Portrait des Autors Kirsten Boie

Kirsten Boie

Kirsten Boie wurde 1950 in Hamburg geboren. Sie studierte Deutsch und Englisch, promovierte in Literaturwissenschaft und war von 1978 bis 1983 Lehrerin an einem Gymnasium und an einer Gesamtschule, bevor sie für Kinder und Jugendliche zu schreiben begann. Inzwischen sind zahlreiche Bücher von ihr erschienen, die mit den verschiedensten Literaturpreisen ausgezeichnet wurden. Heute zählt Kirsten Boie zu den renommiertesten deutschen Autorinnen des modernen Kinder- und Jugendromans.

Kirsten Boie als aufmerksame Beobachterin der deutschen Wirklichkeit und Gesellschaft erzählt vor allem Alltagsgeschichten und Familiengeschichten, in denen sie politische Akzente, aber nie den erhobenen Zeigefinger, setzt, in denen sich aber auch viel Nähe zum Kind und Jugendlichen, deren Ängste und Wünsche, erfahren lässt. Der Alltag der Kinder und Jugendlichen wird realistisch dargestellt, soziale Beziehungen werden problematisiert und traditionelle Geschlechterrollen häufig ironisiert. Dabei bleibt die Autorin thematisch und sprachlich auf der Ebene ihrer jugendlichen Zielgruppe, ohne sich anzubiedern oder zu überzeichnen. Ihr Erzählstil ist gekennzeichnet durch Knappheit, eine besondere Art von trockenem Humor und zuweilen auch durch ironische Distanz zum Stoff. Kirsten Boie ist verheiratet, Mutter zweier Kinder und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hamburg.

Interview

»Bücher können noch immer Weichen stellen«
Ein Interview mit Kirsten Boie

Vor neun Jahren erschien ihr erstes Buch ›Paule ist ein Glücksgriff‹, das viele Auszeichnungen erhielt und in die Ehrenliste zum Österreichischen Staatspreis für Kinder und Jugendliteratur aufgenommen wurde. Seither hat die Autorin weit über 20 Kinder- und Jugendbücher geschrieben. Dorit Maria Schwan sprach mit Kirsten Boie über ihre Arbeit, ihre neuen Bücher und über die Situation auf den Kinder- und Jugendbuchmarkt.

Erwachsene reden - Marco hat was getan‹ ist nicht Ihr erstes Buch zum Thema Ausländerfeindlichkeit. Die Polarität ›deutsch‹ und ›fremd‹ gab es auch: schon in ›Paule ist ein Glücksgriff‹, und in ›Lisas Geschichte - Jasims Geschichte‹. »Marco« thematisiert nun ganz explizit die Ursachen rechter Gewalt und die Frage nach der politischen Verantwortung. Welche Zielgruppe hatten Sie beim Schreiben vor Augen? Und können Sie schon etwas zur Leseresonanz sagen?

Ich habe beim Schreiben zunächst nicht so sehr an die Wirkung gedacht, sondern daran, wie ich die Realität wahrnehme und daran, was gleichzeitig an Jugendbüchern erschienen ist. Es gibt ja eine Menge gute Bücher zu dem Thema. hauptsächlich jedoch Bücher, die sich mit der Skin-Problematik beschäftigen, das machen übrigens auch die Medien. Auf das Dramatische steigt jeder gern ein, in meinen Augen ist das aber ein Randphänomen. Das was mich beunruhigt, ist viel mehr der Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft, der sich zu mindestens aus dieser Mitte auch speist und von vielen mit unterstützt und getragen wird, die das bewusst eigentlich gar nicht wollen. Darüber wollte ich ein Buch schreiben. Dabei ergibt sich dann - das war auch meine Erfahrung mit Ich ganz cool - das Problem, dass dabei ein Text entsteht, der möglicherweise jugendliche Adressaten nicht ganz so leicht erreicht.

Es ist immer eine Gradwanderung, wenn man ein Jugendbuch schreibt. Es stellt sich dann die Frage, welche Abstriche an Komplexität man machen muss, um Jugendliche zu erreichen. Adressaten sind bei ›Marco‹ ja nicht die betroffenen Jugendlichen selbst sondern diejenigen, die stärker wahrnehmen, was sich in ihrem Umfeld tut. Ich glaube schon, dass Jugendliche ab 14, die differenzierter denken und meist ja auch schon Erwachsenenliteratur lesen davon angesprochen werden.

