Thriller, Oxen. Das erste Opfer, Jens Henrik Jensen, dtv

Interview mit Jens Henrik Jensen über seinen Thriller ›Oxen. Lupus‹

»Dass man ganz allein entscheidet – und sein Universum frei gestalten kann. Sowohl das eigene, alltägliche, als auch das in den Büchern.«


Lupus ist der vierte Band einer Trilogie. Wie erklären Sie das? :)

Ich habe mich eigentlich nie dazu geäußert, wie viele Oxen-Bücher es geben wird. Und ich werde das auch weiterhin nicht tun. Da die ersten drei [Bände] zusammenhängen und gemeinsam eine lange Geschichte bilden, war es naheliegend, von der Oxen-Trilogie zu sprechen.
Aber ich war einfach noch nicht bereit, mich von der zentralen Figur, dem Kriegsveteranen und ehemaligen Jägersoldaten Niels Oxen, zu trennen.
Von all meinen Hauptpersonen ist er derjenige, der am dringendsten einen neuen Weg im Leben einschlagen muss. (Und ich werde versuchen, ihn dabei zu unterstützen …) Er ist derjenige, der am meisten allein schafft – und zugleich am meisten Hilfe braucht. Also, so verrückt es auch klingen mag, fühle ich eine gewisse Verantwortung, ihn dabei noch ein Stück zu begleiten. Wie lange, weiß ich selbst nicht. Und ob es für ihn bergauf gehen wird – oder im Gegenteil bergab – das weiß ich auch nicht.
 

Wie sind Sie auf den Namen des Buchs gekommen?

Den Namen hatte ich schon, bevor ich wusste, worum es gehen würde. Der Titel stammt von der lateinischen Bezeichnung des Wolfs, Canis Lupus – wobei im täglichen Gebrauch nur von „Lupus“ gesprochen wird. Canis bedeutet, dass wir es hier mit einer Tierart zu tun haben, die zur Familie der Hunde gehört.
 

Was hat Sie zu „Lupus“ inspiriert?

Ein Nebenthema im Buch ist ja ganz klar die neue und viel diskutierte Situation, die sich im Hinblick auf den Wolf in den letzten Jahren in Dänemark entwickelt hat. Ich interessiere mich sehr für Wölfe (sie sind meine Lieblingstiere, weil sie so ausdauernd und beharrlich sind und über wirklich beeindruckende Fähigkeiten verfügen …), deshalb war es gewissermaßen das Sahnehäubchen auf dem Ganzen, meine Geschichte im Wolfsgebiet der jütländischen Heide anzusiedeln.
Das eigentliche Thema ist Selbstjustiz. Denn der Titel ist doppeldeutig – er bezieht sich sowohl auf den Wolf, als auch auf eine geheime Gruppierung innerhalb der Polizei, die angeblich für Gerechtigkeit sorgt, wobei diese Gerechtigkeit vor allem ihrer eigenen Vorstellung entspricht.
Grundsätzlich würde ich sagen, dass alles, von dem man zu wissen glaubt, was es ist – oder beinhaltet –, interessant wird, sobald man den Makel erahnt, den es immer irgendwo gibt. Den Riss hinter der Fassade. Bei Lupus ist das die Polizei als Institution, als ein Bestandteil unserer Gesellschaft, dem wir Dänen normalerweise nichts Böses zutrauen. Aber … wir sind alle nur Menschen, auch die Beamten – und als solche repräsentieren sie eben auch einen Querschnitt der Bevölkerung, im Guten wie im Schlechten.

 
Wie sind Sie den Schreibprozess angegangen?

Wie die zehn Male davor auch: Ich arbeite mich schreibend in meiner Geschichte vorwärts. Treibe die Handlung konstant voran, um mir einen Überblick über die Wahlmöglichkeiten zu verschaffen, die der Verlauf mir bietet – und nicht zuletzt: über die Konsequenzen, die es für die Geschichte haben würde, wenn sie sich so oder so entwickeln würde …
Ich kenne im Voraus nur einzelne Haltestellen auf dem Weg –darüber hinaus ist alles offen. Und ich muss unterwegs viele kurze oder längere Pausen einlegen, um die Geschichte weiterzuentwickeln.
 

Wie haben Sie recherchiert?

Mein journalistischer Hintergrund kommt mir wohl vor allem insofern zugute, als dass ich es gewöhnt bin, „Dinge herauszufinden“, nachzufragen und eine kritische Position einzunehmen, was ebenfalls eine Inspirationsquelle sein kann. Ich verbinde die wirkliche Welt – das aktuelle Geschehen – gern mit der fiktiven Welt des Autors und versuche so, ein bestimmtes Umfeld oder eine Intrige/Verschwörung glaubwürdiger zu gestalten. Recherche kann also vieles sein – sei es, ganz banal, alles zu lesen was über den Wolf und die Wolfsdebatte in Dänemark zu finden ist, bis beispielsweise hin zu Ortsbegehungen – in diesem Fall kilometerlange Wanderungen durch die Heide.
 

Gibt es besondere Themen in der Geschichte, die wir im Auge behalten sollten?

