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Ein großartiger Familienroman, der sich zusehends zum Politthriller entwickelt

Heimatsterben

Tilde Ahrens, mehrfache Mutter, Oma und Uroma, liegt im Sterben und bittet kurz vor ihrem Tod Lieblingsenkelin Hanna, die Familie zusammenzuhalten. Keine einfache Aufgabe für die freigeistige Journalistin, die eigentlich seit Jahren in den USA lebt, denn in dem weitverzweigten Ahrens-Clan prallen die unterschiedlichsten Weltanschauungen aufeinander. Hanna taucht ein in die Geschichte ihrer Familie und stellt sich der Auseinandersetzung mit ihrer erzkonservativen Schwester, deren Mann Felix Kopf einer nationalistischen Partei ist. Es kommt zu einer vorsichtigen Annäherung. Doch dann gewinnt der charismatische Felix überraschend die Wahl, zieht ins Kanzleramt ein und ausgerechnet Hanna soll ihn bei seiner politischen Arbeit unterstützen. …

Bibliografische Daten

EUR 9,99 [DE]
ISBN : 978-3-423-43934-3
Erscheinungsdatum: 20.08.2021
1. Auflage
384 Seiten
Sprache: Deutsch
Autor*innenporträt

Sarah Höflich

Sarah Höflich, 1979 in Schleswig geboren, war schon als Kind fasziniert von Geschichten und Geschichte. Sie studierte Anglistik und ging als Fulbright-Stipendiatin in die USA, wo sie ihr Creative-Writing-Studium mit dem Master of Fine Arts abschloss. Viele Jahre arbeitete sie als Drehbuchautorin und Produzentin für die UFA, für die sie mehrere Fernsehserien realisiert hat. Letztes Jahr machte sie sich selbstständig. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in München.

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89 von 89 Leserstimmen

Durchschnittliche Bewertung von 4.64 von 5 Sternen


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3 - 10 von 89 Leserstimme

clarmeloth am 29.08.2021 21:08 Uhr

Durchschnittliche Bewertung von 5 von 5 Sternen

Unglaublich stark und beängstigend zugleich

Das Cover trägt eine gewisse Bitterkeit in sich, verdeutlicht es doch das Werden, aber vor allem Vergehen. Der Apfel versinnbildlicht hier in meinen Augen Deutschland, wie es gewesen ist und was daraus im Laufe der Geschichte wird, aus der Perspektive der Hauptfigur Hannah betrachtet. Sie steht für gewisse Werte, die nach und nach verloren gehen, z.T. auch ihr. Aber Hannah ist nur eine Figur in diesem sehr facettenreichen Buch, welches über die Familie Ahrens verschiedene Charaktere und Perspektiven aufgreift. Somit schafft es die Autorin ein düsteres Zukunftsbild zu zeichnen, welches die aktuelle politische Situation aufgreift und davon ausgehend nochmals ein paar Jahre Vorlauf nimmt und dort beginnt daraus einen eineinhalb Jahre dauernden Umbruch darzustellt. Dieser erinnert stark an die 1930er Jahre in Deutschland und verknüpft gleichzeitig die Zeit von Hannah mit der Jugendzeit von ihrer zum Beginn des Buches verstorbenen Großmutter Tilde. Dabei sind die Kausalitäten perfekt dargestellt, die Sprache ist unglaublich klar und schafft es einen mitzunehmen, sich seine eigene Meinung zu bilden, Charaktere und Perspektiven zu hinterfragen, ihre Entwicklungen zu verstehen. Sehr, sehr gelungen und verdient fünf Sterne wert.

