejenige, die es besser wissen müsste.

THERAPEUT:

(nickend) Mhm.

ANN:

Sie hat das Ende achtmal umgeschrieben.

THERAPEUT:

Das muss sehr frustrierend sein.

FELICITY:

(simsend) Ich denke, wir sollten sie einweisen lassen.

CIRCE:

Ganz meiner Meinung.

THERAPEUT:

Gemma? Was denken Sie darüber?

GEMMA:

(lächelnd) Es gibt eine Knutschszene. Mit mir.

THERAPEUT:

Ich verstehe. Sie sind also zufrieden mit dem Gang der Handlung?
GEMMA:
Größtenteils. Obwohl mein Bruder Tom immer noch ein Riesenarschloch ist.

ANN:                    

Wohl wahr.

(Kartik steht finster blickend in einer Ecke. Der finstere Blick lässt ihn extrem heiß aussehen.)
 
THERAPEUT:
 
Kartik? Haben Sie etwas hinzuzufügen?
 
FELICITY:
 
(wie wild auf ihrem Handy tippend) Er hat Probleme.
 
GEMMA:
 
Hat er nicht.
 
FELICITY: (singend) Pro-ble-me ...

(Pippa kommt zehn Minuten zu spät und mit dem blutigen Kopf einer Ziege in der Hand. Um ihren Mund und vorn auf ihrem Kleid ist Blut. Alle starren sie an.)
 
PIPPA:                     
 
Was?
 
THERAPEUT:
 
Pippa, die Sitzung hat vor zehn Minuten begonnen.
 
PIPPA:

 
Ich hatte Hunger. Ich hab einen Zwischenstopp eingelegt, um etwas zu Essen zu besorgen. (kichernd) Ist schön knusprig.
 
FELICITY:
 
Du Zicke. Hast du daran gedacht, uns was mitzubringen?
 
PIPPA:

 
Nee. (grinsend) Aber ich habe Beeren, die euch für alle Ewigkeit verdammen! Köstlich!
 
THERAPEUT: Glaubt noch jemand, dass Pippa das alles nur spielt?

(Alle Hände außer Circes gehen nach oben.)
 
THERAPEUT:         
 
Gemma, ich spüre eine Spannung zwischen Ihnen und Circe.
 
GEMMA:
 
Sie hat meine Mutter getötet.
 
THERAPEUT:

 
Sie haben also den Eindruck, sie hätte Ihre gesamte Existenz, ihre Sicherheit und ihr Selbstwertgefühl zerstört.
 
FELICITY:
 
Sie meint es wörtlich.
 
ANN:
 
Außerdem hat sie mehrere Schülerinnen getötet.
 
GEMMA:
 
Und Kartiks Bruder.
 
CIRCE:

 
Und einen Parkwächter in Chiswick. (Alle starren). Ich erzähl euch eben nicht gleich alles, oder?
 
MRS NIGHTWING:


 
Gut. Lassen Sie uns weitermachen. Ich habe eine Schule, um die ich mich kümmern, und einen Ostflügel, der wiederaufgebaut werden muss.
 
THERAPEUT:
 
Wir waren dabei, über Ihre Probleme mit der Autorin zu sprechen.
 
MRS NIGHTWING:



 
Es gibt keine Probleme zu besprechen. Sie soll einfach weiterschreiben. Sie hat nur noch eine Woche und letzte Nacht habe ich sie dabei erwischt, wie sie versucht hat, ihren Computer zu erwürgen.
 
ANN:
 
Wir stecken immer noch in der Winterwelt fest.
 
FELICITY:
 
Und das ist kein besonders schöner Ort, kann ich Ihnen sagen.
 
PIPPA:
 
(ihre Finger ableckend) Findest du.
 
CIRCE: Und dann sind da noch diese beiden.

(Sie zeigt auf Gemma und Kartik, die sich gegenseitig anschmachten. Kartik verschränkt die Arme und lässt sie wieder fallen. Das trägt dazu bei, dass er nur noch heißer wirkt.)
 
FELICITY:               
 
 
Oh, könntest du damit aufhören? Finster und heiß zu gucken, bringt dich nirgendwohin.
 
CIRCE:


 
(seufzend) Echt. Sie haben keine Ahnung, wie nervig das ist.
(legt eine Hand an die Stirn) ›Es ist verboten!‹ ›Küss mich!‹ ›Okay, aber ohne Zunge!‹
 
THERAPEUT:
 
Kartik, ich möchte Ihnen helfen, sich Gemma gegenüber zu öffnen. Wenn Sie ihr hier und jetzt sagen könnten, was Sie fühlen ...

(Kartik und Gemma stehen auf und knutschen wild rum.)
 
THERAPEUT: Ähm ...                                                                     

(Simon streckt den Kopf zur Tür herein.)
 
SIMON:
 
Entschuldigung – bin ich zu spät?
 
ANN:
 
Etwas.
 
THERAPEUT:
 
Ähm, Gemma? Kartik? Alles, was wir hier machen, ist ... reden.
 
PIPPA:
 
(bietet ihm den blutigen Ziegenkopf an) Ziege?
 
