Behutsam und voller Empathie zeichnet Lukas Rietzschel ein eindrückliches Bild von Menschen, die durch große gesellschaftliche und politische Veränderungen geprägt sind -- und von Verletzungen, die sich durch Generationen hindurchziehen und scheinbar nie verheilen.
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Raumfahrer
Jan und seine Eltern sprechen nicht viel über das Heute und erst recht nicht über das Gestern. Erst als Herr Kern auftaucht, kommt das fragile Gleichgewicht der Familie ins Wanken: Welche Beziehung führte Jans Mutter mit dem Vater von Herrn Kern? Und was haben die Kerns mit der Kunst von Georg Baselitz zu tun? Immer weiter arbeitet sich Jan durch das Schweigen mehrerer Generationen, taucht ein in die Geschichte der Baselitz-Brüder, die Geschichte seiner Eltern und begreift, dass die Gegenwart nicht nur aus der eigenen Vergangenheit besteht.
Behutsam und voller Empathie zeichnet Lukas Rietzschel ein eindrückliches Bild von Menschen, die durch große gesellschaftliche und politische Veränderungen geprägt sind -- und von Verletzungen, die sich durch Generationen hindurchziehen und scheinbar nie verheilen.
Bibliografische Daten
1. Auflage
Lukas Rietzschel
Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen. Schon sein Debütroman ›Mit der Faust in die Welt schlagen‹ (2018) war ein Bestseller, der für das Kino verfilmt wurde. 2021 erschien der zweite Roman ›Raumfahrer‹. Lukas Rietzschels Romane und Theaterstücke wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Sächsischen Literaturpreis, dem Literaturpreis Text & Sprache und dem Rheingauer Literaturpreis 2026. Sein Roman ›Sanditz‹ ist ein Bestseller, nominiert für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2026.
6 - 10 von 81 Leserstimme
Reise in die DDR-Vergangenheit
Nachdem ich vor einiger Zeit das erste Buch von Lukas Rietzschel gelesen hatte, interessierte ich mich auch für sein neues Werk. Ich bin in der BRD aufgewachsen und hatte keine Beziehungen in den Osten Deutschlands, möchte aber gern mehr über die gut 40 Jahre der DDR und ihre Menschen erfahren.Jan arbeitet in einem Krankenhaus und lernt dabei Thorsten kennen, der im Rollstuhl sitzt. Eines Tages übergibt er Jan einen Karton voller alter Dokumente und Fotos, die Jan in die Vergangenheit seiner Eltern führen. Thorsten ist der Neffe des berühmten Malers Georg Baselitz, der eigentlich Georg Kern heißt und in den Westen ging. Die Beziehung zu seiner Familie in der DDR brach vollkommen ab, weil die Stasi die Briefe von beiden Seiten beschlagnahmte. Nun erfahren Jan. und die Leser mehr über die Kindheit und Jugend des Malers und was das alles mit Jans Eltern zu tun hatte.Der Titel des Buches hat mich zuerst irritiert und wurde erst im Laufe der Lektüre klarer. Durch die Wende wurden die Menschen aus ihrer gewohnten Umgebung und ihren Beziehungen gerissen und schweben frei und orientierungslos wie Raumfahrer im All.Das Buch ist zeitlich nicht chronologisch aufgebaut und man muss sehr aufpassen, dass man die verschiedenen Zeiten nicht durcheinanderbringt. Da wäre eine Überschrift für jedes Kapitel hilfreich gewesen. Rietzschels Stil dagegen ist unaufgeregt und sachlich, das gefällt mir gut. Man entwickelt Empathie für Jan, er hatte es nicht leicht mit seinen Eltern. Erst gegen Ende des Buches erfährt man, warum es so viel Probleme gab und warum das Private politisch ist und die Politik ins Privatleben hineinregierte.Für dieses Buch gibt es auf jeden Fall eine Leseempfehlung!