kleincaro89 am 29.08.2021 12:08 Uhr

Durchschnittliche Bewertung von 4 von 5 Sternen

Ein packend realistischer Roman

Tilde Ahrens steht kurz vor ihrem Tod. Sie weiß es, ihre Familie weiß es. Nach einem ereignisreichen Leben scheint sie es sich nun verdient zu haben, von der Erde zu gehen. Doch als starke Persönlichkeit lässt sie es sich nicht nehmen, ihre Enkel- und gleichzeitig Ziehtochter Hanna darum zu bitten, sich um deren Schwester Trixie zu kümmern. Trixie, Ehefrau des neuen deutschen Kanzlerkandidaten mit nationalistischer Weltanschauung und gespaltener Partei im Hintergrund. Dass es nicht einfach werden wird, konnte Hanna sich denken, doch dass die Entwicklungen sowohl die Familie als auch das Land entzweien werden würden, damit hätte selbst Tilde nicht rechnen können.Das Cover ist nüchtern gehalten, der Einband hingegen mit einem Stammbaum im vorderen Teil fast schon ehrwürdig und anmutig. Und auch wenn er auf den ersten Blick aussieht, als würde man ihn nie durchdringen können, ist er am Ende doch einfach zu erfassen und umso hilfreicher in manchen Passagen. Nichtsdestotrotz lässt es sich die Autorin nicht nehmen, den Leser in jede Herkunft, in jeden Zusammenhang und ihr jeder Verbindung der wichtigen Charaktere selbst einzuführen. So erlangt der Leser ein umfassendes Bild über die Zusammenhänge und kann sich auf diese Weise ein eigenes Bild von allem machen.Und wie leichtfüßig nebenbei erzählt die Autorin die eigentliche Geschichte. Denn das existierende Deutschland in 2023 ist gespalten und Felix, Trixies Mann, steht kurz vor dem Wahlsieg. Als er sich kurz vorher darüber im Klaren wird, dass er Menschen um sich braucht, denen er blind vertrauen kann, fällt seine Wahl auf Hanna, die ein wenig überfordert ist mit der Situation, schließlich jedoch dennoch einwilligt.Wie man es sich denken kann, kommt es zum Bruch und an dieser Stelle ist es umso wertvoller, dass die Autorin die unterschiedlichen Sichtweisen der Charaktere immer wieder getrennt voneinander beleuchtet und zu Wort kommen lässt. Mit einer entwaffnend einfachen und leichten Sprache gelingt es der Autorin, den Leser so auf ihre Seite zu ziehen und dennoch zu lenken, dass auch er unpolitischste Leser eine Meinung bildet. Gewagt und gekonnt zu gleich.Doch mag die Sprache auch noch so einfach sein, mit der Komplexität, der Menge an Verbindungen und der hintergründigen Handlungen schafft es die Autorin, ein Buch zu bauen, dass unschlagbar zu sein scheint.

gaudbretonne am 28.08.2021 15:08 Uhr

Durchschnittliche Bewertung von 5 von 5 Sternen

Die Gegenwart konsequent weitergedacht!

Sarah Höflich legt mit „Heimatsterben“ einen Text vor, der vom ersten Satz an fesselt. In dem im Jahr 2023 angesiedelten Roman werden das politische Handeln von rechtspopulistischen Parteien und die aktuelle gesellschaftliche Situation konsequent und plausibel weitergedacht und kumulieren in der Schreckensvorstellung eines faschistischen „vierten Reichs“. Dabei spiegelt die Autorin die verschiedenen gesellschaftlichen Positionen und Ansichten am Beispiel der Großfamilie Ahrens, die bis dato von der Großmutter Tilde zusammengehalten wurde.Diese liegt nun im Sterben. Ihre Familienmitglieder, die normalerweise ihre eigenen Wege gehen, treffen daher aufeinander. Hierzu gehören unter anderen die grundverschiedenen Enkelinnen Hanna und Trixie. Für die geschwisterliche Beziehung kommt erschwerend hinzu, dass Trixie mit Felix Graf von Altdorff verheiratet ist. Er ist Kanzlerkandidat der nationalistischen Partei BürgerUnion, die im diametralen Kontrast zu den politischen Ansichten von Hanna steht. Dennoch versucht Hanna dem letzten Wunsch ihrer Großmutter, die Familie zusammenzuhalten, nachzukommen. Als Felix sie bittet, ihn politisch zu unterstützen, gerät Hanna jedoch schnell in ein Dilemma und auch für Felix läuft es nicht rund, da sein Handeln für den rechten Flügel der Partei nicht radikal genug ist.Das Familiendrama zeichnet sich dadurch bereits früh ab und geht nahtlos in ein real wirkendes gesellschaftliches Horrorszenario über. Dabei wird die Ausgangslage in Deutschland wie folgt beschrieben: „Die riesige Flüchtlingswelle, von der die Bundesrepublik nach einem heftigen Zerwürfnis mit der Türkei überrollt worden war. Die missglückte Vertrauensfrage. Es standen Neuwahlen an. Und Europa, das gerade erst begonnen hatte, sich langsam von den Nachwirkungen einer mehrjährigen weltweiten Pandemie zu erholen, glich einem Pulverfass.“ Dieses Pulverfass ist eine explosive Mischung und zeigt anschaulich, wie eine solche Situation den Faschismus begünstigt und schließlich eskalieren muss. Dem aufmerksamen Leser begegnen dabei viele Situation, die Analogien zur politischen Gegenwart und Vergangenheit aufweisen, die aber konsequent weitergedacht werden. Daher kann der Text auch als eine Art Mahnung an den Leser verstanden werden, ohne jedoch dabei jemals „platt“ zu wirken.Zudem ist Spannung auf allen Ebenen gegeben. Der Text entwickelt sich zu einem Pageturner der Extraklasse, zumal es sich nicht nur um eine einfache, politisch und gesellschaftlich spannende Geschichte handelt, sondern sich auch literarisch-stilistisch auf einem hohen Niveau bewegt. Extrem authentisch und handwerklich überzeugend wird eine Prognose für Deutschland entfaltet, die gleichermaßen realistisch und bedrohlich wirkt.Nützlich erweist sich auch der abgedruckte Familienstammbaum, da er dafür sorgt, dass der Leser nicht den Überblick über die große Anzahl an Figuren verliert.So stellt dieser fulminante Debutroman ein absolutes Lesehighlight des Sommers 2021 dar: brandaktuell, bedeutungsschwer, spannend und gleichzeitig poetisch!

