Portrait des Autors Ingeborg Gleichauf

Ingeborg Gleichauf

Ingeborg Gleichauf, geboren 1953, studierte Germanistik und Philosophie in Freiburg und promovierte über Ingeborg Bachmann. In der dtv Reihe Hanser legte sie mit ›Sein wie keine andere‹ eine hochgelobte Beauvoir-Biografie für junge Leserinnen und Leser vor.

Preise und Auszeichnungen

Jury der jungen Leser
2008 - Kritikerpreis

Interview

»Frauen denken nicht anders als Männer.« - Ingeborg Gleichauf im Interview mit Susanne Krones (dtv)

Woran liegt es, dass Frauen zwar immer viel gedacht, in der offiziellen Geschichte der Philosophie aber kaum Spuren hinterlassen haben? Waren sie leiser als ihre männlichen Kollegen? Oder wurden sie schneller vergessen?

Es lag vor allem daran, dass die Möglichkeiten philosophierender Frauen, in der Öffentlichkeit ihre Präsenz zu entfalten, viel geringer waren als die der Männer. Sie mussten sich häufig verstecken, manchmal nahmen sie sogar einen anderen Namen an, um unentdeckt zu bleiben von den argwöhnischen Augen ihrer männlichen Kollegen.

Denken Frauen anders als Männer?

Frauen denken nicht anders als Männer, legen aber thematisch oft andere Schwerpunkte. So nehmen sie zum Beispiel das Zusammenleben der Menschen stärker in den Blick.

Haben so unterschiedliche Frauen wie Hildegard von Bingen und Simone de Beauvoir, Karoline von Günderode und Hannah Arendt überhaupt etwas gemeinsam?

Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie versucht haben, alles, was ihnen begegnete, mit ihrem Denken zu beleuchten und verstehbarer zu machen.

Sind Philosophinnen immer auch Feministinnen?

Nein. Philosophinnen haben sich wie ihre männlichen Kollegen den Themen zugewandt, die ihnen am meisten auf den Nägeln brannten. Das tun sie bis heute.

Welche Entdeckung hat Sie bei Ihren Recherchen zu einer Geschichte der Philosophinnen am meisten überrascht?

Am meisten hat mich überrascht, wie nahe all diese Frauen den aktuellen Fragen ihrer jeweiligen Zeit waren. Hannah Arendt (1906-1975) zum Beispiel war im Jahr 1961 beim Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem und hat sich im Anschluss daran bis zu ihrem Lebensende mit der Frage auseinandergesetzt, wie Denken und moralisches Handeln zusammenhängen könnten. Die romantische Philosophin Germaine de Staël (1766-1817) hingegen hat sich Gedanken gemacht darüber, wie Denken und Fühlen einander beeinflussen, eine Frage, die das gesamte 18. Jahrhundert beschäftigte.

Was sind die philosophischen Fragen, die die zeitgenössischen Philosophinnen heute umtreiben?

Aktuell ist immer noch die Frage nach der Rolle der Frauen in der Gesellschaft. Die Fragen, die Simone de Beauvoir zum ersten Mal stellte, sind weitergedacht worden und stellen sich den neuen gesellschaftlichen Gegebenheiten. Aber auch die Beziehung des Menschen zur Natur ist in der heutigen Philosophie von Frauen ein zentrales Thema.

Haben Sie eine Lieblingsphilosophin?

Je mehr Philosophinnen mir bei meiner Recherche begegnet sind, desto schwerer wurde es, eine ›Lieblingsphilosophin‹ zu benennen. Auf jeden Fall mag ich Hannah Arendt und Simone de Beauvoir sehr gern, obwohl sie ziemlich unterschiedlich sind.

Inwiefern?

Hannah Arendt hat sich stark mit politischen Fragen beschäftigt, soziale Fragen, wie die nach der Emanzipation der Frau, hingegen eher vernachlässigt. Simone de Beauvoir hat sich gerade diesen sozialen Fragen und insbesondere der Rolle, die die Frau spielte und spielt, zugewandt.

Und ist Ihnen eine Denkerin begegnet, mit deren Ideen Sie so gar nichts anfangen konnten?

Nein, keine einzige. Denn all diese Frauen standen im Zentrum der philosophischen Diskussion ihrer Zeit, nahmen alte Fragestellungen wieder auf und waren sensibel für neue Entwicklungen. Sie waren im Gespräch mit den männlichen Kollegen ihrer eigenen Epoche und der Tradition, und hatten ihren ganz eigenen Blick auf die großen Fragen der Menschheit.

Ihre Geschichte der Philosophinnen richtet sich ganz besonders an junge Leserinnen und Leser. Die interessiert der Blick nach vorn: Hat Philosophie überhaupt eine Zukunft oder passt sie gar nicht mehr in unsere Zeit?

Die philosophischen Seminare an den Universitäten sind besser besucht denn je. Und es sind viele Studentinnen darunter. Zwar leben wir in einer Zeit der schnellen Lösungen und des Konsums, aber die Frage nach dem Sinn unseres Lebens hat sich dadurch nicht in Luft ausgelöst. Philosophinnen und Philosophen sind Menschen, die sich einerseits tief in die Philosophiegeschichte versenken können und die andererseits immer neue Fragen an ihre eigene Gegenwart stellen, an die Welt, die sie umgibt. Wenn die Menschheit eine Zukunft haben soll, werden diese Leute nicht aussterben dürfen. Dass bei jungen Leuten ein Interesse an philosophischen Denkexperimenten besteht, erlebe ich selbst immer wieder bei Lesungen und Gesprächen in Schulen. Philosophie passt genauso sehr in unsere Zeit wie Naturwissenschaft, Jura, Ökonomie oder Informatik. Es gibt sogar Betriebe, die gern philosophisch geschulte Leute einstellen, weil sie klar und logisch denken können.

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