Tilde Ahrens hat den Zweiten Weltkrieg knapp überlebt. Ein Dreivierteljahrhundert später liegt die mehrfache Mutter, Oma und Uroma im Sterben und bittet kurz vor ihrem Tod ihre Lieblingsenkelin Hanna, die Familie zusammenzuhalten.
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Heimatsterben
Tilde Ahrens, mehrfache Mutter, Oma und Uroma, liegt im Sterben und bittet kurz vor ihrem Tod Lieblingsenkelin Hanna, die Familie zusammenzuhalten. Keine einfache Aufgabe für die freigeistige Journalistin, die eigentlich seit Jahren in den USA lebt, denn in dem weitverzweigten Ahrens-Clan prallen die unterschiedlichsten Weltanschauungen aufeinander. Hanna taucht ein in die Geschichte ihrer Familie und stellt sich der Auseinandersetzung mit ihrer erzkonservativen Schwester, deren Mann Felix Kopf einer nationalistischen Partei ist. Es kommt zu einer vorsichtigen Annäherung. Doch dann gewinnt der charismatische Felix überraschend die Wahl, zieht ins Kanzleramt ein und ausgerechnet Hanna soll ihn bei seiner politischen Arbeit unterstützen. …
Bibliografische Daten
1. Auflage
Sarah Höflich
Sarah Höflich, 1979 in Schleswig geboren, war schon als Kind fasziniert von Geschichten und Geschichte. Sie studierte Anglistik und ging als Fulbright-Stipendiatin in die USA, wo sie ihr Creative-Writing-Studium mit dem Master of Fine Arts abschloss. Viele Jahre arbeitete sie als Drehbuchautorin und Produzentin für die UFA, für die sie mehrere Fernsehserien realisiert hat. Letztes Jahr machte sie sich selbstständig. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in München.
4 - 10 von 89 Leserstimme
Politische Fiktion meets Familiensaga – ein explosiver Mix
Mit „Heimatsterben“ legt Sarah Höflich ein besonders aktuelles Buch vor, denn es geht in dem Roman um nichts Geringeres als einen politischen Umsturz in Deutschland und eine Machtergreifung von rechts. Erschreckend nah an der gegenwärtigen Realität erzählt „Heimatsterben“ die Geschichte einer Familie, die eng mit dem Schicksal Deutschlands verbunden ist, und ist dabei zwar nie effektheischend, aber immer aufwühlend.Die Protagonistin Hanna kehrt nach einem langen Aufenthalt in den USA in ihre Heimat Deutschland zurück und muss feststellen, dass ihr Schwager Felix (seines Zeichens alter Adel und Kanzlerkandidat der neu gegründeten BürgerUnion) kurz davor steht, der mächtigste Mann des Landes zu werden. Die konservativen Werte, die er nach außen trägt, entsprechen zwar nicht Hannas Vorstellungen, aber nichtsdestotrotz lässt sie sich in seinen Wahl- und Machtkampf hineinziehen. Bald muss sie feststellen, dass die wahre Gefahr die Strippenzieher hinter Felix sind und die bürgerliche Fassade schnell zu bröckeln beginnt.„Heimatsterben“ verbindet die Geschichte von Hannas Familie gekonnt mit den politischen Entwicklungen in einem Deutschland, das unserem heutigen so stark ähnelt, dass man es mit der Angst zu tun bekommen kann. Schonungslos und in journalistischem Stil deckt Sarah Höflich auf, wie zerbrechlich unsere Demokratie ist. Zugleich erzählt sie immer von den Menschen hinter den politischen Überzeugungen: von Hannas Großmutter, die erzkonservativ, aber immer Demokratin war, vom verstoßenen schwulen Onkel Carl-Friedrich, von ihrer Schwester Trixie, die sich so sehr einen Traumprinzen und eine heile Welt wünscht und dabei sich selbst und ihre eigenen Überzeugungen zu vergessen droht … „Heimatsterben“ ist ein spannendes, hoch politisches, brandaktuelles Buch, das auf jeder Seite neuen Stoff zum Nachdenken liefert. Es präsentiert seine Figuren nicht in Schwarz und Weiß, sondern in Grautönen, verliert dabei aber nie eine klare Botschaft aus den Augen, die lautet: Wehret den Anfängen! Ein Roman, den man unbedingt gelesen haben sollte.
