Sperling wächst in einem Bordell im spanischen Carthago Nova im 4. Jahrhundert n. Chr. auf. Anfangs hilft er in der Küche, später wird er aber ins Obergeschoss geführt, wo die Prostituierten arbeiten. Ein furchtbares Schicksal erwartet ihn dort.
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Ich, Sperling
Ein alter Mann blickt zurück auf seine oft unmenschliche Kindheit: Als namenloser Waise wächst er in einem Bordell inmitten der sogenannten „Wölfinnen“ im spanischen Carthago Nova im 4. Jahrhundert n. Chr. auf. Eine von ihnen, Euterpe, wird seine Ziehmutter: „Sperling“ nennt sie ihn liebevoll. Sperling weiß nicht viel von der Welt: Anfangs hilft er Euterpes geheimer Geliebten in der Küche, später schuftet er in der Taverne, bis er schließlich in das ominöse Obergeschoss geführt wird, wo die Prostituierten ihre Betten haben. Ein furchtbares Schicksal erwartet ihn dort. Doch wie ein kleiner Sperling entfliegt er in seiner Vorstellung der brutalen Realität immer wieder und vermag es, mit seinem Lied auch anderen Hoffnung zu geben.
Bibliografische Daten
1. Auflage
James Hynes
James Hynes ist Absolvent des Iowa Writers' Workshop und veröffentlichte bisher drei hochgelobte Romane sowie eine Kurzgeschichtensammlung. Weitere Texte erschienen u. a. in der New York Times und Washington Post. Er lehrte Kreatives Schreiben an diversen Universitäten. Hynes lebt in Austin, Texas.
Ute Leibmann
Ute Leibmann arbeitet seit vielen Jahren als freie Lektorin und Literaturübersetzerin aus dem Englischen, u. a. von Sarah Waters. Sie lebt in Düsseldorf.
4 - 10 von 103 Leserstimme
Man fühlt sich, als wäre man dabei
Inhalt:Ein Bordellbetreiber kauft einen kleinen Jungen. Zwei Sklavinnen, eine Köchin und eine Hure, nehmen sich seiner an und ziehen ihn groß. Da er ein Sklave ist, muss er früh arbeiten: es beginnt mit dem Auskehren der Küche, geht weiter mit Einkäufen und endet mit Prostitution. Perspektive:Das Buch ist aus der Sicht des namenlosen Sklaven geschrieben. Er verfasst den Bericht am Ende seines Lebens und gibt hie und da Kommentare aus dieser Zeit. Größtenteils bleibt er jedoch stringent bei dem, was er als kleiner Junge gewusst, gelernt und gefühlt hat. Diese Erzählperspektive hält der Autor unglaublich gut durch. Die Erfahrungen, die der Junge macht, und sein Blick auf die Welt sind glaubwürdig und nachvollziehbar. Das ist eine wahre Meisterleistung.Die Story:Nach dem Einstieg in das Buch, dachte ich, der Ich-Erzähler würde von seinem ganzen Leben berichten, doch in diesem Buch bleibt es bei seiner Kindheit. Da der Junge es selbst nicht weiß, weiß man auch als Leser nie ganz genau, wie alt er ist. Der Leser begleitet den Jungen beim Erwachsen werden und bei seinen Versuchen die Welt zu verstehen. Dabei macht er sich sehr interessante Gedanken und bestimmte Themen wiederholen sich immer wieder und werden neu aufgerollt.Historischer Roman:Ich bin keine Historikerin, also weiß ich auch nicht, wie viel der Autor hinzugedichtet hat. Da das Buch aber in sich stimmig und alles mögliche sehr detailliert dargestellt wird (von der Religion, über die Situation der Sklaven, bis hin zum Essen und den zahlreichen Berufen), gehe ich davon aus, dass eine grandiose Recherchearbeit, sowie sehr viel Kreativität hinter dieser gut ausgearbeiteten Welt stehen. Charaktere:Es gibt viele gut ausgearbeitete und glaubwürdige Charaktere. Diese bringen dem Leser einerseits die Zeit näher, andererseits stehen sie auch alle in einer Beziehung zum Ich-Erzähler und helfen diesen zu Charakterisieren. Trigger-Warnung:Das Buch ist großartig, aber man sollte wissen, dass man wirklich bekommt, was auf dem Klappentext steht: Es geht um einen Jungen, der ein Sklave ist und gezwungen wird sich zu prostituieren. Und es gibt sehr viele, sehr detaillierte Szenen. Aus anderen Büchern dieses Genres kannte ich es, dass Sex- und Missbrauchsszene nicht direkt beschrieben werden, aber hier bekommt man sehr viele Details. Das macht das Buch glaubwürdig und in sich stimmig. Aber dadurch ist das Buch nicht für jeden geeignet. Insgesamt:Das Buch ist großartig und ich bin zutiefst beeindruckt von den Fähigkeiten des Autors. Solange man mit dem Thema klarkommt, kann ich das Buch zu 100 Prozent weiterempfehlen.