Die Vergangenheit ist Leere
„Raumfahrer“. Der Roman von Lukas Rietzschel ist erschienen bei dtv. Wie schon in seinem ersten Buch „Mit der Faust in die Welt schlagen“ erzählt der Autor die Geschichte von Menschen, die „durch große gesellschaftliche und politische Veränderungen geprägt sind…“ Jan ist der Hauptprotagonist der fiktiven Geschichte, lebt in Sachsen, und selbst, wenn er erst nach der Wende geboren wurde, ist sein Leben von den früheren Gegebenheiten und der Wende betroffen. Auch in seiner Familie wird nicht viel gesprochen, schon gar nicht über die Vergangenheit zu Zeiten der DDR. Erst durch einen Pappkarton, den „der Alte“ – so wird der Mann im Rollstuhl genannt, den Jan als Betreuer zu den Untersuchungen im Krankenhaus begleitet – ihm eines Tages übergibt, könnte für Jan Licht in das Dunkel der Vergangenheit seiner Familie kommen…Wieder hat der Autor Lukas Rietzschel, selbst erst nach der Wende geboren, eine so realitätsnahe glaubwürdige Geschichte geschrieben, dass ich aus dem Staunen nicht herauskomme. Sein Schreibstil ist packend und emotionsgeladen. Allein wie er mit dem Begriff „Raumfahrer“ Jans Familie beschreibt, ist einmalig. „Das Krankenhaus schließt, wo Schule und Sportplatz waren, ist jetzt ein Supermarkt.“ Diesen Satz habe ich der Buchbeschreibung entnommen als Beispiel für die Trostlosigkeit und vielleicht auch Hilflosigkeit, die ebenfalls Raum in der Geschichte finden und großartig beschrieben werden.Das Cover hat für mich etwas Bedrückendes und zeigt eine große Wirkung, ohne dass ich es mit Worten beschreiben könnte.Mit großer Spannung hoffe ich auf eine weitere Geschichte des Autors. Begeistert gebe ich aus vollem Herzen meine Empfehlung für ein besonderes Buch.
Der verlorene Osten
Das ist die tiefste sächsische Provinz, wo es kaum mehr was Schönes zu sehen gibt - keine sensationelle Altstadt wie in Dresden oder auch im niederschlesischen Görlitz, das nun auch ein Teil Sachsens ist, keine umwerfende Landschaft wie im Erzgebirge.Nein, Jan und sein Vater wohnen in einer absolut trostlosen Kleinstadt, in der es nichts gibt, bald auch kein Krankenhaus mehr. Und damit auch keine Arbeit mehr für Jan, der dafür zuständig ist, die Kranken zu nicht notwendigen Untersuchungen und Behandlungen zu bringen, die das Krankenhaus dann abrechnen kann. Nein, es ist wirklich nichts los in dieser unglaublich abgelegenen Stadt; hier wird der Begriff der Einsamkeit, der Abgeschiedenheit noch einmal neu definiert. Es geht nicht nur um Jan, einem Kind der Nachwendezeit, sondern auch um die Familie Kern - ein alter, hilfloser Mann aus dieser Familie quatscht Jan im Krankenhaus an und meint, dass seine Familie was mit der von Jan zu tun hatte. Oder Jans Leute den Kerns sogar etwas schuldig sind?Jan begreift das ganz und gar nicht, es trägt nur dazu bei, dass er sich noch einsamer und vergessener fühlt. Auch wenn die Kerns offenbar was mit dem berühmten Georg Baselitz zu tun haben. Nein, tot ist der nicht, aber im Westen und taucht auch nicht mehr auf im Osten.Eine eindrucksvolle Geschichte, aus der jedoch Jan, die Hauptfigur, an vielen Stellen ausgeklammert bleibt. Das ist natürlich so gedacht, es ist kein Zufall, dass sich in dieser abgeschiedenen Stadt selbst die Einwohner noch vergessen fühlen. Und dann erwartet man von ihnen noch, mit einer alten Schuld fertig zu werden? Oder haben sie das, wie vieles andere, auch falsch verstanden?Ein Roman über die Reste der DDR, dem, was eigentlich keiner mehr wollte. Ein sicher sehr kraftvoller Roman, der mich trotz seiner starken Botschaft nicht so bedingungslos erreichen und fesseln konnte wie andere Romane zu diesem Thema. Bspw. "Die Glasschwestern" von Franziska Hauser oder auch "Die Gespenster von Demmin" von Verena Keßler.
