Portrait des Autors Rainer Hermann

Rainer Hermann

Rainer Hermann, geboren 1956, Dr. phil., Islamwissenschaftler und Diplom-Volkswirt, ist Mitglied der Redaktion der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹ und berichtet seit 1996 aus der Türkei und der arabischen Welt. Von 1991 bis 2008 lebte er als Korrespondent mit seiner Familie in Istanbul, 2008 übersiedelte er nach Abu Dhabi. 2012 kehrte er nach Deutschland zurück und ist in der politischen Redaktion der ›FAZ‹ vor allem für den Nahen Osten und die islamische Welt zuständig. Titel bei dtv: ›Wohin geht die türkische Gesellschaft?‹ (2008), ›Die Golfstaaten‹ (2011), ›Endstation Islamischer Staat?‹ (2015).

Interview

»Interventionen des Westens im Nahen Osten haben selten die gewünschten Ergebnisse gebracht«

Rainer Hermann: Endstation Islamischer Staat?

Rainer Hermann ist Islamwissenschaftler, Redaktionsmitglied der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹ und berichtet seit 1996 aus der Türkei und der arabischen Welt. Im April erschien sein Buch ›Endstation Islamischer Staat?‹, in dem er die politische Situation in der arabischen Welt analysiert und historisch einordnet. Wir haben ihn unter anderem zu der aktuellen Entwicklung in Tunesien nach dem Anschlag auf das Bardo-Museum, in Kenia nach dem Attentat in der Universität in Garissa sowie der Situation im Jemen befragt.

1. Das Besondere des IS ist dessen globale Ausrichtung und die Faszination, die er auf viele Ausländer ausübt. Sie sprechen von tausenden Dschihadisten aus Westeuropa. Woher kommt diese Anziehungskraft?


Al Qaida ist ja auch global ausgerichtet. Der Unterschied ist, dass der IS zudem einen »Staat« mit einem Herrschaftsgebiet etabliert hat, wenn auch nicht einen Staat im konventionellen Sinn. Die Anziehungskraft dieses IS, der zugleich Terrormiliz und Terrorstaat ist, auf Dschihadisten aus Westeuropa hat mindestens zwei Gründe: Diese Dschihadisten glauben, ihr Leben bekomme endlich einen Sinn, wenn sie sich für einen solchen »Staat« opfern, und sie sind fasziniert von der Aussicht, das Nahen des Jüngsten Gerichts zu beschleunigen. Die Motive, weshalb ein Dschihadist in den Krieg nach Syrien und in den Irak zieht, sind vielfältig. Auf die meisten trifft indes zu, dass sie in Europa am Rande der Gesellschaft lebten, keine Anerkennung fanden und in ihrem Dasein keinen Sinn. Diesen Sinn glauben sie, das ist das Erschreckende, im Aufbau des IS zu finden, da dieser den sunnitischen Islam gegen dessen angebliche Gegner – den Westen und die schiitischen Muslime – verteidige. Wichtig ist die Symbolik des Kalifats, also der Einsatz für den selbsternannten Nachfolger Muhammads. Eine Rolle spielt auch der zweite Grund, die Teilhabe an der Apokalypse. Denn der IS sieht es als seine Aufgabe, die Entscheidungsschlacht mit den Ungläubigen herbeizuführen, die in den Tag des Jüngsten Gerichts mündet. Diese Mischung aus »für das Gute kämpfen« und »den Sieg des Guten« herbeiführen, sich für eine »gute Sache« zu opfern und Teil der »göttlichen Ordnung« zu werden, hat in manchen Kreisen eine gewaltige Anziehungskraft.

2. Neben dem sogenannten Islamischen Staat gibt es in Afrika weitere, ihm nahestehende Terrorgruppen. Darunter Boko Haram aus Nigeria sowie die al-Shabaab-Miliz aus Somalia, die vor kurzem in Kenia mindestens 148 Menschen in der kenianischen Universität in Garissa ermordet haben. Wie ordnen Sie diese Splittergruppen in den Kontext des sogenannten Islamischen Staates ein?