Pusus
„…wie ein Vogel in einen Käfig. Ein Funke, eingebettet in einen Körper, der für andere bestimmt ist.“In Carthago Nova lebt ein namenloser Junge, der Einfachheit halber Pusus genannt. Er lebt in einem der letzten Bordelle der Stadt, wo er als Sklave zum lebenden Inventar gehört und auch so behandelt wird. Er erzählt seine Geschichte aus der Retrospektive, man weiß also als Leser schnell wie es für ihn endet. Trotzdem leidet und fiebert man nicht weniger mit, denn er erzählt so mitreißend wie tragisch aus seiner Kindheit und Jugend. Immer wieder spricht Pusus den Leser direkt an, was das Geschehen noch unmittelbarer macht. Sein Leben ist hart, er muss schwer arbeiten, wird misshandelt und schließlich zur Prostitution gezwungen. Doch erfährt er so etwas wie familiären Zusammenhalt unter den Wölfinnen, die ihm so etwas Nähe schenken. Hynes gibt einen großartigen Einblick in das Leben eines Sklaven in der damaligen Zeit. Auch der ganz normale Alltag, der Aufbau der Stadt wird sehr bildlich beschrieben, man erfährt so wie nebenbei Einiges. Ich mochte den Erzählstil sehr, er wirkt trotz all der Gräuel immer etwas kindlich und naiv, so wie Pusus eben ist. „Ich, Sperling“ ist keine leichte Geschichte, das Geschehen immer wieder grausam, z.T. auch pornografisch; das passt zu Pusus‘ Leben, schließlich wird auch bei ihm keine Rücksicht auf sein Alter genommen, trotzdem könnte es für manchen Leser vielleicht zu heftig sein. Ich mochte Hynes‘ Roman in all ihren Facetten, einzig das Ende kam mir zu abrupt, sodass die eigentlich runde Geschichte eine kleine Delle bekam. Ein mitreißender, informativer, aber auch bedrückender Roman, den ich gerne weiterempfehle.
Fliegen lernen
Mit vielen atmosphärischen Details und einer düster-bewegenden Geschichte taucht der Autor James Hynes in seinem neuen Roman „Ich, Sperling“ tief ein in ein packendes Drama um einen waisen Sklavenjungen im antiken Römischen Reich im 4. Jahrhundert nach Christus.Der namenlose Junge, der sich selbst Jakob nennt und nicht weiß, wo er eigentlich herkommt, wurde vom Schiff aus fälschlicherweise als Sklavin nach Carthago Nova verkauft – dort wächst er unter brutalen Umständen in der Taverne Helicon zwischen den sogenannten Wölfinnen auf, die als Prostituierte im Obergeschoss arbeiten. Alle haben Angst vor dem grausamen Tyrannen und Zuhälter Audo, der quält, vergewaltigt und schikaniert. Zuflucht und subtile Geborgenheit findet Jakob bei Euterpe, die ihm die Welt philosophisch angehaucht erklärt. Durch ihre Schilderungen erfindet sich Jakob das Alter Ego Sperling, denn irgendwann möchte er von diesem grausamen Ort fliehen, indem er seine Flügel ausbreitet und davonfliegt. Diese ruhevolle Fantasie im Kopf lässt ihn viele schlimme Dinge besser durchstehen.Bis dahin erledigt er zwischen Fischköpfen, Kakerlaken und Mäusekot Küchenarbeiten und darf sogar nach draußen, um kleine Besorgungen zu machen – dort beobachtet er die Umwelt, Geschehnisse und die Menschen ganz genau und bringt sie durch seine eindrücklichen Schilderungen aus Kinderaugen auch der Leserschaft sehr nahe. Ab seinem zehnten Lebensjahr wird Jakob selbst zur Prostitution gezwungen, was er nur durch geistige Dissoziation zum Sperling und den Zusammenhalt zwischen der Wolfsfamilie übersteht. Als das Christentum immer mehr Einfluss übernimmt, geraten die Geschehnisse nochmal turbulent durcheinander und im Laufe seines Coming-of-Age und Leidenswegs nimmt Jakob verschiedene (aufgezwungene) Identitäten an.James Hynes hat einen eindringlichen, gewaltvollen und faszinierenden historischen