Die Begegnung zweier sehr unterschiedlicher Frauen lenkt ihre Leben in ungeahnte Bahnen. Ein unvergesslicher Roman über die gesellschaftlichen Beschränkungen von Frauenleben in Irland vor nicht allzu langer Zeit.
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Coast Road
Herbst 1994. Die Bewohner des irischen Küstenstädtchens Ardglas beschäftigt nur ein Thema: Colette Crowley – Dichterin, Bohemienne, die Frau, die ihre Familie verlassen hat, um in Dublin ihr Glück zu finden – ist zurück und wohnt in einem kleinen Cottage an der Coast Road. Jeder ihrer Schritte wird von der Gemeinde argwöhnisch beäugt. Hat sie es verdient, dass ihr Mann ihr den Zugang zu den Kindern verwehrt? In ihrer Verzweiflung bittet Colette eine Bekannte um Hilfe, Izzy Keaveney, Hausfrau und Mutter, unglücklich verheiratet mit einem Lokalpolitiker, der sich ausgerechnet für die Legalisierung der Scheidung im Land einsetzt. Und so entsteht zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Frauen eine Bindung, die ihre Leben in ungeahnte Bahnen lenkt.
In schnörkelloser Prosa, mit psychologischem Feingefühl und großartiger Beobachtungsgabe erzählt Alan Murrin von den gesellschaftlichen Einschränkungen, die Frauenleben in Irland vor gerade einmal dreißig Jahren bestimmten – kurz bevor Scheidung in einem Referendum mit knapper Mehrheit legalisiert wurde – und beleuchtet dabei subtil, was Frauen überall auf der Welt auch heute noch davon abhält, ihre Partner zu verlassen.
Ausgezeichnet als »Newcomer of the Year« bei den Irish Book Awards 2024
»Alan Murrin schreibt wie die besten irischen Autoren mit einer ruhigen, poetischen Gewandtheit.« Sarah Winman
»Die weiblichen Figuren sind komplex und faszinierend, voller Wut und Hoffnung. Ich konnte das Buch kaum aus den Händen legen.« Gillian Anderson
»Alan Murrin ist ein begabter Erzähler, der seine Figuren so dreidimensional zeichnet, dass ich mit ihnen mitgefiebert und mitgelitten habe, als wären sie real.« Louise Kennedy
Bibliografische Daten
3. Auflage
Alan Murrin
Alan Murrin ist ein irischer Schriftsteller, der seit einigen Jahren in Berlin lebt. Er absolvierte den renommierten Masterstudiengang im Kreativen Schreiben an der University of East Anglia. 2021 gewann er für seine Kurzgeschichte ›The Wake‹ den Bournemouth Writing Award; die Geschichte stand ebenfalls auf der Shortlist für die Kurzgeschichte des Jahres der Irish Book Awards. Als Kulturkritiker schrieb er u. a. für The Irish Times, TLS und The Spectator. ›Coast Road‹ ist sein Debütroman, für den er 2024 bei den Irish Book Awards als ›Newcomer of the Year‹ ausgezeichnet wurde.
Anna-Nina Kroll
Anna-Nina Kroll, 1988 in Essen geboren, studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf. Sie hat u. a. Werke von Donal Ryan, Carmen Maria Machado, John Irving und Anna Burns ins Deutsche übertragen. Für ihre Übersetzung von Anna Burns' ›Milchmann‹ erhielt sie im Jahr 2021 den Förderpreis zum Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW.
