Der neue Roman von Ruth-Maria Thomas erzählt die Geschichte von Michelle und Henry, von ihrer Liebe zwischen den feinen Unterschieden, von den gesellschaftlichen Gräben, die manchmal überwindbar und noch öfters viel zu groß erscheinen.
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Die zweitgrößte Liebe
Reicht die Liebe im Zweifel? Ein Roman über die Liebe, die Freiheit, die Abhängigkeit:
Michelle ist Anfang dreißig, als ihr Leben im Osten des Landes auseinanderbricht. Sie steigt auf ihre Vespa, lässt alles hinter sich und fängt von vorne an: Als Rezeptionistin eines Hotels trifft sie auf Luxus, westdeutschen Reichtum und – Henry. Einer, der ganz andere Startmöglichkeiten hatte als sie, dem es nie an irgendetwas gemangelt hat. Sie verlieben sich, allen Unterschieden zum Trotz. Ein sorgenfreies Leben scheint Michelle erstmals möglich – nur zu welchem Preis?
Ruth-Maria Thomas erzählt von der bösen Zufälligkeit, die darüber entscheidet, in welches Leben man hineingeboren wird – und von der Liebe dazwischen. Ein Buch, in das man tief hineinfällt und aus dem man verändert wieder auftaucht.
Bibliografische Daten
1. Auflage
Ruth-Maria Thomas
Ruth-Maria Thomas, 1993 geboren und in Cottbus aufgewachsen, war als Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe tätig. Sie studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Ihr Debüt ›Die schönste Version‹ (2024) war für den Deutschen Buchpreis, den aspekte-Literaturpreis, den Buddenbrookhaus-Preis, den Preis der deutschen Wirtschaft nominiert und wurde mit dem Ulla-Hahn-Preis ausgezeichnet. 2025 erschien der rbb-Podcast ›Der Bruch – Frauen zwischen Ost und jetzt‹, dessen Host Thomas war. ›Die zweitgrößte Liebe‹ ist ihr zweiter Roman.
7 - 10 von 104 Leserstimme
Eine präzise Analyse von Klassismus
Es gibt Romane, die von Liebe erzählen. Und es gibt Romane, die zeigen, wie wenig Liebe gesellschaftliche Ungleichheit allein überwinden kann. „Die zweitgrößte Liebe“ von Ruth-Maria Thomas gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.Im Mittelpunkt stehen Michelle und Henry, deren Beziehung von Beginn an unter sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten steht. Michelle ist im Osten Deutschlands mit wenig Geld aufgewachsen und kämpft nach der Schließung ihres Geschäfts während der Corona-Pandemie um einen Neuanfang. Henry kennt finanzielle Sorgen dagegen kaum. Aus dieser Ausgangslage entwickelt Ruth-Maria Thomas keinen klassischen Liebesroman, sondern einen Gesellschaftsroman, der Klassismus in den Mittelpunkt rückt. Unaufgeregt, aber mit einer unfassbaren Präzision.Besonders stark ist, wie konsequent die Autorin zeigt, dass Armut nicht einfach ein Mangel an Geld ist, sondern den gesamten Blick auf die Welt verändert. Während Henry finanzielle Sicherheit als Selbstverständlichkeit begreift, ist sie für Michelle nie selbstverständlich gewesen. Genau daraus entstehen Missverständnisse, die weit über persönliche Differenzen hinausgehen. Der Roman macht deutlich, wie soziale Herkunft Beziehungen prägt und wie schwer es ist, Erfahrungen nachzuvollziehen, die man selbst nie machen musste.Eine Szene, in der Henry Michelle vorwirft, sie sei wie ein Taschenrechner, der niemals still steht, hat mich absolut wütend gemacht. Nicht, weil Henry als Figur unsympathisch wäre - im Gegenteil. Gerade seine fehlende Einsicht macht ihn glaubwürdig. Er meint es oft gut und scheitert dennoch daran, die strukturellen Unterschiede zwischen ihnen WIRKLICH zu erkennen. Diese Ambivalenz macht beide Figuren unglaublich lebendig. Auch sprachlich überzeugt der Roman. Ruth-Maria Thomas schreibt nüchtern und ohne Pathos, wodurch die emotionalen Momente umso stärker wirken. Besonders gelungen fand ich den Kontrast zwischen Michelles pragmatischer Sicht auf die Welt und Henrys emotionalem Zugang. Diese Gegensätze wirken wie eine logische Folge ihrer unterschiedlichen Biografien.Mich hat selten ein Roman so frustriert und gleichzeitig so überzeugt zurückgelassen einfach weil er gesellschaftliche Machtverhältnisse so selbstverständlich in den Alltag seiner Figuren einschreibt. „Die zweitgrößte Liebe“ ist für mich deshalb weit mehr als eine Romance-Geschichte. Es ist ein Roman über Klassismus, soziale Ungleichheit und die Frage, wie tief Herkunft unsere Beziehungen prägt. Gerade weil Ruth-Maria Thomas auf einfache Antworten verzichtet, trifft ihre Gesellschaftskritik mit voller Wucht.