Deine Mutti war ne schöne Frau
Historische Wendezeiten bieten immer eine Stofffülle für eindrucksvolle Romane, verweben sich in ihnen doch menschliche Schicksale wie in griechischen Tragödien in Dilemmata, denen die Protagonisten niemals schuldlos entrinnen können. Auch die jüngste Vergangenheit ist Schauplatz solcher Verwicklungen.Wie setzt man das um in Literatur, ohne diese Geschehnisse in Trivialität und Austauschbarkeit zu verflachen?Krietschel gelingt dies durch innere Distanz. Er lässt die Fakten für sich sprechen, die die Handelnden gerade in Kleinigkeiten kommentarlos charakterisieren, wie z.B. die Abneigung der bescheidenen Mutter gegen den Aufenthalt im Café vor aller Augen - nein, sie genießt allenfalls einen To-Go-Becher, verbittet sich dabei aber jegliche Störung.Spannung baut der Autor auf durch die diskontinuierliche Erzählweise, die den Lesenden eine derartige Konzentration abverlangt, dass ich mir durchaus gelegentlich zur Abwechslung einen straight durchkomponierten Bericht wünsche. Von Anfang an erzeugt der Schriftsteller eine Aura des Rätselhaften, wie grauer Firnis überzieht zudem noch eine Trostlosigkeit den Roman. Das erreicht er mit kargen, dabei aber um so wirkungsvolleren sprachlichen Mitteln.Die Grundkonstellation entsteht bei der Begegnung des jungen Pflegers Jan mit dem Patienten Günter. Die episodenhaften Rückblenden kann man eigentlich erst ganz kurz vor dem Ende in einem Aha-Moment einordnen, der aber auch nicht alle Fragen beantwortet. Mein Interesse wurde eigentlich vor der Lektüre geweckt durch den Bezug zum Künstler Georg Baselitz. Dass seine Rolle sich dann eher auf das Private beschränkt und sein Schaffensprozess als solcher kaum zur Sprache kommt, hat mich ein bisschen enttäuscht, aber Rietzschel stellt schon in der Vorrede klar, dass es sich hier um Fiktion handelt. Er hat eine exemplarische reale Konstellation gewählt, um zu demonstieren, was die Zurückgelassenen erlitten, wenn begabte Menschen nach ihrer Flucht im Westen Prominenz erlangten.Unterm Strich empfehle ich diese komprimierte Studie geduldigen, an der deutschen Wendezeit interessierten Literaturbegeisterten, die aus lange nachhallenden Subtilitäten ihre Erkenntnisse ziehen.
Vom zögerlichen Verheilen gesellschaftlicher Wunden
Über vorablesen.de hatte ich die Möglichkeit, dieses Buch bereits vor Erscheinen zu lesen. Danke für die Möglichkeit.Lukas Rietzschel hat mit „Mit der Faust in die Welt schlagen“ ein literarisches Feld erschlossen, das er auch hier bestellt: Er beleuchtet die DDR und ihr Erbe insbesondere in der Lausitz aus der Sicht der jungen Generation. Eine spannende Sicht, zumal er in beiden Romanen recht schonungslos agiert. „Raumfahrer“ spannt den Bogen aus meiner Sicht leider ein bisschen weit. Zwei Familienschicksale sind verknüpft, wie genau, glaubt man während des ganzen Romans zu ahnen. Im Zentrum steht Jan, kurz vor der Wende geboren, ein Dagebliebener, der mit der im ganzen Roman spürbaren Tristesse seiner Umgebung gleichzeitig hadert und sich auch arrangiert hat. Mit fragilen Wurzeln ausgestattet. Die Eltern trennten sich, die Mutter verlor er an den Alkohol, das Verhältnis zum Vater ist nicht ohne Spannungen. Denn da ist diese Geschichte, die ihm ein Patient aus dem Krankenhaus, in dem er arbeitet, mitteilen will. Der Schreibstil von Lukas Rietzschel ist gewohnt flüssig, plastische Bilder werden in kurzen Sätzen gezeichnet. Aus dieser Sicht liest sich das Buch gut. Aber: Erzählt wird auf vielen Zeitebenen, die auch innerhalb der Kapitel abrupt wechseln, was zumindest mir viel Konzentration abverlangte. Mit von der Partie ist auch die Familie des Künstlers Georg Baselitz, allerdings rein fiktional, das betont der Autor bereits zu Beginn sehr deutlich. Und das ist meiner Ansicht nach der Knackpunkt des Buches. Es hätte dieser Prominenz nicht bedurft, um die Geschichte zu erzählen. Auch wenn Baselitz sowohl mit seiner Biographie als auch mit seinem Künstlernamen viele Verknüpfungen zur Gegend und damit zum Buch bietet. Es gäbe Stoff für ein eigenes Buch. So ist es entweder zu wenig Baselitz oder zu viel Jan. Dennoch ist das Buch ein gutes, scharf beobachtetes Zeugnis einer gesellschaftlichen Zerreißprobe, die bis heute anhält. Mit dem mikroskopischen Brennglas schaut Rietzschel in eine Zeit und ihre moralisch-menschlichen Verfehlungen, die zu zahllosen Verwerfungen, Resignation und Vertrauensverlust führten. Die Wunden sitzen tief und bluten noch lange nach. Und sie tun weh.