10 - 10 von 103 Leserstimme
Tiefe Einblicke in die Familienleben
Alan Murrin hat mit "Coast Road" einen Roman geschaffen der vielfältige Einblicke in irische Familie gibt. Insbesondere lernen wir die Familien Anfang der 1990er in der irischen Coast Road kennen. Die Hauptrollen spielen dabei Izzy und Colette. Colette hat ihren Mann verlassen und nach einer Auszeit in Dublin zieht sie wieder zurück nach Ardglas in ein kleines Cottage mit Blick aufs Meer. Doch dies führt zu viele Klatsch und Tratsch im Ort und viele ziehen über sie her. Dennoch versucht sie sich ihren Lebensunterhalt mit Schreibkursen zu verdienen.Auch Izzy lebt unweit von Colette in einer Beziehung, in der sie aber nicht mehr glücklich ist, oder auch nie war. Zu Colette bekommt sie eine Beziehung während des Schreibkurses. Im gesamten Roman schlüpft man in die Leben der einzelnen Personen und erlebt so einiges was in einem Dorf untereinander geschieht. Der Ort ist sehr katholisch und so nimmt auch der Pfarrer eine Rolle in diesem Roman ein. In dieser Zeit Anfang der 90er gibt es erste Versuche ein Gesetz zum Recht auf Scheidung zu verabschieden, was es unglaublicherweise zu diesem Zeitpunkt noch nicht gab.Das Buch geht sehr in die Einzelheiten der Personen und Beziehungen. Man sollte auch nicht über die Seiten hinweglesen, dann werden wichtige Einzelheiten verpasst. Ein Buch zum langsam lesen :-) Mir hat es gefallen einen Einblick in die 90er der irischen Frauen zu erhalten.
Blick hinter die Wohnzimmergardinen
Alan Murrin nimmt uns mit in das Irland der 90er: streng katholisch, man heiratet nicht immer ganz freiwillig und ist aneinander gebunden bis zum Tod. Gerade gibt es erste Initiativen für das Recht auf Scheidung.Wir sind in einem kleinen Ort, jeder kennt jeden und man versucht, nach außen eine heile Welt zu spiegeln. Das ist so bei Izzy, einer mutigen modernen klugen Frau, die an der Seite eines Abgeordneten lebt, der nun gar keine Angriffsfläche nach außen bieten möchte. Um so heftiger der verbale Kampf in den eigenen 4 Wänden. Das ist so bei Dolores, deren Mann permanent fremd geht und die lange dazu schweigt. Und das ist etwas anders bei Colette, denn die hat ihre Familie verlassen, um mit einem anderen Mann glücklich zu sein. Das Glück ist von kurzer Dauer und Colette kehrt zurück in den Ort. Ihr Mann verbietet es ihr, die Kinder zu sehen. Und Colette verliert den Halt, wirkt nach außen wie eine freie, unabhängige Frau und ist im Inneren komplett zerrissen. Diese Frauen kämpfen um ihr Glück und wir dürfen sie ein Stück auf ihrem (teilweise sehr hartem) Weg begleiten. Sprachlich ist das Buch ein Genuss, das langsame Tempo und die Wortwahl passen für mich perfekt in die Zeit. Ich kann ganz tief eintauchen in die Welt der Frauen, mich identifizieren und mitfühlen. Es sin die kleinen Momente, die mich berühren und die Welt lebendig werden lassen. Auch optisch ist das Buch ein Highlight – nicht nur der Schutzumschlag ist sehr gelungen mit dem „Blick hinter die Kulissen“, auch das Hardcover ist farbig gestaltet und ein Schmuckstück.
