Wie viel Goethe braucht der Mensch?

Goethe und kein Ende? Noch mehr Goethe? Mit Fußnoten, ohne Fußnoten, mit Kommentar, ohne Kommentar, mit gelehrten Anspielungen und ohne - Goethe am laufenden Bücherband: der »Klassiker« der Deutschen, tantiemenfrei. Jeder kann ihn drucken, viele drucken ihn. Ein Longseller.

Aber wieviel Goethe braucht der Mensch, vornehmlich der deutsche? Manche Menschen, die Mehrzahl wahrscheinlich, brauchen ihn gar nicht. Ihnen genügt die Boulevardzeitung als Lebens- und Informationshilfe, morgens an der Straßenbahnhaltestelle aus dem Kasten gezogen. Oder das Heimatblatt. Oder es genügen ihnen die Mattscheiben-Opera als Kultur- und Literaturersatz. Sich darüber zu mokieren, wäre ebenso ungerecht wie sinnlos. Ungerecht, weil Bildung nicht vornehmlich von der Goethe-Lektüre abhängt, und sinnlos, weil niemand zum Goethe-Leser dadurch wird, daß man ihn einen Banausen nennt. Es kommt nämlich nicht darauf an, daß alle Goethe lesen und sich mit Goethe beschäftigen, sondern es kommt darauf an, daß Goethe für diejenigen, die auf ihn aufmerksam werden und in das Kraftfeld seines geistig-menschlichen Charismas geraten, zugänglich bleibt, anstatt entweder als vorgestrig verworfen oder in einen Kokon wissenschaftlicher Interpretation eingesponnen zu werden.

Den ganzen Goethe, von der ersten bis zur letzten Zeile, werden nur wenige lesen. Aber mit dem »ganzen Goethe« verhält es sich so wie mit einer großen Privatbibliothek: Lesen kann die vielen Bände kaum jemand, aber gebraucht werden sie trotzdem. Ihre Präsenz verbürgt, daß sie, wenn sie gebraucht werden, zur Stelle sind - und wie verbürgt auch eine Gegenwärtigkeit der Geister und des Geistes, die zwischen den vielen Buchdeckeln jederzeit abrufbar ist.

Wer braucht Goethe und wozu? Niemand braucht Goethe, um leben oder gar überleben zu können - auch die brauchen ihn in diesem Sinn nicht, die mit ihm umgehen. Er ist nicht lebens-notwendig, nicht über-lebens-notwendig.

Aber Goethe ist lebens-hilfreich. Er macht ein geistiges Verhaltens-Angebot, indem er sich selbst durch seine Lebenseinsichten und Lebensansichten als einer empfiehlt, mit dem es sich leben läßt: gelassener, heiterer, erfüllter als mit jener Existenzhetze, die uns der Alltag mit seinen Zwängen, trivialen Herausforderungen und billigen Ablenkungen aufzwingt. [...]

Deshalb braucht der Mensch Goethe. Wieviel, das ist zweitrangig. Manchmal braucht er nur ein Wort, eine Zeile, um mit sich »ins Reine zu kommen«. [...]

Wieviel Goethe der Mensch braucht, muß jeder für sich entscheiden. Goethe kann man niemandem aufschwätzen. Goethe muß entdeckt werden, er muß Neugier wecken und Einsicht auch in die Existenz des Lesers vermitteln. Dann stellt sich ein Dialog besonderer Art her, jenseits von Buchstabenkonsum zwecks Bildungserwerb vordergründigster Art. [...] Ganz im Sinne Goethes, der meinte: »Nicht insofern der Mensch etwas zurückläßt, sondern insofern er wirkt und genießt und andere zu genießen und zu wirken anregt, bleibt er von Bedeutung.«

Heinz Friedrich (Auszug aus ›Goethe - wozu und für wen? Marginalien zur Weimarer Ausgabe‹)

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