Portrait des Autors Elke Reichart

Elke Reichart

Elke Reichart absolvierte die Deutsche Journalistenschule, arbeitete bei Tageszeitungen, beim ZDF und als freie Journalistin in Südafrika. Sie lebt heute mit ihrer Familie bei München.

Veranstaltungen

Germersheim, 10.05.2017

Schullesung mit Elke Reichart

Elke Reichart »Was heißt hier Respekt?!«
Datum:
Mittwoch, 10.05.2017
Ort:
Geschwister-Scholl-Realschule plus Germersheim

Schullesungen

Mediathek

Videorezension: Deutschland, gefühlte Heimat

Interview

»Ich liebe die Wortgefechte, die sich meine Freunde zu bestimmten Themen liefern« -

Elke Reichart ist erfahrene Sachbuchautorin, Journalistin und alles andere als ein Digital Native. Für ihr Sachbuch ›gute-freunde-boese-freunde. leben im web‹ hat sie sich zum ersten Mal ein Facebook-Profil angelegt und sich in die Weite des sozialen Netzes begeben. Susanne Krones sprach mit ihr über ihre spannende Recherche und ihre ersten Erfahrungen im Social Web ...

Sie haben sich für die Recherchen zu Ihrem Buch erstmals ein Facebook-Profil angelegt. Und – macht Facebook süchtig?

Ich hätte ohne Facebook keine Entzugserscheinungen. Aber ich würde es vermissen. Ich mag meinen Freundeskreis dort. Morgens gratuliere ich dem einen Freund zum Geburtstag, kommentiere ein paar Postings, höre kurz in die Musikvorschläge eines Jazz-Fans, verfolge ein paar Links und beginne dann mit dem Arbeiten. Und wenn ich eine Schreibblockade habe und nicht weiterkomme, gehe ich wieder hinein – Facebook läuft immer nebenher – und lasse mich ablenken oder inspirieren. Im vergangenen Sommer war ich vier Wochen nicht ›drin‹ – ich wurde nicht vermisst, aber gleich sehr freundlich wieder aufgenommen. Schön.

Was war die witzigste Statusmeldung, die Ihnen auf Facebook begegnet ist?

Ich liebe die Wortgefechte, die sich meine Freunde zu bestimmten Themen liefern – sehr klug, sehr witzig, manchmal stundenlang – unmöglich aber, hier daraus zu zitieren, der Zusammenhang wäre nicht klar.

Ihr bisher größter Fehler im Social Web?

Ich bin extrem vorsichtig und überlege mir jedes Wort, bevor ich es veröffentliche. Insofern bin ich von Katastrophen bisher verschont geblieben. Was ich in Zukunft vermeiden werde, basiert auf folgender Geschichte: Eines Tages bekam ich von dem Sohn eines in Palästina lebenden Freundes die Nachricht, dass der Vater verstorben sei. Ich war sehr betroffen und postete ohne großes Nachdenken:

Elke Reichart ist sehr traurig über den Tod von … Die Reaktion: entsetztes Schweigen meiner Freunde – große Ratlosigkeit, wie damit umgegangen werden sollte. Nur meine muslimischen Freunde schickten Trost: »Friede seiner Seele« oder «Sei nicht traurig, er ist bei Allah«. Alle anderen warteten ab, bis ich wieder Harmlosigkeiten schrieb. Facebook-Freundschaft ist begrenzt belastbar, wenn man sich das klarmacht, wird man nicht enttäuscht.

»Ein Buch über Twitter im Regal ist wie ein Foto vom Wagenheber im Kofferraum«, hat Sascha Lobo vor einem knappen Jahr getwittert. Ist das mit einem Buch über Facebook nicht so ähnlich? Warum haben Sie sich gerade für das Medium Buch entschieden, um über das soziale Leben im Web nachzudenken?

Es gibt nichts Vergleichbares im Netz – außer, man sucht sich alle Details mühsam erst zusammen: In meinem Buch stehen so viele Ratschläge, Hinweise, Regeln, Adressen, Tipps – es geht um Beziehungen, um Cyber-Mobbing, um Online-Sucht, um neue Internet-Berufsbilder. Ich denke, dass es ein wichtiger Begleiter durch den Alltag der Digital Natives werden könnte, der immer wieder hervorgeholt wird.