yellowdog am 28.08.2021 14:08 Uhr

Durchschnittliche Bewertung von 5 von 5 Sternen

Porträt einer möglichen nahen Zukunft

Heimatsterben ist besonderer Roman. Die Autorin Sarah Höflich kann schreiben. Sie erzeugt in der logisch aufgebauten Struktur immer wieder neue Spannungsmomente mit unerwarteten Wendungen.In geraffter Form wird anfangs eine Familiengeschichte, beginnend mit der Flucht aus Schlesien bis hin zum Heute bzw. der nahen Zukunft erzählt.Man ist sofort drin in dem dichten Plot mit den vielen gut ausgestalteten Figuren. Ich halte sie für realistisch in ihrem Verhalten.Im Mittelpunkt steht der Erfolg einer neurechten Partei, die stark an die AfD erinnert.Der charismatische Felix von Altdorff als möglicher neuer deutscher Kanzler, seine Frau Trixie, deren Schwester Hanna und weitere.Den Roman zeichnet einiges aus.Geschickt gestalteter Plot, nachvollziehbare und glaubwürdige Figuren.Ein sehr gelungenes Buch, das zum Nachdenken anregt.

vino.and.books am 27.08.2021 20:08 Uhr

Durchschnittliche Bewertung von 4 von 5 Sternen

Sehr gelungener Debütroman!

-Das hier zu schreiben ohne zu Spoilern ist hart, aber ich gebe mein Bestes.-.Der Debütroman von Sarah Höflich ist ein wirklich gelungenes Werk.Dieses Buch ist ein Familienepos mit einer zu beachtenden politischen Note.Es handelt von der Familie Ahrens, deren Wurzeln im zweiten Weltkrieg liegen und die bis zur Post-Merkel und Post-Pandemie Zeit reichen, in der dieses Werk hauptsächlich spielt.Wir lernen die Familie auf den 384 Seiten des Buches wirklich ausführlich kennen, was ich mir vorher tatsächlich in Anbetracht der Länge des Buches nicht wirklich vorstellen konnte.Der Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen und die Länge der Kapitel passen perfekt zum Gesamtkonzepts des Buches, welches Dreigeteilt ist, es beginnt im Herbst, führt uns in den Frühling und dann in den Winter. Dadurch begleiten wir die Familie Ahrens fast ein ganzes Jahr. Wir erhalten Einblicke in die Beweggründe der Familienmitglieder und sind mit dabei wie etwas unvorstellbares aus der Heimat der Familie wird.Durch die Geschichte der Familie ist die Verbindung von Vergangenheit und heutiger Zeit deutlich spürbar und man wird sich dessen bewusst dass man die Vergangenheit nicht außer Acht lassen sollte..Während des Lesens muss man sich immer wieder sagen, dass alles nur Fiktion ist, denn in Anbetracht der letzten Jahre wirkt dieses Buch erschreckend real. Am Ende des Buches befindet sich ein Disclaimer der Autorin in dem sie auch noch einmal ausdrücklich schreibt das es sich um Fiktion handle.Dieses Buch regt definitiv zum Nachdenken an und das in mehreren Hinsichten. Man denkt über seine Familie nach, über Loyalität, darüber was Heimat eigentlich ist, über den Elefanten im Raum, was wenn es eine Rechte Regierung gibt, über all die was wäre wenn, über eine Menge…Auch wenn Hanna die Hauptprotagonistin des Buches ist, haben die anderen Charaktere nicht weniger Auftritte und gewidmete Kapitel wie sie. .Etwas was mir persönlich sehr gut gefallen hat ist die Tatsache dass der verfaulte Apfel auf dem Cover nicht nur als Symbolbild dient sondern auch im Buch aufgegriffen wird..Zusammengefasst lässt sich nun also nur noch sagen, eine komplette Leseempfehlung von meiner Seite.