In seinem Kerngebiet Syrien und Irak gerät der IS unter Druck, seine territoriale Expansion ist gestoppt, er verliert zurzeit mehr Gebiet als er hinzugewinnt. Das führt aber zu nur unerheblichen territorialen Einbußen. Diese leichten Verluste werden dadurch kompensiert, dass sich dschihadistische Gruppen in der Peripherie der islamischen Welt durch einen »Treueeid« zum IS bekennen und sich dem »Kalifen« unterstellen. Der Bogen reicht von Abu Sayyaf auf den Philippinen über das »Emirat Kaukasus« bis zu Boko Haram in Nigeria. Viele dieser Gruppen existieren schon länger. Der IS ist jetzt nur der Fahnenmast, an den sie ihre Flagge heften, nachdem sie sich zuvor meist zu Al Qaida bekannt hatten. Das zeigt, dass die dschihadistische »Marke« IS, die sich aus dem Jihad und einem »Staat« zusammensetzt, erfolgreich ist. Strategie des IS, zunächst eine territoriale Herrschaft zu sichern, um von dort die Feinde zu bekriegen. Mit den ideologischen Verbündeten in der Peripherie wächst aber die Gefahr weiter, die von ihm ausgeht.

3. Erst kürzlich wurde in der tunesischen Hauptstadt ein Terroranschlag verübt, bei dem mehr als 20 Menschen starben. Tausende Tunesier haben mit einem Trauermarsch in Tunis der Toten gedacht und ein Zeichen gegen den Terror gesetzt. Wie kommt es, dass in diesem so vorbildhaften und inzwischen demokratischen Land trotzdem so viele junge Tunesier in den Dschihad ziehen und Terroranschläge verübt werden?


In Tunesien gab es, wie in nahezu allen arabischen Diktaturen vor 2011, islamistische Extremisten, die in den Untergrund getrieben worden sind, wo sie sich weiter radikalisierten. Die meisten Dschihadisten von heute gehen auf jene Unterdrückung zurück. Dennoch ist Tunesien ein Beispiel dafür, wie ein Konsens zwischen gemäßigten Islamisten und gemäßigten Säkularen entsteht, von denen keiner der Anderen ausschließt und jeder den anderen akzeptiert. Von dieser Bereitschaft zur Inklusion sind die meisten anderen arabischen Gesellschaften weit entfernt.

4. Die Zerstörung der nordirakischen Kunstschätze im Museum der Stadt Mossul und der Grabungsstätte Ninive im Februar 2015 stehen in einer längeren Tradition islamistischer Terrorgruppen. Bereits viele heilige Stätten von Muslimen und Christen wurden durch den IS und zuvor durch die Taliban in Afghanistan und Islamisten in Mali zerstört. Wie ist diese brutale Zerstörungswut gegen die sogenannte »Vielgötterei« zu erklären?


Der beispiellose Kulturvandalismus verfolgt zunächst die Absicht, Geschichte zu zerstören, so dass als einzige Identität der vom IS gewaltsam durchgesetzte Islam, wo ihn der IS auslegt, bleibt. Diese archäologischen Kunstschätze haben jeweils eine Art nationaler Identität geschaffen. Der IS lehnt jedoch jeglichen Bezug zu Nationen ab; allein die Religion darf Identität stiften. Das theologische Argument eines primitiven Monotheismus lautet zudem, polytheistische Gesellschaften hätten diese Stätte und Artefakte hervorgebracht; so wie Muhammad in der Kaaba die Statuen der kleinen Göttinnen und Götter, die es neben dem bereits bekannten Einen Gott »Allah« gegeben hatte, zerstört habe, zerstöre der IS heute die Relikte der Götzendienerei. Möglicherweise spielt auch die Erwartung eine Rolle, dass als Folge der provozierenden Bilder ein Eingreifen des Westens herbeigeführt und damit die finale apokalyptische Endschlacht beschleunigt werden könne.