Konkrete Resonanz gibt es noch nicht, die Lesungen, an allen vorstellbaren Schultypen, laufen erst an. Danach werde ich ein bisschen mehr sagen können.

Immer wenn ein neues Buch, ein neuer Film zum Thema Rechtsextremismus, Faschismus herauskommt wird die alte Klage wieder laut: Das lesen ja doch wieder nur diejenigen, die ohnehin schon politisch ziemlich aufgeklärt sind ... Welche aufklärerische Macht trauen Sie einem Buch überhaupt zu?

Ich bin immer noch optimistisch. Aber ich glaube nicht, dass die Wirkung so gigantisch ist. Das hängt von jedem einzelnen ab und davon, in welcher Situation er welchen Text liest. Ich denke, zum richtigen Zeitpunkt kann es genau das Buch sein, das etwas auslöst. Jeder, der in seiner Kindheit und Jugend viel gelesen hat, wird Bücher nennen können, die bestimmte Weichen gestellt haben. Ich jedenfalls schon. Mein Leben ist durch Bücher bestimmt. Ich glaube, dass das auch heute noch so ist und dass auch das Fernsehen daran nichts geändert hat. Als Jugendliche(r) zu lesen, sich mit einem Buch zurückzuziehen, eigene Bilder zu entwickeln und damit auch den Text stärker auf sich zu beziehen, das bewirkt schon etwas. Wie viel, das hängt nicht nur vom Text ab, sondern auch davon, wer ihn liest.

Äußere Anlässe ein Buch über jugendliche Rechtsradikale es momentan leider mehr als genug. Gab es auch einen inneren Anstoß?

Ja einen sehr privaten Grund. Ich kann mir auch nicht vorstellen, ein Buch nur auf Grund äußerer Anlässe zu schreiben. Eine persönliche Betroffenheit gehört schon dazu.

Ich hab zwei dunkelhäutige Kinder adoptiert, zu einem Zeitpunkt, als die Problematik Ausländerfeindlichkeit noch überhaupt nicht so spektakulär war. Damals haben wir aber schon viele Dinge bemerkt. Das Klima hat sich verändert. So etwas spürt man dann sehr viel deutlicher als andere. Ich hatte außerdem einen Lehrauftrag an der Fachschule für Sozialpädagogik, an der ich gerade zu diesem Thema gearbeitet habe. Ich habe deshalb unendlich viel Literatur gelesen. Das, was ich persönlich wahrgenommen hatte, wurde dadurch auch gestützt.

Ihre Kinderbücher sind erfrischend unpädagogisch, setzen aber dennoch politische Akzente, indem sie zum Beispiel Geschlechterrollen thematisieren. Ich denke da zum Beispiel an ›Mit Jakob wurde alles anders‹, ein Buch, indem der Rollentausch in der Familie geprobt wird. Ihr neuestes Bilderbuch ist wieder so ein Fall: Ein kleines Mädchen entdeckt beim Mutter-Vater-Kind-Spiel, dass es am liebsten einen ›Mann‹ hätte, der sich zu Hause um die Kinder kümmert, während sie selbst auf Büffeljagd geht. Und das klappt dann ja auch alles ganz prima... Waren Sie selbst ein Kind, das sich in der Mädchenrolle beengt gefühlt und von aufregenden Männerberufen geträumt hat?

Konkrete Träume von Männerberufen gab es nicht. Aber ich habe mit Begeisterung Karl May gelesen - obwohl ich ein ganz liebes Mädchen war - und meine Träume gingen wohl in diese Richtung. Es gab auch eine Phase, in der ich sehr intensiv mit Jungen Bandenspiele gespielt habe.

Die Mutter-Vater-Kind-Geschichte war allerdings ursprünglich als Drehbuch für eine Binnengeschichte der ZDF-Serie ›Siebenstein‹ konzipiert, für die Folge›Starke Mädchen‹.Peter Knorr hat die Geschichte illustriert und so ist sie dann auch im ZDF gelaufen. Der Anlass kam also von außen. Und für ein Bilderbuch ist mir die Geschichte fast ein wenig zu plakativ. Das hängt mit der Entstehungsgeschichte zusammen: Wenn man fürs Fernsehen schreibt, dann läuft die Geschichte einmal in fünf Minuten ab. Ein Bilderbuch guckt ein Kind aber zehn bis fünfzehn Mal an, das sind ganz andere Rezeptionswege. Insofern hätte ich es als Bilderbuch vielleicht anders geschrieben.