elke seifried am 26.08.2021 23:08 Uhr

Durchschnittliche Bewertung von 4 von 5 Sternen

Beklemmende Zukunftsvision, die fesselt

Hanna lebt schon seit einigen Jahren in den USA, wurde eben von ihrer Daueraffäre durch eine andere ersetzt, als sie ein Anruf ereilt. „+ 49. Call from Germany. »Oma Tilde ist gestürzt. Sie liegt im Sterben.« Trixies hohe Mädchenstimme klang brüchig, sie rang um Fassung.“, hält sie deshlab nichts und sie sitzt sofort im nächsten Flieger. Viel zu lang ist der letzte Besuch bei ihrer Oma, bei der sie schließlich aufgewachsen ist, her und die Schuldgefühle plagen sie. Kurz bevor Tilde wenig später auf der Intensivstation an Hannas Hand den letzten Atemzug tut, bittet sie diese darum, auf die Familie achtzugeben. Warum und ist in Deutschland bleiben, sie hat Tildes Haus geerbt, eine Option für Hanna?Als Leser landet man mit Hanna nicht nur in Deutschland sondern auch einige Jahre in der Zukunft. Unter anderem „Die riesige Flüchtlingswelle, von der die Bundesrepublik nach einem heftigen Zerwürfnis mit der Türkei überrollt worden war. Die missglückte Vertrauensfrage. Es standen Neuwahlen an. Und Europa, das gerade erst begonnen hatte, sich langsam von den Nachwirkungen einer mehrjährigen weltweiten Pandemie zu erholen, glich einem Pulverfass.“, beschreibt dabei die politische Situation zu dieser Zeit sehr treffend. Die neu gegründete BürgerUnion, „Auffangbecken für den rechten Flügel der Post-Merkel-CDU und erhielt großen Zulauf von ehemaligen Parteimitgliedern der AfD, die nach einer heftigen Kollision mit dem Verfassungsschutz und einer horrenden Strafzahlung wegen Verstoßes gegen das Parteiengesetz praktisch implodiert war.“, hat eine exponentiell gestiegene Beliebtheit zu verzeichnen und deshalb gilt: „Es schien tatsächlich so zu sein, dass ihr Schwager Felix, den Hanna für einen blasierten, reaktionären Schaumschläger hielt, im Begriff stand, ein ernst zu nehmender Kanzlerkandidat zu werden.“. In einem ersten Teil „Versuchung“ erfährt man nun, wie sich Hanna trotz aller Bedenken auf Felix einlässt, denn „…ich könnte eine Sparringspartnerin wie dich gebrauchen.« Hanna lachte auf. »Nicht dein Ernst!« »Doch!« »Ach komm! Ich und die BürgerUnion? Das ist absurd!« »Du kennst doch unser Programm noch gar nicht.« »Ich habe genug darüber gehört und gelesen. Du bist ja momentan sehr präsent in den Medien.« »Und? Klingt das alles so schwachsinnig?« Hanna atmete durch. »Nein.« und was die eigentlich gefährlichen Kräfte hinter der Partei sind. In einem zweiten Teil, „Widerstand“, davon, wie sich nicht nur Hanna sondern auch Felix überlegen müssen, wie sie zur Partei und deren Politik, die sich immer weniger dem Einfluss der radikalen Mitglieder erwehren kann, stehen und in einem dritten „Flucht“ dann, warum es nicht nur für Journalisten wie eine Caro, die die Stimme gegen die Regierung erheben besser ist, wenn sie im Flieger in die USA sitzen und es gilt, »Unser Flug«, erwiderte sie leise, »war one-way.«, mehr will ich gar nicht verraten. So viel vielleicht noch, zeitgleich erfährt man nicht nur auch von Tildes Leben, beginnend mit der Flucht aus Schlesien im Jahr 1945, und deren erzkonservativen Einstellungen, sondern auch von anderen Familienmitgliedern wie z.B. dem verstoßenen homosexuellen Onkel oder der magersüchtigen Schwester Hannas und auch von einigen Parteimitgliedern, beim in die Arbeitslosigkeit Geratenen, der sich schnell gewinnen und gut beeinflussen lässt, angefangen, bis hin zu völlig Radikalen und von ihren rechten Ideen Überzeugten.Der einnehmende, atmosphärisch dichte Schreibstil der Autorin vermag zu fesseln. Die Seiten sind, einmal festgelesen, regelrecht an mir vorbei geflogen, wollte ich doch auch unbedingt wissen, wie es weitergeht, wohin die Entwicklungen führen und wo sie enden. Allerdings hatte ich erhebliche Anlaufschwierigkeiten, vielleicht auch weil ich ein schlechtes Namensgedächtnis habe und zu Beginn unheimlich viele Charaktere eingeführt werden. Damit hatte ich meine liebe Mühe und erst als ich mir eine handschriftliche Übersicht erstellt habe, habe ich mich zurechtgefunden. In der gedruckten Version gibt es wohl einen Stammbaum, das ist beim ebook, zu dem ich gegriffen habe, immer etwas unglücklich. Ein paar weniger Charaktere hätten meiner Meinung nach aber auf jeden Fall auch gereicht. Nichtsdestotrotz war es unheimlich spannend für mich mitzuerleben, wie sich Menschen beeinflussen lassen, wie weit sie gegen ihre Überzeugungen gehen, denn das bringt Sarah Höflich äußerst gekonnt zum Ausdruck, auch wenn ich bei Hanna vielleicht nicht nachvollziehen konnte, warum sie sich anfänglich auf eine Mitarbeit einlässt. Nicht selten hat mich die Autorin mit ihrem Roman auch berührt und geschockt, sind es doch Versprechen wie, »Ich sage: Wir haben unsere Interessen vernachlässigt. Wir meinen, für politische Bekenntnisse der Vergangenheit geradestehen zu müssen, auch wenn sie uns schaden. Wir nehmen unzählige Flüchtlinge auf, die andere Länder bedenkenlos abweisen. Warum? Aus einem völlig überholten Schuldgefühl heraus? Weil wir als einziges Land auf dieser Welt meinen, immer noch kein Nationalgefühl empfinden zu dürfen?« Er zog seinen Reisepass aus der hinteren Hosentasche und hielt ihn hoch. »Ich möchte dafür sorgen, dass dieses Dokument hier wieder zu dem wird, was es sein soll: Ihre Identität. Ihre Zugehörigkeit. Ihr Privileg. Ein Dokument, das viele Menschen auf dieser Welt gerne hätten. Ein Dokument, auf das Sie stolz sein können. Ich danke Ihnen.«, die vielen Menschen in der Realität jetzt schon zupass kommen und meine größte Angst ist, dass unsere Demokratie in Gefahr gerät und womöglich solche Vokabeln wie „BürgerWehr“ und „Ermächtigungsgesetz“ nicht länger nur Fiktion bleiben dürfen. Allein schon aufgrund der Tatsache, dass dieser Roman aufzurütteln versucht und gekonnt zeigt in welche Abgründe es führen kann, wenn Toleranz und Demokratie nicht mehr die obersten Ziele sind, gibt es von mir eine unbedingte Leseempfehlung. Außerdem wird hier politische Fiktion äußerst spannend mit einer Familiensaga verknüpft und dabei ein explosiver Mix gebildet, der von Seite zu Seite mehr ans Buch fesselt. Wegen meiner Anlaufschwierigkeiten mit den vielen Namen reicht es für mich nicht mehr ganz zu fünf Sternen. Aber sehr gute vier sind ja auch nicht zu verachten.

