Die Dorfgemeinschaft in Zeiten der Judenverfolgung: ein neuer, spannender Blick auf die düstere deutsche Geschichte
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Details
Und mittendrin der Birnbaum
Es ist ein milder Frühsommer, als Dora nach vielen Jahrzehnten in ihren Heimatort Hausen zurückkehrt. Stundenlang wandert sie durch die fremd-vertrauten Straßen – zu ihrem Elternhaus, aber auch zu dem Fachwerkhaus, in dem einst ihre beste Freundin wohnte.
Vom Wissen und Wegschauen: Ein berührender Roman über Zerbrechlichkeit und Hoffnung in dunklen Zeiten.
Als sie entdeckt, dass vor diesem Haus Stolpersteine verlegt wurden, ist Dora fassungslos. Denn dort liegen nur vier Steine, sie weiß aber genau, dass es fünf sein müssten. Einer fehlt, nämlich der ihrer ehemals besten Freundin Fanny. Was ist damals mit ihr geschehen?
Die Dorfgemeinschaft in Zeiten der Judenverfolgung: ein neuer, spannender Blick auf die düstere deutsche Geschichte. Emotional, glänzend recherchiert und mitreißend erzählt.
Dora ging auf das Haus zu. Mit jedem Schritt wurde sie ein bisschen langsamer. Mit jedem Schritt sank ihr Kopf ein bisschen tiefer. Noch konnte sie nicht hingucken. Ob das Haus ihrer Freundin wohl entstellt worden war wie so manch anderes im Dorf? Ob sie es wiedererkennen würde?
Als sie endlich den Kopf hob, wäre sie fast in Tränen ausgebrochen. Es war ganz und gar unglaublich. Es sah genauso aus wie damals. Als wäre die Zeit nicht vergangen. Dora stand und stand, konnte sich gar nicht sattsehen. Gleich musste die Freundin aus dem Haus kommen. Oder aus dem Fenster gucken. Oben links. Und rufen: »Ich komme.«
Bibliografische Daten
1. Auflage
Autor*innen
Ute Mank
Ute Mank wurde in Marburg geboren. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Töchtern, lernte einen Gesundheitsberuf, studierte Erziehungswissenschaften und promovierte später nebenberuflich. Ihr erster Roman ›Wildtriebe‹ erschien 2021 und war für den Klaus-Michael-Kühne-Preis nominiert. Sie lebt mit ihrer Familie in Hessen.
Pressematerialien
Leserstimmen
5 - 10 von 74 Leserstimme
Späte Jahre, alte Wunden
Im Zentrum des Romans steht die Frage einer leisen Schuld und deren Verdrängung. Als Dora im Alter in ihr Heimatdorf zurückkehrt und erfährt, dass vor dem Haus ihrer jüdischen Kindheitsfreundin Stolpersteine verlegt wurden, wird ihr Verdrängungsmechanismus schmerzhaft verstärkt.Doras Vergehen war kein monströses, sondern eine Schuld durch Unterlassen und Mitläufertum – die „Banalität des Bösen“. Als junges Mädchen bekam die Bauerntochter durch das NS-Regime die einmalige Chance zum Bildungsaufstieg. Um diesen Traum zu verwirklichen, ignorierte sie das Schicksal ihrer ausgegrenzten und gefährdeten Freundin.Diese leise Schuld stellt die Leserschaft vor die Herausforderung, sich zu fragen, wie man selbst gehandelt hätte. Ist diese egoistische Sehnsucht nach Selbstverwirklichung nicht verständlich? Anders als bei brutaler Gewalt kann man sich hier nicht einfach distanzieren und behaupten, man hätte niemals so gehandelt. Meiner Meinung nach macht genau das Anregen dieses Denkprozesses sowie das schonungslose Voraugenführen der diversen Formen von Verdrängung die Qualität dieses Romans aus.Diese leise, bewegende Geschichte hat einen absolut würdigen Rahmen bekommen: Das Buch ist wunderschön und hochwertig gestaltet – vom griffigen Papier über das Lesebändchen bis zur ästhetischen Farbabstimmung.