Wenn die Bodenhaftung fehlt..... anspruchsvolles, gutes Buch
Hinterher ist es keiner gewesen, doch was unsere Eltern und Großeltern getan haben, wirkt bis heute. In dem Roman "Raumfahrer" von Lukas Rietzschel verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart. Thematisch und von der Dramaturgie des Romans her, in dem abwechselnd in der Jetztzeit und der Vergangenheit erzählt wird. Alles fließt ineinander wie im Leben, wo man die Vergangenheit auch nicht abschneiden kann.In einem luftleeren Raum, in einem Vakuum befindet sich auch Jan, der Protagonist des Romans. Er wurde geboren, als die DDR endete. Den Niedergang und den Verfall dieser Welt spürt er noch 30 Jahre später. Zerfallener Beton, kaputtes Glas, leere und brüchige Plattenbauten. Die Lausitz, eine Region ohne Jugend und Perspektive, das ist sein Zuhause. Die Begegnung mit einem Patienten lässt ihn tiefer in die Vergangenheit eintauchen als ihm lieb ist, seine Welt zerbricht nicht nur äußerlich, sondern daraufhin auch innerlich. Das Schicksal seiner Familie ist eng verknüpft mit der Geschichte der Familie des Künstlers von Baselitz. Dem Vorzeigekind der heutigen Lausitz. Ein Schachzug des Autors, der damit noch mehr Aufmerksamkeit auf seinen Roman lenkt, der aber nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Rietzschel schafft es auf eindrucksvolle Weise die morbide und triste Aura des vom Zerfall geprägten Ostens zu zeigen. Was gestern galt, gilt nicht mehr. Orientierungslosigkeit und Frustration sind die Folge. Die Sünden der Väter und Mütter verfolgen die nachwachsende Generation bis in die Gegenwart. Die Täter von einst waren Eltern, Kollegen und Freunde. Ganz normale Menschen in einem unfreien System und die Geschichte wiederholt sich, auch wenn die Mauer gefallen ist. Viele der vermeintlichen Verlierer sind orientierungslos und schließen sich rechten Gesinnungen an, um die zu diskriminieren, die anders sind. Ein Hakenkreuz am Briefkasten hier. Brauner Sumpf dort. Entledigt aller Wurzeln, bisheriger Werte und Gewissheiten schwebt auch Jan in einem luftleeren Raum. Wohin wird er und seine Generation sich wenden? Und wird der Hass der im DDR Regime Verfolgten verrauchen oder die Gesellschaft weiter spalten? Rietzschels Plot steigert sich in einem gewaltigen Showdown. Ein anspruchsvolles Buch, toll geschrieben und ein MustRead für alle, die sich für die jüngere deutsche Geschichte und die DDR interessieren, auch wenn alles fiktiv ist.
Hintergrundwissen zur DDR
Der Raumfahrer von Lukas RietschelCover: im Hintergrund das Dorf zu DDR Zeiten, umrandet von einer auffälligen Schrift. Dort spielt die Geschichte.Thema und Geschichte: Jan. Arbeitsplatz Krankenhaus. Seine Arbeit dort verknüpft sich auch sein Privatleben. Eigentlich geht es ihm ganz gut. Damit soll bald Schluss sein. Die aktuelle Situation Jan's ist nicht zu schlecht. Er lebt noch bei seinem Vater.Dann wird hauptsächlich die Vergangenheit von Jan's Mutter beleuchtet.Sie führte ein Doppelleben.Der Sohn des ehemaligen Liebhabers der Mutter spricht Jan an. Jan ahnt davon nichts. Sie könnten Geschwister sein. Der Mann ist behindert, Patient im Krankenhaus, wird ambulant betreut. Ihm geht es weniger gut. Er macht Jan Vorwürfe, greift ihn an. Er hatte vor Jahren einen Verkehrsunfall, lebt alleine.Die Mutter von Jan hatte ein Verhältnis mit seinem wesentlich älteren Vater. Sie arbeitete für die SED. Verliebte sich während eines Einsatzes. Ihr ging es damit erst gut. Nach ihrer Schwangerschaft gab sie ihr Doppelleben mit ihrem wesentlich älteren Liebhaber und auch ihre Spionage Tätigkeit auf. Ihr Liebhaber litt sehr unter dem Beziehungsende. Seine Ehe war kaputt und er sehnte sich nach seinem Bruder, der erfolgreich nach Westdeutschland vor dem Mauerbau gezogen war. Sein Sohn lag nach einem Unfall im Koma. Jan's Mutter auch, aber später in ihrem Leben. Die Fehler ihrer Vergangenheit belasteten sie schließlich emotional sehr. Ihre Ehe mit Jan's Vater zerbrach dadurch. Sie wurde zur Trinkerin. Jan blieb bei seinem Vater. Schreibstil: theatralisch aber sehr informativDie Figuren gefallen? jaFiguren authentisch? ja, es könnte so gewesen sein.Buch interessant? ja, die Auswirkungen der Affäre von Jan's Mutter auf alle Beteiligten in der VergangenheitAutor interessant? ja, liefert einige sehr interessante DDR spezifische Hintergrundinformationen.Die Geschichte auf 300 Seiten habe ich an einem Tag durchgelesen. Zwei Tage habe ich darüber nachgedacht. Dann hat sich mir die Geschichte im ganzen erschlossen.Begründung der Meinung: Lukas Rietschel ist nominiert, hat bereits ein sehr erfolgreiches Buch veröffentlicht.Empfehlung für andere Leser: jaFazit: eine psychologische Studie zu DDR Zeiten, die stellenweise bis in die Zukunft Auswirkungen zeigt.