Appell zur politischen Mitbeteiligung
Danke an Vorablesen und den dtv Verlag, die mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Meine Meinung ist davon unabhängig.Mit „Heimatsterben“ gelingt Sarah Höflich ein überaus gelungenes Debüt! Ich habe das Buch auch direkt mal an meine Eltern weitergegeben. Und ich bin gespannt auf weitere Bücher der Autorin, weil ich in ihr großes Potential sehe, und mir sicher bin, dass das nächste Buch von ihr auch von mir die vollen 5 Sterne bekommen kann. Denn ich bin der Meinung, dass Heimatsterben sein Potential nicht zu 110% ausgeschöpft hat, und es noch etwas Luft nach oben gibt.Worum geht es?Die mindestens 90 Jahre alte Tilde Ahrens liegt im Sterben, und ihre Enkeltochter Hanna reist aus den USA nach Deutschland, um sich von ihrer geliebten Oma zu verabschieden. Tilde bittet Hanna, die Familie nach ihrem Tod zusammenzuhalten. Aber das ist nicht so einfach für die liberale Journalistin, da z.B. ihr Schwager Felix den Vorsitz einer konservativ-nationalistischen Partei inne trägt, und überraschenderweise die Kanzlerwahl gewinnt. Die politische Situation in Deutschland radikalisiert sich immer mehr. Aber Hanna beschließt zu bleiben, und will versuchen, als Gegengewicht für Felix‘ und seine Partei zu dienen, damit diese nicht noch weiter nach rechts abdriften…Den Titel, aber besonders das Cover finde ich extrem schlau gewählt. Zu sehen ist ein Apfel, der verfault ist. Das „st“ von -sterben im Titel ist leicht verblasst, sodass man sowohl Heimatsterben, als auch Heimterben lesen könnte. Ein wirklich passendes Wortspiel! Denn es geht einerseits um die Erben von Tilde, ihre Nachfahren, ihre Familie. Und es geht auch um den Zerfall, das Sterben eines Landes. Der Apfel ist ein typisch deutsches Obst und somit ein passendes Symbol. Und ein verfaulter Apfel kommt auch im Buch selbst vor, in einer Szene zwischen Hanna und Felix. Dort erklärt Felix die Notwendigkeit von Fäulnis, die dazu dient, einen abgestorbenen Organismus anderweitig nutzbar zu machen (vgl. S.341 in der Print-Ausgabe). Eine Metapher, die auf den Inhalt passt. Für Felix‘ Partei, die BürgerUnion, ist die deutsche Regierung ein Organismus, der optimiert werden muss. Ihre rechtsradikalen Werte sind im übertragenen Sinne die Fäulnis, die die Regierung zerstören werden, um sie dann anderweitig zu nutzen bzw. neu nach ihren Worten zu formen. Also Hut ab an die Personen, die sich hier so viele Gedanken bei Titel und Covergestaltung gemacht haben!Hanna und Felix sind für mich die Protagonisten dieses Buches. Auch Hannas Schwester und Felix‘ Frau Trixie, ihr Cousin Joost und ihr Onkel Carl-Friedrich sind wichtige Charaktere, die mir in Erinnerung geblieben sind. Es gibt einfach sehr viele wichtige Charaktere, und für meinen Geschmack etwas zu viele. Im Buch befindet sich ein Stammbaum der Familie Ahrens. Viele Verwandtschaftsbeziehungen werden auch im Buch erklärt. Aber die Verbindung und auch Einbindung der Kruses in die Geschichte kommt mir zu kurz. Deren Kapitel habe ich oft nur überflogen, weil es mir einfach zu viel war und ich den familiären Zusammenhang nicht ganz verstanden habe. Ein paar weniger Charaktere hätten mir hier auch gereicht. Trotzdem waren alle Charaktere gut ausgearbeitet.Der Schreibstil hat mir gut gefallen. Das Buch ist durch ihre präzise Wortwahl sehr dynamisch und flüssig zu lesen.Die Handlung ist wirklich spannend, und es ist ein erschreckendes Bild der Zukunft, was