Authentisch, berührend und wunderschön
Ich habe mich so sehr auf „Die zweitgrößte Liebe“ von Ruth-Maria Thomas gefreut, nachdem mir schon „Die schönste Version“ so gut gefallen hatte. Auch bei diesem Buch ist das Cover wieder sehr schlicht gehalten. Man sieht nur einen Teil eines Gesichts vor einem kräftigen blauen Hintergrund. Ich finde diese Schlichtheit einfach wunderschön. Und genauso wunderschön war für mich auch wieder die Geschichte, die Ruth-Maria Thomas erzählt.Michelle und Henry kommen aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten. Michelle ist im Osten Deutschlands aufgewachsen, hatte nie viel Geld, musste sich schon früh durchs Leben kämpfen und hat außerdem ihre Mutter verloren. Als ihr Leben immer mehr aus den Fugen gerät, zieht sie in eine andere Stadt und arbeitet dort als Rezeptionistin in einem Hotel, in dem täglich wohlhabende Gäste ein- und ausgehen. Dort lernt sie Henry kennen. Er stammt aus einer liebevollen Familie, kennt Geldsorgen nicht und scheint ein völlig anderes Leben zu führen als Michelle. Gegensätzlicher könnten die beiden kaum sein und trotzdem verlieben sie sich ineinander. Doch ihre Beziehung bleibt nicht ohne Höhen und Tiefen.Dieses Buch war wieder so toll. Ruth-Maria Thomas hat Michelle und Henry so greifbar beschrieben, dass ich mich richtig gut in beide hineinversetzen konnte. Auch wenn ich über Michelles Verhalten zwischendurch immer wieder den Kopf geschüttelt habe, konnte ich ihre Entscheidungen trotzdem nachvollziehen. Und Henry war einfach ein unglaublich sympathischer junger Mann, wie man ihn sich nur wünschen kann. Natürlich trifft auch er nicht immer die richtigen Entscheidungen, aber genau das macht beide Figuren so authentisch.Der Schreibstil hat mir wieder richtig gut gefallen. Ich wollte das Buch gar nicht aus der Hand legen und habe es innerhalb von zwei Tagen gelesen.Für mich war auch „Die zweitgrößte Liebe“ wieder ein ganz tolles Buch. Ich kann es nur weiterempfehlen und freue mich jetzt schon auf das nächste Buch von Ruth-Maria Thomas.
Fein beobachtete Gesellschaftskritik mit etwas zu viel emotionaler Distanz
Ich habe „Die schönste Version“ von Ruth-Maria Thomas geliebt und hatte entsprechende Erwartungen an ihren zweiten Roman. Doch auch, wenn ich die Geschichte inhaltlich mit ihrer Gesellschaftskritik wirklich ausgereift fand, ist sie doch nur die zweitgrößte Liebe geworden. 😉Thomas gelingt es auch hier wieder, ihren markanten Ton beizubehalten. Sie schreibt rau und nüchtern, wechselt zwischen direkter und indirekter Rede. Das erhöht den Anspruch der Geschichte und ich mag den Wiedererkennungswert sehr, obwohl ich in diesem Roman mehr damit zu kämpfen hatte.Inhaltlich habe ich absolut nichts zu meckern. Das Aufeinanderprallen der verschiedenen Klassen von Michelle und Henry ist glaubwürdig-schmerzhaft geschrieben und fein beobachtet. Henrys Klassismus zeigt sich so subtil, dass aufmerksames Lesen angeraten ist - und das, obwohl er grundsätzlich eine freundliche, reflektierte Figur ist. Über Michelle wiederum wird eindrücklich abgebildet, wie finanzielle Not das komplette Leben bestimmt und wie sich das Erbe eines Aufwachsens in Armut fortsetzt. Besonders reizvoll fand ich die späteren Passagen, in denen Michelle einen Klassenaufstieg durchlebt und mit ihrem eigenen veränderten Verhalten konfrontiert ist.Bei all den positiven Aspekten gibt es allerdings einen großen Punkt, der verhindert hat, dass dieses Buch zu einem erneuten Highlight wird. Emotional war ich überwiegend sehr distanziert. Obwohl beide Hauptfiguren greifbar geschrieben sind und wir viele