Frauen im Aufbruch
Der Roman mit dem interessanten, im wahrsten Sinne tiefgründigen Cover, hat mich sehr berührt, weil der Autor sehr eindringlich und empathisch das Kleinstadtleben im konservativen ländlichen Irland und die Beziehungsproblematiken dreier sehr unterschiedlicher irischer Frauen in den 90er Jahren geschildert hat, ohne dabei ins Klischeehafte abzugleiten.Izzy die mit ihrem erfolgreichen Mann um eine eigene berufliche Zukunft ringen muss, Dolores, erschöpft eingebunden in den Familienalltag mit 4 Kindern und einem notorischen fremdgehenden Ehemann sowie Colette, eine Dichterin die anscheinend den Mut hatte, sich aus ihrer Ehe zu lösen, jedoch in der Folge mit der Ablehnung durch ihrer Kinder zurecht kommen muss.Zerrissen zwischen den Konventionen, der Kirche und den eigenen Bedürfnissen, versuchen die drei Frauen ihren Weg in der männerdominierten Gesellschaft der 90er Jahre zu finden.Auflehnung oder Sich- Hineinfügen in das anscheinend vorbestimmte Schicksal? Das sowohl das eine als auch das andere nicht unbedingt zu dem erhofften Ergebnis führen muss, zumal wenn Kinder betroffen sind, zeigt das Buch sehr deutlich auf. Die fügsame Dorlores, die versucht, ihrem unberechenbaren Mann alles recht zu machen und sich mit dessen Seitensprüngen anscheinend abgefunden hat, muss sich an einem bestimmten Punkt zwischen falscher Loyalität und Selbstachtung entscheiden.Demgegenüber macht Izzy, die unter Depressionen leidet, zwar ihren Frust über die unbefriedigende Ehe sehr deutlich und straft ihren Mann mit Nichtachtung über längeren Zeitraum hinweg ab. Doch erst nachdem ihr Mann ihre Freundschaft zu dem seelenverwandten Priester hintertreibt, versucht sie, sich aus der Beziehung zu lösen.Zwar hat sich die unkonventionell wirkende Colette, argwöhnisch beäugt von der Kleinstadtbewohnern, auf den ersten Blick mehr Freiheiten erkämpft, doch nicht nur die Vorurteile die ihr in der Kleinstadt entgegengebracht werden und die ihr das Leben erschweren, sondern auch die psychischen und auch wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit denen sie zu kämpfen hat, brechen sie letztlich. Der Alan Murrin hat eine sehr überzeugende Studie über das Frauenleben in Irland vor der Legalisierung der Scheidung gezeichnet und sehr feinfühlig die einzelnen Protagonistinnen und ihre Versuche der Selbstbestimmung geschildert, wobei das Ungewisse der einzelnen Schicksale die Spannung des Romans ausmacht. Insgesamt ein sehr fesselnder, gesellschaftskritischer Roman über die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung zu jener Zeit aber auch über die Frage, inwieweit die Fähigkeit zu Toleranz und Freundschaft unter schwierigen, von überkommenen Konventionen geprägten Verhältnissen, möglich ist.
Unglaublich!
Romane, die in Irland spielen, faszinieren mich immer, denn diese spröde und unmittelbare Natur ist einfach wunderbar.Kleinbürgerlichkeit selbst noch in den 1990er Jahren, Verurteilung einer Mutter, die ihre Kinder verlassen hat, ohne die Hintergründe zu kennen - eigentlich gibt es das auch heute noch, nicht nur in Irland. Die Doppelmoral in der Gesellschaft existiert schon immer, dennoch ist man immer wieder geschockt, dass selbst in den 1990er Jahren über Frauen so geurteilt wird. Frauen haben es in jeder Gesellschaft schwerer. Als Männer, Scheidungen sind inzwischen zwar anerkannt, aber oft denn noch ein Makel. Die Handlung, die in Irland spielt, berührt mich sehr. Es fasziniert mich auch tatsächlich, dass ein Mann diese Geschichte geschrieben hat. Coast Road ist zurecht für den irischen Bookaward „Newcomer of the Year 2024“ nominiert worden. Colette Crowley und Izzy Keaveney könnten unterschiedlicher nicht sein. Nur gemeinsam sind sie stark. Eine wunderbare Geschichte ohne Kitsch, die wirklich unter die Haut geht. Ich habe das Buch verschlungen.
Spannende Frauenschicksale
Kleiner Küstenort in Irland in den 1990er Jahren, kinderreiche Familien, mehrere zerrüttete Ehen, Konflikte, über die man nicht spricht und verlogene Moral, die von tiefsitzendem Katholizismus bestimmt wird - das muss ja irgendwann knallen! Die freigeistige Colette organisiert in dem Ort, in den sie zurückgekehrt ist, Literaturkurse - gegen den Willen ihres Mannes, von dem sie getrennt lebt und der ihr zur Strafe die Söhne vorenthält. Es gab ja zu der Zeit noch keine Scheidung.Dann eine ungewollte Schwangerschaft - nein, kein Spoiler an dieser Stelle! Aber wenn man bedenkt, dass Irland bis vor wenigen Jahren eines der strengsten Abtreibungsgesetze in ganz Europa hatte, was Tausende von Frauen zwang, entweder illegal und gefährlich in ihrer Heimat oder heimlich im Ausland einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen - und welche Position die Kirche bei dieser Frage eingenommen hat ...Dadurch treibt alles einem brandgefährlichen (explosiven) Höhepunkt zu. Ich musste plötzlich an das Mittelalter und Hexenverbrennung denken ... Wie erschütternd, dass so etwas noch Ende des zwanzigsten Jahrhunderts möglich war!Doch zum Schluss lehnen sich die Frauen auf - jede auf ihre Weise. Die eine verrät das dunkle Geheimnis der Polizei, damit der wahre Täter vor Gericht kommt, die andere findet den Mut, sich gegen das männerdominierte Schulsystem aufzulehnen und hilft einem der Söhne, Rückgrat zu zeigen. Spannend bis zum Schluss!