gar nicht mehr so unmöglich scheint, angesichts des erneuten Anstiegs rechter und nationalistischer Tendenzen in der Gesellschaft. Das Buch zeigt nochmal mehr, dass wir alle eine Mitverantwortung haben, so etwas zu verhindern, und uns politisch zu beteiligen. Allerdings habe ich mir bei dem Genre „Politthriller“ noch eine etwas krassere Entwicklung gehofft, und auch mehr Fokus auf die Politik, statt auf die Dramen in der Familie. Ich hatte mir z.B. intensivere Einblicke in das Kanzleramt und den politischen Entscheidungsprozess gewünscht, und einfach noch zwei, drei mehr drastische Entscheidungen der nationalistischen Regierung – weil so würde ich das Buch definitiv nicht als Thriller bezeichnen.Abgesehen von diesen kleinen Kritikpunkten (für mich etwas zu viele Charaktere, nicht krass genug für einen Thriller und im Politischen sehr oberflächlich) hat mir das Buch doch wirklich gut gefallen, und es hat mich zum Nachdenken angeregt.Ich vergebe 4 Sterne, eine klare Leseempfehlung und die Bitte, in einem Monat wählen zu gehen und sich gegen rechts zu positionieren. Sonst wird aus der Fiktion von Sarah Höflich bald Wirklichkeit…„Das ist das Schlimmste an Entscheidungen, dachte Hanna […]. Dass man in der Sekunde, in der man eine traf, eben nie wusste, ob sie richtig oder falsch war. Klarheit gab es nur in der Rückschau.“ (S.133)
Ein starkes Debut
Die über 90 jährige Tilde Ahrens fühlt, das sich ihr Leben dem Ende zuneigt. In Rückblicken wird dem Leser ihr Leben skizziert und es wird klar, dass Tilde eine sehr konservative Frau mit hohen Werten ist. Da passt es ins Bild, das sie mit ihrem Sohn nach dessen Coming Out kein Wort mehr redet. Nunmehr nach einem Sturz lebensgefährlich verletzt hat sie nur noch den einen Wunsch, ihre Lieblingsenkelin Hanna noch einmal zu sehen. Hanna reist Hals über Kopf aus den USA an und kommt gerade noch rechtzeitig, ehe Tilde ihren Verletzungen erliegt. Auf dem Sterbebett bitte Tilde Hanna um einen letzten Gefallen. "Pass. Auf. Sie. Auf ". Hanna glaubt, sie solle auf ihre Schwester Trixie aufpassen. Diese ist mit dem aufstrebenden Politiker Felix von Altdorff verheiratet, der sich anschickt, als Spitzenkandidat der BürgerUnion Kanzler der BRD zu werden. Bald jedoch wird klar, das Tilde Hanna nicht nur gebeten hat auf ihre Schwester aufzupassen, sondern auch auf deren Mann Felix. Hanna, die sich mit der nationalistisch ausgerichteten BürgerUnion zwar nicht in Gänze identifizieren kann, lässt sich aber gleichwohl von Felix überreden, ihn bei seinen politischen Aktivitäten zu unterstützen. Ausschlaggebend dabei war die Tatsache, dass ihre Großmutter Felix Ansichten vollumfänglich teilte. Und nun erlebt der Leser, wie die radikalen Kräfte der Partei, die auch innerhalb Hannas eigener Familie angesiedelt sind, immer mehr Überhand gewinnen und es wird klar, das Felix offensichtlich nur das gemäßigte Aushängeschild dieser Partei ist. Gleichzeitig stellen sich andere Familienmitglieder eindeutig gegen Hanna und Felix. Lässt sich Hannas Entscheidung, Felix zu unterstützen auf Dauer mit ihrem ehrlichen und aufrechten Charakter und ihren eigenen politischen Ansichten vereinbaren? Und schafft es Felix, die radikalen Kräfte in seiner Partei im Zaum zu halten?Erwartet hatte ich einen weiteren Familienroman, wie es ihn gerade im Moment in unzähligen Varianten auf dem Buchmarkt gibt, bekommen habe ich ein hochaktuelles politisches Buch, welches noch lange Stoff zum