Einblicke in ihr Innerstes bekommen, habe ich mich auf Gefühlsebene eher ausgeschlossen gefühlt. Das betrifft vor allem die Beziehung der beiden. Trotz aller Hürden wurde sie zwar als liebevoll und intensiv beschrieben, das habe ich aber nicht fühlen können. Die Chemie der beiden hat sich mir einfach nicht wirklich gezeigt.Vielleicht liegt es auch am Thema, dass ich dem Debüt näher war als diesem Werk jetzt. Die Autorin bleibt für mich eine hochtalentierte literarische Stimme, die ich weiterverfolgen werde. Ihr Feingefühl, mit dem sie gesellschaftliche Themen zwischen ihren Figuren auf komplexe Art verhandelt, ist beeindruckend. Und auch, wenn ich mich hier beim Lesen mehr anstrengen musste, sind die 300 Seiten doch erstaunlich schnell verflogen und ich empfehle das Werk sehr.
Eine Liebe, die an den Lebensrealitäten zerbricht
Ich war von „Die zweitgrößte Liebe“ sofort in der Geschichte drin, auch wenn sie auf den ersten Blick eher ruhig und unspektakulär wirkt. Genau das hat mir aber richtig gut gefallen, denn Ruth-Maria Thomas zeigt die Unterschiede zwischen Michelle und Henry nicht mit großen Dramen, sondern in kleinen Gesprächen und alltäglichen Situationen.Michelle und Henry kommen aus völlig unterschiedlichen finanziellen Verhältnissen und genau dieses Ungleichgewicht wird für ihre Beziehung immer wichtiger. Besonders spannend fand ich, wie unterschiedlich sich Sicherheit und Existenzangst anfühlen können und wie schwer es ist, diese Erfahrungen wirklich miteinander zu verstehen.Dabei mochte ich sehr, dass Henry nicht einfach als der reiche, unsensible Partner dargestellt wird. Seine Gefühle für Michelle sind ehrlich und seine Fürsorge gut gemeint, trotzdem entsteht dadurch eine Abhängigkeit, die ihre Beziehung immer wieder belastet.Am meisten berührt hat mich, wie realistisch die Autorin das gegenseitige Missverstehen beschreibt. Beide wollen einander verstehen und lieben sich, sprechen aber trotzdem oft aneinander vorbei.Für mich ist „Die zweitgrößte Liebe“ deshalb nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern vor allem ein kluger Roman über Klassismus, Geld, Abhängigkeit und die Frage, wie sehr unsere Herkunft unsere Beziehungen prägt. Besonders die ruhige, präzise Sprache hat mir gefallen, weil hinter vielen scheinbar einfachen Szenen unglaublich viel steckt.Ein leises Buch, das bei mir deutlich mehr ausgelöst hat, als ich anfangs erwartet hätte und über das ich nach dem Lesen noch lange nachdenken musste.
Wenn Liebe auf Ungleichheit trifft
Dieser Roman erzählt leise, aber eindringlich von einer Liebe, die unter ungleichen Voraussetzungen entsteht – und genau daran ihre größte Kraft, aber auch ihre tiefsten Brüche offenbart. Zwischen Ost und West, zwischen Mangel und Überfluss entfaltet sich eine Geschichte, die weit über eine klassische Liebeserzählung hinausgeht.Besonders gelungen ist die Perspektivführung: Die zwei Blickwinkel ergänzen sich auf spannende Weise und machen die unterschiedlichen Lebensrealitäten greifbar. Dabei werden die Figuren bewusst etwas zugespitzt gezeichnet – was zunächst auffällt, aber letztlich dazu beiträgt, gesellschaftliche Ungleichheiten und Spannungen klarer herauszuarbeiten.Die Autorin schafft es, Themen wie Herkunft, soziale Chancen und Abhängigkeit gut in die Handlung einzubetten. Gerade die Perspektive „von unten“ wirkt dabei besonders eindrucksvoll: Sie zeigt, wie wenig Raum für Selbstverwirklichung bleibt, wenn das Leben vor allem vom täglichen Überleben bestimmt ist.Der Schreibstil ist ruhig und dennoch fesselnd – ein Buch, in das man sich hineinziehen lässt.