martinabade am 25.08.2021 12:08 Uhr

Durchschnittliche Bewertung von 4 von 5 Sternen

Licht und Schatten

Gesellschaftliche Dystopien haben Konjunktur. Eine Dystopie schildert einen „üblen Ort“, eine Zukunft, die schwarz aussieht und in der Regel böse endet. Was wäre wenn, ….. das Hitler-Regime den Krieg gewonnen hätte (Andreas Eschbach: NSA), Terroristen uns den Strom abdrehen, den amerikanischen Präsidenten bedrohen etc. (die Romane von Marc Elsberg), gewaltbereite Neonazis sich organisieren, die sich die Unzufriedenen unseres Gesellschaftssystems zunutze machen (Jerôme Leroy: Der Block), der Clash of Cultures droht, das alte Europa untergehen zu lassen (Michel Houllebeqc: Die Unterwerfung; Constantin Schreiber: Die Kandidatin).Und hier kommt gleich die nächste: Was wäre, wenn eine Partei, nicht unähnlich der AfD, angeführt von einem charismatischen Vorsitzendem aus „altem Adel“, die Schwäche der Demokratie nutzt und das Bundeskanzleramt erobert? Davon handelt der Debutroman von Sarah Höflich. Die Autorin, Jahrgang 1979, hat bisher als Drehbuchautorin und Produzentin für die UFA gearbeitet, das merkt man ihrem Schreibstil deutlich an und ich würde mich nicht wundern, wenn wir „HeimatSterben“ bald verfilmt sehen.Als Teppich unter den Polit-Plot breitet Höflich die Geschichte der Familien Ahrens und von Altdorff aus. Freundlicherweise bekommt der Leser und die Leserin im Innendeckel einen Stammbaum zur Orientierung. Das Cover ziert ein verschimmelnder Apfel, der bekanntlich nicht weit vom (Stamm-)baum fällt. Dabei ist schnell zu spüren, welche Geschichte die Autorin eigentlich erzählen möchte, die der Familie. Oma Tilde Ahrens, die als einziges Familienmitglied Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Osten überlebt hat, liegt hochbetagt im Sterben. Aus den USA fliegt auf die letzte Minute Enkelin Hanna Ahrens, nicht Hanna Ahrendt, wie sie dort immer wieder erklären muss, ein. Tilda bittet Hanna kurz vor ihrem Tod, die Familie zusammenzuhalten. Und die Handlung nimmt ihren bösen Lauf. Die Familie hat alles zu bieten, was die Leserschaft sich wünscht: den schwulen aidskranken Gentlemen-Onkel, dessen Neffe sich in ihn verliebt; der iranische Zahnarzt, der Bauer, die magersüchtige Schwester, die Hippie-Mutter und natürlich der machtgierige Schwager von Altdorff, der mit adligem Pomp und nationalistischem Gepränge ins Bundeskanzleramt einzieht.Als Katalysator der Handlung und Ort der tieferen Reflexion dient eine langjährige und intime Briefkorrespondenz zwischen Tilde und Felix.In der wahren Welt der Politik wird Felix mit den harten Realitäten konfrontiert. Derweil formiert sich an der Basis seiner Partei der militante Widerstand. Vokabeln wie „BürgerWehr“ und „Ermächtigungsgesetz“ fallen. Die Bundesrepublik scheint auf dem Weg in ein System, dass Fortschrittlichkeit, Individualität und Toleranz konsequent bekämpft.Ein spannendes und lesenswertes Buch mit kleinen Abstrichen. Für das nächste wünsche ich mir weniger Klischée und einen Lektor, der die Personnage so zusammenstreicht, dass jeder Figur ausreichend Raum und schriftstellerische Sorgfalt bleibt.

coni90 am 24.08.2021 22:08 Uhr

Durchschnittliche Bewertung von 4 von 5 Sternen

Dystopischer, politischer Familienroman