Nachdenken bietet.Der Debutroman von Sarah Höflich ist derart flüssig und packend geschrieben, dass man kaum glauben mag, dass es sich um ein Erstlingswerk handelt.Einmal angefangen, konnte ich den Roman nicht mehr aus der Hand legen.Alle handelnden Personen sind mit ihrem Charakter und ihren Eigenarten so gut beschrieben, dass man sich als Leser unschwer mit diesen Personen identifizieren kann.Da gerade im ersten Teil des Buches sehr viele Einzelheiten zu den verwandtschaftlichen Beziehungen erzählt werden, leistet der vorn abgedruckte Familienstammbaum gute Dienste, denn er erleichtert es dem Leser, den Überblick zu behalten.Wie die Autorin es im Verlaufe des Buches schafft, innerhalb einer weit verzweigten Familie alle menschlichen Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen zu schildern, deren es zum einen bedarf, um eine Demokratie an den Rand des Abgrundes zu bringen, und deren es zum anderen bedarf, dieser Strömung etwas entgegenzusetzen, sucht seinesgleichen.Die Vorstellung, diese Fiktion könnte wahr werden, verursacht mir mehr als Beklemmungen.Ich wünsche dem Buch aus aktuellem Anlass daher viele interessierte Leser. Mich hat es einerseits gut unterhalten, andererseits hat mir das Buch sehr viele Denkanstöße geliefert und es wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben.
Ein sehr gelungenes Debüt
Sarah Höflich hat mit ihrem Roman Heimatsterben ein äußerst gelungenes Debüt hingelegt. Die Handlung spielt in der näheren Zukunft, in einem zutiefst gespaltenen Deutschland. Ausgehend von einer weit verzweigten Familiengeschichte, in der man sich erstaunlich gut zurechtfindet und die immer wieder historische Entwicklungen zeigt und verdeutlicht, wie die Personen heute zu denen geworden sind, die sie heute sind. Die Parallelen zum Aufstieg der NSDAP und den damit verbundenen Wirren in der untergehenden Weimarer Republik werden eindrucksvoll dargestellt. Anders als historisch belegt, sind hier jedoch nicht die gemäßigten politischen Kräfte dem Trugschluss erlegen, die radikalen Elemente der neue starken Partei im Zaum halten zu können, sondern der Vorsitzende und nun neue Kanzler selbst, der versuchte, die immer stärker und radikaler auftretenden Hardliner der Partei in den Griff zu bekommen. Mit diesem Ziel verbunden, kandidierte auch Hanna für den Bundestag, sah aber nach kurzer Zeit ein, dass sie nichts ausrichten konnte und musste zusehen, wie der charismatische Felix immer tiefer in den politischen Sumpf hineingezogen wurde und davon nicht mehr los kam. Am Ende gipfelt der Roman in der Katastrophe und das Ende bleibt offen.Das an manchen Stellen Dinge auch kritisiert werden könnten, ist klar, der Lesegenuss wird jedoch dadurch keinesfalls geschmälert.Wie kommt es dazu, dass die politische Einstellung Hannahs sich innerhalb weniger Seiten um 180 Grad dreht, sodass sie sogar für die neue Partei kandidiert?Wie kommt eine politisch total unerfahrene junge Frau plötzlich in den engeren Regierungszirkel? Das schlichte Cover, das einen faulen Apfel abbildet, ist zuerst etwas seltsam und wenig eindrucksvoll, im Laufe der Geschichte wird aber deutlich, welche Großartiger Bezug zum Inhalt damit geschaffen wird.Sprachlich eine absolut fesselnde Geschichte, die man gar nicht aus der Hand legen möchte, da zum einen eindrucksvolle Bilder, zum anderen aber auch sprachlich schöne und anspruchsvolle Konstruktionen geboten werden.Alles in allem eine absolute Leseempfehlung!