In Ihrem Buch sprechen Sie mit Jugendlichen und Online-Experten. Welcher Ihrer Gesprächspartner hat Sie besonders beeindruckt?

Jeder einzelne meiner Buch-›Freunde‹ hat eine ganz spezielle Geschichte zu erzählen, jedes Mal war ich fasziniert von deren Beiträgen zum Thema ›Freundschaft in Zeiten des Internets‹. Sehr lange beschäftigt hat mich die Geschichte der Bennis, in der es um Online-Sucht geht. Die Zwillinge waren im Alter von 14 bis 19 Jahre praktisch im Netz verschollen, wichtig waren für sie nur noch die Freunde im Netz. Diese Parallelwelt, von der sie heute mit einem Abstand von einigen Jahren erzählen, war mir fremd – doch es ist ein hochinteressantes Kapitel geworden, zumal auch ihre Schwester beschreibt, wie die Familie damit umgegangen ist. Und dann analysiert auch noch ein Suchtberater eher theoretisch die Abhängigkeit der Bennis vom PC und gibt Ratschläge, wie solche Situationen vermieden werden können – das ist eine abgerundete, wichtige Geschichte geworden.

Welcher Freund kreuzt online am häufigsten Ihre Wege?

Johannes Boie schreibt immer wieder in der Süddeutschen Zeitung Kluges aus der Online-Redaktion, ihn lese ich sehr gern. In Facebook habe ich am meisten Kontakt mit Lukas Adda, dem Digital Guide. Er hält uns mit jeder Menge Links auf dem Laufenden und hilft bei Fragen – zu Sicherheitsvorkehrungen zum Beispiel. Er kennt sich super aus im Netz – gut, dass er daraus einen Beruf gemacht hat!

»Kopfsausen. Gedankenbrausen. Seelenknast«. So beschreibt Elena Margulis, die für Ihr Buch den Beitrag ›Posten, Chatten, Taggen und Liken – allein unter Freunden‹ geschrieben hat, das Gefühl, dass man seinen Ex-Partner auch nach einer schmerzhaften Trennung im Netz nicht loswird. Obwohl es wehtut, zwingt man sich wieder und wieder, seine digitalen Spuren zu verfolgen. Das ist doch verrückt – warum tut man es trotzdem?

Ich befürchte, das war schon in den Zeiten vor den Social Networks so: Trennungen sind extrem schwierig, ein Partner möchte den Kontakt meist unbedingt halten. In den Social Networks kommt oft noch die Öffentlichkeit dazu – der Status wird auf „single“ verändert, die gemeinsamen Fotos werden gelöscht, die Freunde bekommen das mit, kommentieren und mischen sich ein… Alles wird dadurch doppelt so schlimm. Und dann noch die Möglichkeit, den Ex-Partner digital weiterhin zu verfolgen: Mit wem hat er Kontakt? Auf welchen Fotos taucht er auf? Welche neuen Freunde hat er? Es gehört, glaube ich, sehr viel Selbstdisziplin dazu, diesen Kontroll-Versuchungen nicht nachzugeben.

Machen Social Networks Freundschaft und Liebe leichter oder schwieriger?

Freundschaft – leichter. Es ist unproblematisch, Kontakte zu neuen und alten Bekannten zu halten. Liebe – schwieriger. Die sollte doch wohl eher unkommentiert und unbeobachtet die Chance zum Wachsen bekommen.

Wie weit werden sich virtuelle und reale Welt einander noch annähern?

Lukas Adda stellt uns in seinem Beitrag ja schon die ›augmented reality‹ vor, die erweiterte Realität. Entwicklungen wie diese wird es in immer kürzeren Abständen immer wieder geben, einen Weg zurück gibt es nicht, einen Stillstand auch nicht. Ich bin sehr gespannt.