Um auf das Thema Geschlechterrollen zurückzukommen: Natürlich will ich keine Bücher, in denen Macho-Rollen oder traditionelle Mädchenrollen propagiert werden. Dennoch halte ich es für problematisch, dass in der Beurteilung von Kinder- und Jugendliteratur dieser Punkt das Kriterium schlechthin ist. Anders gesagt, man muss als Autor(in) heute nur ein Buch schreiben, das ›emanzipatorisch‹anlegt ist, und schon wird es von der Kritik positiv besprochen. Das finde ich einfach zu dünn, zu oberflächlich. Es gibt ganz schlechte Bücher, in denen Mädchen stark sind.

An diesem Punkt wünsche ich mir als Autorin qualifiziertere Kritik. Ich habe zum Beispiel erlebt, dass man mich gefragt hat, warum dieser oder jener Held in meinen Büchern denn ein Junge wäre und kein Mädchen. Und das gefällt mir nicht.

Andererseits habe ich selber eine achtjährige Tochter, für die ich immer auf der Suche nach guten Büchern bin. Und ich muss zugeben, dass ich auch ambivalente Gefühle habe, wenn ich sehe, wie sich Mädchen in einer bestimmten Phase sehr ›pink und glitzerig‹ entwickeln. Da möchte ich dann am liebsten mit Büchern dagegensteuern, aber bitte nicht mit so plattem Lesestoff.

Ein weiteres Beispiel ist mein Buch ›Lisas Geschichte, Jasims Geschichte: Das ist ganz heftig kritisiert worden, weil darin die Mutter und die Tochter so schlecht wegkommen . . .

Ich denke, Literatur, egal ob für Erwachsene oder für Kinder, hat das Recht, Wirklichkeit darzustellen, abzubilden. Die Vorstellung von einer geschönten Darstellung von Wirklichkeit behagt mir ganz und gar nicht. Das wäre dann vergleichbar mit dem sozialistischen Realismus ...

Ihr Jugendbuch ›Ich ganz cool‹ war vielen Kritikern dann ja auch »zu realistisch«. . .

Ja, es gab da sehr gemischte Reaktionen. Das Buch wurde dem Verlag haufenweise zurückgeschickt mit dem Argument, diese Sprache könne man Jugendlichen nicht zumuten .. . Keine Frage, meine King-Kong-Bücher verkaufen sich leichter.

In der Kinder und Jugendliteratur ist der Spielraum doch sehr begrenzt . . .

Ja. Ich denke jedoch, wenn Bücher von Jugendlichen nicht mehr gelesen werden. dann sind es keine Jugendbücher mehr.

Diese Grenze muss man ausloten. Aber es ist lächerlich zu behaupten, man könne Jugendlichen in Büchern nicht zumuten, was viele von ihnen doch selber tagtäglich erleben. Von dem, was Kinder und Jugendliche über die Medien ohnehin erfahren, einmal abgesehen . . .

Wie erleben Sie als Autorin die Zusammenarbeit mit Illustratoren? Wenn Sie eine Geschichte schreiben, dann haben sie doch sicher ihre eigenen Bilder im Kopf? Sind sie da auch mal enttäuscht oder überrascht über die Illustrationen?

Nein. Ich stelle mir Dinge sehr wenig visuell vor. Deshalb können Bilder mich auch nicht umwerfen. Überrascht bin ich manchmal schon. Es ist eher eine schöne und spannende Erfahrung zu sehen, wie der eigene Text in Bilder umgesetzt wird.

Man muss einen Text auch aus der Hand geben können, ohne dem Illustrator dann ständig reinzureden und damit seine kreative Arbeit zu behindern.

Erwachsene werden in Ihren Büchern häufig mit augenzwinkernder Kritik bedacht. Ob leistungsorientierte Spießer oder Öko-Eltern, sie kriegen alle ihr Fett weg, wenn sie ihren Kindern allzu dogmatisch ihre Wertvorstellungen aufzwingen wollen. Besondere Macht haben dabei im Alltag die Mütter: Sie sind es ja, die ihre Kinder zum Klavierunterricht zwingen, oder ihnen das Kriegsspielzeug wegnehmen. Ist das auch ein Stück Selbstironie, wenn Sie die Mütter so sehen?