Irland in den Neunzigern
Alan Murrin nimmt uns mit nach Ardglas, einem kleinen irischen Küstenstädtchens, und zeigt das Familienleben in den Neunzigern. Vieles wird durch die katholische Kirche vorgegeben. An drei Frauen wird das Familienleben dargestellt. Colette Crowley ist aus ihrer Ehe ausgebrochen und nach Dublin gegangen. Leider lief dort nicht alles glatt und sie kehrt nach Ardglas zurück. Ihr Ehemann nimmt sie nicht wieder auf und auch ihre drei Söhne haben keinen Kontakt mit ihr. Sie wohnt in einem Cottage an der Coast Road. Ihre Vermieter Dolores und Donal haben auch kein einfaches Leben. Donal geht bei jeder Gelegenheit fremd. Dolores ist derweil mit dem vierten Kind schwanger.Dazu kommt Izzy, verheiratet mit einem Lokalpolitiker und zwei Kindern. Sie führte einen Blumenladen, doch ihr Ehemann kündigte den Mietvertrag. Schließlich hat die Frau bei Mann und Kindern zu seien. Sie rebelliert. Eine sehr interessante Geschichte über die Gleichstellung der Frau.Sehr lesenswert.
Gelungener Debütroman
Beim ersten Blick auf das Buch entsteht der Eindruck, dass der Schutzumschlag nach oben aufgerissen wurde und durch diesen Ausschnitt wird ein Teil einer Landschaft sichtbar. Wenn man den Schutzumschlag entfernt, entdeckt man dann das gesamte Bild. Einige Cottages auf einer Klippe über dem Meer und im Hintergrund eine hügelige Landschaft. Die Gestaltung des Buches ist sehr schön und richtet pfiffig.Der Roman spielt in dem kleinen beschaulichen Küstenstädtchen Ardglas in Irland. Die Bewohner sind anständige und brave Menschen. Die Männer gehen ihrer Arbeit nach und die Frauen kümmern sich um den Haushalt und die Familie. Man geht in den Pup, zum Sport und Sonntags in die Kirche. Die Geschehnisse spielen Ende 1994, Anfang 1995 vor dem Hintergrund, dass Ehen in Irland per Gesetz nicht geschieden werden konnten. Ehepaare konnten sich zwar trennen, aber eine Scheidung und eine mögliche Heirat mit einem neuen Partner waren nicht möglich. Über eine Gesetzesänderung wurde erst im November 1995 per Volksentscheid abgestimmt und im Laufe des Jahres 1996 umgesetzt.Colette hat ihren Mann Shaun und ihre drei Söhne vor einiger Zeit verlassen, um mit einem anderen Mann in Dublin zu leben. Als ihre Sehnsucht nach den Söhnen, insbesondere nach ihrem jüngsten Sohn Carl, immer größer wird, beschließt sie nach Ardglas zurück zu kehren und mietet ein Feriencottage. Shaun verweigert ihr Treffen mit den Söhnen. Erst an Weihnachten beschließt er, dass Collete sich für ein paar Stunden mit ihnen treffen darf. Als er allerdings erfährt, dass Colette ihn hintergeht, ändert er seine Meinung. Colette ist Schriftstellerin und hält Schreibworkshops um ein wenig Geld zu verdienen. Dabei treffen sich Colette und Izzy und zwischen den Frauen entwickelt sich eine freundschaftliche Beziehung. Izzy wird zu einer Verbündeten von Colette.Die Ehe von Izzy mit dem Lokalpolitiker James gleicht einer Achterbahnfahrt. Mal ist alles gut und die beiden lachen und reden miteinander und dann wieder herrscht zwischen Izzy und James Eiszeit.Die Ehe von Dolores und Donal, die Vermieter des Feriencottages, ist auch eher auf Dornen als auf Rosen gebettet. Die beiden haben drei Kinder und das vierte Kind ist unterwegs. Sie mussten heiraten, da Dolores schwanger war. Donal wurde von den beiden Elternteilen in diese Ehe gedrängt und er hasst diese Ehe und das lässt er Dolores immer wieder deutlich spüren. Der Roman verdeutlicht eindrucksvoll, wie Gerüchte Dinge ins Rollen bringen und wie Machtspielchen und Machtmissbrauch außerhalb und innerhalb der vier Wände geschehen. Alan Murrin ist es gelungen, mit seinem Debütroman ein ernstes Thema anzusprechen und einen Roman geschrieben, der trotzdem gut zu lesen und unterhaltsam ist.