Nachdem Tilde Ahrens schwer stürzt, liegt sie im Sterben auf Intensivstation. Kurz vor ihrem Tod bittet sie ihre Enkeltochter Hanna, die Familie auch nach ihrem Ableben zusammenzuhalten und vor allem auf Hannas jüngere Schwester Trixie Acht zu geben. Gar nicht so einfach, denn diese ist mit dem Kanzlerkandidaten der „Bürgerpartei“ verheiratet. Und Felix von Altdorffs politische Sichtweisen kann Hanna so überhaupt nicht teilen. Als dieser zum neuen Bundeskanzler gewählt wird, steht Hanna in der Pflicht und übernimmt entgegen ihrer eigenen Werte und Überzeugungen Parteiarbeit. Eine explosive Mischung, zumal die faschistische Strömung in der „Bürgerpartei“ immer weiter Oberhand gewinnt…„Heimatsterben“ ist das Romandebüt von Sarah Höflich. Es handelt sich um einen Familienroman, der gleichzeitig eine durchaus denkbare politische Dystopie in Deutschland erzählt. Die Geschichte wird sehr lebensnah dargestellt, was sie umso realistischer und damit erschreckender wirken lässt. Sie beginnt im Jahr 2023 kurz vor der Wahl des Bundeskanzlers, nachdem die Corona-Pandemie zur Wirtschaftskrise geführt und fortsetzende Flüchtlingsströmungen das Land entzweit haben. Als Haupthandlungsstrang begleitet der Leser vorwiegend Hanna Ahrens, die versucht, nicht nur in ihrer zerrütteten Familie, sondern auch in der Welt eine Heimat zu finden. Nach der Wahl von Felix von Altdorff zum Bundeskanzler nehmen die Regularien und Gesetze in Deutschland zunehmend konservative, nationalistische und durch den Einfluss der hinter ihm stehenden Strippenzieher auch faschistische Formen an. Die verschiedenen Charaktere sind dabei in „Graustufen“ so gut ausgearbeitet, dass man die jeweiligen Handlungen und Motive nahezu „nachvollziehen“ kann. Sehr hilfreich habe ich den im Einband aufgeführten Stammbaum der Großfamilie empfunden – so hatte man bei den vielen Figuren schnell einen Überblick.Der Roman ist in 3 Abschnitte unterteilt, die jeweils in kurze Kapitel untergliedert sind. Die Geschichte wird aus wechselnder Perspektive der Romanfiguren geschildert und bleibt hierdurch stets abwechslungsreich und spannend. Durch geschickte Cliffhanger innerhalb der Kapitel und interessante Nebengeschichten, die zur Haupthandlung zusammenfließen, wird schnell eine fesselnde Spannung generiert. Allerdings liegt der Fokus überwiegend bei der persönlichen, familiären Geschichte von Hanna Ahrens. Hierdurch hatte ich mehrfach das Gefühl, eher einen Frauenroman und weniger einen zeitgenössischen, politischen Roman zu lesen. Der politische Anteil hätte für meinen Geschmack gerne noch deutlich ausgeweitet werden können. Die Grundidee des Romans hat mich jedoch sehr überzeugt und in Atem gehalten. Der Sprachstil ist flüssig, bildreich und eloquent. Auch wenn der Fokus für mich noch weniger auf dem Anteil des Familienromans hätte liegen und der Anteil des Politthrillers noch rasanter hätte sein können, zeigt die Autorin Schritt für Schritt wie zerbrechlich unsere Demokratie ist. Eine Demokratie, die für uns so selbstverständlich ist, dass wir vergessen könnten, auf sie Acht zu geben. Der Roman ist damit nicht nur hochaktueller Politthriller, sondern vor allem auch eines: Denkanstoß und Mahnmal, damit sich die düstere Vergangenheit vom Deutschland des 20. Jahrhunderts nicht noch einmal wiederholt.

