Ein Gespräch mit Celeste Ng über ›Kleine Feuer überall‹

Erzählen Sie uns ein bisschen von Shaker Heights. Steht es stellvertretend für jede amerikanische Stadt oder gibt es etwas, das Shaker Heights abhebt?
Als ich aufwuchs, sah ich meine Heimatstadt wie jede andere – vermutlich geht das allen so. Und in vielerlei Hinsicht ist Shaker Heights eine Vorstadt, wie man sie überall findet: friedlich, idyllisch, bewohnt von wohlmeinenden Familien.
Als ich wegging, um am College zu studieren, stellte ich fest, dass Shaker Heights tatsächlich in vielem besonders war. Ich fand es normal – oder zumindest nicht ungewöhnlich -, dass es an der Highschool eine Gruppe gab, die sich mit Rassenbeziehungen beschäftigte, und dass man mit Menschen verschiedener Ethnien Tür an Tür lebte. Ich fand es komisch, die Mülltonne auf den Gehsteig zu stellen, und normal, dass ein ungemähter Rasen mit Bußgeld belegt wurde. Aber Shaker ist auch nicht unbedingt Stepford: die Stadt legt großen Wert auf Diversität, und zwar in jeder Beziehung - sie setzt sich aktiv für eine integrierte Bevölkerung ein und legt großen Wert auf architektonische Vielfalt beim Bau der Häuser.
Bei meinen Recherchen erfuhr ich mehr über die Geschichte der Stadt und ihren tief verwurzelten Idealismus: Shaker Heights wollte von Anfang an ein kleines Utopia sein, und diese Idee nimmt man dort ernster als in jeder Gemeinde, die ich kenne. Manchmal fasse ich das Ziel der Stadt so zusammen: Genauso sein wie alle anderen, nur besser – und in diesem Sinn ist Shaker Heights wie viele Städte im Land und doch ganz anders als jede mir bekannte Stadt.

Sie wurden in Pittsburgh geboren und zogen als Neunjährige  mit Ihrer Familie nach Shaker Heights, wo sie lebten, bis Sie ans College gingen. Wie stark ist Ihre eigene Jugendzeit in das Buch eingeflossen?
Kleine Feuer überall spielt zu der Zeit, als ich an die Highschool ging, und es hat großen Spaß gemacht, die Jugendlichen in dem Roman an meine alten Lieblingsplätze und Treffpunkte zu schicken. (In diesem Diner habe ich mehr Pommes gegessen – und 25-Cent-Stücke in die Jukebox gesteckt – als ich zählen kann, und während ich das Buch schrieb, war ich wieder dort, um die Pommes zu probieren. Natürlich nur aus Recherchegründen.) Vieles konnte ich aus der Erinnerung schöpfen, aber ich brauchte auch eine kleine Auffrischung. Meghan Hayes, die Bibliothekarin für Heimatgeschichte in der Öffentlichen Bibliothek von Shaker Heights besorgte mir alte Jahrbücher sowie Ausgaben des Shaker-Magazins und des Shakerite, der Highschool-Zeitung; dort fand ich unschätzbare Hinweise auf die Kleidung, die wir damals trugen, die Themen, über die wir uns unterhielten, welchen Slang wir benutzten.

Wir treffen viele Figuren, die ihre vermeintlich farbenblinde Einstellung dazu benutzen, um ihre Worte und Handlungen bzw. ihr Schweigen und Nichthandeln zu rechtfertigen. Was hoffen Sie, werden Leser aus diesen Standpunkten und Unterhaltungen mitnehmen?
Der Roman spielt 1997 und 1998, also vor zwei Jahrzehnten, aber das Geschehen fühlt sich gar nicht so weit entfernt an. Man vergisst leicht, dass das Thema Hautfarbe damals meist abgetan oder ignoriert wurde – ich denke da etwa an die fröhlichen (aber eben doch oft problematischen) Benetton-Anzeigen aus dieser Zeit, die typisch waren für die »Hautfarbe spielt keine Rolle! Wir sind alle eins!«-Mentalität.
Inzwischen sind wir uns etwas bewusster geworden, wie problematisch dieses dezidierte »Übersehen« von Rasse ist: Sie zu ignorieren heißt nicht nur, langjährige Probleme und Geschichte zu ignorieren, sondern auch wichtige Aspekte, die zur Identität eines Menschen gehören. Ich hoffe, diese angeblich rassenblinden Denkweisen regen die Leser dazu an, darüber nachzudenken, wie sich unsere Ansichten geändert haben – oder ob sie sich vielleicht doch nicht so sehr verändert haben, wie sie es eigentlich sollten.