Zwischen den Zeiten
Der Roman „Raumfahrer“ von Lukas Rietzschel kommt als Hardcoverausgabe daher. Versehen mit einem Schutzumschlag, dessen Gestaltung mir nichts, zum auf 287 Seiten behandelten Thema, sagt. Auch der Titel „Raumfahrer“ lässt eine andere Geschichte erwarten. Der Handlungszeitraum umfasst die 60- ziger Jahre zum Mauerbau in Berlin, die DDR-Zeit bis 89 und die Nachwendezeit. Die Handlung beschreibt die starken Umbrüche, denen die Menschen in der ehemaligen DDR in allen Lebensbereichen, bis tief in die Familien hinein, ausgesetzt waren. Sichtbar für jeden, veränderten sich die Städte und gewohnten Umgebungen. Alles änderte sich zwischen den Zeiten des Alten und des Neuen. Die einen schafften es sich anzupassen, ihren Weg zu finden, andere zerbrachen an den Umbrüchen. Plötzlich galt das, für was sie lebten nichts mehr. Das politische und gesellschaftliche Leben hatte sich völlig geändert. Systemtreue Lebensleistungen, aber auch die der normalen Bevölkerung, waren über Nacht nicht mehr anerkannt, für viele sogar wertlos. Systemnahe wussten nicht mehr wohin. Ihre Ideologie gab es nicht mehr. Für sie brach eine Welt zusammen. Entwurzelt schwebten sie wie Raumfahrer zwischen den Zeiten. „Mutter, Vater. Für Jan waren sie Raumfahrer. Schwebten in einer Zwischenwelt, ihrem Ausgangspunkt entrissen. Während sie schwebten, hatte sich die Welt schon ein Dutzend Mal weitergedreht. Sie sahen dabei zu, streckten die Hände aus. Versuchten, vor- oder zurückzukommen. Hoch, runter. Aber wo sie sich befanden, gab es keine dieser Richtungen im Raum. Und Jan stand auf der Erde und richtete sein Fernglas auf sie. ….Nachkriegszeiten, Nachwendezeiten. Und all die Raumfahrer darin gefangen, kein Vor und kein Zurück“. Genau in dieser Zeit ist die Romanhandlung angesiedelt. Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mannes, Jan geboren 1989 in der DDR. Er arbeitet im Krankenhaus, das bald geschlossen werden soll. Gemeinsam mit seinem Vater wohnt er in Kamenz, in einem Einfamilienhaus, unweit der ehemaligen Plattenbauwohnung. Jans Eltern trennten sich. Seine Mutter wurde durch die gesellschaftlichen Veränderungen total aus der Bahn geworfen. Sie bezog eine eigene Wohnung. Sicher hatte auch ihr Alkoholismus einen Anteil an ihrem frühen Tod. Eines Tages lud ein Patient aus dem Krankenhaus Jan zu sich nach Hause ein. Es war ein alter Mann im Rollstuhl, Thomas Kern. Als Grund gab er an, ihm von seinem Vater, Günter Kern, wichtige Dokumente, die für ihn gedacht waren, übergeben zu wollen. Darin würde er die Erklärung finden, warum und wie beide Familien verbunden sind. Das ihm diese Dokumente Antwort geben würden, woher er kam und was er ist, ahnte Jan da noch nicht. Auch nicht, welche Rolle dabei ein verschwundenes Gemälde von Georg Baselitz spielte. Gleichsam würden sie im verraten, welche Rolle seine Mutter und Günter Kern, der Vater von Thomas, dem alten Mann im Rollstuhl, in der DDR spielten.Günter Kerns Bruder Georg ging, kurz vom Mauerbau, zum Studium nach Ostberlin. Dann aber wechselte er nach Westberlin, um frei zu leben und seiner Kunst ohne politischen Druck nachzugehen. Georg wollte ihm folgen. Dieser Traum jedoch scheiterte um ein paar Tage, durch den Mauerbau. Doch er gab seine Pläne nie auf. Gesellschaftlich bedingt verschob er sie nur. Durch ein Auslandsstudium versprach er sich die Möglichkeit, die DDR verlassen zu können. So gingen die Jahre ins Land. Er heiratete und sie bekamen einen Sohn, Thomas. Seine Fluchtgedanken blieben der Stasi jedoch nicht verborgen. Sie überwachten seinen Briefverkehr mit Günter. Als dann