jutsi am 24.08.2021 14:08 Uhr

Durchschnittliche Bewertung von 4 von 5 Sternen

Familienroman oder dystopischer Politthriller?

Heimatsterben von Sarah Höflich ist beides – Familienroman und politischer Thriller. Als Tilde Ahrens hochbetagt stirbt, hinterlässt sie eine große Familie, in der der Zusammenhalt längst nicht mehr vorhanden ist. Während Hanna eher links orientiert in der New Yorker Künstlerszene lebt, hat ihre Schwester Trixie in den konservativen Adel eingeheiratet. Ihr Mann Felix hat die BürgerUnion gegründet, eine rechtsorientierte Partei im Aufschwung. Er überredet Hanna nach Trixies Tod ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen. Was folgt ist eine erschreckend realistische Dystopie. Sarah Höflich beschreibt eindrücklich, wie verschiedene Persönlichkeitstypen vom Rechtsruck mitgerissen werden und sich der politische Diskurs zunehmend verschärft. Angesichts der aktuellen politischen Situation liefen mir beim Lesen regelmäßig Schauer über den Rücken, denn der Roman zeigt deutlich, wie einfach eine Demokratie ins Wanken geraten kann. Abgesehen davon bin ich leider beim Lesen den Protagonist:innen nicht wirklich Nahe gekommen. Durch den eher sachlichen Stil und die große Anzahl an verschiedenen Familienmitgliedern blieb ich beim Lesen eher auf Distanz. Das liegt auch daran, dass mir gerade Hannas impulsiver Entschluss Felix zu unterstützen, sehr „out of character“ vorkam. Nichts destotrotz kann ich den Roman, gerade im Hinblick auf die anstehenden Wahlen, nur empfehlen, denn er zeigt deutlich, wie wichtig es ist, gerade jetzt politisch Stellung zu beziehen.