In einem Land vor unserer Zeit
Dass das Buch optisch eine Augenweide ist, ist klar – und ausnahmsweise wird das Cover mal erwähnt, deutet sich doch hier schon an, dass es um einen Blick hinter die Kulissen geht – und um genau den geht es in „Coast Road“ letztlich auch, und zwar in Form einer Geschichte über eine Frau in den 1990er-Jahren.Colette Crowley, unkonventionell (jedoch nicht so sehr, wie es die Berufsbezeichnung Dichterin in Deutschland erahnen ließe), verlässt ihren Mann und ihr (namentlich zwar an Ardglass angelehntes, aber fiktives) Heimatdorf Ardglas und lässt zwangsweise auch ihre Söhne zurück. Dass man sich über sie das Maul zerreißt, ist klar; umso mehr als ihr Ausbruch sich als gescheitert erweist und sie zurückkehrt. Von nun an steht sie quasi Vollzeit unter Beobachtung und ist Kern des öffentlichen „Moraldiskurses“ (Tut ihr Mann gut daran, ihr den Zugang zu den Kindern zu verwehren?), bekommt aber auch Hilfe – mit ungeahnten Folgen. Alan Murrins „Coast Road“ ist ein in vielerlei Hinsicht erstaunliches und gutes Buch, was an vielen Kleinigkeiten und der Gesamtkonstellation liegt. Zum einen siedelt Murrin die Handlung kurz vor der (unerwarteten) Legalisierung der Scheidung in Irland an – an sich schon ein für viele unerwarteter Fakt, dass das gerade mal ca. 30 Jahre her ist. Zum anderen ist er „ein typischer Ire“: Er erzählt gern und gut, wobei er zudem meist ins Schwarze trifft, etwa seiner Beschreibung dörflicher Strukturen bzw. des Lebens dort, und damit sind nicht nur der dörfliche Tratsch gemeint, sondern auch die Einzelbeispiele, die er vorwiegend an den Paaren bzw. Familien seiner Protagonisten demonstriert: die Frau ist untergeordnet, selten erfüllt, funktioniert aber. Wie es der irische Humor will, lässt er Izzy mit einem Lokalpolitiker verheiratet sein, der sich für die Legalisierung von Scheidungen einsetzt. Gekonnt hält er insbesondere der irischen Gesellschaft (und jeder anderen, die von der Oberfläche einmal abgesehen, noch genauso tickt) den Spiegel vor und übt Kritik an derartigen Verhältnissen. Die haben sich zwischenzeitlich in weiten Teilen Irlands und auch in ländlichen Gegenden geändert, aber nicht durchgehend und mehr als einmal erwischte ich mich dabei, wie ich an bestimmte Situationen dort bzw. solche (auch) Freunde mit Iren erlebt haben, denken musste. Diese ganz persönlichen Erfahrungen hat vielleicht nicht jeder, machen das Buch für mich aber zu etwas Besonderem, weshalb ich ihm auch einzelne Schwächen (vor allem die Männer werden weitgehend doch sehr klischeebehaftet geschildert, der Start in die Geschichte war etwas „zögerlich“) verzeihe und volle Punktzahl vergebe für ein Buch, das mir lange im Gedächtnis bleiben wird.