Dorfgemeinschaften im Nationalsozialismus
Dora, über 80 und verwitwet, zieht nach Jahrzehnten in ein Seniorenheim in ihrem hessischen Heimatort Hausen zurück. Bei einem Spaziergang kommt sie am Fachwerkhaus ihrer ehemaligen besten Freundin Fanny vorbei.Vor dem Haus entdeckt sie vier Stolpersteine. Aus Doras Perspektive müssten es fünf sein - der Stein für Fanny fehlt. Fanny und ihre Familie waren jüdisch.Der Roman entfaltet sich auf zwei Zeitebenen: In der Gegenwart begleiten wir Dora und die junge Pina, die mit ihren Eltern heute in Fannys ehemaligem Haus wohnt. In der Vergangenheit - während des Zweiten Weltkriegs - geht es um das Verschwinden der jüdischen Familie und Doras eigene Rolle dabei. Der Untertitel des Verlags fasst den Ansatz zusammen: Vom Wissen und Wegschauen: über Zerbrechlichkeit und Hoffnung in dunklen Zeiten.Die Autorin schreibt ruhig, unaufgeregt und sehr beobachtend. Das ist bewusst gewählt. Es gibt keine großen dramatischen Gesten, sondern Innenschau, Dialoge mit Dorfbewohnern und das schrittweise Aufarbeiten von Verdrängtem.Kein lauter, anklagender Roman, sondern ein leiser Erinnerungsroman über Schuld, Verdrängung und die späte Aufarbeitung. Für Leser:innen, die sich für Oral History, Dorfgemeinschaften im Nationalsozialismus und intergenerationelle Aufarbeitung interessieren, ist es solide und gut lesbar. Er will nicht schockieren, sondern zum genaueren Hinschauen anregen - zum Beispiel beim nächsten Stolperstein.
Bewegende Erinnerungen
Als Dora als alte Frau in ein Seniorenheim in ihr Heimatdorf zieht, kommt auch mit dem Umzug ihre Erinnerung wieder. Die Erinnerung an ihre frühere beste Freundin hatte sie beiseite geschoben, weil sie sich schuldig fühlt ihrer Freundin, die Jüdin war, in der schweren Zeit nicht zur Seite gestanden zu haben. Die Erfüllung ihrer Träume war ihr damals wichtiger. Gemeinsam mit der jungen Frau, die Enkelin der Leute, die damals das jüdische Haus übernommen haben, macht sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Ruhig, unaufgeregt und trotzdem absolut fesselnd ist in diesem Roman über Freundschaft, Erinnerung, Schuld und Zweifel geschrieben. Die Freundschaft zwischen der alten Frau und dem jungen Mädchen, die mit Hilfe eines anderen alten Dorfbewohners gemeinsam Doras Erinnerungen nachspüren, ist gut geschildert. Das Buch hat mich sehr bewegt.
Total fesselnd
Mich hat das Buch und die Geschichte der Protagonisten absolut gefesselt, ich konnte den Roman kaum aus der Hand legen und habe ihn in zweieinhalb Tagen gelesen. Es ist bemerkenswert dass Dora sich ihrer Vergangenheit am Ende ihres Lebens stellt und schön dass sie dabei junge Unterstützung hat. Die Geschichte steht für so viele, darum lese ich solche Bücher, so tragisch sie auch sind, gerne und finde es wichtig darüber zu schreiben, das darf nicht in Vergessenheit geraten. Die heutige Generation kann sich das Leben schließlich kaum vorstellen. Schön finde ich das die Hauptfigur noch Antworten bekommt, die Autorin erzählt geschickt und authentisch. Sie verbindet die Generationen miteinander und baut grandios Spannung auf. Das Buch bekommt meine absolute Empfehlung und einen Platz bei meinen Lieblingsbüchern des Jahres, meine Wunschbuchwahl war total treffend.