heidi59 am 23.08.2021 22:08 Uhr

Durchschnittliche Bewertung von 5 von 5 Sternen

Was wir sind

Tilde Ahrens hat schon so einiges erlebt in ihrem Leben. Der zweite Weltkrieg , die Flucht aus Schlesien, sowie den grausamen Verlust ihrer Familie, auf der Suche nach einer neuen Heimat. Doch Tilde hat sich nie unterkriegen lassen, hat gekämpft für ihren kleinen Sohn und dem Schicksal die Stirn geboten . Selbst die Pandemie, von der sich das Land langsam zu erholen scheint, hat sie im Gegensatz zu vielen, vielen anderen Menschen in ihrem hohen Alter, gut überstanden. Nun aber liegt die mehrfache Mutter, Oma und Uroma nach einem schlimmen Sturz im Sterben und bittet kurz vor ihrem Tod ihre Lieblingsenkelin Hanna, die Familie zusammenzuhalten. Tilde weiß das es keine leichte Aufgabe sein wird in dieser politisch unruhigen Zeit. Hannas jüngere Schwester Trixie ist mit dem Kanzlerkandidat der nationalistischen Partei „Bürgerunion“ verheiratet. Der charismatische Graf Felix von Altdorff kommt aus gutem Hause , ist ganz vernarrt in seine zierliche Frau und die vier Kinder . Tilde mag den konservativen Felix wie einen Sohn und hat ihn darin bestärkt sich zur Wahl aufstellen zu lassen. Felix ist ein begnadeter Redner und „Menschenfischer“. Er bringt die Bürgerunion dahin , wo sie schon lange sein will , in die Köpfe der Wähler und ganz weit nach oben auf den Stimmzetteln .Überraschend für alle , gewinnt die Bürgerunion die Wahl und Felix ist der neue Bundeskanzler . Er überredet Hanna in Deutschland zu bleiben , als seine politische Beraterin für ihn zu arbeiten . Sie lässt sich überreden und arbeitet teilweise gegen ihre eigenen Prinzipien für und mit den Nationalisten . Eine Zeitlang läuft politisch alles korrekt, ganz normal wie in jedem anderen Kabinett . Doch schon bald macht sich die Unzufriedenheit innerhalb der Partei immer öfter bemerkbar . Felix ist vielen Mitgliedern in der Gesetzgebung zu liberal und zu wenig national . Einige radikale Kräfte der Partei und im Kabinett , die stark Rechts orientiert sind , sammeln immer mehr Anhänger um sich und machen Stimmung gegen den nicht endenden Strom von Migranten und gegen die EU, mit ihren immerwährenden Forderungen nach weiteren Hilfsfonds , für einige ewig finanziell schwachen Länder. Schnell kippt die Stimmung in der Partei sowie in der Bevölkerung .Von der Euphorie nach der Wahl ist nicht mehr viel übrig . Die Fremdenfeindlich wird mit jedem neuen Migranten größer und droht die Republick und die Bürgerunion zu vergiften. Die immer größer wachsende Anzahl rechtsradikaler Kräfte der Bürgerunion treibt das Land an den Rand der Katastrophe. Und mitten im politisch nationalistischen Geschehen , Tildes Nachkommen . .... Deren Vorfahren vor langer Zeit als Vertriebene und Kriegsflüchtlinge nach Deutschland gekommen waren.Sarah Höflich ist eine tolle Erzählerin . Sie hat mich mit ihrem Roman-Debüt „Heimatsterben“ sofort eingefangen , gefesselt und bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen. Ich bin absolut begeistert von ihrem bildreichen Schreibstil. Die Geschichte wirkt so realitätsnah , dass man glauben könnte die Autorin hat eine Kristallkugel genommen und in die Zukunft geschaut , bevor sie angefangen hat die ersten Kapitel zu schreiben. Die Pandemie , das politische Geschehen , die anstehenden Wahlen. Erschreckend ! ....Man könnte fast glauben diese Geschichte erzählt vom Hier und Jetzt .Zum Glück für uns alle handelt es sich nur eine fiktive Geschichte . Wir sollten uns aber ganz schnell daran erinnern und uns dessen bewusst sein, dass wir es selbst in der Hand haben, wie sich unsere Geschichte und die unseres Landes in einigen Jahren liest . Lassen wir es zu ,dass aus einer weltweiten Krise heraus, wie die Autorin es in der Geschichte von „Heimatsterben“ erzählt, das „vierte Reich“ entsteht oder bleiben wir die Menschen, für die Menschlichkeit und Solidarität keine Fremdwörter sind ?Sind wir eine starke Gemeinschaft ,die zusammen so viel mehr bewegen kann, als nach Rechts zu rücken ?Ich hoffe es sehr , dass Sarah Höflich mit ihrer eindrucksvollen Erzählung den Lesern einen Denkanstoß gibt und nachdenklich macht . Die Familienmitglieder aus „Heimatsterben“ mit ihren berührenden, persönlichen Schicksalen , sowie viele der fiktiven Parteimitglieder sind in der Gestaltung ganz besonders genial gelungenen und sehr authentische Protagonisten geworden die mehr als glaubhaft dargestellt werden . Der Eine oder andere kam mir schon sehr bekannt vor, ich hatte beim Lesen so einige Bilder vor Augen . „Heimatsterben“ ist für mich eine gelungene Mischung aus berührender Familiengeschichte und politischen Geschehen, dessen Auswirkungen zwar fiktiv sind aber in der Realität schon fast erschreckend aktuell . Die Autorin hat mich mit ihrem Roman bestens unterhalten und nachdenklich gemacht . Für mich ein toller Roman mit viel Tiefgang der unbedingt gelesen werden muss. Sehr gerne vergebe ich dafür 5 Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung @heidi_59

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