eines Tages Thomas von einem Wartburgfahrer, der Fahrerflucht begann, zum Krüppel gefahren wurde, unternahm die Polizei nichts, um den Täter zu finden. So ermittelte Günter auf eigene Faust, womit er offensichtlich Unruhe in den Reihen der staatlichen Stellen stiftete. Um ihn zu kontrollieren und seine Ermittlungsbemühungen zu beenden, setzte die Stasi ihr gesamtes Arsenal perfider Mittel ein. Sein geglaubter Freund, ein Anwalt, Jan kann in den Unterlagen lesen, dieser wurde von der Stasi als IM Lessing geführt, sollte ihn beeinflussen, die Ermittlungen einzustellen. Hoffnungslosigkeit sollt ihn zermürben. Seine Wohnung wurde verwanzt. In der Folge lernte er, durch seine Arbeit als Fahrlehrer, die Fahrschülerin Renate kennen und lieben. Sie begannen ein inniges Verhältnis, das Renate nach einer Weile abrupt beendete. Trotz ihrer Schwangerschaft von Günter. Das Kind, ein Junge, wurde 1989 geboren. Als Jan in den Unterlagen las, dass seine Mutter als IM Margarete von der Stasi beauftrag war Günters Leben zu überwachen und zu beeinflussen, war ihm klar, was beide Familien verband. Der Roman erzählt eine Geschichte aus der jüngsten Vergangenheit, wie es sie realistisch gegeben haben könnte. Flüssig erzählt und gut recherchiert, werden die gesellschaftlichen Veränderungen authentisch beschrieben. Ein Roman, der neutral eine Geschichte erzählt und nicht wertet. Flüssig geschrieben sorgt er für Kurzweil. Ich freue mich schon auf das nächste Buch vom Autor.
Das ostdeutsche Land und die Geschichte seiner Menschen
Hier erleben wir nicht die Geschichtsbuchvariante des Lebens im Osten Deutschlands, zu Zeiten der DDR und danach. Hier erfährt man das wahre Erleben dieser Menschen, dazu den Umbruch durch die Vereinigung zu unserer heutigen Bundesrepublik. Was verändert sich wie versprochen zum Besseren, wer wurde vergessen in diesem Spiel.Da ist Jan, geboren genau in diesem Jahr 1989 und er arbeitet in einem Krankenhaus in Kamenz, einem vergessenen Ort mit vergessenen zurückgelassenen Menschen. Lebendig ist hier so gut wie nichts mehr und auch das marode Krankenhaus wird es bald nicht mehr geben. Jan lebt mit seinem Vater zusammen, der auf nichts mehr hofft, nichts mehr erwartet und sich in der Tristesse seines Lebens eingerichtet hat. Eines Tages jedoch geschieht tatsächlich etwas. Einer von Jans Patienten übergibt ihm eine Schachtel mit Bildern und Dokumenten, die ihn ungeahnt aufrütteln, ihn dazu bringen, zu erfragen, nachzuforschen, und so mehr zu erfahren, über das Leben vor seiner Zeit, vor der so lang erwünschten Vereinigung und damit auch über die Vergangenheit seiner Eltern in der Nachkriegszeit.Dies ist ein besonderes Buch, ein Roman, der einerseits ganz nah dran ist, an dem, wie es damals in der Nachkriegszeit, in der DDR wirklich war, ganz unten angesetzt, fernab des 'politischen Scheins', bei den Menschen selbst, den Zwängen, der 'Unterdrückung', der Hoffnung und der Hoffnungslosigkeit und dem sich sich schließlich darin ergeben. Und dann ist da dieses sozusagen 'im Raum schweben', über ganze Kapitel ohne viel Handlung und ganz ohne Halt an irgendetwas, schwebt man als Leser 'wie ein Raumfahrer' mit durch die Zeit, mit den Gefühlen und Erinnerungen der Menschen in dieser Geschichte. Man muss sich einlassen auf diese 'Eigenartigkeit' der Geschichte, aber der Autor mit seinen kurzen Kapiteln und seinem sehr fließenden Schreibstil macht es einem dabei leicht. Und ganz dem Titel des Romans entsprechend, ist man sehr schnell eingefangen in diese begrenzte Grenzenlosigkeit von Raum und Zeit, sehr unmittelbar und die Geschichte lebt.