Roman geschaffen, der trotz einigen Längen einen unheimlichen Sog auswirkt und mit den präzisen, gut recherchierten Details aus dieser Epoche überzeugt. Empathisch und sehr derb-direkt taucht er tief ein in die Gefühls- und Erlebniswelt des Jungen, die tief berühren und ein Panoptikum des Römischen Reichs erschaffen. Der klug beobachtende Ich-Erzähler Jakob spricht während der Geschichte des Öfteren als alter Mann mit seinen Leser*innen, reflektiert über unstete Erinnerungen, aber auch darüber, dass das Erzählte eigentlich kein gutes Ende nehmen kann – das erzeugt ein düsteres Hintergrundrauschen sowie Authentizität.Ein fesselnder, kraftvoller und aufrüttelnder Roman mit starken, realitätsnahen Charakteren und Bildern, der über knapp 600 Seiten keine verstörende Grausamkeit und seelische Traumata auf Jakobs Lebensweg ausspart, aber auch hoffnungsvoll und teils humorvoll aufzeigt, wie sich Widrigkeiten durch Zusammenhalt aushalten lassen können – selbst in der Brutalität des damaligen Römischen Reiches.
Informativ, mitreißend, erschütternd
Das neue Buch von James Hynes führt uns ins 4. Jahrhundert n.Chr. in eine Welt, die in einem Bordell im spanischen Carthago Nova, dem heutigen Cartagena spielt, vor allem aber über die Sklaverei in dieser Zeit anschaulich und erschütternd Auskunft gibt. Im Mittelpunkt steht ein Junge, dessen Schicksal im Bordell beschlossen zu sein scheint. Seine Herkunft, sowie auch die Herkunft der anderen sogenannten Wölfinnen, die dort unter ärmsten Bedingungen arbeiten müssen, da sie Sklaven, also gekauft sind, wird mitfühlend und spannend erzählt. Die Figuren auch der umgebenden Bevölkerung oder der herrschenden Schicht (der Römer) sind sehr gut getroffen. Ich habe vieles über das Leben und den Handel mit Sklaven gelernt. Ebenso ist das Alltagsleben, dass ohne heutige Technik, Medikamente usw. auskommen musste, gut recherchiert dargestellt. Ein faszinierender Roman, unbedingt empfehlenswert.
Ein Sperling unter Wölfinnen
4/5⭐️Männlicher Protagonist, angelehnt an das 4. Jahrhundert n. Chr., überzeugend!—Er hat viele Namen, doch am Anfang trägt er keinen. Ein anfangs junger Mann, wächst im Bordell auf. Er erzählt seine Erfahrungen und Eindrücke, die er im Laufe seines Lebens sammelt und auch selbst erfährt.????? ???????Das Cover spiegelt die damalige Zeit. Schöne Mosaikfliesen und die Motive passend zum Inhalt des Buches gewählt. Ein Sperling bedroht von einer Schlange.Ich fand es schön, ein Buch zu lesen das aus der Sicht eines männlichen Protagonisten erzählt. Es wirkt durchgehend glaubwürdig und hat genau die richtige Mischung aus Ernsthaftigkeit und erotischen Elementen, die hier in derber Ausdrucksweise erzählt werden.Wir erleben die Geschichte aus der Persepktive des am Anfangs jungen Kindes und sehen ihn aufwachsen und zum Mann reifen.Charaktere die eingeführt werden, sind authentisch geschrieben und man spürt die Verzweiflung und ausweglosigkeit mancher Figuren. Man fiebert mit und schämt sich an manchen Stellen des Buches. Ich konnte mich gut auf die Geschichte einlassen und fühlte mich gut unterhalten.Ich musste ständig an Pompeiji und das dort entdeckte Freudenhaus denken und daran wie es den Frauen zur damaligen Zeit ergangen ist. Männer wie Frauen gehörten jemanden und mussten ihrem Dominus gehorchen.?????Ein fiktives Zeitgeschehen, das wirklich so hätte passieren können. Die etwas derbere Erzählweise des Autors unterstreicht die damalige Zeit sehr gut. Die Geschichte bleibt einem länger im Kopf und lässt darüber nachdenken wie es früher gewesen sein könnte.