Interview: Susanne Krones

»Wozu sind Wurzeln gut, wenn man sie nicht mitnehmen kann? Ich würde jedem erlauben, seine Wurzeln mit zu uns zu bringen - und mir neugierig die Pflanzen anschauen, die aus diesen Wurzeln wachsen.«

Junge Migranten haben eine Menge zu erzählen: Die Journalistin Elke Reichart hat zugehört. Elke Reichart absolvierte die Deutsche Journalistenschule, arbeitete bei Tageszeitungen, beim ZDF und als freie Journalistin in Südafrika. Heute lebt sie mit ihrer Familie bei München. Für ihr Sachbuch ›Deutschland, gefühlte Heimat‹ reiste Elke Reichart durch die Republik und sprach mit jugendlichen Migranten. Entstanden sind Erfahrungsberichte aus einer Welt, die direkt neben uns existiert und zu der wir dennoch selten Zugang haben. Susanne Krones sprach mit Elke Reichart über ihre ungewöhnliche und bewegende Recherchereise, den Alltag junger Migranten und die mediale Berichterstattung über Migration.

Jeder vierte Jugendliche in Deutschland hat inzwischen einen sogenannten ›Migrationshintergrund‹. Das heißt, die Jugendlichen selbst oder ihre Eltern sind irgendwann aus unterschiedlichen Gründen aus anderen Staaten nach Deutschland gekommen. Was hat Sie neugierig gemacht auf die Geschichten dieser jungen Migranten?

Es gibt in den Medien eine Art Schwarz-Weiß-Berichterstattung über Migranten, die mich schon immer ärgerlich gemacht hat. Auf der einen Seite die super-erfolgreichen eloquenten Überflieger, die in ihrer neuen Heimat Deutschland Traum-Karrieren hinlegen - auf der anderen Seite die gewalttätigen, radebrechenden Rüpel, die Angst und Schrecken verbreiten.
Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich in einem Lifestyle-Magazin einen Artikel über die junge türkische Elite in Berlin gelesen hatte, die Protagonisten waren auf Hochglanz in Designer-Kleidung an ihren Schreibtischen oder vor der Uni abgebildet und eigentlich nur zu beneiden. Am gleichen Tag hämmerten mir von den Boulevard-Zeitungen die Balken-Überschriften über die Krawalle an der Rütli-Schule in Berlin entgegen: »Brutal! Lehrer in Angst! Araber nennen unsere deutschen Kinder Schweinefresser!« Und dann schaute ich mich um und sah um mich herum auf der Straße, an der Schule meines Sohnes, im Café, am Arbeitsplatz jede Menge Jugendlicher mit Migrationshintergrund, ganz friedlich, ganz unauffällig, ganz einfach mit uns lebend. Und ich dachte mir: Wie gehen die eigentlich mit dieser Situation um? Ist Deutschland für sie so sehr Heimat geworden, dass es sie kalt lässt, wenn sie solche Schlagzeilen sehen? Oder fühlen sie sich dann fremd und abgelehnt?
Wenn man einmal für diese Thematik sensibilisiert ist, kommt man nicht mehr davon los.
Zu meinem Glück ging es meinem Verlag dtv Reihe Hanser - speziell, meiner Lektorin Gabriele Leja - genauso. Und so entstand Anfang 2007 die Idee zu ›Deutschland, gefühlte Heimat‹. Zu einer Interview-Reise durch die Bundesrepublik, einer Recherche, die unsere Neugier und natürlich die unserer Leser und Leserinnen befriedigen sollte. Wir hatten damals keine Ahnung, dass das Thema im Laufe dieses einen Jahres derart an Brisanz gewinnen würde. Heute vergeht ja kein Tag mehr, an dem das Thema Migration nicht mindestens einmal zur Nachricht wird. Es hat einen hohen Stellenwert bekommen.

Wie sind Sie bei der Auswahl Ihrer Gesprächspartner vorgegangen?