MRS NIGHTWING:
 
In diesen Zeiten werden männliche Seelen in Versuchung geführt.
 
CIRCE: Ich habe männliche Seelen versucht. Köstlich – fast wie Hühnchen.

(Der Therapeut trennt Gemma und Kartik.)
 
GEMMA:                  
 
Sie haben recht. Es würde niemals funktionieren.
 
KARTIK:
 
Richtig. Ich sollte lieber wieder finster und heiß dreinblicken.
 
CIRCE:


 
Mir ist so langweilig. Ist es nicht höchste Zeit, dass jemand stirbt? Können wir die Autorin nicht dazu bringen, jemanden brutal zu ermorden? Wo sind die Klatschmohnkrieger, wenn man sie braucht?
 
SIMON:
 
Immer noch in der Maske.
 
ANN:

 
Ich will ins Theater. Warum kann sie mir keine Szene auf der Bühne schreiben?
 
FELICITY:
 
(immer noch simsend) Magisches Reich. Ich. Party machen. Jetzt.
 
CIRCE:
 
Ich will die Welt regieren. Das ist echt keine so große Sache.
 
THERAPEUT:
 
Kartik?
 
KARTIK:
 
Noch heiß genug, danke.
 
SIMON:

 
Ich bin nicht ganz glücklich mit der Verteilung von Szenen im Magischen Reich und in London. Ich glaube, ich brauche mehr Seiten.
 
ANN:
 
Ich bin unsicher, was die Fünf-Akte-Struktur angeht.
 
CIRCE:
 
Ich will einen Monolog. Ich sollte wirklich einen Monolog haben.
 
PIPPA:
 
Ich finde, sie sollte das Wort ›Hodensack‹ einbauen, einfach für den Rhythmus.
 
THERAPEUT: Wie ist mit ...

(Miss McChennmine kommt herein, nimmt etwas aus der Schublade und geht wieder hinaus.)
 
SIMON:
 
Wer zum Teufel war das?
 
FELICITY:
 
Das war unheimlich.
 
ANN:
 
(nickt) Das ist ihre Masche.
 
THERAPEUT:
 
Mrs Nightwing, reden wir über Ihre Gefühle gegenüber ...    
           
MRS NIGHTWING:
 
Ich rede nicht über Gefühle. Ich bin Engländerin.
 

(In der Gruppe bricht Streit über den Fortschritt des Buches, die Charaktere und die Handlungsstränge aus. Schließlich springt Gemma auf.)
 
GEMMA:                   
                  
Bringt mich nicht dazu, ein Sixpack verrückter viktorianischer Magie über euch zu ergießen. Ich kann es und ich werde es tun.

(Alle setzen sich wieder. Felicity schreibt weiter SMS. Pippa knabbert wieder an dem Ziegenkopf herum.)
 
THERAPEUT:           

 
Gut, gut, Gemma. Seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, kann sehr hilfreich sein ...
 
GEMMA:
 
Ich kann Sie in ein Riesenhuhn verwandeln. Ich schwör’s.
 
ANN:
 
(nickt) Kann sie.
 
FELICITY:
 
Probleme ...
 
PIPPA:


 
(mit vollem Mund) Ich denke, die Autorin sollte die letzten zehn Seiten einfach freilassen und nur einen kleinen Soundchip reinkleben, der ›Don’t Stop Believing‹ von ›Journey‹ spielt.
 
SIMON:


 
(zu Kartik) Ich weiß was, alter Junge. Du könntest dich zu der Rothaarigen umdrehen und irgendetwas wie ›Das Magische Reich wird immer uns gehören.‹ sagen.
 
  (Kartik blitzt ihn an.)
 
SIMON:
 
Himmel. Du bist echt so was von sexy. Sogar ich will dich küssen.
 
FELICITY:
 
Oh, ich weiß was. Ein Autorennen.
 
ANN:
 
Es ist viktorianisch.
 
FELICITY:


 
Ein Kutschenrennen? Schau, sie hat mehr als 800 Seiten, um alles auszuwalzen. Ich verstehe nicht, wieso sie nicht ein winziges Kutschenrennen unterbringen kann.
 
MRS NIGHTWING:

 
Ich finde das alles furchtbar dumm.

 
THERAPEUT:


 
Das sind alles sehr interessante Theorien. Aber ich fürchte, die Zeit ist um. Nächste Woche wird das Buch vollendet sein, dann werden Sie alle endgültig über Ihr Schicksal Bescheid wissen.
 
CIRCE:

 
Ha! Bei der ist nichts endgültig. Sie kann nicht einmal eine Pizza bestellen, ohne ihren Sinn zu ändern.
 
THERAPEUT:

 
Nun, ich bin sicher, dass das Ende bei allen große Emotionen auslöst. Darüber können wir dann bei der nächsten Sitzung sprechen.
 
SIMON:

 
(grinst den Therapeuten an) Sie sind wirklich entzückend. Was machen Sie nachher? Hab ich erwähnt, dass ich der Sohn eines Viscounts bin?
 
FELICITY: Probleme ...

Übersetzung: Anke Thiemann

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