Tragisch und wundervoll zugleich!
✨ ????????? ✨???, ???????? von James Hynes??? ?????? || → ??????????? →★ 5 / 5?: ????? ?? ????? ???????????, ??? ???? ????? ?? ?????? ??????? ???? ?????????????? ???????:Das Buch war mein erster historischer Roman, den ich je gelesen habe. Und auch wenn die Geschichte des Sperlings fiktiv war, hat sie mich unglaublich berührt ??Der Autor schafft es, die Welt unglaublich real erscheinen zu lassen. Die Gefühle, Stimmungen und Sorgen der Protas konnte ich komplett nachempfinden. Die Geschichte besteht aus vier Teilen, weshalb man leider einfach zwischendrin pausieren muss, da es keine richtigen Kapitel gibt. Trotzdem fiel mir das Weiterlesen immer sehr leicht ??Es werden verdammt harte Themen behandelt, die auf jeden Fall nicht einfach zu verdauen sind. Stellenweise war ich sehr schockiert und musste lange über das Geschriebene nachdenken. Lest hier unbedingt eine Triggerwarnung! Ab der Mitte des Buches wurde es zudem auch richtig spannend und ich konnte es kaum noch weglegen ???????:Ein wundervolles Buch, das mich sehr zum Nachdenken gebracht hat und zudem sehr interessant war. Harte Kost, die ich dennoch sehr weiterempfehlen kann ?
Geschichte eines Sklavenjungens
Ich, Sperling handelt von einem Sklavenjungen der im 4. Jahrhundert nach Christus in einem Bordell in Carthago Nova (Spanien) aufwächst. Dies gibt schon erste Hinweise darauf, dass der Protagonist eindeutig keine leichte Zeit vor sich hat. Es wird in der Ich-Perspektive geschrieben, wenige kurze Passagen aus der Perspektive des Protagonisten in der Zukunft gibt es zu dem auch.Hierbei wäre zu Beginn des Buches einen Triggerwarnung bezüglich Sexueller Gewalt/Missbrauch empfehlenswert, welche es eben nicht gab.Allgemein kann man sagen das der Schreibstill dieser Geschichte einen modernen Touch gegeben hat. Man konnte gut in die Geschichte einsteigen und sich gut in den Protagonisten hineinversetzen. Das Cover fand ich hierbei auch passend mit dem Mosaik, welches an die Taverne angelehnt ist. Da es sich bei dem Protagonisten um einen Sklaven handelt, dessen Herkunft unbekannt ist, orientiert er sich im Laufe der Geschichte immer wieder an den Sperling. Hierbei fand ich folgendes Zitat schön : "»Vergiss nie den Sperling, mein Kleiner«,flüstert Euterpe mir ins Ohr. »Er ist in nichts herausragend gut, aber in allen gerade gut genug. Das bezeichnen die Philosophen als goldene Mitte.«”.Zu Beginn der Geschichte muss er in der Küche arbeiten aber schon mit etwa 10 Jahren beginnt er in dem Bordell zu arbeiten. Hierbei hatte ich jedoch den Eindruck, dass es ihn zwar belastet aber nicht so sehr, wie ich es für solch eine Situation gedacht hätte.Die anderen "Wölfinnen" (Frauen die ihn aufziehen und ebenfalls in dem Bordell arbeiten) haben unterschiedliche Beziehungen zu ihm, teils mütterlich teils verfeindet. Sie versuchen sich jedoch oft gegenseitig aufzuheitern, auch wenn ihre Situation schlimmer nicht sein könnte. "»Wir sind Lichtfunken«,erwiderte sie. »Gefangen in Körpern.« [...] »Es ist der Funke,der zählt.«"Mich persönlich hat jedoch gestört, dass es so gut wie keine Kapitel gab. Nur vier Abschnitte, die aber nicht gleich lang sind (ein Abschnitt hat beispielsweise etwa 400 Seiten). Dies hat den Lesefluss etwas gestört.Allgemein kann man aber sagen, dass es eine gelungene Geschichte ist- die aber nicht ganz ohne ist, es ist eben die harte und schonungslose Realität des Protagonisten. Ab der Mitte des Buches wird es Richtig spannend und man will einfach nur wissen wie es denn weiter geht und fiebert mit, dass der Protagonist möglichst glimpflich davon kommt.