Natürlich! Ich habe mein erstes Buch geschrieben, als unser Sohn sechs Monate alt war. Eine Freundin von mir las das Buch und sagte: »In fünf Jahren kannst du so ein Buch nicht mehr schreiben! Von solchen lieben Müttern wirst du gar nicht mehr erzählen können, wenn du erst selbst fünf Jahre lang ein Kind großgezogen hast« Paules Mutter ist wirklich unendlich einfühlsam, und ich denke auch, es passt zu dem Buch. Aber natürlich habe ich als Mutter die Erfahrung gemacht, dass Eltern genau wie Kinder ihre Grenzen haben. In der Erziehung unserer Kinder kommt doch unsere eigene Erziehung wieder hoch, egal was wir an klugen Büchern gelesen haben. Der Bauch spielt da so eine große Rolle. Ich denke, das muss man sich auch bewusst machen.



Die Väter bleiben eher ein bisschen blass . . . Die Väter sind ja auch in der Tat meistens nicht da. In den Normalfamilien der Mittelschicht kommen die Väter halt abends. Auch wenn Mütter wieder berufstätig werden, sind sie es, die auf die Halbtagsstelle gehen, weil es ja leider immer noch ökonomischer ist.

In einem früheren Interview haben Sie einmal gesagt, Germanistik zu studieren sei die denkbar schlechteste Voraussetzung, wenn man selber schreiben will. Und sie haben dann auch tatsächlich ziemlich spät mit dem Schreiben angefangen . . .

Ja, das Studium schüchtert ein. Es ist ja nicht nur so, dass man die Texte liest sondern man analysiert und kritisiert sie auch. Bei mir hat sich das so ausgewirkt, das ich aufgehört habe mit dem Schreiben. Ich habe aber überhaupt nicht darunter gelitten, denn es gab andere Dinge in meinem Leben, die mir Spaß gemacht haben. Wenn ich Kinder- und Jugendliteratur ebenso studiert und analysiert hätte wie Erwachsenenliteratur, hätte ich vielleicht auch nicht den Mut gefunden, da einzusteigen . .

Das Schreiben hat sich ergeben, als wir unser erstes Kind gerade adoptiert hatten. Ich durfte nicht mehr berufstätig sein, nicht mehr als Lehrerin arbeiten, darunter habe ich sehr gelitten. Zu meiner Vorstellung vom Erwachsenenleben hatte immer beides gehört: Familie und Beruf. Ich hab dann überlegt, welche Möglichkeiten es für mich gibt, noch etwas anderes zu tun neben Haushalt und Kind. Da ist mir das Schreiben eingefallen. Kinderliteratur war für mich eine Möglichkeit.

Hatten Sie als Kind ausgesprochene Lieblingsautoren, die Sie geprägt haben?

Ja. Ich habe sehr viel Astrid Lindgren gelesen. Die Bücher habe ich immer dann geschenkt gekriegt, wenn ich abends allein zu Hause bleiben musste, wovor ich große Angst hatte. Die Astrid Lindgren-Bücher habe ich wirklich geliebt und jedes Einzelne bestimmt zehn Mal gelesen. Damals in den fünfziger Jahren gab es unter den Kinderbüchern ja kaum etwas Vergleichbares. Ich habe allerdings auch später mit Leidenschaft Enid Blyton gelesen. Nicht die Mädchenbücher, sondern die fünf Freunde und Abenteuerbücher habe ich regelrecht verschlungen, obwohl ich heute nur noch vage Erinnerungen an diese Bücher habe, während sich mir die Figuren von Astrid Lindgren ganz stark eingeprägt haben. Ich denke, diese Form von gemischter Lektüre ist auch sehr wichtig. Deshalb sollte man auch nicht so besorgt sein, wenn Kinder zu einem bestimmten Zeitpunkt Triviales lesen und lieben.

Als Jugendliche war ich tief beeindruckt von Hans-Georg Noacks Hautfarbe Nebensache. Auch die ganze Faschismus-Thematik hat mich zu dieser Zeit sehr beschäftigt und beunruhigt. Wichtige Lektüre war damals für mich das Tagebuch der Anne Frank und die .