Ein Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen kann. Große Leseempfehlung!
Nachdem mir schon "Die schönste Version" von Ruth-Maria Thomas sehr gefallen hat, war ich gespannt auf ihren neuesten Roman "Die zweitgrößte Liebe". Und ich wurde nicht enttäuscht. Von der ersten Seite an war ich gefesselt von der Geschichte, sodass ich das Buch an einem Wochenende durchgelesen habe. Eines Tages ist Mishelle verschwunden und Henry kann zunächst nicht begreifen, warum. Hat er doch alles gegeben, um Mishelle zu halten. Der Roman stellt sehr gelungen dar, welche Schwierigkeiten auftreten können, wenn zwei Menschen völlig unterschiedlich sozialisiert worden sind, welche Probleme es mit sich bringen kann, wenn einer von beiden in finanzieller Sicherheit und der andere in prekären Verhältnissen aufgewachsen ist. Henry kann nicht verstehen, weshalb Michelle das Thema Geld so wichtig ist, weil es in seiner Kindheit nie ein Thema war. In diesem Spannungsfeld entwickelt sich die Beziehung und Ruth-Maria Thomas gelingt es auf wunderbare Weise diese Schwierigkeiten darzustellen. "Die zweitgrößte Liebe" ist eine fesselnde Milieustudie eine tolle Liebesgeschichte und eine große Leseempfehlung.
Die unsichtbaren Grenzen von Liebe
Was macht Herkunft mit uns? Welchen Einfluss haben Reichtum und Armut auf unser Leben? Diesen Fragen geht „Die zweitgrößte Liebe“ von Ruth-Maria Thomas nach.Schon „Die schönste Version“ hat mich beeindruckt, doch auch dieses Buch zeigt erneut, welches außergewöhnliche sprachliche Talent Ruth-Maria Thomas besitzt. Ihr Schreibstil ist ausdrucksstark, berührend und so bildhaft, dass die Figuren und ihre Emotionen förmlich greifbar werden. Sie erschafft Charaktere, die nicht nur Sympathie auslösen, sondern Ecken und Kanten haben und dadurch umso echter wirken.Michelle (Shelly) und Henry verbindet auf den ersten Blick wenig, außer einer intensiven Faszination füreinander. Während des Lesens habe ich mich immer wieder gefragt, ob Michelle Henry jemals so aufrichtig und innig geliebt hat, wie er sie geliebt hat. Vielleicht. Sicher ist für mich nur, dass beide etwas im anderen ausgelöst haben, das weit über eine gewöhnliche Beziehung hinausgeht.Besonders beschäftigt hat mich die Dynamik zwischen den beiden: Henry versucht immer wieder, aus Michelle einen „besseren“ Menschen zu machen, während sie selbst ihr eigenes Potenzial und ihren Wert kaum erkennen kann. Gerade diese Konstellation war für mich schwer auszuhalten und gleichzeitig unglaublich faszinierend. Ich mochte, dass ich meine Meinung über Michelle und Henry immer wieder ändern musste. Keine Figur bleibt eindeutig. Genau das macht ihre Beziehung so glaubwürdig.„Die zweitgrößte Liebe“ ist ein kontroverses Buch, das lange nachwirkt. Es setzt sich mit Herkunft, sozialer Ungleichheit und den unsichtbaren Grenzen zwischen Menschen auseinander und regt immer wieder zum Nachdenken an.Ruth-Maria Thomas hat für mich erneut bewiesen, dass sie sprachlich wie literarisch zu den spannendsten Stimmen der Gegenwart gehört. Nach „Die schönste Version“ und „Die zweitgrößte Liebe“ würde ich jedes ihrer Bücher blind kaufen. Ich hoffe sehr, dass noch viele weitere Bücher folgen werden.