Wenn es wieder von vorn beginnt…
Klappentext:„Tilde Ahrens hat den Zweiten Weltkrieg knapp überlebt. Ein Dreivierteljahrhundert später liegt die mehrfache Mutter, Oma und Uroma im Sterben und bittet kurz vor ihrem Tod ihre Lieblingsenkelin Hanna, die Familie zusammenzuhalten. Keine einfache Aufgabe, denn Hannas Schwester Trixie ist mit Felix Graf von Altdorff verheiratet: Kanzlerkandidat der nationalistischen Partei BürgerUnion, die überraschend die Wahl gewinnt. Hanna lässt sich von ihm überreden, ihn bei seiner politischen Arbeit zu unterstützen, und gerät alsbald in einen immer größer werdenden Loyalitätskonflikt, der die gesamte Familie Ahrens zu spalten droht. Denn die radikalen Kräfte in Felix‘ Partei und Kabinett treiben Deutschland an den Rand einer Katastrophe.“„Heimatsterben“. Mal wieder ein Buch mit diesem aktuellen Thema, mal wieder geht es um eine Familiengeschichte und um Sorgen und Probleme, und dann kommt dann noch das obligatorische Versprechen am Totenbett einhalten zu müssen….Sie merken schon….man ist doch als Vielleser irgendwann voreingenommen und geht an solche Buchthemen etwas schleppender heran.Nun folgt das große ABER und warum Sie dieses Buch unbedingt lesen sollten, denn es hat mich komplett begeistert und erhält dafür 5 von 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung: Die Geschichte um Familie Ahrens und heimliches Zugpferd Tilde hat eine so enorme Strahlkraft und ist eine starke Reflexion der aktuellen politischen und menschlichen Lage unseres Landes. Was macht man denn mit einem Menschen den man liebt, der sich aber zur falschen Partei hingezogen fühlt und somit die Familie komplett spaltet?! Darf man rebellieren? Darf man das Wort „Angst“ laut aussprechen und sich fürchten?! Ja, man darf, jedenfalls sieht es Tilde so, obwohl dieser „Aufschrei“ ihr letzter sein sollte. Ein Aufschrei, den sie schonmal erleben musste und die letzten Jahrzehnte hart dafür gekämpft hat, diesen Schrei eigentlich nie wieder ausrufen zu müssen. Fehlanzeige und das auch noch kurz vor dem Ableben. Aber will man jemanden dieses „Erbe“ hinterlassen? Darf so etwas überhaupt Zukunft haben? Rechts. Ein Wort mit einer Einstellung das sitzt und in der Welt der dunkelbraunste Fleck überall ist, welcher nicht geduldet werden soll. Das Felix dabei seine Hanna auch mit „einspannt“ und die Klauen der braunen Krake ihre Tentakel ausstreckt, merken wir Leser, aber eben nicht Hanna. Wenn man als Leser manchmal so könnte wie man wöllte…Autorin Sarah Höflich geht dabei mit ganz feinen Antennen vor und zeigt dem Leser auf eine andere Art, wie Familiengeschichte auch ablaufen kann. Das von mir gedachte übliche Thema ist komplett anders von ihr angefasst worden und genial zu Ende gebracht worden. Mit klaren und präzisen Worten zeigt sie dem Leser eine Momentaufnahme wie sie wohl überall in unserem Land zu finden ist bzw. sein könnte….hinter verschlissenen Türen. Realitätsnah und auf einer gewissen Art unterhaltsam/anziehend und mahnend zugleich, hat Höflich einen feinstimmigen und wortgewaltigen Roman verfasst, der aktueller und treffender nicht sein könnte. Ich hoffe sehr, dass Höflich weiter dieser Form treu bleibt und ihre Weitsicht und ihr feines Gespür so gut in Worte packen wird wie hier - grandiose Geschichte!