Jüngling, des Mitleids wert
Dieser historische Roman beschreibt wahrhaft "Geschichte von unten", denn in dem großartigen Imperium Romanum der Kaiser, Senatoren und Philosophen gab es einen Bodensatz von Sklaven, deren Arbeit überhaupt erst den Lebensstil der herrschenden Schicht ermöglichte. In dieses Milieu verschlägt ein erschütterndes Schicksal den kleinen Jungen ohne Namen und Herkunft.In epischer Breite gibt uns Hynes zunächst Einblick in den Alltag der kleinen Stadt in der Provinz Hispania, indem er den Jungen, der sich selbst Sperling nennt, nach und nach seinen Horizont erweitern lässt. Aus der Küche eines Bordells darf er zum Brunnen gehen, der den Frauen zum Treffpunkt dient, erlebt einen Bäcker beim Betrügen und die Flucht eines Mädchens vom Sklavenmarkt im Forum: hier zeichnet sich schon deutlich der Wert dieser Menschen als Ware ab, beim Verkauf dargestellt wie Zuchtvieh und erbarmungslos verstoßen, wenn sie keinen Profit mehr versprechen oder als hübsche Frau Eifersucht bei der Domina hervorrufen. In diesen Schattenseiten des glorreichen Römischen Reichs erleichtern sich die Menschen ihr schweres Los vor allem durch Solidarität, besonders unter den Frauen und durch eine mühsam errungene innere Freiheit "der Unscheinbaren".Der Schauplatz Bordell impliziert schon von vornherein schwer erträgliche Szenen - die Darstellung der Vergewaltigung eines Kindes kann einen schon schwer triggern. Deshalb wäre eine entsprechende Warnung sinnvoll, denn romantisch geht es hier in der Liebe bei weitem nicht zur Sache. Ich halte dem Autor sehr zugute, dass er derartige Situationen sachlich, respektvoll und bei all den notwendigen realistischen Begriffen einigermaßen dezent beschreibt. Manch harmloser Leser, der sich von dem ästhetischen Titelbild verlocken lässt, könnte einen Schreck bekommen.Wie bewältigt man als unbedarftes Kind solche Grausamkeiten? Die Fähigkeit, sich imaginär in einen Vogel zu verwandeln, um das Geschehen aus großer Distanz von oben zu betrachten, ist ein psychologischer Ausweg und ein Aspekt, der auch dem Erzähler hilfreiche Möglichkeiten eröffnet, das enge Spektrum der Realität zu erweitern um bedenkenswerte Facetten im Konjunktiv.Man muss sich auf das Buch einlassen, mit den schwierigen Passagen zurechtkommen, dann wird einem die Lektüre einen Erkenntnisgewinn und emotionale Einfühlung bescheren.