Lesenswert
Michelle fängt an einem anderen Ort noch einmal von vorn an. Nachdem sie mit einem eigenen Schmuckladen gescheitert ist und einen Berg Schulden hat, arbeitet sie nun in einem Hotel. Dort lernt sie Henry kennen und die beiden werden ein Paar.Das Buch startet damit, dass Henry nach Hause kommt und die gemeinsame Wohnung leer vorfindet. Zunächst glaubt er, dass etwas passiert sein muss, ruft Mutter und Schwester hinzu und fängt an zu erzählen. Er beginnt zweieinhalb Jahre zuvor und wir erfahren von Michelles und Henrys Beziehung - vom ersten Treffen bis zu Michelles Verschwinden.Michelle und Henry kommen aus völlig anderen Welten. Michelle, deren Vater nicht existent war, großgezogen von ihrer alleinerziehenden Mutter Marianne, kommt aus dem Osten Deutschlands. Marianne, Michelle und ihr jüngerer Bruder hatten nie viel. Michelles Gedanken drehen sich daher häufig um Geld, wie hoch die Schulden noch sind, wie viel ihr noch bis zum Ende des Monats bleibt. Ganz anders Henry, der - im Norden Deutschland aufgewachsen - aus wohlhabenden Verhältnissen kommt und sich nie Gedanken um Geld machen musste. Die Voraussetzungen, mit denen Michelle und Henry ins Leben gestartet sind, könnten unterschiedlicher nicht sein. Diese Unterschiede ziehen sich durch die gesamte Beziehung. Reicht Liebe aus, um sie zu überwinden?Über das gemeinsame Leben der beiden zu lesen, war für mich in Teilen schmerzhaft. Zu gerne wäre man als Leser, der die Gedankengänge beider Protagonisten kennt, dazwischengegangen, um da zu erklären, wo Missverständnisse herrschen, um zu vermitteln, wo der eine das Innenleben der anderen nicht versteht und umgekehrt. Das Ende habe ich so kommen sehen, war aber dennoch irgendwie frustriert über Michelle und hatte gehofft, dass Henry endlich versteht. Der Schreibstil hat mir, wie in Ruth Maria Thomas' erstem Buch, wieder sehr gut gefallen. Ich mag die Offenheit und teilweise auch Schonungslosigkeit, mit der sie über ihre Figuren erzählt. Es ist kein einfaches Thema, aber ein interessantes, um das sich "Die zweitgrößte Liebe" dreht. Ich kann empfehlen, es zu lesen.
Muss die Liebe an sozialen Unterschieden scheitern?
Ich habe das Hörbuch zum Buch "Die zweitgrößte Liebe" von Ruth-Maria Thomas, sehr einfühlsam und differenziert gesprochen von Lili Zahavi, vor kurzem fertig gehört und bin auch jetzt, nach mehreren Tagen Abstand, noch tief bewegt, wenn ich daran denke.Ich glaube, ich habe noch nie so eine berührende, im Grunde tieftraurige und dabei so authentische Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen aus unterschiedlichen Sozialmilieus, die sich doch eigentlich so sehr lieben und zwischen denen dabei aber so viele Trennendes steht, gehört oder gelesen. Die meisten Liebesromane tendieren dazu, eher seicht, unrealistisch und überromantisch zu sein. Dieser gar nicht!Ich habe mich schon viel mit sozialen Unterschieden aus psychologischer und soziologischer Sicht befasst und auch die Autorin, die neben dem Schreiben auch gelernte Sozialarbeiterin ist, hat offensichtlich ganz viel Ahnung von diesem Thema. Hier ist ihr das große Kunststück gelungen, all ihr Wissen über verschiedene soziale Milieus und die damit verbundenen Unterschiede in Denken, Fühlen, Auftreten, Erfahrungen, Kommunikation, Sehnsüchten, Ängsten, Werten, Lebenszielen und noch so vielem mehr in einen absolut packenden Roman einzubauen, der überhaupt nicht akademisch oder sachbuchartig wirkt, doch wie nebenbei alle Lesenden, die hinschauen möchten, tief für soziale Unterschiede sensibilisiert.Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, war die ganze Zeit tief emotional verbunden mit den beiden Hauptfiguren, hab mit ihnen gehofft und gebangt, ihre wachsende Beziehung miterlebt, dabei viel nachgedacht und gelernt.Worum geht es?Um Michelle, eigentlich Mishelle (die Mutter kannte bei der Eintragung des Namens die richtige Schreibweise nicht), arm bei einer alleinerziehenden Mutter im Osten von Deutschland aufgewachsen. Die die Kreativität liebt und einen eigenen Kunsthandwerksladen hatte, doch Corona und weitere Krisen haben dazu geführt, dass sie diesen nicht mehr gewinnbringend betreiben konnte und ihn mit Schulden schließen musste. Nun arbeitet sie im Servicebereich eines gehobenen Hotels, mehrere hundert Kilometer entfernt, in einem der "alten" Bundesländer. In diesem Hotel lernt sie auch Henry kennen, die zweite Hauptfigur des Romans. Henry heißt eigentlich Paul-Heinrich, ist der Sohn einer sehr wohlhabenden Familie mit erfolgreichen Eltern, die er in seiner Kindheit aber wenig zu Gesicht bekommen hat und viel von Au-Pairs betreut wurde, wobei er sich sehr einsam fühlte.Die beiden lernen sich also kennen und verlieben sich ineinander: Henry fühlt sich angezogen von Michelles natürlich-offener Art, ihrer unverblümten Sprache und ihrer Direktheit, während Michelle sich bei ihm sicher und geborgen fühlt und seine Sensibilität schätzt.Doch je besser sie sich kennen lernen, desto mehr zeigen sich die tiefgehenden Unterschiede in ihrer Prägung und den damit verbundenen Wünschen, Zielen und Lebensvorstellungen: Michelle ist es gewohnt, zu kämpfen, um durchzukommen: als sie zu einem tödlichen Autounfall kommt, zieht sie der Sterbenden den Ehering vom Finger, als Kompensation für das eigene erlittene Trauma durch das Erlebnis und als Sicherheit. Als sie Henry davon erzählt, ist er entsetzt. So etwas würde er nie tun! Braucht er aber auch nicht, denn durch das Vermögen seiner Familie ist er schon von Kindheit an bestens abgesichert.Dreisten Gästen spuckt Michelle heimlich in die Getränke. Ihre Wortwahl ist so direkt, dass sie manchmal fast schon ordinär wirkt, insbesondere auf Henrys gehobenes Umfeld. Und sie war immer schon gewohnt, für sich selbst zu sorgen und kann sich nicht vorstellen, die klassisch-konservative Rolle einer unterstützten Ehefrau an Henrys Seite einzugehen.Liebeswürdige Seiten hat sie auch eine Menge, doch die zeigen sich erst bei näherem Hinsehen und wenn sie sich sicher fühlt. Henry hingegen ist zwar sehr sensibel, doch wirklich nachfühlen kann er Michelles Existenzängste nicht und er versteht auch nicht, warum sie den sicheren Hafen, den er ihr doch so gerne großzügig anbieten möchte, nicht einfach annehmen kann und damit alle Probleme erledigt seien.Die beiden lieben sich sehr und kämpfen um ihre Liebe, das ist spürbar, und doch drohen die extremen Unterschiede in sozialem Hintergrund, Sozialisation und Vermögen, aber auch die unterschiedlichen Umfelder, sie auseinanderzureißen.Das Hörbuch bzw. Buch ist extrem gut erzählt. Beide Figuren sowie deren Umfelder und die daraus resultierenden Prägungen sind tiefgründig und authentisch gezeichnet, jedes Wort sitzt. Die Autorin Ruth-Maria Thomas ist für mich ein ganz außergewöhnliches Talent nicht nur im Schreiben, sondern auch im Fühlbar-Machen psychologischer Feinheiten und sozialer Unterschiede.Dieses Buch ist eines meiner Jahreshighlights, ich werde mir demnächst auch den mir bisher unbekannten Debütroman der Autorin besorgen und freue mich schon auf weitere Werke von ihr! Absolute Empfehlung für alle, die sich für Psychologie, Soziologie und soziale Unterschiede, aber auch für jene, die sich einfach nur für richtig gute Literatur interessieren!
Liebe macht blind?