Verwobenheit von politischen Strukturen und Familiengeschichte
Wie weit wollen wir gehen, wie weit können wir gehen, ohne unsere Integrität zu verlieren, wie weit müssen wir gehen, was lassen wir geschehen? Fragen dieser Art haben sich mir bei der Lektüre von Sarah Höflichs hochaktuellem und politischem Debütroman „Heimatsterben“ gestellt, welcher auf spannende Weise Familiengeschichte und Gesellschaftsstrukturen und Veränderungen miteinander verwebt.Auf rund 380 Seiten tauchen wir ein in die verwobene und vielschichtige Geschichte der großen Familie rund um Tilde Ahrens, innerhalb derer sich zwei grundlegend verschiedene Norm- und Werthaltungen und politische Ansichten gegenüberzustehen scheinen: Auf der einen Seite Progressivität, Pluralität und Weltoffenheit, auf der anderen Seite Konservativismus, Nationalismus sowie Besinnung auf bestehende Traditionen. Dabei kreist die Abhandlung zu größerem Teile um die junge, aber sich rasch großer Beliebtheit erfreuende nationalistische Partei namens „BürgerUnion“, deren Vorsitz Felix Graf von Altdorff bildet, bzw. die Positionen, die sämtliche Figuren des Romans dazu einnehmen. Der feministische Leitspruch „Das Private ist politisch“ gilt auch hier – so wird uns bei der Lektüre dargeboten, wie wechselseitig vermeintlich rein „persönliche“, familiengeschichtlich bedingte Werthaltungen und das eigene politische Agieren miteinander verflochten sind; Mikro- und Makroebene werden hier wunderbar in einen Zusammenhang miteinander gebracht. Durch die zum einen recht zahlreichen und die zum anderen so unterschiedlich konstruierten Figuren des Romans fächert Höflich zudem großartig auf, wie plural die aktiv und passiv Mitwirkenden von nationalistischen oder faschistischen Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen sind und führt uns vor Augen dass das klassische Bild vom springerstiefeltragenden, glatzköpfigen Neonazi der 90er Jahre, welches auch in Büchern und Filmen heute noch bemüht wird, keineswegs ausreicht, um derartige Bewegungen und ihre Schlagkraft zu beschreiben. Die Lektüre ging flüssig von der Hand, der Schreibstil ist leicht und angenehm zu lesen, nach meinem ganz persönlichen Empfinden aber wenig unikat. Ungeachtet dessen würde ich diesen Roman mit dem so hochaktuellen Thema jederzeit weiterempfehlen.
Gutes Thema, platte Umsetzung
Die Geschichte spielt sich im Zeitraum vom Zweiten Weltkrieg bis zum Jahr 2023 ab. Dabei ist die Familie um die es sich handelt genauso in ihrer Haltung zerrissen wie das ganze Land. Während ein Familienteil der rechtsnational gesinnten Bevölkerung angehört ist der andere eher links orientiert. Was mir an dem Buch gut gefallen hat, ist das politische Szenario das von der Autorin aufgezeigt wird. Da dieses jedoch in einer wirklich sehr nahen Zukunft liegt wird sich der Roman bald selbst überholt haben. Er hat zurzeit zwar eine hohe Aktualität, wer möchte ihn aber noch in zwei Jahren lesen, wenn das Jahr 2023 Realität ist. Auch finde ich die Handlungsabläufe etwas zu flach, teilweise geradezu trivial. Vor allem wenn eine der zahlreichen Familienangelegenheiten erörtert wird wirkt die Handlung eher wie die eines typischen Frauenromans.Insgesamt finde ich das Thema sehr gut und äußerst aktuell, allerdings hätte man viel mehr daraus machen können und es wäre gut gewesen die Handlung etwas weiter in die Zukunft zu ziehen und vielleicht noch mehr mit gegenwärtigen Geschehnissen zu verknüpfen.