Ein Blick in die Tiefe der Seele
Die Geschichte spielt im 4. Jahrhundert n. Chr. in der spanischen Stadt Cartagena, damals noch Carthago Nova. Es ist die Geschichte eines Jungen, der weder etwas über seine Herkunft weiß noch einen Namen hat. Der Protagonist erzählt als alter Mann aus seinem Leben, überwiegend aus seiner Kindheit. Er beginnt die Einleitung mit diesem Satz: „Ich, Jakob, Sohn von niemandem, Vater von niemandem, geliebt von niemandem, Sklave, Hure, ein Cineadus, Eunuch, Nilschlamm, Arbeiter, Aufseher, Krüppel, Schwindsüchtiger, herrenloses Gut…“Die Einleitung ist kurz, sie umfasst gerade mal eine Seite. Dennoch ergreift mich sofort ein beklemmendes Gefühl, das mich auch nicht verlässt am Anfang der Geschichte, in einem Bordell, wo der Junge aufwächst bei den sogenannten „Wölfinnen“. Für ihn gibt es nicht viel Schönes, aber eine der Frauen, Euterpe, kümmert sich um ihn fast wie eine Mutter. Liebevoll nennt sie ihn „Sperling“. Sie erzählt nicht nur wunderbare Geschichten, sondern unterrichtet den wissbegierigen Jungen und beantwortet seine Fragen oft bildhaft. Beispielsweise nimmt sie zur Erklärung seiner Frage, wie viele Menschen eine Million sind, eine Handvoll sandige Erde vom Boden auf. Der Junge hilft zuerst in der Küche, später in der Taverne, bevor er auch das obere Geschoss, den Arbeitsplatz der Prostituierten, kennen lernt. Es gibt Situationen, aus denen der Junge entflieht oder, vielleicht besser ausgedrückt, entfliegt. Dann wird er zum Sperling… Beim Lesen gehen meine Gedanken gern mal auf Reisen. Dann male ich mir den weiteren Verlauf aus. Das gelingt mir bei diesem Buch nicht. Ich folge nur gebannt dem Geschehen. Auch habe ich nicht ein einziges Mal das Gefühl: „Es wird bestimmt alles gut!“ Immer schwingt da eine ungewisse Angst mit.Ich habe niemals ein Buch gelesen, das so offen und eindringlich über Sexualität spricht, über Missbrauch, Gewalt, Sklaverei. Mich hat die Geschichte des Jungen zutiefst berührt und lässt mich demütig werden. Meine volle Leseempfehlung für dieses einmalige Buch!
Sehr viel Atmosphäre
InhaltIm spanischen Carthago Nova wächst im 4. Jahrhundert n. Chr. ein namenloser Junge in der Küche eines Bordells heran. Woher er stammt, wird er nie erfahren. Eine der Wölfinnen, Euterpe, nimmt sich seiner an und wird ihm zur Ziehmutter. Sie nennt ihn Sperling und erklärt ihm die Welt. Als Sklaven haben sie kein leichtes Los. Anfangs zieht man Pusus (Junge) zu einfachen Haushaltsarbeiten heran. Doch eines Tages wird er, wie alle wissen, ins Obergeschoss ziehen, dorthin, wo die Freier ihr Recht verlangen. Pusus wird sein Schicksal annehmen – oder daran zerbrechen.MeinungJames Hynes ist ein absoluter Page Turner aus der Feder geflossen, der sprachlich dicht und eloquent daherkommt und zudem hervorragend recherchiert wurde. Immer wieder blitzen philosophische Ideen und Gedanken hervor, die das Geschehen bereichern und Seite um Seite vorbeifliegen lassen. Allein das Ende ist zu bemängeln, es kommt reichlich zackig und wirkt so offen, dass es nicht unwahrscheinlich wäre, wenn es demnächst eine Fortsetzung gäbe.Zunächst beginnt die Geschichte mit einem alten Mann in Britannien, der seine Lebensgeschichte niederschreibt. Es ist Pusus, den alle nur „Junge“ nennen, obwohl er als Kleinkind als vermeintliches Mädchen gekauft wurde. Man setzt ihn in die Küche, wo die Köchin Focaria ihr Reich hat. Zwar ist die rothaarige Frau auch eine Sklavin, aber eine wertvolle mit ein paar Sonderrechten. Sie und Euterpe lieben sich und stehlen sich von Zeit zu Zeit ein paar wertvolle Augenblicke miteinander. Dass die andere Frau den Jungen so vergöttert, nimmt Focaria ihr und vor allem ihm übel. Die Beziehung ist also von vornherein belastet, was Spannung ins Geschehen bringt.Es gibt fünf Wölfinnen (Urania, Clio, Thalia), die im Bordell arbeiten, wobei Melpomene erlaubt wurde, sich freizukaufen und nun auf eigene Kosten weiterzuarbeiten. Eine harte, intelligente