Heute hat die Kinder- und Jugendliteratur ja ein erfreulich breites Spektrum zu bieten, auch was problemorientierte Jugendbücher betrifft, die es damals in dieser Form noch gar nicht gab.

Viele Ihrer Kollegen beklagen sich darüber, dass die Kinder- und Jugendliteratur in den Medien nicht genügend beachtet, nicht ernst genug genommen wird. Buchbesprechungen gibt's oft nur zu Ostern und zu Weihnachten ...

Das ist leider eine Tatsache, die mich jedoch nicht so sehr persönlich stört, ich habe nicht das Gefühl, in eine Ecke abgedrängt zu werden oder nicht genügend hofiert zu werden, denn das ist mir nicht besonders wichtig. Aber es sagt natürlich etwas über den Stellenwert von Kinder- und Jugendliteratur, wenn man Besprechungen zugeschickt bekommt, bei kleineren Zeitungen geschieht das relativ häufig, die nichts anderes sind, als ein Abdruck des Waschzettels, der Werbung ...

Man darf aber auch die Kritik in ihrer Wirkung nicht überschätzen. Verlage freuen sich natürlich über gute Kritiken. Sie sind ja darauf angewiesen, in einer Art Mischkalkulation einerseits Bücher zu machen, die dem Verlagsimage zuträglich sein können, andererseits aber auch Bücher zu machen, die sich gut verkaufen. Den eigentlichen Einfluss hat meines Erachtens aber der Käufer. Da kann die Kritik tausendmal sagen: »Das ist ein gutes, wertvolles, engagiertes Buch« Wenn es von den Lesern nicht angenommen wird, werden auch die Verleger zurückhaltender sein.

In der KJL Kritik geht es ja sehr häufig nur darum, ob ein Buch pädagogisch wertvoll und für Kinder lesbar ist aber weniger um die literarische Qualität. Ja, das ist schade. Kinder gucken zwar nicht bewusst auf das Sprachliche, Formale, aber langfristig spielt es doch eine große Rolle im Hinblick auf das, was Kinder überhaupt zu lesen bereit sind, ob sie ganz schmalspuriges Leseverhalten entwickeln oder für ein breiteres Spektrum von Literatur offen sind. Und Kinder nehmen durchaus schon wahr, was authentisch ist.

Ihre Bücher sind inzwischen in viele Sprachen übersetzt worden, meines Wissens jedoch nicht ins Englische . . .

Stimmt. Der gesamte englischsprachige Markt wird mit einer Fülle von englischsprachigen Veröffentlichungen aus der dritten Welt, Australien, Neuseeland usw. versorgt, wodurch die Übersetzungskosten wegfallen. Das ist natürlich um ein Vielfaches günstiger. Dadurch hat die englischsprachige Literatur ein bisschen was inselhaftes, weil wenig von außen hereinkommt. Englische Kinder sind scheinbar auch auf eine andere Art von Literatur eingestellt. Die Bücher von Astrid Lindgren zum Beispiel verkaufen sich dort meines Wissens auch nicht.

In Ihren Büchern drückt sich sehr viel Nähe zum Kind aus, zu kindlichen Ängsten und Wünschen, zur kindlichen Erfahrungswelt. Liegt das am Umgang mit Kindern oder an der Nähe zur eigenen Kindheit?

Das ist sicher eine Mischung aus beidem. Als ich mein erstes Buch schrieb, war mein Sohn 6 Monate alt. Die Geschichte hatte also mit den Kindern, die da beschrieben wurden, nichts zu tun.

Ich glaube, es hat sehr viel mit der eigenen Kindheit zu tun. Und damit, dass Menschen sehr unterschiedlich starken Zugriff auf die eigene Kindheit haben. Offenbar habe ich da nicht so viel verdrängt. Ich bestreite natürlich, wie viele andere auch, das Kindheit die glücklichste Zeit überhaupt ist. Ich denke, man erfährt nie wieder in seinem ganzen Leben so viele Verletzungen wie als Kind. Die Brutalität, mit der wir mit Kindern umgehen und mit der auch Kinder untereinander umgehen, die gibt es unter Erwachsenen gar nicht. Kinder erleben unendlich viele Verletzungen und deshalb muss auch unendlich viel verdrängt werden, ich glaube, die meisten Autoren speisen ihre Geschichten auch aus der eigenen Kindheit, sonst würden die Texte auch zu flach und würden die LeserInnen gar nicht berühren.