Ein Gefühl der Verlorenheit
In dem Buch geht es vor allem um Vergangenheitsbewältigung. Die Historie der Protagonisten ist miteinander verwoben und als Leserin hatte ich immer wieder das Problem, mir zu vergegenwärtigen, bei welcher Person und vor allem auf welcher Zeitlinie ich mich gerade befinde. Das ist für mich aber kein Kritikpunkt, sondern gehört zu diesem Buch einfach dazu.Da ist Jan, der in einem Krankenhaus arbeitet, welches bald schießen wird. Jan ist dafür zuständig, die wenigen Patienten, die es noch gibt, zu ihren Terminen zu bringen. Einer dieser Patienten ist „der Alte“. Zwischen „dem Alten“ und Jan gibt es eine Verbindung, die im Buch nach und nach aufgeschlüsselt wird.Schon bei der Leseprobe hatte ich nach den ersten Seiten ein starkes Gefühl der Verlorenheit und Vergänglichkeit. Und dieses Gefühl hat mich das ganze Buch über begleitet. Der Autor hat mich mit seiner Geschichte wirklich berührt. Für mich eine klare Leseempfehlung.
Pressestimmen
Rietzschel ist derzeit eine der wichtigsten jungen Stimmen Ostdeutschlands.
Kevin Hanschke, 27.05.2022
Dieser Roman über die Lausitz verzahnt Nachwende- und Nachkriegszeit. Formstark.
Marc Reichwein, 17.10.2021
Lukas Rietzschel stellt die bisherigen Klischees auf den Kopf, dass man meinen könnte, die deutsche ...Geschichte sei bisher noch gar nicht geschrieben worden. mehr weniger
Torsten Unger, 19.09.2021
Kaum ein Autor schreibt derzeit empathischer über Männlichkeit.
Miriam Zeh, 02.08.2021
Lukas Rietzschel gilt nicht nur als wichtige Stimme einer ganz jungen Generation von Schriftstelleri...nnen und Schriftstellern, sondern auch als Experte für Ostdeutschland. mehr weniger
Matthias Schürmann, 26.07.2021
Der Roman ›Raumfahrer‹ ist feine, große Literatur.
25.07.2021
Lukas Rietzschel schreibt szenisch kondensiert, ihm genügen wenige Sätze, um Stimmungen und Figuren ...zu zeichnen, manche Kapitel sind kaum mehr als Vignetten. mehr weniger
Marc Reichwein, 24.07.2021
Rietzschel gelingt eine komplexe Familiengeschichte vor dem Hintergrund der deutschen Teilung, es is...t eine vielschichtige Story. mehr weniger
Matthias Schmidt, 23.07.2021
Dieser vielleicht finstere, aber auf jeden Fall frische Blick auf Vergangenheit und Gegenwart macht ...diesen Roman lesenswert. mehr weniger
Matthias Schümann
Die Erzählkunst liegt darin, dass hier so vieles in der Schwebe bleibt, auch stilistisch: Das Buch i...st jedenfalls teilweise Künstlernovelle, Stasidrama und insgesamt ein Nachwenderoman, der individuelle Figuren entwirft, die für exemplarische Erfahrungen stehen. mehr weniger
Thomas Groß
Rietzschel ist eine wichtige literarische Stimme Ostdeutschlands. Von ihm ist noch Großes zu erwarte...n. mehr weniger
Gerhild Wissmann, 27.06.2022
Als Meister der Ekphrase beschreibt Rietzschel nicht nur die einfachen Haushalte, wo man mit Scheuer...milch putzt, eingeschweißte Wurst isst und Dosenbier trinkt, so plastisch, dass man glaubt, mittendrin zu sein, sondern auch die Gemälde, die man danach betrachtet, wie alte Bekannte. mehr weniger
Rebecca Maria Salentin, 01.04.2022
Ein sehr lakonischer und nachdenklich stimmender Roman.
Gerárd Otremba, 29.12.2021
Mit seinem zweiten Roman etabliert sich Lukas Rietzschel eindrucksvoll als ostdeutsche Stimme der nä...chsten Generation. mehr weniger
Welf Grombacher, 23.12.2021
Der junge Autor Lukas Rietzschel horcht an den Gemütszuständen der Wende-Verlierer, beschreibt Atmos...phären nüchtern und genau. mehr weniger
18.12.2021
Die Erzählkunst zeigt sich darin, dass hier so vieles in der Schwebe bleibt, auch stilistisch und fo...rmal. mehr weniger
Thomas Groß, 15.12.2021
Es ist ein Glück, dass es mit Lukas Rietzschel einen begnadeten Autor gibt, der diese Fragen stellt.