Frau, die nur eben deswegen all die Jahre überleben konnte. Als Sklavinnen haben die Wölfinnen kein Mitspracherecht. Sie stammen aus ganz verschiedenen Orten der Welt und bringen individuelle Geschichten mit, auch wenn man ihnen nicht gestattet hat, ihre eigenen Namen zu behalten, sondern sie nach den Musen benannt hat. Ihr jeweiliger Umgang mit der Situation ist es, was das Leben dort so anschaulich und lebendig macht.Pusus erzählt seine Geschichte in der Ich-Form selbst. Sein Verhältnis zu Männern ist von Anfang an zwiespältig. Das, was er von ihnen zu sehen und zu hören bekommt, ist unflätige Sprache und Gewalt. Vor allem der Aufseher im Bordell, Audo, lässt gern seine Aggressionen an ihm und den Frauen aus. Pusus’ Welt ist zunächst auf die Küche und den kleinen Garten beschränkt. Im Älterwerden erklären ihm die Wölfinnen die Welt, die er nach und nach versucht zu begreifen. Als man ihm aufträgt, Besorgungen außerhalb seiner kleinen Welt zu machen, vergrößert sich seine Gedankenwelt. Er versucht zu begreifen, wieso er auf diese Art leben muss, während es einige wenige gibt, die scheinbar alles haben. Dem Autor gelingt es wunderbar, verschiedene Berufe, wie Bäcker oder Tuchwalker anschaulich darzustellen. Auch die Christen nehmen einen nicht unerheblichen Teil der römischen Stadt ein. Es gibt nur noch dieses eine Bordell, weil sein Besitzer mit dem Bischof verwandt ist, der wiederum die Einnahmen benötigt, um seine Bauwerke errichten lassen zu können. Melpomene wird Pusus später treffend sagen, dass sie und die Frauen all den Reichtum der Familien und der Stadt erwirtschaftet haben.Das Geschehen spielt sich fast ausschließlich in dem Bordell ab. Es vergehen einige Jahre, in denen scheinbar nicht viel geschieht. Das ist keine actionlastige Geschichte, die auf Feuerwerk und Explosionen setzt. Es wird das Leben in einer antiken römischen Stadt aus der Sicht eines kindlichen Sklaven gezeigt, der versucht, alles um ihn herum zu begreifen. Ein Zeigefinger erhebt sich dabei nicht.Schließlich scheint es unausweichlich, das Pusus ins Obergeschoss ziehen muss. Seine ohnehin schon kurze und harte Kindheit ist mit einem Schlag beendet. Hynes nimmt kein Blatt vor den Mund, verzichtet jedoch auf allzu genau beschriebene Vorgänge. Pusus klinkt sich geistig die meiste Zeit ohnehin aus, um mit allem klarzukommen. Danach geht die Handlung erst einmal etwas gemächlich weiter, bis sie sich dann förmlich zu überschlagen scheint. Ein Weglegen des Buches ist kaum noch möglich. Als das eigentliche Ende beginnt, wird schnell klar, dass die verbleibenden Seiten nicht ausreichen können, um es rund abzuschließen. Ich vermute, dass es eine Fortsetzung geben könnte, die auch dringend angeraten ist. Pusus ist noch immer ein Kind, das langsam in die Pubertät kommt. Bis zum alten Mann, der seine Geschichte aufschreibt, fehlen etliche Jahre. Es wäre schade, wenn ein so gewandter Autor wie Hynes das vor ihm liegende Potential nicht nutzen würde.„Ich, Sperling“ erzählt eine mitreißende Story, die ohne große Aufreger daherkommt und mit Alltäglichkeiten des Antiken Roms zu überzeugen weiß.
Pressestimmen
Fesselnder Historienroman, der in die Welt der Antike entführt.
18.10.2023
Absolut lesenswert!
06.12.2023
Spannende Einblicke in die Welt der Antike. Von Anfang bis Ende fesselnd.
Yannic Skoko, 01.12.2023
Höchst spannend und informativ.
Linda Stift, 19.11.2023
Bildgewaltig. Und sehr bewegend.
01.11.2023
Der Autor James Hgnes, der für die «NewYork Times» oder die «Washington Post» schreibt, schildert p...räzise recherchiert und in fantastisch bildlicher Sprache, wie die unterste Klasse im spätrömischen Reich lebte. mehr weniger
20.10.2023
Nicht Helden oder Kaiser stehen in diesem fesselnden Roman aus der Spätzeit des römischen Reichs im... Fokus, sondern die Ausgestoßenen und Außenseiter. Brilliant. mehr weniger
10.10.2023
Ein saftiges Epos, dessen Stärke detaillierte Beschreibungen sind.
02.10.2023