Arye Sharuz Shalicar

Arye Sharuz Shalicar

Arye Sharuz Shalicar, Jahrgang 1977, diente nach dem Abitur 1997 bei der Bundeswehr als Sanitäter und begann an der FU Berlin zu studieren. 2001 wanderte er nach Israel aus, wo er 2006 an der Hebräischen Universität Jerusalem das Bachelor-Studium Internationale Beziehungen, Nahostgeschichte und Politik absolvierte sowie im Anschluss bis 2009 ein Masterstudium der European Studies. Von 2006 bis 2009 arbeitete er für The Jewish Agency for Israel und 2007 - 2009 für das Nahost-Studio der ARD in Tel Aviv. Er ist ehrenamtlich Vorsitzender der Organisation junger deutschsprachiger Einwanderer in Israel (NOAM) und seit Oktober 2009 Pressesprecher der israelischen Armee (IDF).

Interview


Arye Sharuz Shalicar: ›Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude

»Du bist ein Jude und die ganze Welt hasst dich!«, sagt Ihr Vater zu Ihnen, als Sie 13 Jahre alt sind. Hatte er recht?

Mein Vater wollte mir vor allem vermitteln, dass ich acht geben sollte, wann und wo ich mich als Jude »oute«, denn es könnte sehr schnell zu Handgreiflichkeiten kommen, auf die ich gefasst sein sollte. Er sprach aus eigener Erfahrung. Es war symbolisch gemeint, und meiner Meinung nach hatte er damit vollkommen recht: Nur kurze Zeit später musste ich in Berlin-Wedding um mein Überleben kämpfen, und das nur, weil meinem muslimischen Umfeld klar wurde, dass ich ein Jude bin.

Die Diskriminierung im Wedding hat Sie erst zum Opfer, dann zum Täter gemacht. Sie planten Überfälle und Einbrüche, saßen im Knast. Trotzdem haben Sie das Abitur gemacht, Ihren Wehrdienst geleistet und studiert. Wie haben Sie es geschafft, nicht völlig zu entgleisen?

Ich habe damals eine Art Doppel-Identität geführt. Einerseits musste ich mich als hartes Gangmitglied jederzeit von der coolen, verrückten Seite zeigen, andererseits habe ich heimlich für Prüfungen gelernt, Bücher gelesen und immer gehofft, das jeweilige Schuljahr zu bestehen.

Am meisten verdanke ich das jedoch meiner damaligen Freundin Janica. Sie hat mir auf erzieherische und liebevolle Art Grenzen gesetzt: Als ich ihr mal von einem geplanten Raubüberfall erzählte, bat sie mich noch einmal darüber nachzudenken, denn sie würde mich nicht im Gefängnis besuchen kommen. Dieser Gedanke schreckte mich dermaßen ab, dass ich meinen Freunden absagte.

Und wie war das alles für Ihre Eltern?

Meine Mutter hat oft unter Tränen ein Gespräch mit mir zu führen versucht, besonders wenn ich blutend nach Hause kam oder die Polizei vor der Tür stand. Aber ich war schon zu tief gesunken, um ihr versprechen zu können, dass ich mich bessern werde …

Ihr Bruder erlebte einige Jahre nach Ihnen im Wedding die gleichen Anfeindungen wie Sie. Wie ist es dort heute?

Der Wedding ist nach wie vor eine Bandenhochburg, voll von Jugendkriminalität, Drogen und aggressivem Verhalten.

Haben Sie noch Kontakt zu damaligen Jugendfreunden?

Zwei in Deutschland geborene Türken gehören bis heute zu meinem engsten Freundeskreis. Beide standen stets zu mir. Glücklicherweise habe ich keinen Kontakt mehr zur Weddinger Straße, viele der damaligen Kriminellen sind heute entweder im Gefängnis, abgeschoben oder haben geheiratet und sind weggezogen.

Sie fühlten sich nicht nur von Gleichaltrigen im Wedding gemobbt, sondern auch von Einrichtungen wie der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Beim Besuch der Jüdischen Bibliothek kamen Sie sich gar vor wie Bin Laden …

Als dunkelhäutiges Gangmitglied aus dem Wedding konnte ich mich nie als Teil der Jüdischen Gemeinde Berlins fühlen. Deutsche Juden, normalerweise aus besseren finanziellen Verhältnissen und sicherlich nicht aus einer Ghettogegend, lebten in einer ganz anderen Welt. Und russischsprachige Juden blieben unter sich: Obwohl ich einige von ihnen gut leiden konnte, fand ich keinen wirklichen Draht zu ihnen. Heute bin ich übrigens mit einer russischsprachigen Jüdin aus Deutschland verheiratet!

Demnächst lesen Sie in genau diesen Einrichtungen. Wird das seltsam?

Mittlerweile habe ich von Israel aus sehr eng mit den Jüdischen Gemeinden Deutschlands gearbeitet. Mein Verhältnis und Verständnis haben sich gebessert, ich habe in der Berliner und der Münchner Gemeinde viele Freunde. Deshalb freue ich mich, dort Gast zu sein.