01.12.2021
Lukas Rietzschel taucht in seinem zweiten Roman ›Raumfahrer‹ erneut in spannende ostdeutsche Lebensw...elten. mehr weniger
Oliver Pfohlmann, 18.10.2021
Mit seinen Widersprüchen und seiner Orientierungslosigkeit erinnert dieser Vater seinen Sohn an die ...Figuren in den Gemälden Georg Baselitz', auf dem Kopf stehend, haltlos im Nichts treibend. mehr weniger
Oliver Pfohlmann, 16.10.2021
Mit dem Roman ›Raumfahrer‹ schlüsselt Rietzschel ein ostdeutsches Lebensgefühl auf.
25.09.2021
Mit dem Roman ›Raumfahrer‹ schlüsselt Rietzschel ein ostdeutsches Lebensgefühl auf.
Achim Lettmann, 25.09.2021
Ein ehrliches, wichtiges Buch über das Land, in dem wir leben.
18.09.2021
Lukas Rietzschel (27) gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen aus dem Osten Deutschlands.... mehr weniger
Roland Mischke, 04.09.2021
Ein Roman, der sicherlich hohe Wellen schlagen wird.
01.09.2021
In »Raumfahrer« wird völlig ohne Kommissare oder irreale Elemente und allein durch die Dramaturgie e...ine Spannung aufgebaut, die so manchen Thriller hinter sich lässt [...]. mehr weniger
Christa Nebenführ, 26.08.2021
Das starke Werk eines talentierten Autors, von dem noch einiges zu erwarten ist.
Oliver Pfohlmann, 24.08.2021
Wie Lukas Rietzschel erzählerisch das Fernglas auf die Nahvergangenheit richtet, ist ein vitales Stü...ck Literatur. mehr weniger
Christian Eger, 23.08.2021
Lukas Rietzschel hat mit seinem zweiten Roman abermals eine gelungene Talentprobe vorgelegt, einen e...rzählerischen Versuch zwischen Vergangenem und Neuem, Kunst und Politik, Leben und Erinnern. mehr weniger
Michael Braun, 18.08.2021
In kurzen hingetupften Sätzen, prägnant, voller Spannung, mit Rhythmus und starken Bildern verknüpft... Lukas Rietzschel das Schicksal der Generationen dieses Landes. mehr weniger
Johannes Nichelmann, 18.08.2021
›Raumfahrer‹ ist sowohl komplexes Familiendrama als auch authentische Milieustudie des erst unglückl...ich geteilten, dann unglücklich wiedervereinigten deutschen Ostens. Groß erzählt - Lesetipp! mehr weniger
13.08.2021
Rietzschel trifft einen Ton, der berührt.
Birgit Zimmermann, 11.08.2021
Aus dieser Perspektive hat man auf den Prozess einer ostdeutschen Identitätsbildung noch nicht gebli...ckt. mehr weniger
Stefan Kister, 07.08.2021
Lukas Rietzschel] vermeidet den Eindruck, es gebe eine gültige Erzählung oder Erinnerung über das Le...ben in und nach der DDR. Gerade dieses Ringen um Gerechtigkeit im Blick auf die Geschichte überzeugt. mehr weniger
Martina Läubli, 07.08.2021
Es gehört zu Rietzschels sparsamer Erzählweise, vieles nur anzudeuten und die Einzelheiten hart nebe...neinander stehen zu lassen. Er schreibt in kurzen, stakkatohaft hingetupften Sätzen. Das macht den Reiz dieses spröden Romans aus. mehr weniger
Jörg Magenau, 06.08.2021
Das große literarische Potenzial und die eigene Stimme des jungen Autoren, der in Görlitz lebt, sind... nicht zu überlesen. mehr weniger
Sarah Brasack, 06.08.2021
Lukas Rietzschel ist einer der talentiertesten Schreiber seiner Generation. Raumfahrer ist ein brill...antes Buch, in dem er das macht, was er am allerbesten kann: Er erzählt ostdeutsche Familiengeschichte, Scheibe für Scheibe, fein seziert, wie beim Häuten mehr weniger
Markus Lanz, 05.08.2021
Vor allem aber brennen sich die Worte ein, die er findet, um die Gemälde von Georg Baselitz zu besch...reiben: Sie machen ein Verlorengehen in der Geschichte fühlbar. mehr weniger
Buch der Woche, 27.07.2021
Mit seinem Roman ›Raumfahrer‹ landet Lukas Rietzschel jetzt den zweiten großen Streich.
Welf Grombacher, 24.07.2021