realistisches Szenario
Großmutter Tilde nimmt ihrer Lieblingsenkelin Hanna am Sterbebett ein schwerwiegendes Versprechen ab. Sie soll die Familie zusammenhalten. Der moralische Druck auf Hanna ist aufgrund dieser Zusage groß und so gibt sie ihr Leben in den USA auf und bringt sich auf ganz neue Art in die Familie ein. Im Deutschland 2023 steht nicht alles zum Besten, die bestehenden Probleme wurden realistisch in dieses nahe Szenario eingearbeitet. Eine rechte Partei hat sich etablieren können und strebt mit Felix, Hannas Schwager, als Kanzlerkandidat nach der Macht im Land. Die Geschichte dieser verzweigten Familie wird hier vermischt mit einem politischen Geschehen, das sehr spannend ist. Die Bilder, die diese Familie vermittelt, erinnern an eine andere dunkle Zeit. Die adlige Familie mit den adretten Kindern und der beflissenen Frau an der Seite des erfolgreichen Mannes … das vierte Reich ist nahe.Hanna lässt sich auf den Schwager ein, übernimmt unterstützende Aufgaben und gerät unversehens in innere Konflikte. Wirtschaftliche Krisen haben eine politische Umwälzung in Gang gesetzt, die erschreckend wirkt. Dieses Buch kann als Warnung verstanden werden. Eine Lektüre, die aktuell in einem Wahljahr und nach diversen Katastrophen bizarr und realistisch zugleich wirkt. Super geschrieben. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung.
Familiengeschichten-Politthriller
Sarah Höflich betrachtet die politsche Situation im Deutschland 2023 anhand des Schicksals einer Familie. Felix von Altdorff ist Kanzlerkandidat der rechtskonservativen Partei BürgerUnion. Er bittet seine Schwägerin Hanna Ahrens, die sich eher politisch links verortet, um Hilfe beim Wahlkampf. Hanna, die nach dem Tod ihrer Großmutter gerade nicht so recht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, stimmt zu, bekommt aber immer stärkere Gewissensbisse je klarer wird, dass der extremistische Teil von Felix Partei immer mehr Einfluss gewinnt.Die Autorin spannt einen weiten Bogen von den Kriegserlebnissen der Großmutter bis zu der politisch sehr aufgeladenen Stimmung in naher Zukunft. Dabei liegt der Fokus auf der Familiengeschichte und den Personen und ihrem Schicksal. Die politischen Geschehnisse der Gegenwart (Kanzlerschaft Merkel, Corona-Krise, militärische Konflikte) werden ignoriert oder in Nebensätzen abgehandelt. Das ist verständlich, denn ein Buch, dass über einen langen Zeitraum geschrieben wird, wird gezwungenermaßen von der Realität überholt, sorgt jedoch für einen merkwürdig luftleeren Raum, in dem die Gegenwart des Buches spielt. Hintergründe bestimmter Ereignisse werden völlig ausgeblendet, ebenso Reaktionen anderer Staaten auf deutsche Politik. Gesetze werden, völlig untypisch für Deutschland (außerhalb von Notstandgesetzen, die hier aber nicht erwähnt werden) in wenigen Tagen beschlossen und umgesetzt. Besonders das Ende hat mich hier nicht zufrieden gestellt. Es gibt krasse Einschnitte und sehr unklare Entwicklungen, aber da nur auf die Familiengeschichte fokussiert wird, werden die Probleme nur im Kleinen aufgelöst und große Zusammenhänge werden nicht behandelt. Das fand ich etwas schade, so verliert die Geschichte nach dem guten Spannungsaufbau zum Ende hin an Kraft.Alle sind irgendwie miteinander befreundet und verwandt und haben Berufe, die rechtfertigen, dass man immer wieder zufällig zusammentrifft. In der Familie und deren Bekanntenkreis gibt es einen offen homosexuellen Anwalt, einen homosexuellen Werber, der mit einem von der Fremdenfeindlichkeit betroffenen Iraner zusammen ist und eher zufällig in linksextreme Kreise gerät, einen Arzt, der zufällig immer zur Stelle ist, ambitionierte rechts-militaristisch eingestellte Konservative, Verlierertypen, die in der soldatischen Ausbidung endlich wieder Selbstvertrauen entwickeln...Das ist schon ein bissschen konstruiert. Spannend und lesenswert fand ich es dennoch. Eine Art Familiengeschichten-Politthriller. 3,5 Punkte von mir und eine Leseempfehlung als Unterhaltungsroman mit etwas Potential zum Nachdenken.
