Cover: Ein anderes Land

Ein anderes Land

Baldwins explizitester, leidenschaftlichster Roman


Warum hat Rufus Scott – ein begnadeter schwarzer Jazzer aus Harlem – sich das Leben genommen? Wegen seiner Amour fou mit der weißen Leona, einer Liebe, die nicht sein durfte? Verzweifelt sucht Rufus’ Schwester Ida nach einer Erklärung. Aber sie findet nur Wahrheiten, die neue Wunden schlagen, – auch über sich selbst. Wie ihr Bruder war Ida lange bereit, sich selbst zu verleugnen, um ihren Traum zu verwirklichen, den Traum, Sängerin zu werden. Wie ihr Bruder hat sie ihre Wut auf die Weißen, die sie diskriminieren. Bis jetzt. Baldwin verwickelt uns in ein gefährliches Spiel von Liebe und Hass – vor der Kulisse eines Amerikas, das sich selbst in Trümmer legt.

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EIN GESPRÄCH ...

zwischen der Baldwin-Übersetzerin Miriam Mandelkow
und dem Autor des Nachworts René Aguigah


René Aguigah: Nachdem Sie so viele Jahre James Baldwin gelesen und jetzt fünf Bücher von ihm übersetzt haben: Was ist für Sie das Besondere an Ein anderes Land?
 
Miriam Mandelkow: In all seinen Romanen beschreibt Baldwin die tiefen Verletzungen, die Rassismus Menschen zufügt, und offenbart die Lebenslügen, mit denen sich eine Gesellschaft ihre Verletzungen vom Leib zu halten sucht. In Ein anderes Land wählt er dafür eine Form, die an ein Jazzstück erinnert: Dem Thema, den letzten Stunden des Schwarzen Schlagzeugers Rufus, folgen als Improvisationen über dieses Thema die Geschichten seiner Schwester und seiner weißen Freunde, die immer wieder um Rufus kreisen, immer wieder um die Frage, warum sie nicht sehen konnten, dass er an seinem Land zerbricht. Diese musikalische Struktur schafft eine Offenheit und Gleichzeitigkeit, Baldwin spielt Möglichkeiten durch, verschiedene Beziehungskonstellationen – in der weltoffenen, vermeintlich farbenblinden New Yorker Boheme. Hier wird selbst das liberale weiße Künstlerehepaar von der Upper West Side vom Rassismus zerfressen, weil nicht lieben kann, wer den eigenen Hass nicht erkennt. Ein sehr moderner Roman, finde ich.
 
 
Miriam Mandelkow: Welche Bezüge sehen Sie in Baldwins Roman zu unserer Zeit, zu unserem Land?
 
René Aguigah: Zunächst ist dieses New York der Mitte des 20. Jahrhunderts ja weit weg, und wenn man es genau nimmt, existiert es so nur in diesem Buch. Aber je weiter man eintaucht, desto mehr löst der Roman auch heute beim Lesen aus – etwa indem er vorführt, dass bestimmte überlieferte Lebensformen, im Großen wie im Kleinen, nicht mehr funktionieren: In den Liebes- und Freundschaftsbeziehungen werden Grenzen umspielt oder überschritten, die Grenzen der Geschlechterordnung, die Grenzen zwischen den races. Das Alte funktioniert nicht mehr, das Neue wirft neue Fragen auf. Sehr gegenwärtig. Was mich zweitens fasziniert: wie Baldwin seine Figuren – und was sie umtreibt – in feinsten Schattierungen zeichnet. Und das hat etwas mit Rassismus in diesem Roman zu tun: Es tritt dort kein einziger erklärter Rassist auf. Aber wir sehen zum Beispiel den Weißen Vivaldo, der die Schwarze Ida liebt – und der bis zum Schluss nicht versteht, worunter sie, seine Partnerin, leidet, wenn sie über die Weißen schimpft. Oder besser: fast nicht versteht. Einen Funken Hoffnung gibt’s.
 
 
René Aguigah: Wie sind Sie vorgegangen, um die Vielstimmigkeit zu übersetzen, die verschiedenen Tonlagen im Roman, von Schwarzen und Weißen, in Greenwich Village und Harlem?
 
Miriam Mandelkow: Besonders in den Anfangspassagen hat Ein anderes Land einen zuweilen fast stakkatohaft rauen, harten Ton – mehr Bebop als Blues. Um in den Groove hineinzukommen, hilft tatsächlich Musikhören, allerdings nicht beim Übersetzen, da ist der Text die Musik. Das gilt auch für die Mündlichkeit in diesem Roman wie die unterschiedlichen Sprechweisen von Schwarzen und Weißen, die sich im Deutschen wahrscheinlich noch stärker auf die Sprachmelodie beschränken, weil ich eine Verortung in deutschen Dialekten oder irgendeiner schroffen Umgangssprache vermeiden wollte. Starke Kontraste im Ton setzt aber auch Baldwin hier eigentlich eher im Erzähltext. Wenn die Literaten in Greenwich Village ihre Eitelkeiten pflegen, schickt er sie in eine spitzzüngige comedy of manners, deren elegant verschlungene Syntax an den von ihm so verehrten Henry James erinnert. Dann wieder kommt ein biblischer Duktus zum Tragen, in apokalyptischen Visionen in der Subway, bei der Trauerfeier in Harlem. Das Ohr muss immer mitlesen.
 
 
Miriam Mandelkow: Baldwin wollte keine Ikone sein, er wollte Zeugnis ablegen. Gern werden verbindende, versöhnliche Worte von ihm zitiert, meist ohne Kontext. Unterschätzen wir seine Wut?
 
René Aguigah: Diese Beobachtung teile ich: Inzwischen kursiert ein Kanon von knackigen Baldwin-Zitaten zum Beispiel auf Instagram oder Twitter. Baldwin ist ein posthumer Social-Media-Star. Dabei sind seine Essays voller Sätze, die nicht in die 280 Zeichen eines Tweets passen. Allerdings stimmt beides: Es gibt diese ausführlich differenzierenden Satzgebilde, komplexe gedankliche Bögen, geduldige Beschreibungen – und es gibt handliche Sentenzen, die ja in ihrer Knappheit ebenso elaboriert sind. Baldwin hat oft zwei Seiten, die auf den ersten Blick kaum vereinbar scheinen. Ein anderes Beispiel: Er betont die Eigenheit der Erfahrung der Schwarzen, zugleich vergisst er nicht, was alle Menschen miteinander teilen. Etwa so verhält es sich auch mit der Wut. Eddie S. Glaude hat schön gesagt: Wenn Martin Luther King »Liebe« ist und Malcom X »Wut«, dann ist James Baldwin beides. Das ist nicht harmonisierend gemeint, würde ich ergänzen. Baldwins Liebe und Wut liegen miteinander im Widerstreit, und beide sind nicht ohne Risiko zu haben.
 
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