Sie bezeichnen sich als bis heute traumatisiert von Ihren Jugenderlebnissen, sind Ihrem Umfeld aber auch dankbar, da Sie durch die Diskriminierung zu Ihren Wurzeln zurückgefunden haben. Ein spannender Widerspruch …

Mein Weddinger Umfeld, also muslimische Fanatiker, Islamisten, arabische Juden- und Israelhasser, haben mir gewaltsam klar gemacht, dass ich anders bin, dass ich Jude und Israeli bin – obwohl ich nie vorher in Israel gelebt hatte. Sie machten aus mir einen »wahren Juden«, denn vorher war ich alles andere: Berliner, Perser, Deutscher, Weddinger, Gangmitglied … Heute bin ich zwar traumatisiert, jedoch gleichzeitig gestärkt – und dankbar, dass der Hass und arabischer Fanatismus mich rausgeekelt haben aus Berlin-Wedding.

Ob in Ihren Gedanken, in Gesprächen oder Auseinandersetzungen – in Ihrem Buch geht es immer wieder um die Frage, was einen Juden ausmacht. Haben Sie Ihre Antwort gefunden?

Ich kann in diesem Punkt nur für mich sprechen. Meiner Meinung nach sollte sich ein Jude gebunden fühlen an sein Volk und die historische Heimat der Juden, Israel.

Dort leben Sie seit bald zehn Jahren. Empfinden Sie Israel also auch als Ihre Heimat – obwohl Ihre Eltern aus dem Iran stammen und Sie in Berlin geboren und aufgewachsen sind?

Ja, denn Israel ist das einzige Land auf dieser Welt, in dem man als Jude vollkommen frei leben kann und hundertprozentiges Mitglied der Mehrheitsgesellschaft ist.

Und wie würden Sie Ihre Identität beschreiben?

Da wird es schwieriger: Ich bin froh, in Deutschland geboren zu sein, einem freien und demokratischen Land, in dem ich einige gute Eigenschaften aufgeschnappt habe. Darüber hinaus rede ich bis heute mit all meinen Verwandten Persisch und esse nichts lieber als persisches Essen. Dazukommt, dass ich durch den Wedding einen besonderen Bezug zur türkischen Kultur habe. Das ergibt einen richtigen Identitätssalat. Meine kürzeste Antwort auf die Frage, was sich bin: ein in Deutschland geborener und aufgewachsener Jude und Israeli, dessen Eltern aus dem Iran kommen.

Im letzten Kapitel Ihres Buches deuten Sie an, dass das Leben in Israel anders war als das gewohnte. War es auch schwierig?

Die ersten Jahre auf jeden Fall: Sprache, Wetter, Leute, alles war anders. Doch da ich auf keinen Fall mehr zurückwollte, gab ich alles und schaffte es relativ schnell, Teil der israelischen Gesellschaft zu werden.

Israel hat wie jedes Land der Welt auch negative Seiten. Doch für mich ist es zweifellos das faszinierendste Land der Welt. Ein Land, das in vielen Bereichen weltweite Anerkennung genießt; das sich trotz jahrelanger Terrorgefahr und Raketenbeschusses erfolgreich aufgebaut hat und sogar jüngstes Mitglied der OECD geworden ist. Israels Menschen sind hilfsbereit, das Wetter ist normalerweise angenehm warm, und in einer Stunde ist man entweder am Meer, mitten in der Wüste oder in einer grünen Bergregion. Und in erster Linie gefällt mir, dass ich frei bin. Das hat mir in Deutschland gefehlt.

Und vermissen Sie Deutschland manchmal?

Ich vermisse definitiv nicht das deutsche Wetter. Aber meine Eltern, guten Fußball und ab und zu einen Döner Kebab zum Mittagessen.

Der Journalist Richard C. Schneider bezeichnet Ihre Jugend im Wedding als Lehrjahre und Ihr Leben in Israel als Wanderjahre. Wie stellen Sie sich Ihre Meisterjahre vor?

Ich habe die unterste Schicht der Gesellschaft und leider auch das Phänomen des religiösen Fanatismus bzw. Islamismus kennengelernt. Wenn man mehrere Jahre in diese Parallelgesellschaft eintaucht, fühlt man sich imstande, jede Beleidigung und fast jeden Rückschlag einzustecken.

Ich bin glücklich, derzeit Pressesprecher der israelischen Verteidigungsarmee zu sein. Für mich ist es kein regulärer Job, sondern eine Mission. Die Mission, der Weltöffentlichkeit zu erklären, dass Israel das Recht hat, sich im Nahen Osten vor seinen zahlreichen Feinden zu verteidigen, die ihm den Tod wünschen. Genau so, wie ich rein theoretisch das Recht hatte, mich vor Faustschlägen, Messerstichen und Schlagstöcken zu verteidigen, um im Wedding zu überleben.

Hoffentlich werde ich eines Tages das auf der Straße Erlebte und das an der Universität Gelernte produktiv einsetzen können, um Israel einen Schritt näher an den langersehnten Frieden zu bringen.

Bücher des Autors

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Arye Sharuz Shalicar

»Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude«

»Für die Deutschen war ich ein Kanake, für die Moslems ein Jude, für die Juden ein krimineller Jugendlicher aus dem Wedding.«

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