Cover: Raumfahrer

RAUMFAHRER

Jan und seine Eltern sprechen nicht viel über das Heute und erst recht nicht über das Gestern. Erst als Herr Kern auftaucht, kommt das fragile Gleichgewicht der Familie ins Wanken: Welche Beziehung führte Jans Mutter mit dem Vater von Herrn Kern? Und was haben die Kerns mit der Kunst von Georg Baselitz zu tun? Immer weiter arbeitet sich Jan durch das Schweigen mehrerer Generationen, taucht ein in die Geschichte der Baselitz-Brüder, die Geschichte seiner Eltern und begreift, dass die Gegenwart nicht nur aus der eigenen Vergangenheit besteht.

Behutsam und voller Empathie zeichnet Lukas Rietzschel ein eindrückliches Bild von Menschen, die durch große gesellschaftliche und politische Veränderungen geprägt sind – und von Verletzungen, die sich durch Generationen hindurchziehen und scheinbar nie verheilen.

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LUKAS RIETZSCHEL

Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen, lebt in Görlitz. Sein Debütroman ›Mit der Faust in die Welt schlagen‹ erschien 2018 und war ein Bestseller, der auch seinen Weg ins Theater fand. Der Roman war für den aspekte-Literaturpreis nominiert und erhielt den Gellert-Preis. Im Frühjahr 2021 wird am Schauspiel Leipzig der erste dramatische Text von Lukas Rietzschel uraufgeführt. Der Autor wird 2022 Stipendiat der Villa Aurora Los Angeles sein.

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DER AUTOR ÜBER SEINEN ROMAN


Raumfahrer‹ ist Ihr zweiter Roman, der auch wieder im Osten Deutschlands spielt – ist der Osten Ihr Thema?
 
Ich interessiere mich vor allem für die Veränderungsprozesse, die eine Gesellschaft durchläuft und inwieweit das Familien und andere Beziehungen beeinflussen kann. Wäre ich nicht in Sachsen geboren und aufgewachsen, würde ich nicht über die Transformation der ostdeutschen Gesellschaft schreiben, sondern über etwas anderes, wenn überhaupt, da bin ich mir sicher. Die größten Veränderungen hat der Osten Deutschlands durchlebt und erlebt sie immer noch, das ist für mich spannend und das ist mir nah. Ich würde aber nie sagen, dass das, was mich interessiert, und das, worüber ich schreibe, den ganzen Osten betrifft. Wenn überhaupt ist es irgendwie repräsentativ für Sachsen und auch da nur für Ostsachsen und auch da nur für Teile der Lausitz. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung von Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern.
 
Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen und erzählt die Verstrickungen von zwei Familien – inwiefern spielen Erfahrungen auch für die nachfolgende Generation eine Rolle? Und gibt es spezielle Osterfahrungen und/oder Traumata?
 
Die Feierlichkeiten rund um das 30-jährige Jubiläum des Mauerfalls und der Wiedervereinigung zeigen, wie sehr unsere Erinnerungskultur die Tage großer historischer Ereignisse fokussiert. Als wären das die Kippschalter auf dem Weg zur Neuzeit. Viel spannender, viel wichtiger sind für mich die Momente und Jahre danach. Überhaupt das Danach. Es mag trivial klingen, aber gerade hier wird all das sichtbar, was eine Gesellschaft konstituiert. Nicht der Mauerfall, sondern die Nachwendezeit förderte Trauma, Wut und Glück zu Tage. Ich glaube nicht, dass 30 Jahre genügen, um das zu bewältigen. Vielmehr noch: Wir sind jetzt erst dabei zu erkennen, dass sich diese Gefühle und Erfahrungshorizonte auch in den nachgeborenen Generationen noch spiegeln.  
 
Georg Baselitz wurde in Kamenz geboren und auch sonst gibt es einige Gegebenheiten, die Sie sich nicht ausgedacht haben, wie zum Beispiel die Baselitz-Bilder: Wie sind Sie auf diese Geschichte gekommen?
 
Ich bekam eine Mail einer befreundeten Fotografin aus Kamenz, die mir sagte, dass Günter Kern gern mit mir in Kontakt treten würde. Ich kannte den Herrn nicht, wurde aber schnell darauf hingewiesen, dass das der Bruder von Georg Baselitz sei. Kurz vor Weihnachten 2018 muss das gewesen sein, als ich ihn das erste Mal besuchte. Er zeigte mir Skizzen seines Bruders, erzählte viel über ihn und seine eigene Geschichte, vor allem über seine Erfahrungen mit der Stasi. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, was ich mit dieser Geschichte anfangen sollte. Also experimentierte ich mit Formen linearen, chronologischen und parallelen Erzählens und suchte nach einem Handlungsstrang für die Gegenwart. Ich dichtete Dinge hinzu, ließ andere weg, arbeitete mit allem, was mir die Fiktion erlaubte und heraus kam dieser Roman.
 
Weshalb wollten Sie genau diese Geschichte erzählen?
 
Wahrscheinlich hätte man erwarten können, dass ich mich nach dem ersten Roman weiterhin mit Radikalisierung und Rechtsextremismus beschäftigen würde. Für mich war die Geschichte von ›Mit der Faust in die Welt schlagen‹ jedoch nie ausschließlich eine Geschichte über Radikalismus und die Neue Rechte, sondern der Versuch zu beschreiben, was mit einer Gruppe von Menschen passiert, der man die Fundamente entzogen hat. Schweigen und untergründiges Brodeln ziehen sich durch den ersten Roman, mehr noch als Hass und Gewalt steht für mich die Sprachlosigkeit im Zentrum. In ›Raumfahrer‹ versuche ich genau daran anzuknüpfen. Ich versuche, Erinnerung und Vergangenheit noch mehr in den Fokus zu rücken und zu zeigen, inwieweit gesellschaftliche Verwerfungen und Unsicherheiten noch über Generationen hinweg weitergereicht werden können. Die Gemälde von Baselitz spielen dabei eine wichtige Rolle; in seiner Frühphase des Schaffens hat er sich intensiv mit der Gesellschaft nach dem Krieg beschäftigt. Ich verknüpfe das in ›Raumfahrer‹ mit der jüngsten Vergangenheit und dem Ende der DDR und behaupte, dass sich Nachkriegserfahrungen und Nachwendeerfahrungen ähneln.
 
Welches Verhältnis haben Sie zur Kunst von Baselitz?
 
Ich bin in Kamenz aufgewachsen, Deutschbaselitz ist die Nachbargemeinde. Als ich anfing, den Namen Baselitz zu googeln und mir Kunstkataloge kaufte, entdeckte ich eine Landschaft, die mir sehr vertraut war. Und ich stieß auf die Heldenbilder, die mir den Rahmen für den Roman geben sollten. Baselitz beschäftigte sich am Anfang seines Schaffens ausführlich mit der Nachkriegszeit. Was er malte und was er in Interviews darüber sagte, erinnerte mich an Momente, Situationen, die ich mit der Nachwendezeit verknüpfte. Das war die Geburtsstunde meiner Geschichte.  
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