Beklemmende Zukunftsvision
Die 1979 geborene und in Köln lebende Sara Höflich wurde bekannt als Drehbuchautorin und Produzentin für die UFA. Mit Heimatsterben legt sie ihren ersten Roman vor.Heimatsterben ist eine spannende Geschichte, die in nicht allzu ferner Zukunft spielt und welche auf durchaus beängstigende Weise beschreibt in welche Richtung sich Deutschland entwickeln könnte, aber natürlich nicht zwingend muss. Aber dennoch: Könnte sich die Geschichte wiederholen?Es geht in der Erzählung um die junge In Amerika lebende Journalistin Hanna die ihrer 1926 geborenen Großmutter Tilda auf deren Totenbett verspricht, den Zusammenhalt Familie zu bewahren..Dabei muss Hanna erfahren dass das sich das als schier unmögliche Aufgabe herausstellt, denn zu unterschiedlich sind die politischen Anschauungen, Lebenskonzepte und Interessen der einzelnen Familienmitglieder. Um aber trotzdem ihr Versprechen einzulösen handelt Hanna schließlich sogar entgegen ihrer eigenen Überzeugung und gerät so in den Sog politischer Machenschaften.Ohne vorab zu viel zu verraten darf man aber sagen, dass sich das Buch schließlich zu einem spannenden Politthriller entwickelt.Was das Buch zu einem wichtigen Kommentar zur gegenwärtigen Situation, nicht nur der in Deutschland, macht ist die Beschreibung, wie die verschiedenen Ansichten über Politik und Weltanschauung die Gesellschaft spalten - und nicht nur das, sondern wie dadurch auch Familienbande auseinander gerissen werden können. An der Geschichte Hannas sieht man außerdem, wie dieser Riss durch einzelne Personen gehen kann und sie potentiell innerlich spalten.Sara Höflich schafft mit ihrer Sprache, eine spannende Geschichte zu erzählen die den Leser bis zur letzten Seite in Atem hält. Die Charaktere sind gut durchgezeichnet, die Geschichte klar erzählt. Der im Buchdeckel dargestellte Familienstammbaum muss allerdings immer wieder mal zu Rate gezogen werden um die einzelnen Personen im Buch auseinander zu halten.Fazit: das Buch ist absolut empfehlenswert, denn es erinnert uns daran, wie fragil unsere Gesellschaft ist, wie unterschiedlich die Auffassung unserer Werte sein kann, wie leicht jeder einzelne in das falsche Fahrwasser geraten kann.
Pressestimmen
Großartiger Familienroman
19.03.2022
Ein großartiger Familienroman
12.03.2022
Dadurch, dass die Autorin den Konflikt im Wesentlichen in einer Familie verortet und mit gut gezeich...neten Charakteren verbindet, entsteht ein plastisches Bild davon, was Radikalisierung bedeutet. mehr weniger
Stephanie Wolff-Rohé, 17.01.2022
›Heimatsterben‹ ist der erste Roman der Drehbuchautorin Sarah Höflich, die ein durchaus gelungenes, ...lesenswertes Debüt vorlegt. mehr weniger
Petra Breunig, 28.09.2021
Ein großartiger Familienroman, der sich zusehends zum Politthriller entwickelt.
25.09.2021