Drei Frauen gefangen in ihren Ehen - spannende Geschichte mit steigender Dramatik in einer klaustrophobischen Kleinstadt
Colette Crowley kehrt im Herbst 1994 in ihren Heimatort Ardglas in der Grafschaft Donegal in Irland zurück. Die Lyrikerin hatte ihren Ehemann und ihre Kinder für eine Affäre in Dublin verlassen. Getrennt von dem Mann möchte sie nun die Beziehung zu ihren Kindern, insbesondere dem jüngsten Sohn, intensivieren. Die Familie Mullen vermietet ihr ein Cottage in der Coast Road, da sie ein viertes Kind erwartet und die Mieteinnahmen finanziell gut gebrauchen können. Um selbst etwas zu verdienen, bietet Colette einen Schreibkurs an, zu dem sich auch Izzy Keaveney anmeldet, die permanent im Clinch mit ihrem Ehemann ist. Sie genießt deshalb die Gespräche mit Pfarrer Brian Dempsey, der sie mehr zu verstehen scheint. Nachdem sie sich Colette angenähert hat, hilft sie ihr dabei, ihren Sohn zu treffen, zu dem ihr ihr Mann Shaun den Zugang verweigert. Während in dem kleinen Ort sowohl über die verruchte Colette als auch über Izzys Beziehung zu dem Pfarrer getratscht wird, ist ein Referendum in Vorbereitung, dass die Möglichkeit einer Scheidung legalisieren soll. "Coast Road" handelt in den Jahren 1994/ 1995 in Irland, einem katholisch geprägten Land, in dem das Sakrament der Ehe so hochgehalten wurde, dass noch vor 30 Jahren eine Scheidung unmöglich war. Schon der Prolog deutet darauf hin, dass es in der Kleinstadt brodelt und die Situationen eskalieren und in Gewalt umschlagen wird. Sodann wird ein Blick zurück geworfen auf die Ankunft Colettes in Ardglas. In den Fokus der Geschichte rücken neben Colette, die von ihrem Mann getrennt lebt, zwei weitere Frauen, die unglücklich verheiratet sind. Izzy fühlt sich von ihrem Mann gegängelt, seitdem sie nicht mehr arbeiten darf und Dolores Mullen muss zusehen, wie ihr Mann sie vor aller Augen betrügt. Der Roman ist aus wechselnden Perspektiven verschiedener Bewohner der Kleinstadt geschildert, so dass ein Einblick in die einzelnen Haushalte, aber vor allem auch in die Gefühlswelt der Charaktere möglich ist. Die Figuren sind vielschichtig angelegt, keiner ist nur gut oder böse. "Coast Road" ist eine spannende Zeitreise in die 1990er-Jahre. Die Geschichte erweckt eine fiktive Kleistadt mit 1.000 Einwohnern lebendig zum Leben, in der Ort und die Personen leicht vorstellbar werden. Es zeigt eindringlich, wie Frauen, aber auch Männer, in unglücklichen Ehen gefangen sind, wobei den Frauen, die finanziell und gesellschaftlich von ihren Männern abhängig sind, die größere Not zukommt. Erschreckend ist zu sehen, dass neben der körperlichen Überlegenheit auch Kinder als Druckmittel eingesetzt werden. Mit feiner Beobachtungsgabe zeichnet der Autor ein Sittengemälde und entwickelt mit der steigenden Dramatik, mit Intrigen und Verzweiflung eine spannende authentische Geschichte passend zum Zeitgeist. Es zeigt die Konsequenzen auf, wenn man gegen den Strom schwimmt, zeichnet einen mutigen Weg der Selbstfindung und bekräftigt die Bedeutung von Frauensolidarität.