Michelle & Henry, beide Anfang 30, ein Paar. Henry kommt in die Wohnung. Die Fenster sind offen, die Vase zerbrochen & Blut im Bad. Michelle & ihre Sachen sind verschwunden. Wo ist sie & was ist passiert? Gehen wir 2,5 Jahre zurück.**************************************„Die zweitgrößte Liebe“ von Ruth-Maria Thomas ist ihr 2.Roman.Michelle & Henry sind ein ungleiches Paar. Sie kommt aus ärmlichen Verhältnissen & er aus einer reichen Familie. Sie besaß einen Schmuckladen & musste ihn aufgeben. Nun hat Michelle einen Berg voll Schulden. Henry lädt Michelle oft zum Essen ein, unterstützt sie finanziell damit sie wieder einen neuen Schmuckladen eröffnen kann. Derweil jobbt sie an einer Hotelrezeption. Wie reagiert Henry darauf?Liebe macht blind? Bei diesem Paar ist es der Fall bzw. bei einem von beiden. Kann die Liebe erkauft werden? Welchen monetären Wert hat sie? Hier spielt Herkunft eine wesentliche Rolle. Einer muss genau überlegen, wofür sie das Geld ausgibt & der andere nicht. Die Ungleichbehandlung zwischen Arm & Reich spielt in der Beziehung eine Rolle. Wie finanziell abhängig ist man voneinander & wie wichtig sind Bedürfnisse des anderen? Rituale & Traditionen die aus Kindheitstagen stammen werden im Erwachsenenalter weitergelebt. Sie unterstützen Erinnerungen, Bewältigung von Trauer & Verlusten. Sie geben Halt & dem Bewussten innehalten. Thomas hat einen authentischen, eindringlichen & mitfühlenden Roman geschrieben. Das Buch entwickelt beim Lesen eine Sogwirkung. Stellenweise waren Szenen konstruiert & überspitzt. Die Hauptprotagonist*innen sind stark gezeichnet & weitere Figuren haben bildhafte Charaktere. Interessant ist die Entwicklung zwischen Michelle & Carlotta, der Schwester von Henry, die zu Verbündeten werden. Das Buch beginnt mit dem Ende, dadurch wird ein kleiner Spannungsbogen aufgebaut. Lange bleibt offen, was in der Wohnung passiert ist & der Auslöser war.Kennt Liebe Grenzen bzw. wie weit kann sie gehen. Am Ende des Romans bleibt ein gebrochenes Herz zurück & mit dieser Person habe ich Mitleid.
Veranstaltungen & Medientermine
mit Dana Vowinckel
Schaperstraße 24
10789 Berlin
Ruth-Maria Thomas mit ihren Gästen Cynthia Cornelius und Mai-An Nguyen
Am Sandwerder 5
14109 Berlin
Heidestraße 2
01127 Dresden
Heinsestr. 25
13467 Berlin
Feldstraße 66
20359 Hamburg
Provinostraße 46
86153 Augsburg
mit Dana Vonwinckel
Kochstraße 132
04277 Leipzig
Limmattalstr. 197
8049 Zürich
im Rahmen der Literaturtage "Lesezeichen"
Bahnhofstr. 4
09633 Halsbrücke
St. Kassians-Platz 6
93047 Regensburg
Pressestimmen
Eine unbedingte Empfehlung für den Sommer, egal ob man den in der eigenen Villa mit Pool in Spanien ...verbringt, weil man es dicke hat, oder zu Hause auf dem Balkon, weil das Geld knapp ist. (...) Für alle, die auf der Suche nach einem klischeefreien und gesellschaftskritischen Liebesroman sind. mehr weniger
Christine Westermann, 02.08.2026
Einer der schrecklich-schönsten Liebesromane der heutigen Zeit.
23.07.2026
Ruth-Maria Thomas kann wunderbar präzise über Liebe schreiben.
01.09.2026
Ein Beziehungsdrama, das man verschlingt.
01.09.2026
Ruth-Maria Thomas lässt Lebenswelten kollidieren und zeigt sich einmal mehr als präzise Beobachterin... mit sprachlicher Brillanz. Gesagtes und Unausgesprochenes sorgen in starken Dialogen für nahbare und nachvollziehbare Charaktere. mehr weniger
Norbert Windeck, 31.08.2026
Ruth-Maria Thomas beweist auch in ihrem zweiten Buch, welch großartige Erzählerin sie ist, wie schar...f und feinfühlig zugleich sie gesellschaftliche Themen – Klasse, Geld und letztlich auch Macht – bearbeitet. mehr weniger
31.08.2026
Thomas erzählt aufregend neu die alte Geschichte von den zwei Königskindern, die nicht zueinanderkom...men. mehr weniger
Denis Scheck, 23.08.2026