Dennoch gibt es natürlich den Einfluss der eigenen Kinder. Sie aktivieren Erinnerungen. Auf einer oberflächlichen Ebene ist Kindheit, wie sie heute abläuft, doch ganz anders als vor vierzig Jahren. Das nehme ich über meine Kinder natürlich sehr viel deutlicher wahr, das sind auch Anregungen zum Schreiben. Ich glaube jedoch nicht, dass man eigene Kinder haben muss, um Kindesbücher schreiben zu können, da fehlt dann nur das aktuelle ›Ambiente‹, das aber etwas ganz Oberflächliches ist und sich ja auch rasant ändert, wie man auch deutlich an den ständigen Veränderungen in der Sprache sieht.

Mögen Ihre Kinder Ihre Bücher?

Nein, überhaupt nicht. Meine Kinder finden meine Geschichten langweilig, und nachdem ich früher versucht habe, ihnen etwas vorzulesen, um auch ein bisschen zu gucken, wie wohl die Resonanz auf meine Texte ist, habe ich inzwischen aufgehört.

Ich habe aber Tröstlicherweise von anderen Autoren gehört, dass sie ähnliche Erfahrungen mit ihren Kindern gemacht haben. Wahrscheinlich ist das auch ein psychologisches Phänomen: Kinder sind ja mit der Berufstätigkeit ihrer Eltern nie so besonders gut befreundet. Sie nehmen Arbeit, also auch das Schreiben, als etwas wahr, das Zeit und Energie von ihnen abzieht.

Gibt es - bei aller Toleranz - Bücher, die sie ihren Kindern am liebsten verbieten würden?

Früher war ich ziemlich massiv gegen jede Form von Verboten eingestellt. Aber es gibt doch Grenzen. Wenn mein Sohn sich zum Beispiel Videospiele ausleiht, kontrolliere ich die Kassetten und es kommt schon vor, das diese dann von mir ›konfisziert‹ und wieder zurückgebracht werden müssen. Ich sehe einfach nicht ein, warum Kinder sich stundenlang damit beschäftigen müssen, wie Köpfe rollen und Menschen durch Bomben zerfetzt werden, all das als Zeichentrick und mit großem Genuss, weil man dadurch Punkte gewinnen kann. Wenn meine Kinder mit ähnlichen Büchern ankämen, würde ich mich genauso verhalten. Ihnen Bücher zu verbieten, nur weil ich sie zu trivial finde, kann ich mir aber nicht vorsteilen.

Wie arbeiten Sie?

Die Ideen kommen meistens nicht am Schreibtisch. Ich denke, das ist auch normal. Wenn man am Schreibtisch sitzt und sich sagt, jetzt muss mir was einfallen, dann geht es nicht. Meistens bei manuellen Tätigkeiten. Abwaschen, Bügeln, Putzen überhaupt. Ich arbeite dann, wenn meine Kinder in der Schule sind. Meine Erfahrung ist, dass ich eine gewisse Zeit brauche, in der ich ungestört bin. Dadurch, dass ich nicht darauf warten konnte, dass mich die Muse küsst habe ich das auch gut gelernt zu schreiben wenn ich die Zeit hatte. Ich brauche beim Schreiben eine ganze Menge Spaß und Engagement und auch das Bedürfnis zu schreiben.

Gibt es andere Zukunftspläne außer dem Schreiben von Kinderbüchern?

Ach, ich bin in meinen Träumen immer so furchtbar realistisch. Deshalb schreibe ich wohl auch keine phantastischen Bücher.

Es hängt aber auch damit zusammen, dass mir das Schreiben von Kinder- und Jugendbüchern immer noch sehr viel Spaß macht. Deshalb gibt es wohl auch momentan kein Bedürfnis, auf einem anderen Sektor Träume zu entwickeln wie zum Beispiel dem der Erwachsenenliteratur. Allerdings würde ich gerne einmal ein umfangreiches Drehbuch auf der Grundlage eines meiner Bücher schreiben.

Dieses Interview erschien im Bulletin Jugend + Literatur 7/1994

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Kirsten Boie

Monis Jahr

Roman

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