Interview mit Alina Bronsky

Frau Bronsky, in Ihrem neuen Roman wird einer Autorin vorgeworfen, eine Geschichte gestohlen und für ihr  Buch verwendet zu haben. Ist Ihnen das auch schon mal passiert?
 
Antwort: So heftig wie im Buch zum Glück nicht. Aber es kommt vor, dass Menschen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis glauben, sich wiederzuerkennen. Oder sie sind ganz sicher, dass ich in einem Charakter einen gemeinsamen Bekannten porträtiert habe. Manchmal auch Menschen, die ich eigentlich noch nie getroffen habe. Bei Scherbenpark gab es, wenn ich mich richtig erinnere, fünf Kandidaten, die angeblich für eine bestimmte Figur in Frage kamen.
 
Und wer von ihnen war es dann letztendlich?
 
Antwort: Kein einziger. Ich habe mir die Figur wirklich ausgedacht, glaube ich jedenfalls.
 
Dabei wäre es so einfach – warum ausdenken, wenn man eine echte Person nehmen kann.
 
Antwort: Mir ist es nicht ganz geheuer. Ich will ja keine Geschichten stehlen und auch keine Privatsphäre verletzen. Es lässt sich natürlich nicht vermeiden, dass sich manchmal ein Charakter oder eine Handlung einschleichen, die von realen Begebenheiten oder Personen inspiriert sind. Ich versuche dann die Dinge möglichst so zu verfremden, dass das reale Vorbild nicht mehr erkennbar ist. Auf der anderen Seite teilen wir viele Erfahrungen, und es gibt auch viele Menschen, die sich in irgendwas ähneln. Das macht das Lesen ja auch so spannend – man kann seine individuelle Erfahrung mit etwas verknüpfen, was universell ist.
 
Die Autorin Leah Eriksson in Ihrem Buch ist schon einmalig unsympathisch. Sie kann nicht gut vorlesen, scheint ihre jungen Leser zu hassen und jammert die ganze Zeit rum. Gab es denn dafür ein Vorbild? Sind alle Autoren wie sie? Sind Sie vielleicht sogar selbst so?
 
Antwort: Vielleicht bin ich an besonders schlechten Tagen ein bisschen so. Es gibt gerade im Kinder- und Jugendbuchbereich sehr viele sympathische und engagierte Kollegen, die einen harten Beruf mit Begeisterung ausüben. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch diese Momente des Frustes, in den man glaubt, alle wollen was von einem. Autoren dürfen genauso jammern wie andere Berufsgruppen auch.
 
In „Und du kommst auch drin vor“ verfolgt die Protagonistin Kim die Autorin und verlangt von ihr, das Buch umzuschreiben oder wenigstens eine Fortsetzung zu veröffentlichen. Ist Ihnen das auch schon passiert?
 
Antwort: So extrem nicht. Kontaktaufnahmen aller Art gibt es aber schon, auch von Schülern, die eine Info für ihr Referat brauchen oder möchten, dass man ihnen bestimmte Dinge aus dem Buch nochmal erklärt. Manchmal ist jemand hartnäckiger und schreibt öfter, aber das sind niemals Jugendliche. Dafür bin ich schon mal  von einer Schülerin übel beschimpft worden, weil ich eine Nachricht in meinem Facebook-Postfach übersehen habe. Die Frage nach einer Fortsetzung höre ich aber in der Tat bei jeder Schullesung.
 
Sind Schullesungen wirklich so schlimm wie im Buch beschrieben? Es beginnt ja mit einer Szene, in der eine Klasse bei einer Lesung wahlweise stört oder schläft.
 
Ich finde Schullesungen schon anspruchsvoll. Eine Lesung vor Erwachsenen, zum Beispiel in einer Buchhandlung, findet ja unter ganz anderen Voraussetzungen statt: Die Menschen kommen gezielt, weil sie einen hören wollen. Viele zahlen freiwillig den Preis einer Kinokarte. Die Schüler kommen dagegen nicht ganz freiwillig, das heißt, sie sind skeptisch. Viele würden für eine Lesung oft nicht einmal eine Freistunde opfern. Auf der anderen Seite finden die meisten, besser als Physik ist so eine Autorenstunde allemal.
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