Ich hatte mir eine Art Raster überlegt, mit dem ich möglichst viele Aspekte der Migration
abdecken wollte: Statistiken zum Beispiel, die etwa zeigen sollten, aus welchen Ländern die meisten Migranten nach Deutschland kommen. Oder welche Gründe es gibt, die zur Migration führen - politische Verfolgung, Armut, Ausbildungsmöglichkeiten. Und so weiter.
Die Praxis sah dann anders aus. Ich saß nicht etwa am Schreibtisch, mit dem Raster vor mir und dem Telefonhörer in der Hand, um dann einen Punkt nach dem anderen abzuhaken und Adressen zu notieren. Nein, die Suche nach meinen zwölf »Helden« war ein Abenteuer für sich, eine für mich sehr ungewöhnliche Art des Buch-Machens. Ich habe schon im Vorfeld des Schreibens viele interessante Menschen kennengelernt, die mir weitergeholfen haben. Es war erst eine Art Stochern im Nebel, bis zum Beispiel der Kontakt zu einer engagierte Pastorin, über die ich im »Spiegel« gelesen hatte, schließlich zum Leiter einer Asylberatung führte, der wiederum einen jungen Mann kannte, der unter Umständen bereit wäre, mit mir über sein Schicksal zu sprechen. Es war spannend, aber auch ganz schön nervenaufreibend. Ich war es bisher nicht gewohnt, ein Buch zu schreiben, von dem ich nicht genau wusste, wie es enden würde. Und dann gab es ja noch den Abgabetermin im Herbst 2007, der für eine gewisse Nervosität sorgte. Aber nun bin ich sehr zufrieden mit der Auswahl.

Aus welchen Ländern sind die Jugendlichen, die Ihnen ihre Geschichte erzählten, nach Deutschland gekommen?

Ich habe zum Beispiel zwei Krisengebiete herausgesucht, über die wir täglich lesen und hören, ein fernes und ein nahes. Noor heißt der junge Mann aus dem fernen Afghanistan, die Brüder Rami und Sliman kommen aus Palästina, gleich gegenüber von Europa. Mables Eltern mussten aus politischen Gründen aus dem afrikanischen Ghana fliehen, sie lebte zehn Jahre im Asylantenheim in Hamburg. In Berlin habe ich zwei junge Türkinnen interviewt, die Nachbarinnen sind, aber ganz unterschiedlich leben: eine sehr westlich orientiert, die andere den Traditionen ihrer Heimat fest verbunden. Stefan Stroh in Leipzig ist ein Russlanddeutscher, er kam mit seiner Familie im Bus aus Kasachstan und landete mitten in der Flutkatastrophe in Sachsen.
Sie alle und die anderen meiner Interviewpartner haben mir ganz unglaubliche, anrührende, aufrüttelnde Geschichten erzählt - ich konnte manchmal gar nicht glauben, welche Lebensfilme plötzlich vor mir abrollten. Und ich weiß noch, wie ich mich irgendwann mal fragte, ob wohl alle Migranten um mich herum so viel Interessantes aus ihrer alten Heimat, von ihren Familien und ihrem neuen Leben erzählen würden ... wenn ich sie nur fragen würde.

So verschieden die Geschichten sind, die Sie im Lauf Ihrer Recherchereise erzählt bekommen haben: Was verbindet sie?

Alle diese jungen Menschen, die ich traf, haben den festen Willen, das Beste aus ihrer Situation zu machen: sie haben viel Kraft und Mut und Klugheit gebraucht, bis sie endlich ihren eigenen Weg in der neuen Heimat gefunden haben. Sie sind meiner Meinung nach erwachsener als die gleichaltrigen Deutschen - was nicht unbedingt ein Vorteil war, sie mussten oft viel mehr durchmachen, hatten Phasen der totalen Orientierungslosigkeit und konnten sich keine jugendliche Unbekümmertheit leisten.

Wie ist es mit dem Verhältnis der Jugendlichen zu ihren Eltern: Verändert sich das mit dem Neuanfang in einem fremden Land?