Abgesehen von der Selbstjustiz und der Wolfssituation, die ich bereits erwähnt habe, gibt es eine ganze Reihe von Unterthemen, kleine und große.
Zum ersten Mal in der Oxen-Reihe tritt Oxens Sohn, der vierzehnjährige Magnus, als relevante und aktive Figur in der Personengalerie von Lupus in Erscheinung. Das liegt daran, dass Oxen mit seiner instabilen Beziehung zu Magnus natürlich ein schweres und bedeutsames Paket mit sich herumschleppt, das seinen Platz im Buch haben muss. Es geht also um das Vater/Sohn-Verhältnis und wie es sich darstellt, sobald es problematisch wird. Und es geht darum, zu der Person zu stehen, die man nun einmal ist (Oxen …), zu dem Beruf und der Vergangenheit, die man hat.
Von den anderen Unterthemen ist vielleicht noch ein relativ neues Phänomen hierzulande zu erwähnen, auf Englisch bekannt als „road-rage“ – das aggressive Auftreten, das wir neuerdings immer öfter im Straßenverkehr erleben und das zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Gerichtsurteilen führt.
Ein weiteres Unterthema ist außerdem die Psychiatrie und die Verhältnisse, die heute in dänischen Kliniken vorherrschen. Diese Debatte spiegelt sich in einer der Nebenfiguren, einem Mann, der allein im Wald lebt.
Verbrechen und Strafe, also die Diskussion um das Strafmaß im Verhältnis zum Charakter des Verbrechens, ist ebenfalls ein wichtiges Thema, das Hand in Hand mit der Problematik rund um Opfer versus Täter auftritt. Wird der Verbrecher bevorzugt – und das Opfer vergessen?
 

Welches Thema war Ihnen beim Schreiben am wichtigsten?

Ich bin nicht der Typ Autor, der sich im Vorfeld ein übergeordnetes Thema aussucht und dann eine Geschichte konstruiert, die dazu passt. Die schlichte Antwort lautet also: Mir war es am wichtigsten, über meine Hauptfigur zu schreiben, Niels Oxen. Ihn einen weiteren Schritt auf dem Weg zurück ins Leben zu begleiten – und erst in zweiter Linie darauf zu schielen, welche Ereignisse ich ihn durchleben lassen möchte …
 

Was kann Ihr Buch? Wodurch zeichnet es sich aus?

Lupus kann die Geschichte eines Menschen erzählen, einer Hauptperson, zu der man als Leser, denke ich, ein Verhältnis aufbauen kann. Niels Oxen ist eine starke Figur, die bei den Lesern Gedanken und Gefühle hervorruft.
 

Was hoffen Sie, Ihren Lesern mitzugeben?

Lupus erzählt eine Geschichte mit vielen Facetten, und ich hoffe, meine Leser damit herauszufordern, ihnen Stoff zum Nachdenken über die verschiedenen Themen zu geben – neben dem Offensichtlichen: Unterhaltung und Spannung.


Was ist das Beste am Schreiben?

Dass man ganz allein entscheidet – und sein Universum frei gestalten kann. Sowohl das eigene, alltägliche, als auch das in den Büchern.
 

Was ist das Schlimmste am Schreiben?

Es gibt nichts Schlimmes am Schreiben, ich liebe es … Die einzige riesige Herausforderung ist es, einen äußerst komplizierten und trotzdem glaubwürdigen Plot zu entwickeln.
 

Haben Sie literarische Vorbilder, an die Sie ihr Buch gewissermaßen angelehnt haben?

Nein, aber natürlich haben mich vor allem die Autoren und Genres beeinflusst, die ich viel gelesen habe. In meinen jungen Jahren waren das die reinen Spannungsromane von z.B. Alistair McLean und später Frederick Forsyth, und von dort weiter zu den eher klassischen Krimis, wie etwa den Wallander-Romanen des Schweden Henning Mankell oder der A-Team-Serie von Arne Dahl.
 

Was muss ein guter Krimi in Ihren Augen können?

Ich denke, die Frage ist bereits beantwortet. Aber zusammenfassend kann ich sagen: [Ein Krimi muss] auf intelligente Art unterhalten und seine Leser damit zum Nachdenken anregen.
 

Die Rechte an der Verfilmung der Oxen-Reihe wurde an SF Film verkauft. Was halten Sie davon, dass Ihre Bücher verfilmt werden sollen? Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, wer die Rollen von Niels Oxen und Margrethe Franck spielen könnte?

Ich liebe Filme, ganz besonders gut gemachte Thriller mit raffinierter Intrige oder Konspirationen. So gesehen ist das Oxen-Universum schon sehr filmisch – und ich stelle es mir spannend und interessant vor zu sehen, wie andere – Drehbuchautor und Regisseur - meinen Oxen interpretieren.
Also, ich wäre sehr neugierig darauf, zu sehen, wie meine Hauptfigur zum Leben erwacht. 
Ein paar Bedenken habe ich aber natürlich trotzdem. Wird die Umsetzung gelingen? Wird das Portrait meiner Figuren im Film sorgfältig genug gezeichnet? Aber … die Neugier überwiegt meine Bedenken.
 

Wird es einen fünften Band in der Oxen-Serie geben?

Nachdem es mir schließlich doch gelungen ist, mit Lupus eine glaubwürdige Geschichte zu schaffen, die Niels Oxen wieder in die Freiheit entlässt und seinem Leben einen neuen Rahmen gibt, scheint ein fünfter Band inzwischen eher vorstellbar.
Ich habe das Gefühl, dadurch deutlich mehr Möglichkeiten zu haben. Aber ich mache nie Versprechungen. Und ich habe keine Ahnung, wovon Oxen 5 eventuell handeln könnte …

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