Wie sich einem Autor manchmal Geschichten in den Weg stellen

Mein Freund, der Arzt und Dichter Dr. Fernando Silva aus Nicaragua, hat ein beeindruckendes Buch über seine Kindheit am Fluss Rio San Juan geschrieben. Diesen Fluss habe ich vor ein paar Jahren bereist und den Ort El Castillo besucht, wo Fernando geboren wurde. Sein Vater war Kommandant der Polizei und erzählte gern, dass der berühmte englische Lord Nelson sich seine Gehbehinderung auf der Burg zugezogen habe, die von den spanischen Eroberern auf dem Hügel über der Stadt errichtet worden war. Er sei auf den hohen groben Stufen ausgerutscht und schlimm gefallen. Später wurde sogar eine Briefmarke mit
dem Lord und der Burg im Hintergrund in den Handel gebracht, eine gesuchte Rarität unter Sammlern historischer Motive.
Dort, an der Grenze zu Costa Rica, liegt eine der schönsten Dschungel-Landschaften der Welt. Das fanden schon vor zweihundert Jahren Reisende aus Europa und Amerika.

In seinem Buch El Comandante erzählt Fernando von diesen Schönheiten, aber auch von vielen anderen erstaunlichen Dingen. Zum Beispiel, dass der amerikanische Schriftsteller Mark Twain mit seinen beiden Söhnen Tom Saywer und Huckleberry Finn eines Tages mit einem Schiff dort angelegt habe; er habe selbst mit den beiden Jungs gesprochen und sei mit ihnen auf die Burg geklettert!
Das kam mir seltsam vor, denn als Fernando ein Kind war, lebte Mark Twain schon lange nicht mehr. Immer wenn wir uns trafen, wollte ich ihn danach fragen. Aber wenn wir zusammensaßen, redete er so viel von alten und neuen, großen und kleinen Ereignissen der Stadt und von seinen neuesten Geschichten, dass ich die Angelegenheit wieder vergaß. Er war immer schon ein wunderbarer Erzähler.
Vielleicht sollte man sich auch manche Fragen besser selbst beantworten, als seine Freunde damit zu nerven! Und wir alle wissen sowieso, dass Tom Saywer und Huckleberry Finn unsterblich sind. Und ihr Vater Mark Twain auch.

Vor zwölf Jahren habe ich Fernando zum letzten Mal besucht. Ihm gehe es nicht gut, hatten mir gemeinsame Freunde gesagt. Also fuhr ich zu ihm nach Hause; ich wollte nicht nach Deutschland zurückreisen, ohne ihn gesehen zu haben. Tatsächlich war er deutlich gealtert und lief mühsam an einem Stock. Trotzdem sprach er so lebendig wie immer, vor allem, wenn es um seinen Beruf als Arzt in seiner Kinderklinik La Mascota in Managua, der Hauptstadt des Landes, ging. Ich wusste, er war ein guter Arzt mit langer Erfahrung und hohem Ansehen.
Ich bewunderte ihn noch aus anderen Gründen: Er lud die Schriftsteller der Stadt ein, mit seinen kleinen Patienten Gedichte zu schreiben. Er hatte an seiner Klinik einen großen Garten mit Heilkräutern angelegt, weil er sich nicht allein auf die Medikamente aus Europa und Nordamerika verlassen wollte. Er fragte die alten Bäuerinnen und Bauern in den Bergen seines Landes nach ihren Heilrezepten. Und nutzte sie für seine Patienten. Ich bedaure, ihn nicht auf solchen Reisen begleitet zu haben. Wenn man in Eile durch fremde Länder reist, verpasst man oft die Dinge, die wirklich wichtig sind. Als ich Fernando zum letzten Mal traf, war Weihnachten gerade vorüber. Sicher war das der Grund, warum er sich an einen ganz besonderen Heiligen Abend erinnerte. Er erzählte wie immer sehr schnell, manchmal ging es auch arg durcheinander. Was er damals erzählte, gewann ein Eigenleben in meiner Erinnerung. So entstehen ja Geschichten! Wie die von der Reise nach Ägypten.
Als ich sie Fernando am Telefon vorgelesen hatte, lachte er: »Ja, ich erinnere mich an unsere Begegnung. Und dass ich dir von diesem Heiligen Abend erzählt habe. Das meiste hast du richtig verstanden, lieber Freund. Einiges hat sich ganz anders zugetragen. Aber das macht nichts, denn genau so habe ich sie gemeint!« Da war ich beruhigt.

Hermann Schulz (Die Reise nach Ägypten Seite 7 bis Seite 10)

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