In nüchterner, unaufgeregter Sprache, zwischen Momenten rosarot-verliebter Zuckerwatte stellt die Au...torin Fragen nach Klasse, Geschlecht und Herkunft. Worteinschübe und lange Schachtelsätze erinnern stellenweise an einen Gedankenstrom und ziehen direkt in das Erleben der Figuren. Wie schon in ihrem Debüt „Die schönste Version“ erzählt Thomas die Geschichte der vielschichtigen Charaktere mit so vielen Details, dass man sie fast riechen, schmecken, greifen kann. mehr weniger
Cara Hofmann, 22.08.2026
Ruth-Maria Thomas gelingt besonders gut: Sie zeichnet mit diesem Roman ein Bild der Ungleichheit in ...der Gesellschaft, ohne auch nur eine einzige journalistische These aussprechen zu müssen. Es ist ein Ost-West-Roman, ohne dass die Namen der politischen Himmelsrichtungen fallen. mehr weniger
22.08.2026
›Die zweitgrößte Liebe‹ ist weit mehr als ein gelungenes zweites Buch. Ruth-Maria Thomas schärft das..., was ihr Schreiben schon im Debüt so besonders gemacht hat: ihren Blick für das Ungesagte, für die leisen Verschiebungen zwischen Menschen und für die Art, wie gesellschaftliche Verhältnisse bis in die intimsten Beziehungen hineinreichen. mehr weniger
Sandra Belschner, 10.08.2026
Dabei schafft die Autorin Identifikationsfiguren und erweitert den Horizont – mit ihrer klugen, einf...ühlsamen Sprache, die sich weigert, Menschen in Schubladen zu stecken. mehr weniger
Johanna Scultheiss, 03.08.2026
Der zweite Roman von Ruth-Maria Thomas, ist die kluge Geschichte einer Liebe über soziale Unterschie...de hinweg. (...) Thomas erzählt das aus beiden Perspektiven, und sie tut es fair. (...) Am klügsten ist der Roman dort, wo er die Scham umverteilt. mehr weniger
Mariya Martiyenko, 02.08.2026
In ›Die zweitgrößte Liebe‹ schreibt Autorin Ruth-Maria Thomas eine Lovestory, die mehr ist, als nur ...romantisch – und traut sich, wie gewohnt, auch über das zu schreiben, bei dem die meisten wegsehen. mehr weniger
Greta Lowak, 02.08.2026
Beziehungen wie die zwischen Henry und Michelle, also solche, die auf ökonomischen Ungleichheiten be...ruhen, gibt es in der Realität viele. Doch noch nie wurden die dahinterstehenden Gedanken, Hoffnungen und Gefühle so präzise durchleuchtet wie hier. mehr weniger
Marie-Luise Goldmann, 01.08.2026
Ruth-Maria Thomas hat ihre Stimme und ihre Themen gefunden. Auf sensible Weise macht sie Machtgefäll...e in Beziehungen begreifbar. (...) Es ist eine der schmerzlich-schönsten Liebesgeschichten, die man aktuell lesen kann. mehr weniger
Corinne Orlowski, 31.07.2026
›Die zweitgrößte Liebe‹ besticht durch mitreißende Dialoge und ist psychologisch auf den Punkt erzäh...lt – [zum Beispiel, wenn Michelle und Henry dem jeweils anderen nur zögerlich von der eigenen Herkunft berichten]. Ruth-Maria Thomas meidet in ihrem Roman nicht nur jedes Klischee, sie fragt auch auf kluge Weise, wie selbstlos wir wirklich sind in der Liebe. mehr weniger
30.07.2026
Ruth-Maria Thomas besitzt ein gutes Gespür für Dialoge und zwischenmenschliche Spannungen. Ihre Figu...ren sprechen lebendig und lebensnah, sie findet starke Szenen. (...) Ruth Maria Thomas gelingt ein präzises Porträt zweier Menschen, die sich lieben – und dennoch an völlig unterschiedlichen Vorstellungen von Sicherheit scheitern. mehr weniger
Theresa Hübner, 30.07.2026
Legt man das Buch beiseite, wünscht man sich, die Autorin möge bitte bald eines nachlegen. Gerne auc...h wieder mit einer Protagonistin wie Michelle, die einem mit ihrer direkten, kaltschnäuzigen Art sofort ans Herz wächst. mehr weniger
Katja Schönherr, 30.07.2026
Erneut erreicht Ruth-Maria Thomas mit der verblüffenden Leichtigkeit einer unbekümmert wirkenden Spr...ache emotionale Tiefen, wenn sie erzählt, wie möglich oder unmöglich es sein kann, ein Leben gleichberechtigt zu teilen. (...) Auch von solchem Schmerz erzählt dieser zweite Roman, der den hohen Erwartungen gerecht wird. mehr weniger
Janina Fleischer, 29.07.2026
Es ist ein Roman, der eine wilde Sogkraft entwickelt, bis zu seinem fulminanten Ende.
Jolinde Hüchtker, 23.07.2026