5. Der Jemen versinkt im Chaos und die Houthi-Rebellen erobern immer weitere Teile des Landes. Saudi-Arabien und Verbündete aus der Arabischen Liga gehen militärisch dagegen vor. Der Konflikt droht zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu werden. Gibt es einen Bezug zwischen diesem Konflikt und dem Terror des IS?


Die Houthis gelten als schiitische Muslime, auch wenn sie den Sunniten nahe stehen. Iran als Schutzmacht des schiitischen Islams unterstützt die Houthis; umstritten ist, in welchem Umfang das geschieht. Um den Einfluss Irans zurückzudrängen, interveniert Saudi-Arabien und führt nun offen Krieg gegen die Houthis. Die Machtergreifung der Houthis in den vergangenen Monaten verschaffte aber auch Al Qaida Zulauf, da auch Al Qaida Krieg gegen die Schiiten führt. Die wichtigste Dschihadistengruppe im Jemen, die nicht zu Al Qaida gehört hat, hat sich nun großteils dem IS angeschlossen; sie verübte am 20. März Terroranschläge in Sana auf zwei Moscheen der Houthis, bei denen mehr als 140 Menschen getötet wurden. Insofern ist die Auseinandersetzung zwischen den Houthis und dem IS Teil der sehr komplizierten Konflikte im Jemen.

6. Ihre These ist die eines »Dreißigjährigen Krieges« in der arabischen Welt. Der Westen könne hier nur flankierend zur Seite stehen. Was sollte der Westen Ihrer Meinung nach konkret tun oder lassen?


Der Westen kann nicht allzu viel tun. Demütig sollten wir eingestehen, dass Interventionen des Westens im Nahen Osten selten die gewünschten Ergebnisse gebracht haben. Untätig darf er aber nicht bleiben; Abseitsstehen ist bei den Gefahren, die vom IS ausgesehen und auch von der Flüchtlingstragödie, keine Option. Wichtig ist, erstens, zu verhindern, dass die Bürgerkriege in Nachbarstaaten überschwappen, etwa Jordanien, und sich der Flächenbrand so fortsetzten. Zudem ist, zweitens, humanitäre Arbeit das Gebot der Stunde, in Syrien ist bereits jeder zweite Einwohner ein Flüchtling. Kinder gehen nicht in die Schule, Erwachsene haben keine Arbeit. Das ist eine Zeitbombe, die auch uns erschüttern könnte. Je länger die Perspektivlosigkeit andauert, desto mehr werden sich auf den Weg nach Europa machen. Drittens sollte auf die Einhaltung von Mindeststandards in den Diktaturen gepocht werden; denn in den Gefängnissen wächst eine neue Generation von gewaltbereiten Extremsten heran, die später auch eine Gefahr für uns sein werden. Viertens muss verhindert werden, dass der IS die Herrschaft über Damaskus übernimmt. Fünftens, der IS ist eine Folge der Kriege in Syrien und im Irak, nicht deren Ursache. Voraussetzung, ihn zu vernichten, sind daher politische Lösungen: Im Irak muss ein inklusive Regierung mehr Sunniten das Gefühl vermitteln, Teil der Ordnung sein. Weniger leicht ist eine Lösung in Syrien; dort wird man einer Lösung, die den Machthaber Assad einbindet, nicht vorbei kommen.

Alle Bücher von Rainer Hermann

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Rainer Hermann

Endstation Islamischer Staat?

Staatsversagen und Religionskrieg in der arabischen Welt

Eine scharfsinnige historisch-politische Analyse und Bestandsaufnahme von einem ausgewiesenen Kenner der arabischen Welt.

Erhältlich als: Taschenbuch, E-Book
Taschenbuch
x 12,90 €

Rainer Hermann

Die Golfstaaten
Wohin geht das neue Arabien?

Gesellschaft, Geschichte, Politik, Wirtschaft: Eine aufschlussreiche Bestandsaufnahme und Prognose von einem ausgewiesenen Kenner der arabischen Welt.

Erhältlich als: E-Book
E-Book
x 12,99 €

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