Was hat Sie dazu bewogen, Mia als Künstlerin darzustellen? Und warum musste sie Fotografin sein?
Kunst hat mich schon immer fasziniert; wenn ich gekonnt hätte, hätte ich im Nebenfach Kunstgeschichte studiert. Fotografie interessiert mich besonders, weil sie oft als objektiv gilt – die Kamera hält fest, was sie sieht –, aber naturgemäß ist sie auch subjektiv: Es hängt viel von der Komposition des Fotos ab, von der Entscheidung, was es enthalten soll und was weggelassen, wie es gezeigt wird. Ein Foto ist eine seltsame Kombination aus Technik und menschlicher Perspektive, und diese Kombination liefert reichhaltiges Material für erzählende Literatur.
Aus kunsthistorischer Sicht kannte ich mich ein bisschen mit Fotografie aus, aber um Mias Kunst zu schaffen, las ich mich in die Geschichte des Mediums ein. Außerdem sah ich mir Werke zeitgenössischer Fotografen und Künstler an, die Fotos  für ihre Arbeiten verwenden; das gab mir ein Gespür für die Arbeit dieser Künstler und ihrer Beweggründe. Dann kam der schöne Teil: mir Mias Fotos auszudenken. Sie sind reine Erfindung, gehen aber auf Experimente zeitgenössischer Künstler zurück. Aus verschiedenen Gründen (die sich nach der Lektüre des Buchs erschließen) ist Mia die Idee eines Neuanfangs sehr wichtig, deshalb haben fast alle ihre Arbeiten irgendwie mit Veränderung oder Wandel zu tun.
Da die Kunst das wahre Leben inspiriert, hat das Schreiben dieses Romans meinen Wunsch beflügelt, Fotografieren zu lernen. Mein Vater war Hobbyfotograf, und ich besitze einige seiner alten Kameras, deshalb fange ich jetzt an, selbst zu fotografieren.

Der Schlagabtausch über Puppen im Gerichtssaal wird alle Eltern und Kinder, die vergeblich nach einem Spielzeug oder Buch gesucht haben, in dem Figuren wie sie selbst vorkommen, in Erinnerung bleiben. War das auch Ihre Erfahrung, als Sie aufwuchsen? Und finden Sie, nachdem Sie nun selbst Mutter sind, dass sich inzwischen etwas geändert hat?
Meine Mutter war sich dieses Problems bewusst, lange bevor es Eingang in den kulturellen Dialog fand. Sie kaufte mir jedes Buch, in dem asiatische Figuren vorkamen – das war ihre Art, mir anhand einer Buchseite ein Bild von mir zu vermitteln. Oft hatte sie nur die Wahl zwischen schlechten Darstellungen – wie in dem in meinem Roman erwähnten Klassiker Die fünf chinesische Brüder – und gar keiner Darstellung. Asiatische Puppen fand sie allerdings nie, deshalb kaufte sie mir dunkelhaarige Puppen. Als 1995 schließlich die American Girl of Today-Puppen auf den Markt kamen, kaufte mir meine Mutter die asiatische, obwohl ich zu der Zeit die Puppenphase schon hinter mir hatte. Vermutlich wollte sie damit nicht nur mir, sondern auch sich einen Gefallen tun. (Ich habe die Puppe immer noch.)
Als Mutter sehe ich das Problem nun von der anderen Seite. Als mein Sohn klein war, entdeckte er in einem Spielzeugladen eine asiatische Babyjungenpuppe, und ich griff zu. Wenn er allerdings eine ältere asiatische Jungenpuppe wollte, wäre ich mir meiner Reaktion nicht mehr so sicher. Darstellungen von ostasiatischen Kindern in Büchern sind nach wie vor selten zu finden – auch wenn es mittlerweile mehr gibt als vor dreißig Jahren – und mein Sohn ist multiethnisch, deshalb sehen selbst ostasiatische Figuren nicht genauso aus wie er. Auf der positiven Seite ist zu verzeichnen, dass in der literarischen Welt heute über dieses Thema gesprochen wird, und ich hoffe, dass mehr Verleger Bücher mit Kindern unterschiedlicher Ethnien veröffentlichen, damit viele Kinder sich auf den Buchseiten wiedererkennen.