Als roter Faden zieht sich durch die Geschichten, dass diese jungen Menschen sehr früh Verantwortung übernehmen mussten. In der Regel waren sie es, die Deutsch konnten, weil sie in die Schule gingen - also waren sie es auch, die für die Eltern übersetzen und organisieren mussten. Mable aus Ghana ist ein gutes Beispiel dafür, Sineb aus Marokko noch mehr, ebenso wie Pinar aus der Türkei. Sie alle erzählen, dass sie ihre deutschen Mitschüler oft sehr beneideten, weil die keine Pflichten für die Familie übernehmen mussten, sondern Kind sein durften. Oder Noor aus Afghanistan: Er zerbrach fast an dem Konflikt mit dem Vater - er machte ihn verantwortlich für die schlimme Situation, in die die Familie nach der Flucht geraten war. Sein Weltbild, in dem der Vater als Patriarch für das Wohlergehen der Seinen und für Sicherheit sorgte, lag in Trümmern.
Ich habe gelesen, dass es im kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich Untersuchungen gibt, nach denen »Migrantenkind« ein besonderer Risikofaktor für psychische Störungen ist. Als typische Konstellationen für missglückte Problembewältigung werden die »traditionell verstrickten«, die »überangepassten«, die »gespaltenen« und die »vom Zerfall bedrohten« Familien genannt. Aber es gibt auch neuere Untersuchungen, in denen »alternative Bewältigungsstile« und »durchgemachte Lernprozesse« positiv bei den ausländischen Familien hervorgehoben werden. Und so war es ja auch bei Noor, es fand ein gewaltiger Lernprozess statt - heute ist die Familie wieder der wichtigste Grundpfeiler seines Lebens.

Hat Sie eine der Geschichten besonders beeindruckt?

Ich könnte mich nicht für eine entscheiden - ich finde alle beeindruckend, jede auf ihre Art. Auch das Vorwort des Fußball-Nationalspielers Gerald Asamoah aus Ghana ist hochinteressant. Ich wusste vorher, dass er rassistischen Anfeindungen ausgesetzt war – aber wie schlimm es ist, in ein Stadion einzulaufen und mit Bananenschalen beworfen zu werden, wie er damit umging, wie er seine Familie schützen will ... das alles hat er sehr anschaulich erzählt. Aber ohne Anklage. Er schreibt, er halte unser Buch ›Deutschland, gefühlte Heimat‹ für sehr wichtig im Zusammenhang mit den Diskussionen im Land.

Sprachkenntnisse sind ungemein bedeutend, um gegen Ausgrenzung und Vorurteile vorgehen und sich im Alltag behaupten zu können. Wie leicht ist es Ihren jungen Gesprächspartnern gefallen, sich in die deutsche Sprache einzufinden, und wie leben sie umgekehrt ihre Mehrsprachigkeit? Ist es jungen Migranten wichtig, auch die Sprache ihrer Eltern weiterzuleben?

Die Marokkanerin Sineb hat es in meinem Buch in ihrer Geschichte ganz klar und deutlich ausgedrückt: Ohne Deutschkenntnisse ist keine Integration möglich. Und das ist auch meine Meinung aufgrund der Recherchen des vergangenen Jahres. Sinebs Mutter kam als junges Mädchen nach Deutschland und lebte völlig isoliert mit ihrer kleinen Tochter in einer Wohnung in der Nähe von Hannover; wenn der Vater abends von der Arbeit kam, wurde Arabisch gesprochen. Sineb lernte ein bisschen Deutsch durchs Fernsehgucken und war völlig überfordert, als sie mit sechs Jahren in die Schule kam. Heute ist sie Mitte 20 und – man stelle sich das vor: Herausgeberin einer deutschsprachigen Frauenzeitschrift für Migrantinnen, der »Gazelle«. Sineb ist prädestiniert dafür, über dieses Thema zu sprechen und das tut sie auch sehr ausführlich und sehr analytisch.

Wie würden Sie unseren Politikern die Dauerbrenner-Frage beantworten: Ist Deutschland längst ein Einwanderungsland?

