»Ich wurde am 30. Juli 1945 geboren, in Boulogne-Billancourt, Allée Marguerite Nr. 11, als Kind eines Juden und einer Flämin, die sich im Paris der Okkupationszeit kennengelernt hatten.« So beginnt Patrick Modiano sein autobiografisches Buch ›Ein Stammbaum‹ von 2005. Er schreibt es, »wie man ein Protokoll oder einen Lebenslauf verfaßt, aus dokumentarischen Gründen und wahrscheinlich auch, um einen Schlußstrich zu ziehen unter ein Leben, das nicht meines war«. Daher endet es, als Modianos Selbstbestimmung beginnt: Im Frühjahr 1967 erfährt er, dass der Verlag Gallimard seinen Debütroman angenommen hat. »An diesem Abend hatte ich mich zum ersten Mal leicht gefühlt in meinem Leben. Die Drohung, die während all der Jahre auf mir lastete […], hatte sich in der Luft von Paris aufgelöst.«

Hinter ihm liegt eine dunkle Kindheit und Jugend. Seine Mutter Louisa Colpeyn, eine Schauspielerin, ist »ein hübsches Mädchen mit einem harten Herzen«. 1918 in Antwerpen geboren, kommt sie 1942 nach Paris. Der Vater Alberto Modiano wurde 1912 in Paris in eine italienisch-jüdische Familie geboren. Schon früh betreibt er illegale Geschäfte – und gleitet 1940 als nicht registrierter Jude in die Unterwelt ab: »Und meine Eltern begegnen einander in dieser Zeit, unter diesen Leuten, ihresgleichen. Zwei verirrte und leichtfertige Schmetterlinge mitten in einer Stadt ohne Blick.« Sie ziehen zusammen in eine Wohnung am Quai de Conti Nr. 15. Es ist das Haus seiner Kindheit – doch Modiano verbringt diese meist anderswo. Die Eltern trennen sich bald, die gemeinsamen Kinder stehen ihrer Selbstentfaltung im Weg. Von 1949 bis 1951 schicken sie Patrick und seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Rudy zu einer fremden Frau nach Biarritz. Zurück in Paris schieben sie die beiden zu Freunden ab; 1956 kommt Modiano nach Jouy-en-Josas aufs Internat. Er entflieht der dortigen Schikane und militärischen Disziplin durch die Lektüre von Kafka und Hemingway.   

Im Februar 1957 stirbt der Bruder. Die Todesursache (Leukämie) verschweigt Modiano in ›Ein Stammbaum‹ – und lässt auch sonst Persönliches weg: »Abgesehen von meinem Bruder Rudy, seinem Tod, betrifft mich, glaube ich, nichts wirklich von allem, was ich hier erzähle.« Was Modiano geprägt hat, findet sich in anderen Romanen. So verknüpft er in ›Dora Bruder‹ (1997) seine Spurensuche nach einem 1941 in Paris vermissten jüdischen Mädchen mit einer Reise in die eigene Vergangenheit. Auch äußert er sich darin über das Motiv für sein Debüt ›Place de l‘Etoile‹ (1968): »In meinem ersten Buch wollte ich allen diesen Leuten antworten, deren Beleidigungen mich meines Vaters wegen verletzt hatten. Und ihnen, auf dem Gebiet der französischen Prosa, ein für allemal den Mund stopfen.« In die Geschichte des Raphael Schlemilovitch mischt er Reales und Fiktives, montiert Zitate von Proust und Céline und sprengt dabei Logik, Raum, Zeit. Das Thema – Paris unter deutscher Besatzung und in der Nachkriegszeit – begleitet ihn zeitlebens. Doch der sarkastische Ton weicht langsam dem melancholisch schwebenden »Modiano-Klang«.

In seinen bislang rund 30 Büchern variiert Modiano verschiedene, teils autobiografisch konnotierte Ereignisse, Figuren, Orte. So erinnert sich der Erzähler in ›Unfall in der Nacht‹ (2003) an einen Vater, »dessen einzige Schule die Straße gewesen war« – und bemüht sich zugleich, »meine Kindheit zu vergessen, ohne daß ich ihr jemals nachgetrauert hätte«. In ›Der Horizont‹ (2010) spürt der Protagonist Jean Bosmans einer verlorenen Liebe, vor allem aber der eigenen Jugend in den 60ern nach, die er auf den Straßen Paris und in Internaten verlebte. Eine Erzählerin in ›Unbekannte Frauen‹ (1999) spricht ebenso wie Thérèse in ›Die Kleine Bijou‹ (2001) von der eigenen gefühllosen Mutter. ›Im Café der verlorenen Jugend‹ (2007) wird Louki von der Polizei in eine »grüne Minna«, einen Gefangenentransporter, verfrachtet. Auch dies ist eine Erfahrung Modianos – und seines Vaters –, die in seinen Romanen mehrmals auftaucht.  

All seine Geschichten spielen in Paris, wo der Autor bis heute lebt. »Man liest, übersetzt Modiano immer mit einem Pariser Stadtplan neben sich, und dieser Plan darf ruhig alt und zerfleddert sein«, schreibt seine Übersetzerin Elisabeth Edl. Doch nicht nur die Straßen, Plätze und Metrostationen sind real. Modiano verriet, dass er die Namen seiner Figuren oftmals in alten Telefonbüchern findet: »Die Tatsache, dass man das Gefühl hat, diese Leute haben existiert, dieser Name hat wirklich jemandem gehört, bewirkt eine Art Glitzern, das uns schließlich als Nahrung für die Fantasie dient.«

Als Patrick Modiano 2014 der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wurde, hob das Komitee seine »Kunst der Erinnerung« hervor, »mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale und die Lebenswelt der Besetzung hervorgerufen hat«. »Ich lege mein Abitur in Annecy ab«, notiert Modiano in ›Ein Stammbaum‹. »Es wird mein einziges Zeugnis bleiben.« Für literarische Preise gilt das nicht: Modianos Werk wurde bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Prix Goncourt (1978), Le Grand Prix National des Lettres für sein Gesamtwerk (1996) und dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur (2012).

Tina Rausch
 

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