Die Geschichten der Mütter – Mrs Richardson, Mia, Bebe, Linda McCullough – sind ineinander verflochten und auf unterschiedliche, manchmal schockierende, manchmal zutiefst berührende Weise konfliktgeladen. Im Zentrum der Gerichtsverhandlung steht die schwierige Frage, wer es »verdient«, Mutter zu sein. Warum wollten Sie dieses Thema in Angriff nehmen?
Über solche Themen denke ich oft nach, weil ich sowohl Mutter als auch Tochter bin: Was bedeutet Mutterschaft, wie ist mein Verhältnis dazu, was erwartet die Gesellschaft von Frauen, die Mütter sind oder es nicht sind. Wie sollen wir mit diesem ganzen Gewese um Mutterschaft umgehen. Ich habe Freundinnen, die schnell schwanger wurden, bei denen es länger gedauert hat, die adoptiert, den Weg der In-vitro-Befruchtung oder eine Leihmutter gewählt haben, die keine Kinder haben wollten – und bei allen war die wichtigste Erfahrung, dass sie beurteilt wurden. Mutterschaft scheint ein auswegloser Kampf zu sein: Wofür oder wogegen man sich auch entscheidet, von irgendwem wird man kritisiert. Du hast dich zu sehr bemüht schwanger zu werden. Du hast dich nicht genug bemüht. Du hast das Kind zu früh bekommen. Du hättest das Kind behalten sollen, auch wenn du sehr jung warst. Du hättest deinen Kinderwunsch nicht so lange hinausschieben sollen. Du bist eine zu engagierte Mutter. Du bist nicht engagiert genug, weil du dein Kind allein auf dem Spielplatz spielen lässt. Es ist endlos.
Und während dieses Beurteiltwerden kein Ende nimmt, wird der Handlungsspielraum für Frauen immer geringer. Ich rede gar nicht (nur) über das Recht, wählen zu können – in den USA haben Frauen weniger Zugang zu Geburtenkontrolle, Gesundheitsfürsorge, Reproduktionstraining und postpartaler Unterstützung. Wir bieten Frauen also weniger Aufklärung über ihre Körper und Reproduktionsmöglichkeiten, weniger Kontrolle über ihre Körper und weniger Unterstützung während und nach der Schwangerschaft – und dann kritisieren wir sie heftig, egal, was sie letztlich tun. Für mich ist das nicht nur unfair, es ist auch die Rezeptur für ein gesellschaftliches Desaster. Ich habe keine Antworten, aber ich wollte Fragen darüber aufwerfen, was wir von Müttern erwarten, wer es in unseren Augen »verdient«, Mutter zu sein und wer nicht – und warum wir glauben, dass es uns zusteht, über diese Frage zu entscheiden.

Was ich euch nicht erzählte und auch Ihr neues Buch spielen in einer Zeit, bevor jeder ein Handy besaß und ständig miteinander verbunden war. Glauben Sie, dass Ihre Figuren freier agieren und denken können, wenn sie sich in einem Setting bewegen, das nicht von Technik bestimmt ist?
Viele meiner Leser wissen vermutlich, dass ich ein Social-Media-Junkie bin – ich prokrastiniere oft auf Twitter, wenn ich eigentlich schreiben sollte. Meistens bin ich dankbar, dass ich in unserer technisierten Welt lebe: Ich kann mit Menschen weltweit in Verbindung treten; nahezu jede Information, die ich brauche, steht mir per Knopfdruck zur Verfügung; und wenn ich von zu Hause weg bin, sind meine Freunde und meine Familie in der Tasche und jederzeit per Videoanruf oder SMS erreichbar. Für eine Schriftstellerin, die einen Großteil des Tages zu Hause in ihrem Kopf verbringt, ist dieses Gefühl der Verbundenheit und der Gemeinschaft ein Gottesgeschenk.
Aber dieses Verbundensein hat auch eine Kehrseite: sie lässt weniger Raum für Geheimnisvolles. Wenn ich wissen will, wo eine Freundin ist, kann ich ihren Facebook- oder Twitter-Feed lesen oder sehen, ob sie bei Foursquare angemeldet ist oder – im Notfall – sie anpingen und bitten, ihren Standort mitzuteilen. Aber Informationen aus dem Internet sind auch schwer zu löschen: Was immer man in der Vergangenheit gesagt oder getan hat, zieht man wie einen Rattenschwanz hinter sich her. Für die erzählende Literatur hat das ein eigenes Potential, aber in Kleine Feuer überall brauchte ich schattige Orte, wo Geheimnisse verborgen bleiben und Vergangenheiten – zumindest vorübergehend – abgestreift werden konnten.
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