Ach, diese Frage ... Jahrelang immer wieder diese quälenden Diskussionen, quer durch alle Parteien und oft so was von an der Realität vorbei!!! Ich denke, Deutschland war und ist ein Einwanderungsland und wird es auch bleiben. Allerdings scheint es für hochqualifizierte Ausländer nicht mehr attraktiv zu sein, zu uns zu kommen. 2007 waren es nur noch 23 400 Menschen aus Nicht-EU-Staaten - ein Drittel weniger als im Jahr zuvor. Das, finde ich, ist eine sehr bedenkliche Entwicklung, denn wir brauchen diese Arbeitskräfte dringender denn je.
Und noch etwas finde ich bedenklich, die ehemalige Bundespräsidentin Rita Süssmuth hat es in ihrem Buch »Migration und Integration: Testfall für unsere Gesellschaft« (ebenfalls im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen) ausführlich belegt: Dass nach wie vor viele Deutsche der Meinung sind, dass insbesondere Angehörige des muslimischen Glaubens viele Kinder haben und schon bald die Migranten die Mehrheit in unserem Land bilden könnten. Momentan aber wandern mehr Deutsche aus als ein, wir haben eine stark abnehmende ausländische Zuwanderung und die Geburtenrate der muslimischen Frauen nähert sich immer mehr denen der deutschen Frauen.

Sie haben deutlich gemacht, welche große Rolle die Sprachkenntnisse dafür spielen, ob Integration scheitert oder gelingt. Welche Rolle spielt dabei die Religion? Sie schildern in Ihrem Buch beispielsweise den Alltag von Marla und Pinar - zweier Schülerinnen mit türkischen Wurzeln, die in Berlin-Charlottenburg nur wenige Türen voneinander entfernt, aber doch in ganz anderen Welten leben.

Marla nennt sich selbst eine Atheistin, während Pinar jeden Tag Besucher durch eine Moschee in Berlin führt, um über ihre Religion aufzuklären. Einen größeren Gegensatz gibt es wohl kaum. Aber wenn man die Geschichten der beiden hört, versteht man beide Frauen und - so ist es mir zumindest ergangen - muss deren Beweggründe respektieren. Aber warum fällt es mir leicht, diesen Respekt aufzubringen? Weil ich mit beiden lange gesprochen habe und zwischen uns Vertrauen entstanden ist. Und weil wir akzeptieren konnten, dass es am Ende kein vollständiges Einverständnis geben würde. Marla blieb Atheistin, Pinar Muslima und ich Christin, und wir hatten die interessantesten Gespräche der Welt. Verschiedenartigkeit kann bereichernd sein ... wir können so viel voneinander lernen.
Sie sehen, es läuft immer wieder auf das Miteinander-Reden hinaus. Wenn sich alle ein wenig anpassen, müsste es doch funktionieren mit dem Miteinander-Leben. Vielleicht ist es naiv, aber neulich habe ich ein Interview mit einem Philosophen aus der amerikanischen Eliteuniversität Princeton gelesen, der das genauso formuliert hat: Wenn alle, die so denken, immer wieder jemanden überzeugen könnten - so nach dem John-Lennon-Prinzip »Imagine«. Wir können die Migration ohnehin nicht mehr aufhalten, wir werden damit leben müssen. Dann können wir ebenso gut damit anfangen, bei uns selbst nach Lösungen zu suchen.

Haben Sie selbst auf Ihrer Reise ein anderes Gefühl dafür bekommen, was Heimat ist?

Migrant ist man, wenn man ein Jahr lang außerhalb seines Herkunftslandes lebt. Ich war selbst einmal Migrantin, mein Mann und ich haben fünf Jahre in Südafrika verbracht. Damals habe ich oft über Heimat nachgedacht. Als ich jetzt die Interviews machte, konnte ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen von damals viel Unausgesprochenes verstehen – »es erfordert viel Mut, den Koffer zu packen und die Heimat zu verlassen«, sagt Kofi Annan und damit hat er Recht. Aber Gertrude Stein hat auch gesagt: »Wozu sind Wurzeln gut, wenn man sie nicht mitnehmen kann?« Ich würde jedem erlauben, seine Wurzeln mit zu uns zu bringen - und ich würde mir neugierig die Pflanzen anschauen, die aus diesen Wurzeln wachsen.

Und dafür, was Deutschland ist?

Diese ständige Diskussion um Migration, Integration, Assimilation, die uns momentan verfolgt, ist zwar nicht unbedingt aufbauend, sondern oft deprimierend, sie macht zornig oder ungeduldig. Aber ich bin trotzdem zufrieden - solange in Deutschland weiterhin so intensiv und engagiert und intensiv um Lösungen gerungen wird, ist es um unser Land nicht schlecht bestellt.

© Interview: Susanne Krones / dtv

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