4 Fragen an Janine Adomeit zu ihrem Roman ›Vom Versuch, einen silbernen Aal zu fangen‹

 

Janine Adomeit, 1983 in Köln geboren, studierte Literatur- und Sprachwissenschaft. Sie nahm an der Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung und an der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin teil. Sie lebt und arbeitet als Autorin und Texterin in Flensburg.

›Vom Versuch, einen silbernen Aal zu fangen‹ ist ihr Debütroman und handelt vom heruntergekommenen rheinischen Kurort Villrath. Morgen wird alles anders oder jetzt ist auch schon egal. So leben die Bewohner, seit die lokale Heilquelle vor Jahren versiegte und die Gästezimmer leerstehen. Da fördern Bauarbeiten ein mineralhaltiges Rinnsal zutage und was könnte den Glanz vergangener Tage zurückbringen, wenn nicht das gute alte Heilwasser?
Vera, letzte Trägerin der Villrather Nixenkrone und Wirtin des »Stübchen«, beschließt gegen jede Vernunft, einen alten Jugendtraum wiederzubeleben. Notfalls mit Lug und Trug. Der alte Kamps bringt sich mit Klappstuhl und Gewehr gegen die Dämonen der Vergangenheit in Angriffsstellung. Und während die Erwachsenen abgelenkt sind, bricht Johannes auf in Richtung Freiheit oder was er dafür hält.

 

4 Fragen an Janine Adomeit

 

Ich wollte den Umgang mit Brüchen in Biographien thematisieren. Jeder Mensch hat sich schon einmal gefragt: Was wäre, wenn ich dieses oder jenes Ereignis in meinem Leben rückgängig machen könnte? Mir etwas zurückholen könnte, das ich verloren oder verpasst habe? In meinem Roman behandle ich dieses Thema, indem ich meine Figuren eine dahingehend vielversprechende Chance erleben lasse.

Im Text komme ich auch auf die Doppeldeutigkeit des Wortes »Aufgabe« zu sprechen. Es heißt, sich ein Ziel zu setzen und darauf hinzuarbeiten. Gleichzeitig bedeutet es, etwas sein zu lassen und nichts mehr dafür zu tun. Die Bedeutung kann sich innerhalb eines Augenblicks wandeln. Das Loslassen; das Akzeptieren, dass etwas endgültig vorbei ist, ist wohl eine der Königsdisziplinen des Menschseins. Niemand tut das gern, niemand ist gut darin. Trotzdem kann es eine Rettung sein, zum richtigen Zeitpunkt aufzugeben und einen neuen Weg einzuschlagen.

 

 

Er steht für das Nichtfesthaltenkönnen und das Nichtfassenkönnen. Das Nichtfesthaltenkönnen einer Chance und das Nichtfassenkönnen, dass eine Möglichkeit nicht mehr existiert. Selbst dann, wenn sie in neuer Gestalt scheinbar wieder auftaucht. Den oft so demütigenden Prozess, das zu kapieren.

Im Roman ist der Auslöser dafür die Wiederentdeckung einer einst versiegten Heilquelle. Meine Hauptfiguren Vera, Johannes und Kamps hoffen, dass alles besser, wie früher wird. Das führt zwangsläufig dazu, dass sie die Realität aus den Augen verlieren, was natürlich Unglück verursacht. Manchmal Komik.

Wenn ich die Fragen beantworten müsste, die sich meine Romanfiguren stellen, würde ich sagen: Nein, so etwas wie eine zweite Chance gibt es nicht. Man kann nichts wiederholen. Man kann nur andere, neue Fragen stellen und andere, neue Antworten finden.

 

 

Villrath ist eine fiktive Kleinstadt und liegt an den Ausläufern des Mittelrheintals, eine dramatische Flusslandschaft, Burgruinen, sprichwörtlich sehr malerisch. Die Vergangenheit überlagert alles und kommuniziert: Was früher war, war wichtig und prächtig, Vergleichbares wird es nie wieder geben. Das lässt die Gegenwart farblos scheinen und passt eben ganz gut zu Villrath.

Dann hat mich auch die rheinische Mentalität umgetrieben, die so barock ist, zwischen Katholizismus und Karneval. Zwischen Bereuen und Feiern, man braucht das eine, bis man wieder das andere braucht. Auch die »Nixe« im Text ist ein widersprüchliches Folklore-Motiv. Einerseits repräsentiert sie Hoffnung und Heilung, andererseits wirft sie bedrohliche Schatten voraus, ähnlich wie die Loreley. Dazwischen sind auch die Romanfiguren und ihre Motive angesiedelt. Es gibt eine Menge Wünsche und selbstgebaute Luftschlösser, aber auch Verzweiflung, Versagensangst und Scham.

 

 

Wenn ich eine Lieblingsfigur hätte, hätte dieser Text eher nicht drei Hauptfiguren, sondern nur die eine. Was Vera, Johannes und Kamps verbindet, ist, dass sie Träumende sind und ähnlich wie ihre Stadt aus einem Dornröschenschlaf erwachen. Erst geht es Jahre nicht vorwärts: Vera will den Friseursalon, von dem sie seit ihrer Jugend träumt; ihr fehlt aber sowohl das Geld als auch die Fokussiertheit. Kamps fantasiert sich die für ihn so guten alten Zeiten Villraths, das Komplettpaket Sicherheit-Ordnung-Wohlstand, auf das er seiner Meinung nach ein Anrecht hat. Und schließlich Johannes, der sich einerseits nicht recht von seiner Kindheit lösen kann, andererseits aber unabhängig sein will und glaubt, eine neue Vaterfigur könne bei diesem Konflikt helfen.

In Wahrheit handelt es sich bei allen um die vielleicht letzte Möglichkeit zum Begreifen, dass nichts jemals mehr so sein wird, so sein kann, wie es einmal war. Und die Befreiung, die daraus entsteht. Es gelingt nicht allen.

 

 

 

 

Janine Adomeit
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