Stolpersteine und Erinnerungen
Stolpersteine vor Häusern, die meisten von uns werden diese schon wahrgenommen haben, ggf. kurz stehenbleiben, innehalten und weitergehen. Die Menschen, die in diesen Häusern vor über 80 Jahren lebten, sind uns unbekannt. Doris kehrt mit über 80 Jahren in ihren hessischen Heimatort zurück. Als Jugendliche während des 2. Weltkrieges zog sie fort, weg von ihrer Großfamilie, denn sie wollte eine gute Ausbildung genießen und Lehrerin werden. Beim ersten Spaziergang durch den Ort, kommt sie an das Haus ihrer jüdischen Kinderfreundin Fanny vorbei. Vier Stolpersteine wurden vor dem Haus gesetzt, doch der von Fanny fehlt. Warum nur vier? Fanny ist den Behörden nicht bekannt. Doris Gedanken kreisen um die Vergangenheit. War sie Fanny eine gute Freundin? Hätte sie anders handeln müssen? Hat auch sie sich schuldig gemacht? Was ist mit Fanny passiert? Doris lernt Pina kennen. Pina steht kurz vor dem Studium und lebt mit ihren Eltern in Fannys Haus. Die beiden freunden sich an. Pina ist sehr an der Vergangenheit interessiert, aber Doris mag nicht alles erzählen, sie fühlt sich nach wie vor mitschuldig. Aber Pina lässt nicht locker und ist hartnäckig, fragt alte Ortsbewohner und Dank ihr, kann Fannys Schicksal geklärt werden. Vielleicht kann Doris nun Frieden finden. Ute Mank zeigt mit diesem Roman, dass uns Dinge nie ganz loslassen, auch wenn sie Jahrzehnte zurückliegen. Irgendwann holen uns die Erinnerungen ein. So ergeht es auch der Protagonistin Doris. So viele Jahre hat sie sie schuldig gefühlt und hat darüber hinaus vergessen, dass sie ein Kind war. Ich kann mir gut vorstellen, dass es viele „Dorise“ gab. Kinder unterscheiden bei ihren Freundschaften nicht nach Religion oder Aussehen. Es geht lediglich um Sympathie und das ist auch gut so. Es ist die Außenwelt, die Eingriffe vornimmt und vorgibt, welche Freundschaften gepflegt werden dürfen. Damals sicher mehr als heute. Über 80 Jahre sind seit Kriegsende vergangen und es ist gut, dass es Romane wie diesen gibt. Wir dürfen nicht vergessen und vielleicht betrachten wir Stolpersteine künftig intensiver, dank dieser berührenden Geschichte. Für mich ist dieser Roman ein Lesehighlight des Jahres und wird noch lange in mir nachhallen.
Zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Ute Manks „Und mittendrin der Birnbaum“ ist für mich ein Roman, der seine Wirkung eher leise entfaltet. Dora kehrt im Alter an den Ort ihrer Kindheit zurück und trifft dort nicht nur auf vertraute Landschaften und Menschen, sondern auch auf eine Vergangenheit, die sie längst hinter sich glaubte. Besonders gelungen fand ich, wie die Autorin nach und nach sichtbar macht, dass Erinnerungen keineswegs unveränderlich sind. Was man verdrängt, vergessen oder sich selbst anders erzählt hat, kann plötzlich eine neue Bedeutung bekommen. Die Begegnung mit der jungen Pina bringt Bewegung in Doras Gedankenwelt und lässt unterschiedliche Generationen aufeinandertreffen. Dabei wird nichts vorschnell bewertet. Gerade diese Zwischentöne haben mir gefallen. Der Birnbaum wird dabei zu einem schönen Sinnbild für Verwurzelung, Zeit und das Weiterleben von Erinnerungen. Ein ruhiger, nachdenklicher Roman, der noch eine Weile nach dem Lesen im Kopf bleibt.
Bewegendes Thema!
Dora entscheidet sich nach vielen Jahrzehnten Abwesenheit, in ein Seniorenheim in ihrem Heimatort Hausen zu ziehen. Sie läuft durch die Straßen und bemerkt die Veränderungen, erkennt aber auch viel Bekanntes. Eines Tages kommt sie zu einem Fachwerkhaus, in dem früher ihre beste Freundin Fanny gewohnt hat. Es sieht noch genauso aus wie früher. Fast rechnet sie damit, dass ihre Freundin gleich zur Tür rauskommt. Dann entdeckt sie jedoch vier Stolpersteine davor. Dora ist fassungslos! Warum sind da nur vier Steine? Es müssten eigentlich fünf Steine sein. Der Stein für Fanny fehlt. Dora entdeckt nur die Steine für Fannys Eltern und ihre beiden Schwestern. Was ist mit Fanny geschehen?Für Dora ist diese Rückkehr nach Hausen mit vielen Erinnerungen verbunden. Nicht nur gute, sondern auch schlechten. Vor allem ihr schlechtes Gewissen, aber auch die Frage nach Fannys Verbleib beschäftigt sie sehr. Und so macht sie sich auf die Suche nach Antworten.Die Geschichte hat mich sehr beeindruckt. Sie ist unglaublich emotional erzählt und beschreibt so beängstigend die dunklen Zeiten unserer deutschen Geschichte. Die Dorfgemeinschaft, wo jeder jeden kennt und sich die Menschen während der Machtergreifung der Nazis verändern. Jahrzehnte später möchte fast niemand mehr darüber sprechen, was damals passiert ist. Für Dora ist die Suche nach Antworten auch unglaublich schmerzhaft, denn sie hat jahrelang die Erinnerung an ihre eigene Schuld verdrängt. In den Erzählungen einiger Dorfbewohner erfahren wir, was damals passiert ist und auch in Doras Erinnerungen wird präsent, wie sie die Machtergreifung von Hitler und den Krieg erlebt hat. Ich habe dieses Buch zu lesen begonnen und konnte es fast nicht mehr aus der Hand legen. Mich hat die Geschichte unglaublich berührt. Natürlich auch, weil diese dunklen Zeiten auch aktuell wieder so präsent sind. Die Autorin Ute Mank hat diese Geschichte wirklich wunderbar mitreißend geschrieben. Ganz große Leseempfehlung von mir!