Ardglas
Coast Road – Alan MurrinDiese Geschichte ereignet sich in einer irischen Kleinstadt vor dreißig Jahren, 1994, kurz vor der Legalisierung der Scheidung und thematisiert die Lage der Frauen in der Gesellschaft und in der Ehe.Jeder der in einem Dorf oder einer Kleinstadt lebt, kennt die Situation, auch heute noch. Es wird getratscht was das Zeug hält, Gerüchte machen die Runde, Neid und Missgunst überall. Natürlich gibt es auch positive Seiten einer eingeschworenen Kleinstadt-Gemeinschaft. In diesem Roman überwiegen allerdings die negativen.Im Wesentlichen lernen wir drei Familien kennen, insbesondere drei Ehepaare. Keines davon ist glücklich. Die Frauen stecken zurück, erziehen die Kinder, letzten Endes ist ihr Umgang mit der jeweils schwierigen Ehe sehr unterschiedlich. Colette nämlich, hat ihre Familie verlassen. Zwar kehrt sie kurz darauf zurück, in den Augen der meisten Kleinstadt-Bewohner hat sie jedoch jedes Recht verwirkt, ihre Kinder zu sehen. Izzy dagegen ist unglücklich verheiratet mit einem Lokalpolitiker. Während es in ihrer Ehe hauptsächlich um die passende Außenwirkung geht, freundet sie sich nach und nach mit Colette an. Die Situation spitzt sich zu.Zwar möchte man es kaum für möglich halten, dass vor gerade mal dreißig Jahren solche Zustände noch möglich waren – nichtsdestotrotz kann man einige dieser Vorurteile und Werte noch heute beobachten. Der Autor entlarvt hier ganz wunderbar die scheinheilige Kleingeistigkeit der Gesellschaft, von der insbesondere das weibliche Geschlecht eingeschränkt wurde. An den Männern dieser Geschichte lässt Murrin kaum ein gutes Haar (außer dem Pfarrer Brian), das mutet manchmal ein klein wenig einseitig an. Wobei man sagen muss, dass auch die Frauen nicht unbedingt positiv geschildert werden – die ganze Gesellschaft wird an den Pranger gestellt. Dennoch kann man diesen Roman als feministisch lesen, geschrieben von einem Mann.Diese Geschichte ist richtig spannend, sobald man sich einmal eingelesen hat. Tatsächlich habe ich es innerhalb eines Tages verschlungen.Empfehlenswert. 4 Sterne
Pressestimmen
Ein großartiges Debüt. Der Autor erzählt nuanciert, einfühlsam und entwickelt die Geschichte konsequ...ent bis zum Höhepunkt. mehr weniger
Sibylle Peine, 17.03.2025
Alan Murrin schreibt diesen aufwühlenden Roman spannend und mit großer Sympathie für die Frauenfigur...en. mehr weniger
Elke Heidenreich, 08.02.2025
Mit Feingefühl und erzählerischem Können.
02.07.2025
Hier passt alles zusammen: die herbe Landschaft, die starken Charaktere und eine Handlung ohne falsc...hes Pathos. mehr weniger
01.04.2025
Ein unvergesslicher Roman über die gesellschaftlichen Beschränkungen von Frauenleben in Irland vor n...icht allzu langer Zeit. Und das alles von Männerhand geschrieben. Einfühlsam und gleichzeitig aufwühlend. mehr weniger
01.04.2025
Alan Murrin erzählt in ›Coast Road‹ von dramatischen Ereignissen um die tapfere, aber auch haltlose ...Colette, die sich lediglich deswegen ereignen, weil die irische Gesellschaft vor ein paar Jahrzehnten noch ziemlich rückständig war. Mit Figuren, die glaubwürdiger sind als Geschöpfe ihrer Zeit. mehr weniger
Thomas Andre, 24.03.2025
Alan Murrin ist ein wirklich toller Erzähler. Er gibt seinen Figuren mit weinigen Details, mit wenig...en Gesten und Worten eine große Tiefe. mehr weniger
Thomas Böhm, 03.03.2025
Ein Buch, über das man mit seinen Freund*innen sprechen will… um sie danach zu umarmen.
Timothy Sonderhüsken, 03.03.2025
Es geht auch um die Freiheit der Wahl. Darum, dass die Unterdrückung nicht endet, bloß weil der Gese...tzgeber es will. Da wird ›Coast Road‹ brandaktuell. mehr weniger
18.02.2025