Regt zum Nachdenken an
Dora kehrt im hohen Alter in das Dorf zurück, in dem sie aufgewachsen war. Als sie vor dem Haus ihrer Kindheitsfreundin Fanny Stolpersteine entdeckt, erinnert sie sich an die Freundin und deren Familie, die dort gewohnt hat.Eine Geschichte, wie ich schon sehr viele gelesen habe und die es wahrscheinlich nicht mehr braucht, dachte ich mir zuerst. Aber dann kam etwas Neues dazu, nämlich Doras Gefühle damals, als sie ihre Freundin verließ - im Stich ließ, sie ihrem Schicksal überließ? Und noch heute empfindet Dora Schuldgefühle, die sie immer noch daran hindern, ihren eigenen Anteil an Fannys Schicksal zu erzählen und damit sogar ihre gegenwärtigen neuen Freundschaften belasten. Auch Doras junge Freundin Pina macht sich Gedanken, weil sie in einem Haus wohnt, das Juden weggenommen worden war. Auswirkungen der Nazizeit auf heute und die heutige Generation, ich fand es sehr interessant, über dieses Thema in romanhafter Form zu lesen. Beinahe wider Erwarten hat mich das Buch begeistert und zu neuen Gedanken angeregt.
Hätten meine Oma und ich sein können...
Ich war als Jugendliche sehr interessiert daran, zu erfahren, wie meine Großeltern den Nationalsozialismus erlebt haben. Leider war da ein großes Schweigen. Genau hier setzt der Roman an. Es wird gezeigt, wie die Generationen miteinander ins Gespräch kommen, das Schweigen überwinden und gemeinsam die Vergangenheit aufarbeiten. Eine Vergangenheit, die bis heute Spuren in unseren Leben hinterlässt.Erzählt wird zunächst auf zwei verschiedenen Zeitebenen. Ein Junge, der während des zweiten Weltkrieges Birnen für ein Mädchen klaut, das bei seiner Familie versteckt lebt, ist der erste Erzähler. Darauf folgt die Erzählung aus Sicht einer Seniorin, Dora, in der Gegenwart, die in ihr Dorf und zu komplizierten Familienverhältnissen zurückkehrt. Dora freundet sich mit der jungen Pina an. Gemeinsam legen sie einen Teil der verschwiegenen Dorfgeschichte frei. Dora muss sich mit ihrer Rolle auseinandersetzen.Beide Figuren wecken sehr viel Empathie. Es wird sehr plastisch erzählt, man kann mitfühlen, schmecken, riechen - taucht sofort in die Erzählung ein.Das große Schweigen der Großeltern ist nach der Lektüre vielleicht verständlicher.
Die Erinnerungen bleiben
Immerwieder gehe ich durch unsere Stadt, schaue mir die Stolpersteine an und entdecke immerwieder neue, dann stelle ich mir die Frage,was steckt hinter den jeweiligen Stolperstein. Und so ist es auch bei Dora, sie kehrt im Alter in ihrem Heimatort zurück.Dora ist Witwe, ihre Kinder sind gross sowie ihre Enkel, sie möchte nicht mehr alleine sein, sie zieht in ein Altenheim in ihrem Heimatort Hausen.Nun geht sie durch die Strassen in ihrem Ort, alte Erinnerungen gehen ihr durch den Kopf. Was ist aus ihrer Freundin Fanny geworden, die mit ihrer jüdischen Familie im Ort wohnte, die Familie hatte es sehr schwer.Es ist eine bewegende Geschichte, die einen zum nachdenken anregt. Das Thema fand ich sehr interessant und ich hatte es schnell durchgelesen.Die Autorin Ute Mank hat einen wunderschönen Schreibstil.Ich kann es voll und ganz weiterempfehlen.
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Pressestimmen
Sie erzählt von dem Mut, den es braucht, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen.
Johanna Schultheiss, 17.09.2026